09.02.2004

TV-SPIELESchwerstarbeit einer Trauernden

„Ins Leben zurück“ - mit kleinen Mitteln gelingt dem ZDF ein großer Fernsehfilm über Verlust und innere Ängste.
Spurlos verschwunden heißt die sorglose sprachliche Formel für einen Zustand, die für den Zurückbleibenden ganz und gar nicht stimmt. Clara Lorenz vermisst ihre Tochter seit acht Jahren, und nichts ist verschwunden. Die Ängste nicht, die wilden Anfälle von Hoffnung nicht, die Attacken der Depression.
Als die Mutter mit ihrem Mann von einem Fest nach Hause unterwegs ist und ein Reh überfährt, bricht mal wieder alles auf. Das tote Tier erweckt die in der Frau nur notdürftig verdrängten Alpträume seit dem unaufgeklärten Verschwinden der Tochter. Alles in Claras Innerem gerät in Aufruhr. Eingeholt von den Furien der Vergangenheit, verbrennt die unglückliche Mutter die Fotos der vermissten Tochter und setzt dabei fast das Haus in Brand. Der Mann kann das Schlimmste verhüten, Clara kommt in die Psychiatrie.
So knallig beginnt der ZDF-Film "Ins Leben zurück" (diesen Montag um 20.15 Uhr). Feuer, totes Wild und Klapsmühle scheinen den Zuschauer auf die ausgetretenen Trampelpfade der TV-Melodramen zu schicken, mit dramatischen Erlebnissen, unerhörten Wundern und womöglich einem Happy End.
Nichts dergleichen geschieht. Fabian Thaesler (Buch) und Markus Imboden (Regie) begleiten die Heldin Clara - gespielt von Martina Gedeck - stattdessen auf einer stillen Seelenreise. Es ist eine lange Tour in den Abschied, eine im wahrsten Sinne des Wortes Er-Fahrung des Loslassenkönnens. Und es ist außerdem ein überaus gelungenes Stück Fernsehen, eine Erinnerung daran, dass dieses Medium gerade durch die Zurückhaltung der Mittel glänzen kann.
In der Psychiatrie fällt Clara ein Illustriertenfoto mit einer jungen Frau in die Hände, die ihrer Tochter ähnlich sieht. Der Bericht handelt von einem Fährunglück, bei dem es viele Tote gab, und das Bild zeigt die vermutete Tochter zusammen mit einer schwedischen Schiffsstewardess, offenbar eine Freundin.
Das Foto löst in der Mutter einen ersten Schritt zur inneren Gesundung aus. Clara verweigert sich allen Versuchen, sie zum pathologischen Fall zu erklären. Sie will sich nun aus eigener Kraft von jener lähmenden Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung befreien.
Die Frau wählt den Weg des Ungehorsams. Sie flieht aus der Klinik, sie informiert ihren Mann (Herbert Knaup) nur unzureichend. Nichts kann sie aufhalten, nicht mal der dänische Drogenfahnder Eric ("Das Fest"-Darsteller Ulrich Thomsen), der auf der Fähre nach Schweden mit der suchenden Mutter anbändeln möchte.
Clara umweht die Entschlossenheit eines antiken Vorbilds: der Antigone, Tochter des Ödipus. Der konnte ihr starrsinniger Onkel Kreon nicht verbieten, den Leichnam ihres Bruders zu bestatten. Sie nahm sogar den Tod in Kauf.
So weit muss Clara, die Heldin des Fernsehzeitalters, nicht gehen. Begleitet vom freundlichen Eric, geht sie dem Illustriertenfoto nach. Sie sucht in der tiefsten Provinz Schwedens die Eltern der beim Schiffsunglück ums Leben gekommenen vermutlichen Freundin ihrer vermissten Tochter auf.
Hier, inmitten vor sich hin frierender Ferienhäuser, beobachtet Clara, dass die alten Eltern der Stewardess in der Verleugnung des Verlusts erstarrt sind: Der Vater schiebt alle Erinnerung an das tote Kind weg, die Mutter vergräbt sich in Fotoalben. Sie können einfach keinen Abschied nehmen.
Clara erkennt sich in diesem Verhalten wieder. Fluchtartig verlässt sie die Feriensiedlung. Noch einmal betäubt sich die Frau mit wilder Hoffnung. Doch das Mädchen auf dem Foto ist eindeutig jemand anders, die Tochter bleibt vermisst.
Clara scheint psychisch zusammenzubrechen, ihr Begleiter Eric kann wenig tun. Tränen der Verzweiflung strömen und lösen allmählich die innere Versteinerung. Die Mutter sucht ein Denkmal auf, das für die Opfer der Schiffskatastrophe errichtet wurde. Und plötzlich ist es egal, dass die Tochter gar nicht unter den Opfern war.
Dieser Film macht klar: Trauer ist keine Frage der kriminalistischen Suche nach Wahrheit. Es geht in Wirklichkeit um Symbole. Wie bei der antiken Clara-Schwester Antigone wird das Ritual entscheidend. Clara findet, was auch Antigone gesucht hat: einen Ort und eine Form, sich von einem geliebten Menschen zu verabschieden. Jetzt erst ist die Trauerarbeit vollendet, sie war ein unendlich harter Job.
Ohne falsches Pathos, mit Bildern, die wie selbstverständlich daherkommen und doch kunstvoll in eine fremde Welt entführen, und mit einem Schauspielerensemble, das seinesgleichen sucht, besticht dieser Film. Er ist für den diesjährigen Grimme-Preis nominiert. Gedeck - nach dem Tod ihres langjährigen Partners Ulrich Wildgruber - spielt sich hier eindrucksvoll "Ins Leben zurück", in ein Leben, das den Abschied kennt.
NIKOLAUS VON FESTENBERG
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 7/2004
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