10.04.2004

TECHNIKEXPORTENische in Nippon

Der TÜV Rheinland expandiert mit Macht in Asien: Die deutschen Produktprüfer nutzen ihren Status auch für den Kampf gegen Kinderarbeit.
So huldvoll war TÜV-Ingenieur Kurt Heinz vorher zu Hause nie empfangen worden. Durch ein Spalier applaudierender Fabrikarbeiter wurde der verdutzte Deutsche auf ein Podium geführt. Dort wartete auf ihn bereits der legendäre Sony-Gründer Akio Morita, um feierlich ein Zertifikat entgegenzunehmen - mit dem Prüfsiegel des TÜV Rheinland.
Das war vor etlichen Jahren - und nur ein frühes Kapitel einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte: Ausgerechnet der TÜV - deutschen Autofahrern eher durch stures Abklopfen verrosteter Auspuffe vertraut - expandiert in Japan als hoch geschätzte Prüfinstanz für die Hightech-Industrie.
In Yokohama, im modernsten Labor des Unternehmens in Asien, stapeln sich die Kartons mit Prototypen, die japanische Hersteller zum Sicherheitstest abliefern: Ob Klimaanlagen, Laptops, Chipkarten für Computer oder Handys - die Büros ähneln einer exklusiven Miniausstellung fernöstlichen Erfindungsgeistes.
Dabei testen die Deutschen in Yokohama nicht nur japanische Produkte. Auch immer mehr westliche Firmen, die ihre Fabrikate in Japan verkaufen wollen, suchen Rat beim Regionalchef Ralf Wilde, 51, der seine Kunden stolz an ganz speziellen Bildergalerien vorbeiführt: Säuber-
lich gerahmt, finden sich dort nicht nur deutsche Lizenzen, die dem TÜV erlauben, Geräte und Fabriken für sicher zu befinden. Auch die Regierung in Tokio adelte das Unternehmen zum staatlich anerkannten Prüforgan - für japanische Standards. Eine Reihe von Technologien darf der TÜV in Japan sogar exklusiv testen.
Diese Nische in Nippon mussten sich die deutschen Tester mühsam erobern: Als die Pioniere Wilde und Heinz Anfang der achtziger Jahre in Asien anfingen, wurden sie von deutschen Konzernherren noch als Steigbügelhalter für japanische Konkurrenten beschimpft. Denn natürlich halfen sie den Japanern, Autos, Computer oder Kopierer zu bauen, die deutsche Sicherheitsanforderungen erfüllen. Ohne die Insider-Kenntnis des TÜV hätte umgekehrt so manches deutsche Produkt kaum auf dem schwierigen, aber gleichzeitig gewinnträchtigen Japan-Markt reüssiert.
So benötigte Wilde viel asiatische Geduld, um einen deutschen Autohersteller davon zu überzeugen, dass sich in Japan gewisse Reifenfelgen nur verkaufen lassen, wenn sie auch auf der Innenseite - wo kaum jemand hinguckt - blitzblank glänzen. "Deutsche sind oft zu stur, um sich fremden Märkten anzupassen", sagt Wilde, "da können wir von den Japanern viel lernen."
Von seinem Büro mit Blick auf das WM-Fußballstadion in Yokohama wacht Wilde über das TÜV-Netzwerk in ganz Asien: Von Japan bis Indien treiben 1500 Mitarbeiter in 33 Stützpunkten und Labors das Test- und Prüfgeschäft voran. Rund 20 Prozent trägt die Region bereits zum Weltumsatz des Unternehmens bei.
Seinen Arbeitstag hat Asien-Chef Wilde längst lokalen Gebräuchen angepasst. Bis spätabends absolviert er Geschäftsessen mit Japanern - und immer öfter auch mit Chinesen. Seinen Kunden beschreibt er den rasanten ökonomischen Aufstieg der Region gern bildreich aus der Sicht des Ingenieurs: Vom einfachen Haarfön bis zum virtuell getesteten Autoprototyp - in Asien gibt es kaum ein Erzeugnis, das er nicht auch von innen kennt.
Allerdings prüfen seine Techniker sehr vorsichtig, wem sie in Asien ihr begehrtes Gütesiegel verleihen. "Unser Job hat auch eine wichtige ethische Komponente", betont Wilde, etwa beim Thema Kinderarbeit. Für die rund 25 000 Firmen, die der TÜV in Asien betreut, ist er indes sicher: "Bei denen malochen keine Kinder."
Fabrikbosse in China drängt der Deutsche oft mit einer entwaffnenden Frage dazu, Arbeitsschutzbeauftragte zu ernennen: "Wollt ihr riskieren, dass eure Waren von westlichen Kaufhäusern gleich wieder zurückgeschickt werden?"
Nicht zuletzt aus Sorge um den eigenen Ruf kämpft der TÜV in Asien auch gegen die boomende Produktfälschung - vom Golfschläger bis zum Flugzeugtriebwerk. Denn defekte Elektrogeräte mit illegal kopiertem TÜV-Zertifikat gelangten bisweilen auch in deutsche Ladenregale.
Damit soll bald Schluss sein. In Yokohama tüftelten Wildes Experten gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut ein verblüffend einfaches System aus, für das sich bereits namhafte Großkonzerne interessieren und das dem TÜV weltweit ein wachsendes lukratives Geschäftsfeld sichern soll: Jedes einzelne Exemplar einer Ware erhält eine Nummer, die Informationen zur Echtheit des Produkts enthält. Vom Werk über den Zoll, vom Verkauf bis zum Recycling will der TÜV künftig den Lebenslauf jedes Produkts lückenlos erfassen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Fälscher auch das neue System knacken könnten, haben die Tüftler auch schon errechnet: eins zu zehn Milliarden. WIELAND WAGNER
* Mit japanischen Managern.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 16/2004
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