15.03.2004

POPSingen wie die Chorknaben

A-cappella-Musik erobert die Charts - besonders erfolgreich ist die Gruppe Wise Guys aus Köln.
Deutschland im Frühling: Während sich im RTL-II-Wohncontainer von "Big Brother" in Köln-Ossendorf die 22-jährige Sandra zur Freude ihrer Mitinsassen gern bis auf den Tanga-Slip entblößt und dabei lasziv das Becken kreisen lässt, stehen vor der Stadthalle Köln Mülheim Hunderte junger Menschen Schlange, um sich - von 19 Uhr abends bis ein Uhr in der Nacht - Lieder zwischen Pop und dem Stil der Comedian Harmonists aus den dreißiger Jahren anzuhören: "Veronika, der Lenz ist da".
Kultur kennt keine Grenzen.
Manche Fans hatten sogar vor der Ticketkasse übernachtet, um sich die begehrten Karten für das sechsstündige Ereignis zu sichern: Deutschlands derzeit wohl erfolgreichste A-cappella-Band, die Wise Guys ("Besserwisser"), absolviert in dieser werbewirksam apostrophierten "Totalnacht" ihr komplettes Repertoire. Noch weit nach Mitternacht klingen die Stimmen von Edzard Hüneke, Daniel Dickopf, Marc Sahr, Clemens Tewinkel und Ferenc Husta glockenrein.
Auch wenn die hoch begabten Sangesbrüder einen reinen Männerverein bilden - mit einer Boygroup haben sie nicht viel gemein. Die Wise Guys sind auch keineswegs mehr in den Zwanzigern ihres irdischen Daseins, sondern schon über dreißig Jahre alt. Sie verfügen über keine gelifteten Model-Gesichter, tragen keine verkehrt herum aufgesetzten Baseball-Caps und werden auch nicht von einer großen Plattenfirma vermarktet - sie haben einfach nur mehrstimmigen Gesang mit Comedy-Elementen versetzt und subtil perfektioniert.
Das Publikum ist begeistert - und bunt gemischt: Fast alle Altersgruppen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Milieus sind vertreten. "Wahrscheinlich lieben die Leute a cappella, weil es so natürlich wirkt", meint Clemens Tewinkel, 33, einer der Tenöre der Gruppe. "In einer Welt, in der Popmusik immer künstlicher wird, zeigen wir
den Leuten, was ohne technische Hilfe möglich ist."
Und wie schön es klingt. Immer mehr Gruppen wagen sich an, wie es neudeutsch heißt, "Vocal Percussion" oder "Human Beatbox", das Erzeugen von Perkussionseffekten mit dem Mund. Quer durch die Republik erschallen nun die "Baps" und "Doohs": Deutschland im A-cappella-Fieber. Nicht alle Gruppen verzichten dabei auf den Einsatz von Instrumenten. "A cappella" heißt nicht "unbegleitet", sondern "nach Art der Kapelle". Die Gesangslinien dürfen durch Instrumente verstärkt, jedoch nicht durch eigenständige Instrumentalphrasen erweitert werden.
Die Initialzündung für den heutigen Trend war der Film "Comedian Harmonists", Joseph Vilsmaiers Porträt des legendären Sextetts aus der Weimarer Republik. Plötzlich erinnerten sich viele Deutsche an jenen verschollenen Teil ihrer musikalischen Vergangenheit, der ab 1933 gewaltsam vertrieben und vernichtet wurde: Es war ein "unglaublich schwerer Harmoniegesang, der trotzdem leicht und locker klang" - so besingen die Kölner Sänger heute ihre Idole. Ein heimlich-listiges Selbstlob.
Neben musikalischer Präzision setzen die Harmonisten des 21. Jahrhunderts aber vor allem auf komödiantische Effekte: "Wir sind die Wise Guys - und wir wär''n so gerne Stars, haben alles ausprobiert und schon fast gesagt: Das war''s. Heute wissen wir: Es liegt an uns''rer Chorknabennatur - wir brauchen dringend eine Imagekorrektur!"
Solche Selbstironie liegt in der Logik dieses Stils, in der Mischung aus tiefer Melancholie und grundloser Heiterkeit. Doch um immer wieder den harten Boden deutscher Mehrzweckhallen zu spüren, trifft sich das nette Quintett nach dem Konzert gern mit den Fans im Foyer. Marc Sahr, durch ein abgeschlossenes Physikstudium bestens gerüstet, beantwortet auch schon mal hausaufgabenrelevante Fragen schulpflichtiger Musikliebhaber per E-Mail.
Die Wise Guys selbst haben sich Mitte der achtziger Jahre in einem Kölner Gymnasium zusammengefunden, wo sie auf Schulfeiern und Abi-Partys für kultivierte Stimmung sorgten. Das bisher größte Konzert gaben sie im vergangenen Jahr - an zwei aufeinander folgenden Abenden open air vor insgesamt 21 000 Zuhörern im Kölner Tanzbrunnen.
"Klartext", die aktuelle CD, schoss auf Anhieb in die Top Ten der deutschen Pop-Charts - obwohl die Texte größtenteils deutsch sind, überwiegend von Bandmitglied Daniel Dickopf verfasst. So viel Hausmannskost garantiert in der anglophilen Branche meist den Misserfolg.
Doch, o Wunder, den Wise Guys brachten deutsche Lieder kürzlich eine Nominierung der amerikanischen Contemporary A Cappella Society ein. Als einzige nicht englischsprachige Gruppe kandidieren sie in der Kategorie "Artist of the Year", der Grammy der A-cappella-Szene wird im April vergeben. Und wie immer die Sache ausgehen wird - das Credo der Kölner ist schon auf CD gepresst:
"Sing wenn du gewinnst! Sing, wenn alle Leute denken, dass du spinnst."
JENNY CLEMENS
* Szene aus einem Dokumentarfilm von Eberhard Fechner, 1976.
Von Jenny Clemens

DER SPIEGEL 12/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 12/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POP:
Singen wie die Chorknaben

  • Brexit: Nigel Farage mit Milchshake beworfen
  • Amateurvideo: Flut reißt Biker fast in den Abgrund
  • Ibiza-Affäre: Kanzler Kurz trennt sich von FPÖ-Minister Kickl
  • FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle