16.02.2004

ARCHÄOLOGIEKönig in der Küche

Nahe London wurde ein 1400 Jahre altes Königsgrab entdeckt. Die Gruft liefert neue Details über die Besiedlung der Insel durch die Germanen.
Fässer für Speisen, hölzerne Trinkbecher und Bronzekessel lagen im Grab des "Prinzen von Prittlewell". An der Wand des Totenraums hingen akkurat Kochtöpfe und eine Feldflasche. In einer Kiste befand sich silbernes Essbesteck - ein Grab wie eine Speisekammer.
Bereits im letzten Oktober waren Arbeiter bei einer Straßenplanung in der Grafschaft Essex auf die 1,5 Meter hohe Gruft gestoßen. "Die Metallstücke sind in ausgezeichnetem Zustand", berichtet der Grabungsleiter Ian Blair. Einige der Pötte hingen noch an den eisernen Zapfen.
Ein Fund von "internationaler Bedeutung", so sieht es die Antikenbehörde "English Heritage" und verweist auf die wunderschönen blauen Glasgefäße. Auch der koptische Kessel mit Standfuß (vermuteter Ursprung: Ägypten) zeuge vom "hohen Status" des Bestatteten, erklärt Manfred Nawroth vom Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte. Besonders interessant sei der Klappstuhl: "Das war ein Mini-Thron."
Wie aber hieß der Tote? Seine Trinkhörner sind gut erhalten. Der Zecher selbst jedoch hat sich im sauren Boden samt Knochen, Haut und Kleidung in nichts aufgelöst. Nur seine Schnallen erinnern daran, dass er einst germanische Wadenbinden trug.
Immerhin gibt es eine Spur: Die Archäologen vom Museum of London gehen davon aus, dass die Beigaben "zwischen 600 und 630 nach Christus" in die Erde gerieten. Bei dem Mann könne es sich um König Sebert handeln, der im Kerngebiet um London das Königreich Essex ("Ostsachsen") regierte.
Der starb im Jahr 616 - eine Datierung, die den Fund in eine der wirrsten Epochen der Geschichte verweist: die Völkerwanderung.
Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches geriet Europa in einen Strudel allgemeinen Niedergangs. Vielerorts brach die schriftliche Überlieferung ab. Hunger, Gier nach Land und das Fehlen einer übergreifenden Ordnungsmacht brachten Millionen auf die Beine. Der ganze Kontinent geriet demografisch ins Rutschen.
Auch England bekam Besuch. "Drei starke Völker Germaniens", Sachsen, Jüten und Angeln, hätten damals die Insel bestürmt, heißt es beim Kirchenvater Beda. Die Forscher gehen davon aus, dass die Invasion mit dem Rückzug der römischen Besatzer aus Britannien begann. Im Jahr 407 zog der Militärbefehlshaber Konstantin III. seine Legionäre ab. England war frei, aber auch schutzlos.
Zudem ging es wirtschaftlich bergab. Das römische Straßensystem verwahrloste, Töpfermanufakturen machten dicht, schließlich kollabierten Münzwesen und Verwaltung. Selbst die Amtskirche geriet in Not. Bereits im 2. Jahrhundert hatten Missionare, vielleicht von Ägypten kommend, mit der Bekehrung der Insel begonnen. Bis hoch zum Hadrianswall entstanden Gotteshäuser. Nun fehlte das Geld.
Von diesem schwächelnden Gebilde - einst die stolze Provinz Britannia - fühlten sich die Germanen angelockt. Sie kamen in Scharen: "Wilde, mit dem fürchterlichen Namen der Sachsen, gehasst von Mensch und Gott", wie der Mönch Gildas im Jahr 540 barmte.
Ein in der Grafschaft Suffolk entdecktes Boot zeigt, wie der Transfer ablief. Das Schiff ist 24,4 Meter lang, bot Platz für 38 Ruderer und besaß weder Mast noch Segel. Mit solchen Kähnen pullten Jüten, Sachsen und Elbgermanen, wie die im Raum Schleswig-Holstein lebenden Angeln, entlang der Küste bis zur Rheinmündung hinab, ehe sie in die offene See stachen. Auch Friesen und Franken waren beteiligt.
Rund 36 Stunden dauerte die Überfahrt. Gewaltbereite Blondschöpfe, samt Frauen und Kindern, entstiegen den Wellen. In Sutton Hoo ließ sich um 625 nach Christus ein angelsächsischer Fürst begraben. Sein eiserner, mit langen Ohrenschützern ausgestatteter Kopfschutz sieht aus wie ein Fantasy-Helm aus "Der Herr der Ringe".
Auch der Tote von Prittlewell war ein Krieger. Die Leier in seiner Gruft weist ihn zwar als Musikfreund aus, auch lehnte ein Spielbrett an der Holzwand. Doch auf der Fußbodenmatte lag griffbereit ein Schwert sowie ein Rundschild mit Buckel.
Und der König hielt Verbindung zur alten Heimat. Die Gürtelschnalle sei "typisch langobardisch", meint Tobias Springer vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Die Leier wiederum ist fast identisch mit einem Instrument aus Oberflacht (Württemberg). Auch hatte der König zwei Goldmünzen bei sich. Sie stammen aus Nordfrankreich - geprägt vom mächtigsten der Germanenstämme, den Franken.
Wurde der Raubbold militärisch unterstützt? Die keltischchristliche Urbevölkerung Britanniens jedenfalls kam gegen die Horden vom Festland nicht an.
Schlacht um Schlacht ging verloren. Im gesamten Osten und Süden der Insel setzten sich die Einwanderer fest. Im Jahr 600 bildeten sich dort sieben angelsächsische Königreiche.
Den Kelten blieb nur dichterische Rache. In ihren Sagen tritt der edle Urkönig Artus als Retter Britanniens auf. Von seinem Schloss Camelot aus, wo er mit Rittern wie Iwein, Erec und Lancelot tafelt, fasst er die Kraft zum Gegenschlag. Ausländer werden vom heimischen Boden vertrieben.
Womöglich steckt hinter dem Mythos ein wahrer Kern. Um das Jahr 500 gelangen einem keltischen König "Ambrosius" angeblich große Siege. Archäologisch lässt sich für die Zeit ein germanischer Siedlungsstopp nachweisen. Doch die Atempause dauerte nur kurz. Schon 50 Jahre später brandeten neue Menschenfluten heran. Die Kelten wurden abgedrängt, ihre Sprache starb nahezu aus.
So fiel ein düsterer Schatten auf die Insel. Heiden übernahmen die Herrschaft. Aus alten Schriften ist bekannt, dass fast alle frühen angelsächsischen Königshäuser ihr Geblüt von Wotan ableiteten.
Mühsam versuchte der Papst, das verlorene Terrain zurückzuerobern. 596 entsandte Gregor der Große eine Gruppe von Mönchen über den Kanal. In einem Schreiben schlug er vor, York und London - wie schon in römischer Zeit - zu geistlichen Zentren auszubauen. 65 Kilometer östlich von London liegt das nun entdeckte Modergrab von Essex.
Dass der dort bestattete König ein Christ war, steht außer Zweifel. Reste eines goldenen Kästchens deuten an, dass er eine Reliquienbox am Gürtel trug. Zudem wurden zwei hauchdünne Kreuze aus Goldfolie gefunden.
Die kleinen Kruzifixe seien wohl "auf ein Tuch genäht gewesen, das man der Leiche auf den Kopf legte, um die Lippen vor Dämonen zu verschließen", vermutet der Nürnberger Vorgeschichtler Springer. Bislang war dieser Brauch nur von den Langobarden ("Langbärten") bekannt.
All diese Spuren würden gut zu König Sebert passen, der als erster Monarch von Essex im Jahr 604 zum Christentum übertrat. Ganz überzeugt haben kann ihn die Idee vom immer satten Leben im Paradies aber nicht. Die vielen Kochgeräte zeigen, dass Sebert den Hunger im Jenseits fürchtete.
Im Prinzip, meint der Forscher Nawroth, sei das Grab noch typisch heidnisch: "Es ähnelt einer Wohnküche." MATTHIAS SCHULZ
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 8/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ARCHÄOLOGIE:
König in der Küche

  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor