21.02.2004

TERRORISMUSEndstation Dschihad

Islamisten aus Deutschland spielen im Irak eine wachsende Rolle. Sie unterstützen den Widerstand gegen die US-Besatzer mit Geld, Kriegsausrüstung und freiwilligen Kämpfern.
Der Hilferuf aus dem Nordirak erreichte Deutschland an einem diesigen Tag im vergangenen Herbst, in München musste Mohammed L., 30, sofort klar gewesen sein, dass die Sache eilte. Es gehe um einen Notfall, bat der Unbekannte, der sich "Resgar" nannte, eindringlich. Einer der besten Männer des irakischen Widerstands, der Sprengmeister Ali al-Fadhil, habe sich beim Hantieren mit einer Landmine beide Hände weggesprengt. Nun brauche er dringend medizinische Hilfe, ob das die Jungs in München arrangieren könnten?
Sie konnten. Über Iran, Mittelsmänner in Italien und Frankreich gelang Fadhil, einem hochrangigen Mitglied der irakischen Terrortruppe Ansar-e Islam, Ende vergangenen Jahres die Flucht aus dem Krisengebiet. Die anfängliche Idee, den kurdischen Bombenbastler direkt nach Bayern zu schleusen, gaben die Islamisten auf; Fadhils Spur verliert sich in Großbritannien, wo er vermutlich ärztlich behandelt wurde.
Die Fluchtroute illustriert, welch wichtige Rolle Unterstützer aus Europa für den Widerstand gegen die US-Besatzer derzeit spielen - allen voran Sympathisanten aus Deutschland. Wenn in Bagdad Bomben explodieren oder sich Märtyrer in Mossul in die Luft sprengen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Qaida-Anhänger in Deutschland, Italien oder den Niederlanden den Attentätern zugearbeitet haben. Im Zentrum des Guerillakriegs steht dabei jene Gruppierung, die verdächtigt wird, kurz vor Silvester auch einen Autobombenanschlag auf das Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg vorbereitet zu haben: Ansar-e Islam.
Seit kurz vor Weihnachten ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen das deutsche Netz der Organisation, deren geistiger Führer Mullah Krekar in Norwegen Asyl beantragt hat. Bayerische Fahnder nahmen Anfang Dezember in München den mutmaßlichen Schleuser Mohammed L. fest. Und auch die Bundesregierung ist aktiv geworden: Im Dezember traf sich Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) mit dem amerikanischen Justizminister John Ashcroft. Erster Schritt der vereinbarten "engen Kooperation" (Schily) ist eine gemeinsame Task Force mit dem FBI, deren "erklärtes Ziel das Erkennen und Zerschlagen von Rekrutierungsstrukturen" ist, wie Schily sagt.
Die Zahl von 19 aus Deutschland in den Heiligen Krieg gezogenen Kämpfern, die bis Ende vergangenen Jahres galt, haben die Behörden inzwischen deutlich nach oben korrigiert. Sie liegt wohl eher bei 50, Tendenz steigend. Genauere Angaben gibt es nicht - zu konspirativ gehen die Sympathisanten vor, deren Aktivitäten die Staatsschützer nur erahnen können.
Mal erhalten die Behörden wie im vergangenen Frühjahr einen Hinweis auf eine Reisegruppe, eine ganze Busladung voller Gläubiger, die vom Bodensee Richtung Bagdad aufbrachen und deren Fährte die Fahnder in Ungarn verloren. Mal ist es ein Maghrebiner aus Norddeutschland, der sich auf den Weg machte und in München eine Einweisung in den Koran erhielt, bevor er bereit war für den Dschihad. Und im November vergangenen Jahres registrierte die bayerische Polizei innerhalb einer Woche gleich vier Nordiraker, die aus dem deutschen Exil zurück an die Heimatfront reisten, per Flugzeug bis nach Teheran und dann über die Berge Richtung Bagdad.
Die Freiwilligen, deren Wege die Ermittler nachzeichnen können, schließen sich häufig einer Kleingruppe vor Ort an, die noch von der Bundesrepublik aus vermittelt wird - wie jener Islamist aus Deutschland, der Mitte November in Bagdad "die anderen Brüder" suchen sollte und voller Euphorie bekundete, die Gruppe treffe nach und nach ein, man tue "schon was".
Ausgerechnet der Irak, dessen Despoten Saddam Hussein die Amerikaner stürzten, um den Terror zu bekämpfen, ist durch den Krieg weltweit zum Kristallisationspunkt für den Kampf gegen die Ungläubigen geworden, ein Magnet für Mudschahidin. "Das Stimulierende dort", sagt ein hochrangiger deutscher Sicherheitsexperte, "ist die Kampfsituation in einem islamischen Land, in dem tagtäglich vorgeführt wird, dass der Dschihad gegen die amerikanischen Teufel erfolgreich sein kann."
Schon seit Monaten warnt der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, vor einer ähnlichen Situation "wie in Afghanistan unter sowjetischer Besatzung". Damals waren die Sowjets in einem jahrelangen Guerillakrieg zermürbt und schließlich zum Abzug gezwungen worden - der Aufstand der Afghanen war die Geburtsstunde von al-Qaida.
Der Heilige-Krieg-Tourismus zwischen Berlin und Bagdad funktioniert in beide Richtungen: nach Deutschland, um Verwundete und Flüchtlinge außer Landes zu bringen - und nach Bagdad, um den Terror zu verstärken. Mehr als hundert Iraker, schätzen die Behörden, sind im vergangenen Jahr in die Bundesrepublik geschleust worden - nicht nur, aber auch Terrorsympathisanten. Der Menschenschmuggel ist ein lukratives Geschäft: Zwischen 2000 und 12 000 US-Dollar kostet das One-Way-Ticket. Wie professionell die Schleuser vorgehen, zeigen Dokumente, die deutsche Fahnder in einem Fall fanden: Es waren frisierte Originalpässe, eingekauft gegen Bakschisch in der Türkei. In die andere Richtung, gen Bagdad, ist der Trip umsonst, weil er der Sache Allahs dient - Endstation Dschihad.
Vor allem in Süddeutschland hat sich ein Netzwerk von Unterstützern organisiert, die für die islamistischen Untergrundkämpfer in der Heimat Geld und falsche Pässe beschaffen, Nachtsichtgeräte, Zelte oder Zielfernrohre schmuggeln und neue Kämpfer ins Zweistromland schleusen. Finanziert wird die Ausrüstung unter anderem durch in Moscheen gesammelte Spenden. Selbst Islamisten aus Mailand schickten per Kurier ein paar hundert Euro.
Rund 50 Anhänger von Ansar-e Islam will der Verfassungsschutz in Deutschland ausgemacht haben, meist irakische Kurden, die einst unter Saddam das Land verlassen mussten, in Deutschland Asyl beantragten und nun überwiegend in Süddeutschland leben, weil irakische Flüchtlinge von deutschen Ämtern zu einem großen Teil nach Bayern geschickt werden. "Die meisten davon sind keine Mitläufer", sagt der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU), "sondern stellen sich massiv in den Dienst der Organisation."
Die engen Beziehungen in die Bundesrepublik haben einen besonderen Grund: Ein Mann aus München ist in die Führungsetage Ansar-e Islams aufgestiegen - jener "Resgar", der die Schleusung des verwundeten Sprengstoffexperten anwies und mit bürgerlichem Namen Ibrahim Nagah heißt.
Nagah, ein gebürtiger Turkmene, ist erst 21 Jahre alt - und doch geht ihm bereits ein außergewöhnlicher Ruf voraus. Der gelernte Automechaniker, der im August 2000 nach einer sechstägigen Odyssee auf der Ladefläche eines Lastwagens im bayerischen Landsberg Asyl beantragte, gilt als besonders tapferer Kämpfer gegen die Ungläubigen. Seitdem er sich im September 2002 aus Deutschland abgesetzt und im Nordirak Ansar-e Islam angeschlossen hat, sprechen Islamisten von ihm als furchtlosem Mudschahid, der den Amerikanern so manche Schmach beibrachte.
Nur knapp gelang Nagah im vergangenen März die Flucht nach Iran, als die US-Luftwaffe den Ansar-Stützpunkt in den kurdischen Bergen bombardierte. Nach einem kurzen Afghanistan-Aufenthalt, wo er vermutlich auch mit der Qaida-Spitze zusammentraf, kehrte er in den Nordirak zurück. Seitdem soll er Mitglied im Ausschuss für äußere Beziehungen von Ansare Islam sein, zuständig für die Kontakte nach Deutschland.
Mudschahidin wie Nagah gelten für die Sicherheitsbehörden als größtes Problem: Sie lernen im Irak das Bauen von Bomben und den Aufbau konspirativer Gruppen, sie knüpfen Kontakte und werden ideologisch geschult - ein praktischer Grundkurs in Sachen Terrorismus. Und diejenigen, die den Dschihad an der Front überleben, kommen irgendwann zurück, dann mit Kampferfahrung - und als "tickende Zeitbomben", die jederzeit hochgehen können, wie ein hochrangiger Sicherheitsexperte warnt.
Wie langfristig die Ausbildung neuer Rekruten angelegt ist, zeigt ein Gespräch zwischen dem Hamburger Islamisten Abderazzak M. und einem Imam im Büro einer Mailänder Moschee. Es gehe darum, agitierte der Algerier aus Hamburg, neue Leute für den Dschihad zu gewinnen und perfekt zu trainieren. Es sei "wie in der Schule: Da ist zuerst der Kindergarten, dann die Grundschule, die Oberschule und schließlich die Hochschule. Nach jeder Stufe gibt es eine Prüfung". Nur eines dürfe man nie vergessen: die Sicherheit.
Abderazzak M. selbst, der als eine der Schlüsselfiguren der Hamburger Szene gilt, hat die Prüfung allerdings nicht bestanden. Er wurde Ende November verhaftet - das konspirative Gespräch war von der italienischen Polizei abgehört worden.
HOLGER STARK
Von Holger Stark

DER SPIEGEL 9/2004
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