16.02.2004

SCHRIFTSTELLERGroße Geste

Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat in Lübeck einen Kulturkampf entfacht: Er will eine Kirche in eine Moschee umwidmen lassen.
Der Ort war würdig, das Publikum gesittet und das Thema von jener Harmlosigkeit, die gemeinhin größtmögliche Koalitionen garantiert.
Die Bewerbung der Hansestadt Lübeck als "Kulturhauptstadt Europas 2010" stand zur Diskussion, und auf der Bühne des Stadttheaters saß, neben weltlicher und geistlicher Lokalprominenz, auch ein leibhaftiger Nobelpreisträger, den vor gut einem Jahr die Kulturstiftung der schleswigholsteinischen Stadt mit einer nach ihm benannten Ausstellungs- und Forschungsstätte geehrt hatte. Was konnte da schief gehen?
Alles. Denn Günter Grass ist nicht nur Schriftsteller, sondern stellt sich auch gern und oft hinter und vor etwas, ohne so ganz genau zu wissen, worum es eigentlich geht. Ob Waldsterben oder Weltfrieden, Ozonloch oder Osterweiterung, Globalisierung oder Grundrechte - es gibt fast nichts hier zu Lande, das von der Lübecker Ein-Mann-Lichterkette unbehelligt diskutiert werden kann. Vor seiner Solidarität ist niemand sicher.
Vor knapp zwei Wochen traf es den Islam, und seitdem herrscht in Lübeck eine Lightversion dessen, was der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington als "Kampf der Kulturen" beschrieben hat.
Schuld daran sind die sieben Türme, die die Silhouette der Stadt prägen. Denn die gehören zu Kirchen, was dazu führte, dass der protestantische Propst Ralf Meister mit auf dem Podium saß. Als der "eine Toleranz der Religionen" forderte, ohne die man "nicht stolz auf die Kirchen" sein dürfe, war klar, dass Grass eins draufsetzen musste.
Sein Vorschlag: Man möge doch eine Lübecker Kirche zur Moschee umwidmen. Dies "wäre eine große Geste", die sich auch für die Kulturhauptstadt-Bewerbung der Stadt gut ausnehmen würde. Rums, das saß. Wieder einmal hatte G. G. den G-Punkt einer Klientel stimuliert, die im Bestreben, nicht intolerant zu scheinen, einen Masochismus pflegt, der der Selbstaufgabe nahe kommt.
Statt Grass Paroli zu bieten, übten sich Meister und danach auch die Bischöfin von Holstein-Lübeck, Bärbel Wartenberg-Potter, in Demut. Der Vorschlag sei "zu provokativ". Mehr nicht. Da half es wenig, dass der Vorsitzende der Nordelbischen Kirche, Bischof Hans Christian Knuth, kurz darauf launig vorschlug, "man könnte ja das Günter-Grass-Haus zur Moschee machen".
Volkes Stimme füllte die Leserbriefseiten der "Lübecker Nachrichten". Von der "Kapitulation vor dem sich immer mehr ausbreitenden Islam" war dort die Rede, von "Genie und Wahnsinn", die bekanntermaßen dicht beieinander liegen, und von Verbannung: "Ab mit Günter Grass in den Orient. Den Propst gleich hinterher."
Dabei hätten die Kirchenvertreter Grass nur fragen müssen, wie diese Forderung mit seinen Solidaritätsadressen für den Schriftsteller Salman Rushdie zusammenpasse, der einst von einer Todesfatwa des Ajatollah Chomeini bedroht war - dann wäre sein Gedankenspiel schnell als Kopfsalat entlarvt gewesen.
Auch die Erinnerung an seinen Besuch in Gdansk (Danzig) im Jahr 2000 hätte helfen können zu zeigen, wo der ranzige Moralismus des Großschriftstellers hinführt - geradewegs ins Klo. Denn in Polen hatte Grass, nach Tiraden gegen den "Ellbogenkapitalismus" und den Ankauf zweier Lokalzeitungen durch einen deutschen Verlag, die Massen mit dem Scherz begeistert, man möge endlich dafür sorgen, dass in Danzig jede Wohnung eine eigene Toilette bekommt.
Darüber hinaus wäre auch eine ernsthafte Debatte über die gesellschaftspolitischen Untiefen einer solchen "Selbstminimierung" abendländischer Werte denkbar gewesen - mit unverdächtigen Zeugen, wie dem Leiter des Referats Interkultureller Dialog der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, Johannes Kandel.
Der hat wiederholt darauf verwiesen, dass "neu errichtete Moscheen in christlicher Umgebung provokativ 'Fatih'(Eroberer-)Moscheen genannt" werden, und dargelegt, dass islamische Spitzenverbände in der Bundesrepublik eine Strategie verfolgten, die "gegen den Vorrang und das Gleichheitsgebot der säkularen Rechtsordnung gerichtet ist".
Doch die Debatte blieb im Bereich der unverbindlichen Maßgeblichkeit guter Meinungen stecken. Auch Lübecks katholischer Propst Helmut Siepenkort sah in der Umwidmung einer Kirche "kein absolutes Tabu". Jesus raus, Mohammed rein?
Nicht ganz, wie Siepenkort vergangenen Donnerstag in einem Leserbrief an die "Lübecker Nachrichten" präzisierte. Er sei zwar "formal richtig, aber inhaltlich unzulässig verkürzt" wiedergegeben worden. "Meine erste Feststellung war, dass ich, wenn ich evangelischer Propst in Lübeck wäre, die Umwandlung einer mittelalterlichen Kirche in eine Moschee für unmöglich hielte."
Allerdings: "Wenn eine Kirche nicht mehr gebraucht" und die Weihe des Kirchenraums formell aufgehoben werde, könne er sich eine "katholische Kirche in Lübeck künftig als Moschee" vorstellen - das wäre ihm "lieber als ein Fitness-Studio". GUNTHER LATSCH
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 8/2004
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