08.03.2004

SPANIENFröhlich auf Pump

Am kommenden Sonntag wird zwischen Bilbao und Málaga gewählt. Neuer Premier dürfte der engste Vertraute des alten werden.
An einem strahlend kalten Februar-Tag steht der hoch gewachsene Señor mit dem grau gesprenkelten Vollbart im Retiropark, einst Lustgarten der Königsfamilie. Vor Hoteliers, Tourismusfunktionären und einigen in Pelz gehüllten Blondinen liest Mariano Rajoy, Spitzenkandidat der Volkspartei (PP), Vorschläge zur Förderung der wichtigsten Industrie seines Landes vom Blatt.
"Um das Angebot zu diversifizieren, wird ein neuer Plan über Kultur- und Sprachtourismus in Kraft gesetzt", lispelt der Verwaltungsjurist in feinstem Bürokraten-Spanisch. Gemessener Beifall klingt auf, vornehm und gesittet geht es zu.
Und so soll es auch sein. Denn wie man Ministerpräsident wird, weiß Rajoy besser als alle anderen: Man lädt zu kleiner Runde an einen intimen Ort, wo der Kandidat sein Programm offeriert. Zwischenfragen sind verpönt, kontroverse Debatten sowieso. Das ist im hitzigen Spanien zwar ungewöhnlich, aber so läuft der Redner keine Gefahr, öffentlich Patzer zu begehen. Wenn der Auftritt in die Fernsehnachrichten eingeblendet wird, sehen die Familien beim Essen einen seriösen Politiker.
"Hotelsystem" heißt bei der PP die Methode, wie man still, aber beharrlich nach und nach die Wähler erobert. In dieser Manier hat Rajoy vor vier Jahren die absolute Mehrheit für José María Aznar errungen. Zur Belohnung hat der seinen Wahlkampfmanager vergangenen September zum Nachfolger bestellt. Bei den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag versucht der ruhige Galicier, nun in aller Gelassenheit den Sieg zu wiederholen.
Aufregendes hat der stets wie ein schottischer Landadliger gekleidete Wahlkämpfer auch nicht zu verkünden. Das Spanien, das Rajoy übernehmen will, ist in den Augen der meisten Bürger nach acht Aznar-Jahren ein Erfolgsmodell: stetiges Wirtschaftswachstum, 4,2 Millionen neu geschaffene Arbeitsplätze, keinerlei Defizit, sichtbare Polizeiaktionen gegen die baskische Terrorbande Eta. Viele lesen den hymnischen Titel, den das US-Magazin "Time" vorige Woche über ihr "rockendes" Land mit seinen Top-Köchen, Künstlern und Kreativen auflegte, als Bestätigung für die Politik ihres martialischen Premiers, der - gerade mal 51-jährig - nun freiwillig abtritt. Den Kurs will er dennoch weiter mit bestimmen, voraussichtlich als Präsident der Stiftung seiner Volkspartei.
Der sozialistische Anwärter aufs Regierungsamt, José Luis Rodríguez Zapatero, 43, müht sich wohl vergebens um den Posten, wenn er versucht, das PP-Wirtschaftswunder zu entzaubern. Ein Drittel aller Jobs ist befristet, durchschnittliche Beschäftigungsdauer zehn Tage; die Inflation liegt über dem EU-Durchschnitt, und die Immobilienpreise haben sich unter den Konservativen mehr als verdoppelt. Doch das Gros der Wähler konsumiert fröhlich auf Pump, Krisenzeichen ignorieren die Spanier.
Aznars Kronprinz lässt den 34,5 Millionen Wahlberechtigten deshalb eine ziemlich deutliche Botschaft zukommen: Nichts werde sich ändern an Wirtschafts- und Außenpolitik. Obendrein will der ehemalige Innenminister die Bürger mit einem Heer neuer Polizisten und Richter sowie mit strengen Kontrollen gegen illegale Einwanderer in Sicherheit wiegen. Sein Motto: "Die beste Zeit für Spanien kommt erst noch."
Alle Umfragen sagen Rajoy, der ebenso frei von Charisma ist wie Aznar, beste Chancen für den Wahlsieg voraus. Doch sein Gönner, dem er in fünf Ministerämtern treu gedient hat, erwartet von ihm wieder die absolute Mehrheit. Mögliche Koalitionspartner hat Aznar mit seiner brüsken Art vergrätzt. Erprobt als Verhandlungsführer in heikelsten Angelegenheiten sieht Rajoy darin kein Problem: "Ich habe bisher alle Erwartungen erfüllt."
Aznars zweiter Mann, der Ende März 49 Jahre alt wird, profitiert vor allem von der Propagandamaschine der PP, die in acht Jahren reichlich Schaum geschlagen hat. Das staatliche Fernsehen lobt die Regierung so tendenziös, dass der Nationale Gerichtshof die Sendeanstalt wegen Manipulationen verurteilte. Fast 30 Jahre nach dem Tod des Diktators haben Francos Enkel das Land fest im Griff.
Ideologisch hat sich Rajoy nie wirklich festgelegt. Der Jesuitenzögling ließ sich 1981 weniger aus Überzeugung als vielmehr Freunden zuliebe für die Alianza Popular des Franco-Ministers Fraga Iribarne aufstellen. Ganz Genussmensch, der sich mit teuren Havannas und dem Sportblatt "Marca" entspannt, gilt er im Gegensatz zu Aznar als wendig und guter Zuhörer.
Zwar musste er als Regierungssprecher zuletzt nicht nur die Truppenentsendung in den Irak verteidigen, sondern auch das unglückliche Management der Umweltkatastrophe vor der galicischen Küste, die der Untergang des Billigflaggentankers "Prestige" im November 2002 ausgelöst hatte. Dass solcher Makel an ihm haften bleibt, glaubt der Kandidat allerdings nicht.
Rajoy empfiehlt sich als Garant der Stabilität. Zwischen ihm und einer linken "Chaos-Koalition" gelte es zu entscheiden, zwischen seinem "fröhlichen, glücklichen" Spanien und dem "traurigen, hoffnungslosen" von Rodríguez Zapatero.
Wodurch sich denn seine Stabilitätspolitik von der Haushaltsdisziplin unterscheide, die der politische Gegner gelobt, wurde Rajoy unlängst gefragt. Der unerschütterliche Zentrumsmann zuckte mit den Schultern - und entzog sich erneut einer klaren Antwort: "Der andere hat 's einfach noch nie gemacht", sagte er. Und lächelte süffisant. HELENE ZUBER
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 11/2004
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