22.03.2004

NUKLEARSCHMUGGELAtombombe frei Haus

Blaupausen für Bomben wechseln in Plastiktüten ihre Besitzer, Gaszentrifugen werden unkontrolliert verschifft. Neue Geheimdiensterkenntnisse beweisen: Der atomare Schwarzmarkt ist aus dem Ruder gelaufen. Von Erich Follath und Georg Mascolo
Sie sind manche Überraschungen gewöhnt, die weltweit operierenden Uno-Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Aber was ihnen da Mitte Februar libysche Geheimdienstbeamte in der Hauptstadt Tripolis überreichen, lässt auch sie vor Verblüffung erstarren: original verpackte Gasultrazentrifugen zur Anreicherung von Uran - und ein ganzes Bündel detaillierte Konstruktionspläne für eine Atomwaffe. "Alles hochgeheimes, hochmodernes Material, ein vollständiger Baukasten für die Bastler an der schrecklichsten Bombe der Welt", sagt einer, der dabei war.
Besonders bizarr: Die Absender der Atombomben-Blaupausen haben sich anscheinend nicht einmal die Mühe gemacht, das Herkunftsland zu verschleiern. "Islamabad, Pakistan. Good Looks Tailor" steht auf den Plastiktüten, die den IAEA-Inspektoren überreicht werden - als ginge es beim Inhalt um maßgeschneiderte Hemden für den modebewussten Herrn.
Mohammed al-Baradei, der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, hat Libyen in seinem Bericht wegen seiner Verstöße gegen den Nuklearwaffensperrvertrag gerügt. Gleichzeitig aber würdigte er die Bereitschaft von Staatschef Muammar al-Gaddafi, auf Massenvernichtungswaffen zu verzichten. Libyen unterschrieb vorvergangene Woche das Zusatzprotokoll zum Sperrvertrag, das der IAEA künftig auch unangemeldete Kontrollen ermöglicht. Hochangereichertes Uran wurde sichergestellt, eine 500 Tonnen schwere Fracht aus Spezialmaschinen, Zentrifugen und Raketen von Tripolis zum Verschrotten Richtung USA verschifft.
Wenige Wochen nachdem die Uno-Inspektoren das libysche Material bestaunten, machten auch ihre Kollegen nahe der Wiener IAEA-Zentrale eine wichtige Entdeckung - diesmal durch Hightech-Rasterfahndung.
Seibersdorf, ein niederösterreichisches Dorf, eine halbe Autostunde südlich der Hauptstadt, schlichte, blauweiße Fertigbauhäuser: Hier sitzen, von Stacheldrahtsperren geschützt, die Sherlock Holmes des Nuklearzeitalters. Die Wissenschaftler untersuchen Hunderte verschiedener Proben, kleine Baumwollquadrate, zehn auf zehn Zentimeter. Ihre Kollegen haben diese bei Inspektionen weltweit wie Staubtücher über angeblich nur zivil genutzte Nuklearanlagen gewischt und dann unter Polizeiaufsicht nach Seibersdorf transportieren lassen. Die Atomdetektive bearbeiten die Stoffe mit Raster-Elektronenmikroskopen, beschießen sie mit Röntgenstrahlen; so lassen sich Partikelspuren von waffenfähigem Uran bis auf ein billiardstel Gramm nachweisen.
Sie finden einen nuklearen Fingerabdruck, der Teherans Behauptungen von einem "zivilen Programm" Lügen straft. Und das, nachdem dem Ajatollah-Staat schon mehrfach zuvor nukleare Heimlichtuerei nachgewiesen werden konnte. Irans Regierung verschwieg lange den Bau einer Produktionsstätte für schweres Wasser (Arak) und einer Pilotanlage zur Urananreicherung mit hochleistungsfähigen Zentrifugen (Natans) sowie Experimente mit dem Bombenzünder-Material Polonium-210.
Die Spuren der meisten verbotenen Nuklearlieferungen führen nach Pakistan. Präzise gesagt: in die Militärlaboratorien der Stadt Kahuta, gegründet und bis vor drei Jahren geleitet von dem höchstdekorierten pakistanischen Staatsbürger, Abdul Qadir Khan (SPIEGEL 5/2004).
Der Wissenschaftler wird von der überwiegenden Mehrheit seiner Landsleute als Vater der pakistanischen Kernwaffe verehrt; seinen Feinden ist Khan als skrupelloser Doktor Seltsam verhasst, der die Bombe über alles liebt - und sie meistbietend weitergibt. Allein aus Libyen hat das Netzwerk um Khan nach neuesten Erkenntnissen des stellvertretenden Sicherheitsberaters im Weißen Haus, Jim Wilkinson, für das geheime Nuklearmaterial mindestens 100 Millionen Dollar kassiert.
Unter dem Druck Washingtons musste Präsident Pervez Musharraf Anfang Februar den Mann abstrafen, den er erst kurz zuvor "meinen Helden" genannt hatte. Khan leistete vor laufenden Fernsehkameras, treuherzig zu seinem Staatschef aufblickend, den Offenbarungseid. Er gab zu, hochgeheimes atomares Know-how an Libyen, Iran und Nordkorea weitergegeben zu haben. Er habe ohne Wissen der Armeeführung und der Politiker "auf eigene Faust" gehandelt. Musharraf schüttelte mahnend den Kopf - und begnadigte den Sünder am nächsten Tag.
Zunehmend unter Druck gerät jetzt Teheran. In einer Resolution ihres Gouverneursrates bringt die IAEA am vorvergangenen Samstag ihre "äußerst ernste Sorge" darüber zum Ausdruck, dass Irans Beteuerungen, die Kernkraft nur friedlich zu nutzen, "kein endgültiges und umfassendes Bild seines Atomprogramms" ergeben hätten. Zwischen den diplomatisch formulierten Zeilen wird klar, dass nun auch die Führung der IAEA nicht mehr glauben mag, Irans nukleare Aktivitäten dienten der Energieversorgung.
Die auf Ausgleich mit Teheran bedachten Regierungen Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands verhinderten eine noch schärfere Resolution, die Sanktionen gegen Iran durch den Uno-Sicherheitsrat hätte nach sich ziehen können. Dennoch richtete sich der Zorn des iranischen Außenministers Kamal Charrasi gegen seine europäischen Kollegen. Widerstünden sie nicht dem amerikanischen Druck gegenüber Teheran, gebe es "keinen Grund mehr" zur Kooperation - wir verlassen die IAEA, bauen die Bombe auf eigene Faust nach dem Muster Nordkoreas, so lässt sich die kaum verhüllte iranische Drohung deuten. Bis Ende März verbieten die Ajatollahs der IAEA Atomkontrollen in ihrem Land. Die nächste Eskalation könnte Ende Mai kommen, wenn die Uno-Behörde einen ausführlichen Bericht in Sachen Iran und Kernwaffen vorlegen will.
Womöglich sind noch andere Länder in den nuklearen Schwarzmarkt involviert, mehrfach haben auch Abgesandte von al-Qaida Kontakte zu den Todeshändlern gesucht. In einer dramatischen Ansprache an der National Defense University in Washington wählte US-Präsident George W. Bush Mitte Februar Worte, die an seine Brandreden nach dem Terror gegen das World Trade Center erinnern: "Wir werden die Mittelsmänner, die Lieferanten, die Käufer aufspüren. Wir werden nicht ruhen, bevor ihr alle aus dem Verkehr gezogen seid."
Bush verband seine Rede mit einem überschwänglichen Lob für die CIA und deren Erfolge. Doch dass der US-Geheimdienst Libyen für den Westen "umgedreht", den pakistanischen Paten der Proliferation erfolgreich beschattet und zum öffentlichen Schuldbekenntnis gezwungen habe, ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Khan & Co. haben fast 20 Jahre lang Pakistan weitgehend ungestört zum Epizentrum der Proliferation ausgebaut - in Wahrheit ein Geheimdienst-GAU.
Tripolis hat auf diplomatischen Kanälen im vergangenen Jahr mehrfach selbst angeboten, in Sachen Massenvernichtungswaffen reinen Tisch zu machen; Washington zeigte sich wenig interessiert, weil die CIA auf den Irak fixiert blieb - die US-Agenten hatten bis vor kurzem wie ihre deutschen Kollegen keinen Schimmer, wie sehr sich der exzentrische Gaddafi schon um die Bombe bemüht hatte.
Und Teherans geheime Nuklearanlagen wurden vor allem durch iranische Dissidenten bekannt, Verbindungen zum Hauptlieferanten in Pakistan deckten israelische Agenten von der Eliteeinheit 8200 auf, die einen Geheimcode entschlüsselten. Als die IAEA in Irans Nuklearprogramm auch noch auf Spuren stieß, die nach Pakistan wiesen, musste Militärmachthaber Musharraf seinen "Nationalhelden" zumindest symbolisch bestrafen.
Dass sich Washington mit der Farce zufrieden gibt und die völlig unglaubwürdigen Erklärungen Khans über dessen Rolle als Einzeltäter akzeptiert hat, zeigt vor allem eines: Die USA brauchen Pakistan dringend. Sie sehen in dem von Islamisten bedrängten Musharraf einen ihrer wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen den Terror und wollen ihn schonen. Washington drängt zumindest nach außen hin nicht auf weitere Nuklear-Recherchen, auf Verhaftungen - im Gegenzug sollen US-Streitkräfte im pakistanischafghanischen Grenzgebiet mit 12 000 Mann auf Bin-Laden-Jagd gehen dürfen: "Aktion Bergsturm". US-Außenminister Colin Powell äußerte am vergangenen Donnerstag bei seinem Pakistan-Besuch Lob für den "strategischen Partner" Musharraf.
Der Proliferations-Pate Khan, 67, hat sich derweil in seine luxuriöse Villa am Stadtrand von Islamabad zurückgezogen, füttert die wilden Affen aus dem nahen Wald und hält sich mit Hilfe von Leibwächtern Journalisten vom Leib. Der Frauenheld mit dem Omar-Sharif-Bärtchen und der Vorliebe für Chivas-Regal-Whisky kann nun nicht mehr auf Staatsbanketten glänzen. Aber seine angeblich zahlreichen Beteiligungen an Restaurants und Geschäften bleiben unangetastet, und für den Notfall hat der geschäftstüchtige Wissenschaftler auch in Dubai eine Wohnung, in die er sich zurückziehen kann. Khan soll außerdem seine Tochter mit einer Videokassette ins Ausland geschickt haben, auf der pakistanische Militärs als Mitwisser von Atomgeschäften belastet werden.
Da ist sie wieder, diese Eigenschaft, die Dr. Seltsam immer schon ausgezeichnet hat: seine ungeheure Dreistigkeit. Sie ließ ihn bereits damals, Mitte der Siebziger, als jungen Ingenieur in Holland hochgeheime Zentrifugenbaupläne sichten und, ausgestattet mit diesem Wissen, 1998 für Pakistan die Atombombe bauen. Und das war erst der Anfang, denn er sah sich "als eine Art nuklearer Robin Hood", glaubte an ein Weiterverbreitungsrecht für die "islamische Bombe" - und verkaufte die Technologie auf verschlungenen Wegen. Von einer "phantastischen Cleverness" der Atom-Mafia sprach IAEA-Chef Baradei Ende Januar gegenüber dem SPIEGEL und warnte "vor einem bedrohlich näher rückenden Nuklearkrieg". Vom Schwarzhandel sei bisher nur "die Spitze des Eisbergs" bekannt.
Erst jetzt zeigt sich, warum die internationalen Kontrollen für Nuklearmaterial gescheitert sind: Die Aufpasser von der IAEA und den westlichen Geheimdiensten folgten immer dem Glaubenssatz, nach dem kein Staat einem anderen alle Bestandteile der Bombe oder auch nur die Schlüsseltechnologie liefern würde. Also suchte man nach verdächtigen Maschinen und Materialien, nach all den Komponenten, die sich - richtig zusammengesetzt - zum Arsenal des Schreckens addieren könnten. Das System Khan, die Bombe quasi im Baukastensystem anzubieten, eine Kernwaffe frei Haus sozusagen, galt als undenkbar.
Dabei gab es Indizien, Spuren. Khans rätselhafte Reisen etwa, nach Kenia, Sudan, Marokko, nach Saudi-Arabien und Iran. Westliche Agenten folgten Khan, doch was er dort wirklich trieb, blieb ihnen verborgen. Jahrelang etwa rätselten die Ermittler, was Dr. Seltsam immer wieder in die legendäre Oasenstadt Timbuktu trieb. Sie entdeckten eher Bizarres als Bedrohliches: Khan legte in Mali Geld an, kaufte ein Hotel, benannte es nach dem Vornamen seiner Frau Hendrina. Khans wahre Ziele: Er knüpfte ein internationales Netz von wirtschaftlich unauffälligen Geschäftspartnern. Er fuhr zweigleisig. Da waren einmal die Staats-Deals, wie der mit Nordkorea (wohin er mindestens ein Dutzend Mal reiste). Dann die anderen, halboffiziellen. Ab etwa 1985 bestellt sich Pakistans Chefwissenschaftler immer weit mehr Zubehör für die Zentrifugentechnologie, als er für Pakistans Bombe braucht. Islamabads mächtige Militärs lassen ihn gewähren. Und so verkauft Khan - teils über seine Mittelsmänner - an seine Hauptabnehmer nach Iran und später nach Libyen, empfängt gelegentlich auch interessierte ausländische Politiker in seinem wissenschaftlichen Allerheiligsten, wie etwa den saudiarabischen Verteidigungsminister.
Entlarvend ist das Dokument, das dem irakischen Geheimdienst im Oktober 1990 von einem pakistanischen Geschäftsmann namens Malik zugeht und das fünf Jahre später den Waffenkontrolleuren der IAEA in die Hände fällt. Darin heißt es: "Beiliegend finden Sie den Vorschlag des pakistanischen Wissenschaftlers Khan, der anbietet, dem Irak beim Bau einer Atombombe zu helfen. Er würde uns die Pläne geben. Alle benötigten Teile aus Westeuropa würden über eine ihm gehörende Firma in Dubai importiert. Sein Motiv ist Profitsucht für sich selbst und seine Mittelsmänner. Das Projekt trägt den Codenamen A-B." Sogar ein Kostenvoranschlag ist beigefügt: fünf Millionen Dollar Vorschuss für Khan, später zehn Prozent Kommission auf jedes durch das Netzwerk beschaffte Bauteil.
Warum Saddam Hussein auf den Deal nicht eingeht, bleibt bis heute unklar. Vielleicht kann er sich nicht vorstellen, dass eine Kernwaffe so leicht zu kriegen ist, vielleicht wittert er eine Falle. Die IAEA, die damals an eine Fälschung geglaubt hat, hält das Angebot heute jedenfalls für echt.
Ab dem Jahr 2000 gibt sich Khan kaum einmal mehr Mühe damit, den "Wal-Mart" (Baradei) der Proliferation zu tarnen. Auf einer Rüstungsmesse in Karatschi drücken seine Mitarbeiter Besuchern zwei Hochglanzbroschüren in die Hand. Auf einer prangen die Umrisse eines Atompilzes, darunter die Abbildungen von drei Vakuumpumpen. Sie gleichen auffällig jenen der deutschen Firma Leybold, die Khan sich beschafft hat. Er hat sie nachbauen lassen; jeder Experte weiß, dass diese Teile beim Uran-Anreicherungsprozess eingesetzt werden. Der zweite Katalog ist noch eindeutiger: "Nuklearrelevante Produkte" ist ihr Titel, mit Angeboten für nicht minder geheime Gasultrazentrifugen.
Khan arbeitet erfolgreich mit einem halben Dutzend seiner pakistanischen Wissenschaftlerkollegen und seinen Geschäftsfreunden im Ausland zusammen. Er sucht für seine lose Organisation nur noch einen Vertriebsdirektor; er findet den Geschäftsmann Buhary Seyed Abu Tahir, 44, der den Khan-Laboratorien mit Geschick und Hartnäckigkeit neue Klimaanlagen verkauft hat. Tahir ist ein Weltbürger, geboren in Sri Lanka, Wohnsitz in Dubai, durch seine Heirat mit einer Malaysierin im Besitz einer Aufenthaltsgenehmigung für Kuala Lumpur: Khan gefällt der smarte Sonnyboy mit dem Hang zu Sportwagen, Models und teuren Yachten.
Der Pakistaner wickelt einige der besonders lukrativen Iran-Geschäfte seit 1994 über Tahirs Firma in Dubai ab. Dort wurden in einem Apartment zwei Briefumschläge mit Bargeld im Wert von drei Millionen Dollar deponiert.
Wenn einer von Khans Geschäftspartnern in Pension geht, übernehmen offenbar dessen Kinder die Geschäfte. Wie bei dem Briten Peter Griffin, 68, geschehen, dem früheren Chef der Gulf Technical Industries in Dubai, der seinem Sohn die Firma übertragen hat. In einem Telefoninterview bestreitet Griffin junior allerdings jegliche Beteiligung an Atomgeschäften: "Ich bin Pazifist."
Ähnlich ahnungslos gibt sich auch der deutsche Ingenieur und Energietechnikspezialist Gotthard L. Gegen ihn ist schon vor fast zwei Jahrzehnten wegen des Verdachts ermittelt worden, geheime Konstruktionspläne für Zentrifugentechnik in Islamabad angeboten zu haben - für eine Verurteilung reichte es nicht.
Und zugeknöpft zeigt sich auch der Schweizer Urs Tinner, 39. Er heuerte im April 2002 beim Unternehmen Scope, Teil der Scom-Gruppe (Mehrheitseigner: Malaysias Ministerpräsidentensohn Kamaluddin Abdullah), bei Kuala Lumpur an. Tinner wird vorgeworfen, dort in Khans Auftrag die Produktion von Zentrifugenkomponenten organisiert zu haben, was er bestreitet. Er habe gedacht, die produzierten Frästeile seien für zivile Zwecke gedacht gewesen, etwa für den "Autobau" oder als "Briefbeschwerer".
Auf die Idee, in Malaysia Bomben-Equipment in eigener Regie herstellen zu lassen, ist Khan offensichtlich erst spät gekommen: Er überträgt die Gesetzmäßigkeiten der Globalisierung auf die Nuklearisierung. Als Libyen auf dem Schwarzmarkt 10 000 Zentrifugen in modernster P-2-Technik und Baupläne für die Bombe sucht, muss Khan zunächst passen. Das lässt sich nicht so schnell aus zweiter Hand beschaffen. Aber Khan weiß einen Ausweg: Gaddafi soll seine eigenen Produktionsstätten für Nukleartechnik bekommen, Codename "Project Machine Shop 1001".
Der Brite Griffin hat nach malaysischen Polizeiangaben technisches Gerät besorgt; der Deutsche L. bemühte sich angeblich ebenfalls. Der Sri-Lanker Tahir macht in Malaysia die Produktionsstätte ausfindig, in der später Tinner arbeitet (und nach dem Ausscheiden gleich seine gesamte Personalakte nebst Computer-Software mitgenommen haben soll). Erst als die US-Behörden von der Verschiffung des heißen Materials Wind bekommen und im Oktober 2003 den deutschen Frachter "BBC China" abfangen, fliegt das Geschäft auf - und schließlich Khan selbst.
Experten bezweifeln, dass durch diesen Erfolg gegen den nuklearen Schwarzmarkt die Welt viel sicherer geworden ist. Ähnlich wie das Terrornetzwerk al-Qaida hat sich offensichtlich auch die Atom-Mafia metastasenhaft verbreitet. Nach Expertenmeinung ist nicht einmal der pakistanische Sumpf trockengelegt, auch weil so viel Energie in andere Richtungen verschwendet wurde. "Wir haben in Bagdad Schatten gejagt", sagt ein bei der IAEA akkreditierter Diplomat dem US-Magazin "New Yorker".
Robert Gallucci, ehemaliger Uno-Waffeninspektor und heute amerikanischer Regierungsberater, befürchtet: "Islamabad könnte den schlimmsten Terrorgruppen der Welt zur Atomwaffe verhelfen. Pakistan ist das gefährlichste, Iran das zweitgefährlichste Land für die USA. Zuletzt waren wir im Jahr 1814 so verwundbar, als die Briten Washington niederbrannten."
Die jüngste Schreckensmeldung stammt aus Nigeria. Dort verhielt sich bei seinem Besuch der pakistanische Stabschef Aziz Khan Anfang des Monats so, als wollte er seinem Namensvetter an Geschäftstüchtigkeit nacheifern und Washington verhöhnen. Laut einer offiziellen Pressemitteilung des Verteidigungsministeriums in Abuja bot Pakistans zweithöchster Militär an, "den nigerianischen Streitkräften dabei zu helfen, ihre Kapazität zu stärken und Atomkraft zu erwerben". Nuklearwaffen für Nigeria? Ein Besorgnis erregender Vorgang, zumal im vergangenen Jahr Abujas Vizepräsident eingestandenermaßen mit den Atomdesperados aus Nordkorea über den Erwerb von Raketentechnologie gesprochen hatte.
Als jetzt in Nigeria und Pakistan die Drähte aus dem Weißen Haus heiß liefen, kam es schnell zu einem Dementi. General Khan habe zwar "mit dem pakistanischen Atomprogramm geprahlt", aber nur konventionelle Militärhilfe angeboten, sagte ein nigerianischer Offizieller. Das Missverständnis erklärte er so: "Pakistaner sprechen einfach zu schnell."
Von Erich Follath und Georg Mascolo

DER SPIEGEL 13/2004
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