08.03.2004

Der Herr der Zahlen

Zur Ungeduld neigend und häufig auch aufbrausend, aber immer bescheiden: Der Präsidentschaftskandidat Horst Köhler könnte ein unbequemes Staatsoberhaupt werden.
Er kommt herein und leuchtet. Er lacht, er grinst, er tritt von einem Bein aufs andere. Es geht ihm prächtig. Er darf Bundespräsident werden.
Horst Köhler steht vor der Presse in Washington und freut sich. Er ist oft als "jungenhaft" beschrieben worden. Jetzt wirkt er wie ein Kind, das ein Geschenk bekommen hat, mit dem es nie und nimmer rechnen konnte. So ist es ja auch.
Er sagt jetzt all die Dinge, die er nicht vergessen darf: dass er mit einem weinenden Auge diese wunderbare Institution mit ihren wunderbaren Menschen verlässt und dass er hier in Washington "bescheidener, offener und neugieriger geworden" ist. Er sagt, dass er sich dem Amt des Bundespräsidenten gewachsen fühlt und jede Menge "internationale Erfahrung" mitbringt.
Er hält diese kleine Rede kurz nach 14 Uhr in Washington. In Deutschland ist es kurz nach 20 Uhr. Es ist Donnerstag, die Nation weiß seit dem Morgen, dass sich Union und FDP auf den Kandidaten Horst Köhler, 61, geeinigt haben.
Horst Köhler?
Ein Mann, der sich in Washington irgendwie um die Weltwirtschaft kümmert. Ein Mann, der in Deutschland für Wirtschaftsfragen zuständig war. Viel mehr wird bis zum Abend nicht bekannt.
Kurz vor dem Ende der "Tagesschau" taucht er plötzlich auf. Die ARD hat live nach Washington geschaltet, überträgt Köhlers knappe Ansprache. Die Nation erfährt, dass er "Veränderung" will - "nicht nur in der Wirtschaft". Dann blendet sich die "Tagesschau" aus. Es folgt das Wetter.
Die Nation bleibt ratlos zurück. An erster Stelle, haben die Deutschen erfahren, steht für Horst Köhler die Ökonomie. Aber was kommt dann? Was will der mutmaßlich nächste Präsident noch verändern? Hat er eine Kompetenz, die über Wirtschaftsfragen hinausgeht?
Selten war ein Kandidat für ein hohes Staatsamt so unbekannt. Selten war das, wofür er eine Reputation hat, so einseitig auf ein Gebiet konzentriert. Den Deutschen steht in den nächsten Tagen und Wochen eine Entdeckungsreise bevor. Gesucht wird der Mann, der sich hinter dem Namen Horst Köhler verbirgt.
Seit 1998 hält er sich im Ausland auf, so dass ihm seine Heimat zwangsläufig fernrücken musste. Er legte in Berlin allenfalls Zwischenstation ein auf seinen zahllosen Reisen in die Geber- und Problemländer des Internationalen Währungsfonds (IWF) und besuchte regelmäßig seine beiden Kinder, die in Deutschland leben.
Er bat um Termine bei Kanzler Gerhard Schröder, der ihn in Washington installiert hatte, und schaute vorsorglich bei Angela Merkel vorbei, so dass sie nun behaupten kann, es bestehe lange schon ein vertrauensvolles Verhältnis. Doch im Grunde drehte er große Pirouetten im Schatten der Weltmacht Amerika und verpasste so die vielen kleinen Pirouetten der rot-grünen Regierung, ohne sie zu vermissen.
Die Geschichte seiner Karriere ist die Geschichte einer allmählichen Globalisierung. Nach Studium und wissenschaftlicher Referententätigkeit in Tübingen wechselte er 1976 ins Bonner Wirtschaftsministerium. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg holte ihn 1981 in die Kieler Staatskanzlei, und mit Stoltenberg, der im ersten Kabinett Helmut Kohls Bundesfinanzminister wurde, kehrte Köhler im Jahr darauf wieder nach Bonn zurück.
Er diente sich hoch vom Redenschreiber zum Staatssekretär. Als die Bundesrepublik 1990 eine Wirtschafts- und Währungsunion mit der DDR einging, handelte maßgeblich Köhler die Verträge aus.
Dem Kanzler Kohl diente er als "Sherpa", der die deutsche Strategie bei den Weltwirtschaftsgipfeln vorbereitete. Zudem war er an den Verhandlungen über den Stabilitäts- und Wachstumspakt der EU beteiligt.
Nachdem sein Aktionsradius bis dahin ständig gewachsen war, schrumpfte er 1993, als Köhler Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes wurde. Er war nun Lobbyist, Sachwalter der manchmal kleinmütigen Interessen einer urdeutschen Institution.
Doch 1998 verabschiedete er sich aus der deutschen Enge und wurde Chef der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Osteuropabank) in London. Die soll beim Aufbau der Marktwirtschaft in den ehemals sozialistischen Staaten helfen.
Im Jahr 2000 betrat Köhler schließlich die Weltbühne. Er wechselte als Geschäftsführender Direktor zum IWF nach Washington. Diese Institution vergibt vor allem kurzfristige Kredite an Staaten, die in Finanznot geraten sind.
So wirkt sein Weg, als habe da jemand zielstrebig die Welt erobert. Aber so ist Köhler nicht. Er gilt nicht als Mann der Ellenbogen. Das Mittel seiner Karriere war eher die Bescheidenheit.
Als ihn der ehemalige Chef der Bundesbank, Karl Otto Pöhl, kürzlich auf einer Geburtstagsfeier in der New Yorker Carnegie Hall traf, fand er ihn wie immer: "sympathisch, freundlich, zurückhaltend".
So war er auch für jemand wie Helmut Kohl erträglich, der keine Kraftnaturen neben sich akzeptieren konnte. Köhler sah er als "den Jungen", der ihn nicht bedrohte und sich deshalb einiges herausnehmen durfte. Das hat er denn auch getan.
Köhler war einer der wenigen, die Kohl widersprochen haben. Er hat es gewagt, ihn zu belehren oder einen Sparkurs bei den Staatsfinanzen anzumahnen. "Der hat einfach vor gar nichts Angst", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter.
Es ist diese eigentümliche Mischung aus Anpassung und Auflehnung, die Köhler so erfolgreich gemacht hat. Er war durch und durch Beamter, aber unbequem. Er ist überzeugtes Mitglied der CDU, ohne sich um das Parteiprogramm zu kümmern.
Ambivalenzen sind durchaus typisch für ihn. Zwar erweckt er zunächst den Eindruck von Gelassenheit und Ruhe, aber der nächste Ausbruch kommt bestimmt.
"Es ist nicht gerade meine Stärke, sehr geduldig zu sein", sagt Köhler von sich selbst. "Das liegt daran, dass ich mir oft Ziele setze, die mich selber und damit auch meine Mannschaft unter Druck bringen."
Seine Mitarbeiter haben ihn oft als Grobian kennen gelernt. Auf Redemanuskripte, die ihm nicht gefielen, schrieb er mit rotem Filzstift quer über die Seite: "Quatsch", "Unsinn".
Eine Höflichkeitsrede, die er bei einer Dorfsparkasse halten sollte, ließ er immer wieder umschreiben. "Zuletzt waren fünf Abteilungsleiter mit dem Manuskript beschäftigt, und es gab unzählige Sitzungen darüber", erinnert sich der Beamte. "Der Köhler konnte schon ganz schön aus der Haut fahren." Da kommt einiges auf die Redenschreiber im Schloss Bellevue zu.
Gerhard Schröder muss eher damit rechnen, ständig vom neuen Bundespräsidenten ermahnt zu werden. "Köhler wird kein gemütlicher Präsident, sondern ein drängender", sagt Theo Waigel, der als Bundesfinanzminister zweieinhalb Jahre Köhlers Vorgesetzter war.
Die Rolle des Zuchtmeisters liegt ihm. Etlichen Staats- oder Regierungschefs hat Köhler in den vergangenen Jahren die Leviten gelesen. Mit dem früheren russischen Präsidenten Boris Jelzin ist er einmal so aneinander geraten, dass der sich noch Wochen später daran erinnern konnte.
Als Köhler wieder auf Besuch in Moskau war, reichte ihm Jelzin die Hand und fragte auf Deutsch mit starkem russischem Akzent: "Noch böse, Köhler?"
Jelzins Nachfolger Wladimir Putin gab er als Chef der Osteuropabank per Interview zu verstehen, er solle ja nicht "zu staatsgläubig" sein. Auch US-Präsident George W. Bush, der mächtigste Mann der Welt, ist an Standpauken des Deutschen gewöhnt. Zwar nannte ihn Köhler nicht beim Namen, kritisierte aber gelegentlich die Defizitpolitik der amerikanischen Regierung. Sie solle gefälligst die Staatsausgaben "unter Kontrolle halten".
Schröder freilich hatte keinen Grund zu frohlocken, dass seinem ungeliebten Kollegen in Washington so eingeheizt wurde. Er selbst war oft genug das Ziel von Köhlers Ermahnungen. Zwar begrüßte der IWF-Chef die Agenda 2010 grundsätzlich, rief aber zugleich in gewohnter Strenge über den Atlantik: "Aus meiner Sicht gehen die Vorschläge nicht weit genug."
Köhlers Sicht hat sich bisher auf die Belange der Ökonomie beschränkt. In den zahlreichen großen Interviews, die er in den vergangenen Jahren gegeben hat, äußerte er sich ausschließlich zu Wirtschaftsthemen. Es kam aber auch kein Journalist auf die Idee, Köhler nach etwas anderem zu fragen.
So ist der Eindruck, der sich aus den Gesprächen mit ihm ergibt, der eines Technokraten - eines Mannes, der sich mit kühlem Herzen um das Auf und Ab von Zinsen kümmert, um die Wirkungen expansiver oder kontraktiver Fiskalpolitik.
Der für ihn typische Sound geht ungefähr so: "Es gibt Blasen und Volatilitäten, die offensichtlich Probleme aufwerfen - in Industrie- wie in Schwellenländern. Dies
muss zunächst das Risikobewusstsein der Marktteilnehmer schärfen."
"Drei Sätze Analyse, drei Sätze Ratschläge", so wird Köhlers Grundmuster beschrieben. Wegen seiner Kompetenz sind ihm die Belehrungen lange nicht übel genommen worden. Beim IWF stieß er freilich an seine Grenzen.
Der Währungsfonds ist eine große stolze Institution, in der rund tausend hoch qualifizierte Volkswirte den Ton angeben. Sie strömen aus aller Welt herbei, sie sind beseelt von ihrer ökonomischen Theorie, mit der sie glauben, zumindest das Schlimmste verhindern zu können.
Sie halten sich für brillant und dulden nur noch größere Brillanz über sich. Aber Köhler verkörpert in seinem Auftreten den Typus des deutschen Beamten, spricht schlechtes Englisch, hat nichts Weltläufiges. Seine Reformen blieben oft auf halbem Weg stehen.
Auch in seiner Muttersprache ist Köhler kein herausragender Rhetoriker. Vor allem fällt auf, dass er in seinen öffentlichen Äußerungen fast nie in tiefere Schichten vorstößt. Wenn er über die deutsche Einheit redet, wirkt sie wie eine Wirtschaftsunion. Wenn er über Europa redet, geht es vor allem um den Euro. Für die Vision dahinter war Köhler bislang nicht zuständig. Als Bundespräsident wird er zeigen müssen, ob er auch in diesem Bereich etwas zu bieten hat.
Als IWF-Chef hat er für Deutschland "nachhaltige Reformen des Arbeits-, Sozial- und Steuersystems" angemahnt. "Diese Reformen sollten die strukturellen Haushaltsdefizite mittelfristig auf null zurückfahren und danach Überschüsse für die langfristige Sicherung der Altersversorgung in Deutschland aufbauen."
Auf ökonomischem Gebiet dürfte es demnächst an Vorschlägen aus dem Schloss Bellevue nicht mangeln. Köhler kann da ziemlich deutlich werden: Für ihn "erweisen sich zentralistische Lohnabschlüsse immer mehr als Arbeitsplatzvernichter".
Die Unternehmer werden sich über solche Ansichten freuen. Sie bekommen einen Präsidenten, der Wirtschaftswachstum über alles stellt und der anders als Johannes Rau uneingeschränkt auf Innovationen setzt.
"Ein Grundproblem der Europäer", hat er der "Wirtschaftswoche" gesagt, "ist ihr anhaltend ambivalentes Verhältnis zum technischen Fortschritt. Man sieht zuerst die Risiken und erst in zweiter Linie die möglichen Verbesserungen." Köhler empfiehlt daher "eine Flucht nach vorn".
So knüpft er eher an Raus Vorgänger Roman Herzog an. Von Köhler sind Ruck-Reden in Serie zu erwarten.
Platten Neoliberalismus wird er jedoch nicht vertreten. Als Chef des IWF hat er nicht nur Politik für die Starken gemacht, im Gegenteil: Die meisten Mahnungen richtete er an die reichen Länder im Westen.
Sie sollen, forderte Köhler, ihre Märkte öffnen, damit die armen Staaten des Südens und Ostens ihre Produkte exportieren können. Er traf sich mit Globalisierungsgegnern, und er postulierte, den ärmsten Ländern die Schulden zu erlassen. Am meisten aber hat er ein Herz für Afrika gezeigt.
Eigentlich kommt Köhler in den Interviews und den Berichten, die über ihn erschienen sind, als Mensch nicht vor. Er ist ein Lieferant von Fakten, Analysen, Forderungen. Er äußert sich nicht persönlich, sondern als Amtsinhaber.
Erstaunlich sind deshalb die Sätze, die er dem "Tagesspiegel" im September 2002 diktiert hat. Der Interviewer fragte Köhler, warum er von einer Dienstreise mit einer "brennenden Leidenschaft" für Afrika zurückgekehrt sei.
Köhlers Antwort: "Weil Afrika Hilfe braucht und weil dort alles so anders ist. Die Luft, die Farben, die Menschen. Hier in Washington ist es auch heiß und feucht, aber im Kongo ist es anders heiß und feucht. Und die Farben leuchten."
Es ist sehr, sehr selten, dass Horst Köhler öffentlich so redet, dass er Sätze freigibt, die ein Temperament zeigen. Afrika hat etwas in ihm verändert. "Ich gehe heute mit offeneren Augen durch die Welt."
Zwar könnte sich das Wirkungsfeld von Köhler demnächst wieder auf die Bundesrepublik reduzieren, aber den weiten Blick wird er wohl behalten. Er sieht Deutschland im größeren Zusammenhang, und er weiß, wie das Land von außen gesehen wird: "Noch hat man im Ausland Respekt vor den Deutschen. Doch das Ansehen bröckelt rapide." Auch das macht ihn zum Mahner für radikale Reformen.
Aber genügt eine so schmale Spur auf seinen Wegen als Bundespräsident? Ein Schöngeist ist er nicht. Von Kinobesuchen in den vergangenen Jahren kann er nicht berichten. Er hat nie Zeit, sagt er. Köhler gilt als Arbeitstier. Nur einmal hat er ein belletristisches Buch in seinen Interviews erwähnt: "Afrikanisches Fieber" von Ryszard Kapuscinski.
Ansonsten hat er sich eher darum gekümmert, die Werke von Ludwig Erhard, Walter Eucken und Alfred Müller-Armack in Englisch verfügbar zu machen. Sie sind die geistigen Väter der sozialen Marktwirtschaft.
Von Horst Köhler als Privatmann ist nur bekannt, dass er verheiratet ist und zwei Kinder hat. 1981 zögerte er, Stoltenbergs Ruf nach Kiel anzunehmen, weil er seine 1973 geborene Tochter, die allmählich erblindete, in der ihr vertrauten Obhut Bonner Ärzte lassen wollte.
Als Sherpa für den Bundeskanzler war er viel unterwegs - zu viel, fanden er und seine Frau. Deshalb übernahm Köhler 1993 den vergleichsweise langweiligen Job des Sparkassen-Präsidenten, der allerdings gut bezahlt war. Das Geld konnte er gut gebrauchen, um seine blinde Tochter zu fördern: "Wenn es mit dem Mädchen Probleme gab", erinnert sich ein ehemaliger Kollege, "dann ging das immer vor. Das war ihm wichtiger als alle Währungskrisen."
Gleichwohl ist nicht zu erwarten, dass Köhler die Herzen der Deutschen rasch erobern wird. Er hat zwar den Charme der ersten Sekunden, wird dann aber rasch kühl und sachlich. Kaum einer seiner Weggefährten kann sich vorstellen, dass ihm in Kindergärten oder Altersheimen Wellen der Sympathie entgegenschlagen.
Ein fröhlicher Skatklopper wie Rau ist Köhler schon gar nicht. "Selbst mit dem Stoltenberg war es oft witziger", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Stoltenberg hatte den Ruf, besonders kühl und steif zu sein.
So bleibt als Tugend, die ihm Pluspunkte beim deutschen Bürger eintragen könnte, seine Bescheidenheit. Das "Wall Street Journal" vermerkte im Jahr 2000 mit Wohlwollen, dass Köhler eine verschlissene Aktentasche habe und keine teuren Anzüge trage.
Sein Vorvorgänger bei der Osteuropabank, der Franzose Jacques Attali, hatte ein Büro im Penthouse mit Dusche und Panoramablick auf London. Köhler - der beim IWF inklusive Aufwandsentschädigung 396 220 Dollar steuerfrei verdiente - zog in ein einfaches Zimmer auf dem Flur. Als Bundespräsident muss er sich mit insgesamt knapp 300 000 Euro vor Steuern begnügen.
Er stammt aus einfachen Verhältnissen. Seine Eltern waren deutschstämmige Bauern in der rumänischen Provinz Bessarabien. Als Rumänien 1940 seine Ostgebiete an die Sowjetunion abtreten musste, wurden die "Volksdeutschen" ins Reich und die inzwischen von Hitlers Truppen besetzten Gebiete umgesiedelt. So kam die Familie Köhler ins polnische Skierbieszów, wo ihr Sohn Horst 1943 geboren wurde.
Es war eine schreckliche Zeit für das Dorf, 50 Kilometer vor der heutigen ukrainischen Grenze. In der Nacht vom 27. auf den 28. November 1942 wurde es von der SS umstellt, die danach jüdische Bewohner nach Auschwitz deportierte. Die anderen kamen in Arbeitslager oder wurden zur Zwangsarbeit in den Westen verschleppt.
Noch in derselben Nacht quartierten sich die ersten Deutschen aus östlichen Staaten in Skierbieszów ein. Die Aktion war Teil der "Germanisierung" Ostpolens.
Der jetzige Bürgermeister des Dorfes, Mieczyslaw Barton, hätte kein Problem mit einem Bundespräsidenten Köhler. Im Gegenteil, er freut sich auf einen Besuch. "Dann kann er sehen, wie der Ort, wo er geboren wurde, heute aussieht."
Später floh Köhlers Familie vor der Roten Armee nach Deutschland und ließ sich zunächst in der Nähe von Leipzig nieder. Nach acht Jahren zog sie weiter nach Baden-Württemberg, wo sie schließlich in Ludwigsburg ansässig wurde. Von 1965 bis 1969 hat Köhler Wirtschaftswissenschaften in Tübingen studiert.
Für einen Studenten waren diese Jahre eine ziemlich turbulente Zeit. An Köhler scheint sie spurlos vorbeigegangen zu sein. Und wenn er sich denn je auf Experimente eingelassen haben sollte, so blieben sie ohne erkennbare Folgen. Köhler wirkt heute so, als hätte er schon immer das Leben eines Beamten gelebt.
Seit zwei Wochen hat er sich darauf eingestellt, dass er der nächste Bundespräsident werden könnte. Aus seiner Sicht kommt es auf das Ergebnis an, den quälenden Findungsprozess haben andere zu verantworten. In der Nacht zum Donnerstag hielten ihn Freunde telefonisch auf dem Laufenden. Am Ende griff Angela Merkel zum Hörer. Als sie anrief, war es mitten in der Nacht in Washington. Er muss ziemlich müde gewesen sein, hat sie auf der Bundespressekonferenz erzählt - müde und glücklich.
Horst Köhler hat Erfahrung darin, nicht die erste Wahl zu sein. Für den Job beim IWF hatte Kanzler Schröder eigentlich den Staatssekretär im Finanzministerium, Caio Koch-Weser, nominiert. Weil der den Amerikanern nicht gefiel, kam Köhler ins Spiel. "Solche Ämter werden doch meist nach einem politischen Tauziehen besetzt", gab er sich damals gelassen.
Nun hat er schon sein Amt niedergelegt, so verlangen es die Statuten des IWF. Er sitzt in einem riesigen Büro im zwölften Stock in Washington. Es gibt hier nichts Persönliches, kein Bild, keinen Gegenstand, der darauf hinweist, dass hier jemand arbeitet, der mehr ist als ein Amtsinhaber.
Es ist Freitagmorgen in Washington. Köhler leuchtet noch immer. Er freut sich unbändig. Er will in Deutschland etwas verändern. Gleich geht sein Flieger.
DIRK KURBJUWEIT, CLAUS-CHRISTIAN MALZAHN,
HEIKO MARTENS, CHRISTIAN REIERMANN,
WOLFGANG REUTER, HANS-JÜRGEN SCHLAMP, GERHARD SPÖRL
* Links: mit Bundeskanzler Helmut Kohl; rechts: mit EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und Uno-Generalsekretär Kofi Annan.
Von Dirk Kurbjuweit, Claus-Christian Malzahn, Heiko Martens, Christian Reiermann, Wolfgang Reuter, Hans-Jürgen Schlamp und Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 11/2004
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