10.04.2004

„Das Blut der Versöhnung“

Zu den Grundlagen der abendländischen Kultur gehört eine brutale Geschichte von Verrat, Folter und Mord. Der Fall Jesus Christus, neu verfilmt von Mel Gibson, fesselt die Menschen noch immer: Scharlatan, Heiland, Produkt der Phantasie? Wer eigentlich hat Jesus umgebracht?
Die Verse sind fast 350 Jahre alt, aber überhaupt nicht von gestern: "O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron!"
Der sächsische Protestant Paul Gerhardt (1607 bis 1676) hat den berühmten Choraltext geschrieben, Bach hat ihn zum Höhepunkt seiner Matthäuspassion gemacht, und er könnte ein Werbeslogan für Mel Gibsons Jesus-Film "Die Passion Christi" sein, diese bildmächtige Folterorgie, die seit Mitte März auch die deutschen Kinobesucher schockiert.
"Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut das große Weltgewichte, wie bist du so bespeit, wie bist du so erbleichet, wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht mehr gleichet, so schändlich zugericht''?" O-Ton Gerhardt, der sich auch als Regieanweisung zu Gibsons spektakulärem Film lesen lässt.
Aus der Ferne der Jahrtausende kehrt ein Mann auf die Medienbühne zurück, der auf den ersten Blick wie ein Alien wirkt: Jesus Christus, der Schmerzensmann. Eine ökonomische Botschaft hat er nicht, bis auf die, dass Ökonomie nicht alles ist. Seine Bergpredigt mit der Schlüsselbotschaft "Liebt eure Feinde" - keine seriöse Politik kann damit etwas anfangen. Zudem schmecken die Behauptungen der Bibel über seine Person nach Legende und Schwindel: Er sei von einer Jungfrau geboren worden, er habe Wunder bewirkt, und schließlich sei er auferweckt worden von den Toten und sitze zur Rechten Gottes - wer soll das glauben?
Und doch macht der seltsame Wanderprediger von sich reden: Das Buch des CDU-Sozialpolitikers Heiner Geißler "Was würde Jesus heute sagen?" erreicht inzwischen die siebte Auflage. "Die politische Botschaft des Evangeliums" (Untertitel), das auch den Armen und Ausgestoßenen Erlösung verheißt, scheint selbst in Zeiten fortschreitender sozialer Desillusionierung von Interesse. Der Kultursender Arte widmet bis Mitte April zehn hochinspirierte Folgen dem Thema "Die Geburt des Christentums" - der schrittweisen Loslösung von Jesu Lehre aus dem Judentum.
Auch zum Romanhelden bringt es der Mann mit der Dornenkrone dieser Tage ohne Probleme. Anfang des Jahres erschien in Deutschland Dan Browns Thriller "Sakrileg", seit Wochen auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste. Das Buch handelt vordergründig von einem aktuellen, mysteriösen Mord im Pariser Louvre. Doch den Hintergrund bildet eine abenteuerliche Story aus tiefer Vergangenheit: Darin zeugt Jesus mit Maria Magdalena ein Kind. Nach dem Ende des Gekreuzigten flieht die Christus-Ehefrau ins römisch besetzte Gallien und bringt die Jesus-Tochter Sarah zur Welt. Im fünften Jahrhundert heiratet Sarahs Nachfahrin ins Königsgeschlecht der Merowinger ein - der Religionsstar taugt sogar für den Boulevard der Kolportage.
Am lautesten aber ist das Getöse um Gibsons Film "Die Passion Christi", der die letzten zwölf Stunden des Galiläers als Blut-und-Peitschen-Oper für Nervenstarke vorführt. Während das umstrittene Werk in den USA ein Riesenerfolg ist, und sich die Produktionskosten von 30 Millionen Dollar schnell amortisierten, übte man sich hier zu Lande vor allem in Abwehrarbeit. Die deutschen Kritiker verweigerten Gibsons Schinderstück überwiegend die Zustimmung. "Filmischer Devotionalienkitsch", schimpfte ein Kritiker, die "Zeit" nannte das Werk "dumm" und "unchristlich" und rückte es in die Nähe von Sado-Maso-Phantasien. Berichte über einen Infarkttod während einer Kinovorstellung in den USA schreckten in Deutschland manchen sensiblen Zuschauer ab (siehe Kasten Seite 158).
Gibson, dieser einstige Saulus der Suff- und Rauschgiftgesellschaft, den mit 35 die Droge Umkehr zum erzkatholischen Paulus gemacht hat, inszeniert seine "Passion" wie einen Western: hier die bösen Kriegsknechte, die bösen jüdischen Glaubenshüter und der unsichere, aber nicht ganz unsympathische Römer Pontius Pilatus, dort der einsame Gottesvertraute Jesus. Zum Showdown treten an: Peitsche gegen Haut, Brutalität gegen Leidensfähigkeit. Wie auf Erden, also auch im Himmel - Gibsons Theo-Cinema ist knallhart gnostisch: Die Mächte der Finsternis kämpfen gegen die Mächte des Lichts.
Da geht es fast so martialisch zu wie im richtigen Leben, diesem tagtäglichen Alptraum aus blutigen Anschlägen, fehlgeleitetem Gotteskämpfertum und fundamentalem Starrsinn. Empfindsame Mitteleuropäer verdrängen, wenn sie sich über all das empören, allzu rasch: Auch zu den Grundlagen der glorreichen westlichen Zivilisation, die Ideale wie Freiheit, Menschenrechte und Weltfriede vor sich herträgt, gehört eine brutale Geschichte von Verrat, Folter und Mord.
Sie handelt davon, wie ein gewisser Jeschua Ben Josef, ein Handwerker aus Nazaret (aramäisch "Jeschua" heißt "Gott hilft", ein damals dort häufiger Name) und später noch Jesus "Christus" ("der Gesalbte") genannt, nach kurzem Leben - man weiß nicht recht, warum - mit dreißig am Kreuz zu Tode kam. Dann erzählt sie von seiner wunderbaren Auferweckung und seiner Karriere als Heiland einer Weltreligion.
Aber was heißt hier schon Geschichte? Kein schriftliches oder auf andere Weise authentisches Zeugnis aus seiner Hand ist bekannt. Wir wissen nicht, ob er überhaupt schreiben konnte, ob er außer Aramäisch auch Griechisch, die damalige Intellektuellensprache, verstand. Und: Hatte er Geschwister? War seine Mutter wirklich eine Jungfrau - oder bloß eine "junge Frau", wie eine Quelle sagt? War er das uneheliche Kind eines römischen Besatzungssoldaten? Warum haben ihn antike Historiker wie Flavius Josephus, Sueton und Tacitus nur unter "ferner liefen" erwähnt?
Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus (37/38 bis 100 nach Christus), der über Krieg und Kult seines Volkes Bücher verfasst hat, erwähnt in seiner Schrift "Jüdische Altertümer" (um 93) Jesus zweimal. In einem Bericht über die Verurteilung und Steinigung des Jakobus, der die Christenschar in Jerusalem angeführt hatte, charakterisiert Flavius Josephus diesen als "Bruder Jesu, der Christus genannt wird". Die Stelle gilt als authentisch - im Gegensatz zu dem berühmten "Testimonium Flavianum", wo Josephus Jesus als "weisen Menschen" und "Lehrer" bezeichnet, der "unglaubliche Taten" vollbracht und "viele Juden und Heiden" angezogen habe: "Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine früheren Anhänger ihm nicht untreu." Kernsätze dieser Passage stammen wohl vom Autor, gewiss aber wurde sie auch von einem Abschreiber kreativ überarbeitet, vor allem positiv gefärbt.
Die "Annalen" des römischen Historikers Publius Cornelius Tacitus (55/56 bis 120 nach Christus) erwähnen Jesus mit einem einzigen Satz; Tacitus sagt, Kaiser Nero habe als Sündenböcke für den Brand Roms im Jahre 64 Leute verfolgt, die man "christiani" nenne - "dieser Name stammt von Christus, der unter Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war". Sueton schließlich, der Advokat und Kaiserbiograf (70 bis etwa 130), schreibt in dem Buch "Das Leben der Caesaren" (etwa 120) darüber, wie Kaiser Claudius aufsässige Juden aus Rom gejagt habe: "Die Juden, die, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten, vertrieb er aus Rom" ("Chrestos" war ein griechischer Sklavenname, der umgangssprachlich auch auf Christen übertragen wurde).
Und dann erst der "Mordfall" Jesus. Da handelt es sich um ein Justizdrama, das nach heutiger Aktenlage kaum aufklärbar ist, wie so vieles im Leben dieses Herrn: befangene Zeugen, frisierte Unterlagen, ungenaue Protokolle. Haben den Juden Jesus die Juden beseitigt? Sind es die Römer gewesen? Wer außer Römern oder Juden soll es denn sonst gewesen sein - schließlich spielt dieser Teil der Geschichte in Jerusalem.
Das Drehbuch, das die Evangelien für den "Lehrer" (Mt 23,10) Jesus entworfen haben, sieht den Tod als Höhepunkt der Geschichte von Anfang an vor - schließlich ist Religion von fast allen Völkern erdacht worden, um das jenseitige, das Leben nach dem Tod vorstellbar und erträglich zu machen; um die Angst vor dem Tod in metaphysische Heilserwartung umzumünzen. Das Evangelium denkt auch den Anfang seiner Geschichte vom Ende her. Der Märtyrertod ist ein Grunderlebnis des Glaubens. So wurde das Kreuz zum Symbol des Christentums - und Folter und Mord wurden zu wesentlichen Bestandteilen der abendländischen Kultur.
Jesus, dieser von Gott auf die Erde geschickte Gottessohn, der in seinem kurzen öffentlichen Leben so viel Positives geredet und bewirkt hatte, musste die Welt noch durch seinen Tod erlösen. Aber: Es durfte kein gewöhnlicher Tod sein. Der Sohn Gottes musste ermordet werden. Aber durch wen genau?
Bereits zu Beginn seines öffentlichen Wirkens überlegten die Pharisäer, wie sie ihn umbringen könnten (Mk 3,6). Dass Jesus diesen Plan Gottes genau kannte, verriet er seinen Jüngern angeblich bis ins Detail:
"Der Menschensohn wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten ausgeliefert; sie werden ihn zum Tod verurteilen und den Heiden übergeben, damit er verspottet, gegeißelt und gekreuzigt wird; aber am dritten Tage wird er auferstehen" (Mt 20,18-19).
Jesus selbst war mit diesem Plan Gottes einverstanden. Denn als Petrus, sein erster Jünger, ihn lange vor seinem Tod bat, sich doch solchen Mordplänen zu entziehen, fuhr Jesus ihn an: "Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen" (Mk 8,33).
Die Pharisäer, die es ausnahmsweise einmal gut mit Jesus meinen, warnen ihn vor den Mordplänen des Herodes - historisch ist davon nichts bekannt, doch immerhin galt Herodes Antipas, der Johannes den Täufer umbringen ließ, nicht gerade als zimperlich. Trotzdem lässt sich Jesus nicht von einem Besuch Jerusalems abbringen: "Ein Prophet darf nirgendwo anders als in Jerusalem umkommen" (Lk 13,31).
Auf einem Esel reitet er in Jerusalem ein. Der Empfang, der ihm laut Matthäus und Johannes in der Heiligen Stadt bereitet wird, ist standesgemäß für einen Messias. "Viele Menschen" (Matthäus), die "Volksmenge" (Johannes), stehen jubelnd am Rand, legen Äste und Kleider auf den Boden, schwenken Palmzweige, schreien "Hosanna" und "Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn" (Lk 19,38).
Jesus gerät darüber offenbar in Endzeitstimmung. Er knüpft aus Stricken eine Geißel und treibt Händler wie Geldwechsler aus dem Jerusalemer Tempel. Dann redet er sich von der Seele, was ihn in dieser letzten Lebensphase bewegt:
Mit einem siebenmaligen "Wehe euch" verflucht er die Doppelmoral der Schriftgelehrten und Pharisäer; er weissagt die Christenverfolgungen nach seinem Tod ("um des Evangeliums willen") und die Zerstörung Jerusalems (die erst 40 Jahre später, im Jahre 70, durch die Römer erfolgt).
Schließlich kündigt er das nahe Ende mit der Wiederkunft des Menschensohnes und dem Beginn des Weltgerichts an. "Schon früh am Morgen kam das ganze Volk zu ihm in den Tempel, um ihn zu hören" (Lk 21,38). Und: "Das Volk war über seine Lehre bestürzt" (Mt 22,33).
Die Hohenpriester und Schriftgelehrten haben sich, ganz ohne Volk, im Palast des Hohenpriesters Kajaphas versammelt. Dort fassen sie offenbar in aller Stille den Beschluss, Jesus zu töten. Der Jesus- Jünger Judas verspricht ihnen, gegen eine Geldzahlung, nach Matthäus 30 Silberlinge, bei der Gefangennahme seines Rabbis zu helfen.
Laut Matthäus-Evangelium bringt Judas die 30 Silberlinge später zurück und erhängt sich (Mt 27,3-5); laut Apostelgeschichte kauft er sich für das Geld einen Acker, "stürzte vornüber zu Boden, sein Leib barst auseinander, und alle Eingeweide fielen heraus" (Apg 1,18).
Am Donnerstagabend, einen Tag vor seiner Hinrichtung, geht Jesus mit seinen Jüngern zum Abendessen in das Gemach eines Jerusalemer Hauses. In diesem Haus wollten sie auch das nahe Pessachfest feiern.
Bei diesem "letzten Abendmahl" teilt er Brot und Wein (für Gläubige: seinen Leib und sein Blut) mit den Jüngern und sagt ihnen voraus, wer aus ihrem Kreis ihn in den kommenden Stunden enttäuschen wird: Kassenwart Judas wird ihn an seine Häscher verraten und mit dem falschen Kuss das Signal zur Ergreifung Jesu geben. Unglaublich erscheint für Petrus, den "Fels", auf den laut Bibel später die Kirche gebaut wird, was der Meister dabei ihm weissagt: In dieser Nacht, "ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen" (Mk 14,30). Am späten Abend brechen dann alle auf zu dem Gang über den Ölberg in Richtung Bethanien, zum gemeinsamen Nachtquartier im Hause Simons, des Aussätzigen.
Dann wird es dramatisch:
Ölberg, Garten Getsemani. Jesus betet in Todesangst; Schweiß rinnt "wie Blut" (Lk 22,44) von ihm herab, während seine Jünger eingenickt sind. Plötzlich erscheint "eine große Schar von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet" sind, im Auftrag der Hohenpriester (Mt 26,47); vorneweg schreitet Judas zum Judas-Kuss. Eine ganze römische Kohorte (rund 500 Soldaten) ist dabei (laut Johannes).
Im Tumult schlägt Petrus einem Knecht der Hohenpriester mit einem Schwert ein Ohr ab; aber Jesus berührt die Wunde, und schon ist das Ohr wieder dran. Während alle Jünger fliehen, wird Jesus gefesselt und abgeführt. Im Innern des Hauses von Kajaphas hat sich die gesamte jüdische Elite Jerusalems versammelt und fasst "den Beschluss, Jesus hinrichten zu lassen" (Mt 27,1). Gefesselt wird der Übeltäter zum römischen Statthalter Pilatus abgeführt.
Vor Pilatus beschuldigen die Hohenpriester und Ältesten Jesus, er wiegele das Volk auf; er verbiete, dem Kaiser Steuern zu zahlen; er behaupte, er sei der "Messias und König". Pilatus fragt Jesus, ob er der König der Juden sei. Jesus antwortet: "Du sagst es." Pilatus, der die Antwort offenbar nicht ernst nimmt, sagt "zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde nicht, dass dieser Mensch eines Verbrechens schuldig ist" (Lk 23,2-4).
Als Pilatus hört, dass Jesus aus Galiläa stammt, schickt er ihn zum Vierfürsten Herodes Antipas, der für Galiläa zuständig ist und sich zufällig in Jerusalem aufhält.
Residenz des Herodes Antipas: Der Fürst ist hocherfreut, hat viel von Jesus gehört, erwartet ein Wunderzeichen, stellt viele Fragen, erhält aber von Jesus keine einzige Antwort. Die gute Anfangsstimmung schlägt um in Spott und Hohn; schließlich lässt Herodes ihm "ein Prunkgewand" (Lk 23,11) anziehen und ihn zu Pilatus zurückführen.
Pilatus, der "die Hohenpriester und die anderen führenden Männer und das Volk" herbeigerufen hat, verkündet: "Er hat nichts getan, worauf die Todesstrafe steht. Daher will ich ihn nur auspeitschen lassen, und dann werde ich ihn freilassen" (Lk 23,13-16).
Die Hohenpriester und die Ältesten, so heißt es bei Matthäus, wiegeln die Leute auf, so dass sie fordern, er solle ihnen statt Jesus den Aufrührer und Mörder Barabbas freigeben und Jesus töten lassen.
Dreimal versucht Pilatus, die Volksmassen umzustimmen; "da schrien sie noch lauter: ans Kreuz mit ihm!" Pilatus resigniert, wäscht sich vor aller Augen die Hände und spricht: "Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen." Worauf "das ganze Volk" antwortet: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." Pilatus gibt den Mörder Barabbas frei, Jesus aber "lässt er geißeln und kreuzigen" (Mt 27,19-26).
Damit haben die Evangelien die Frage "Von wem wurde Jesus umgebracht?" zweifach beantwortet. Zum einen: Die Römer haben ihn gekreuzigt, weil nur sie in ihren Provinzen die Gerichtsbarkeit bei Kapitalverbrechen wie Aufruhr und Majestätsbeleidigung hatten; und wohl auch weil Jesus, indem er auf die Wiederholung der Pilatus-Frage nicht mehr reagierte, ihnen allzu widerspenstig erschien. Und sie taten dies zugleich, weil die jüdische Führungsschicht unbedingt auf dem Tod Jesu bestand.
Zum zweiten: Jesus musste sterben, denn es war von vornherein Gottes Plan - weil Jesus als Gottessohn dies von Anfang an gewusst hat, war, so die Deutung Heinrich Heines, sein Tod eigentlich der Selbstmord eines Märtyrers -, was zu dem biblischen Bild vom auffallend "sinnenfrohen", das Leben liebenden jungen Mann (so Weddig Fricke in seinem Buch "Der Fall Jesus") allerdings schlecht passt; masochistische Todessehnsucht kennzeichnet eher die frühchristlichen Märtyrer wie etwa Ignatius von Antiochien. Wie auch immer, der Gott der Christen brauchte zur Rettung der Welt ein blutiges Menschenopfer, und zwar das seines persönlichen Gesandten und Sohnes. Die jüdische Führungsschicht war das Instrument Gottes: Sie wollte den Tod Jesu; man könnte auch sagen, sie musste ihn wollen.
Doch diese Logik hat einen Haken: Selbst wenn der Gott der Bibel unbedingt die Hinrichtung Jesu Christi benötigte: Warum haben sich die Evangelien-Autoren dann nicht mit dem tatsächlichen historischen Verlauf der Geschichte begnügt? Sie hätten den Kreuzestod Jesu doch auch bekommen, ohne die jüdische Führungsschicht systematisch als Kampftruppe gegen Jesus hochzuschreiben?
Eine Antwort darauf geben die historischen Umrisse der Passionsgeschichte eher als die Darstellungen der Evangelisten:
Jesus kam mit seiner Jünger-Gang zum Pessachfest nach Jerusalem, wie Tausende andere auch. Das Pessachfest ist ein Wallfahrts-Event, jeder männliche Gläubige pilgert vom 13. Lebensjahr an jedes Jahr nach Jerusalem, um "das Angesicht des Herrn" zu schauen und Opfertiere (meist Lämmer), Obst, geröstete Heuschrecken, Honig und andere Leckereien zu essen und dazu geharzten Wein zu trinken. Aussätzige und Frauen, die ihre Regel hatten, durften nicht teilnehmen. Was Jesus betrifft: Es war wohl kaum ein triumphaler Einzug in Jerusalem auf einem Esel, vorbei an jubelnden Volksmassen; auch keine Volksmassen, wenn er predigte; auch kein Rauswurf der Händler aus dem Tempel.
Irgendwann in den Tagen vor dem Fest bekam er vermutlich Probleme mit der römischen Besatzung. Gerade zur Pessachzeit, in der die Juden der Befreiung von der Unterjochung durch die Ägypter gedachten, suchten die Römer Unruhen jedweder Art schnell und brutal abzuwürgen. Sie hatten allen Grund zur Vorsicht: Speziell Galiläa probte regelmäßig den Aufstand gegen die römische Fremdherrschaft, angeführt von marodierenden Zeloten, von "Dolchträgern", wie die Römer sie nannten. Flavius Josephus berichtet von einem späteren Festtumult, bei dem der Prokurator Cumanus mehr als zehntausend Juden in den Tod getrieben hat.
Unglaubhaft ist der Rummel um die Gefangennahme Jesu. 500 römische Soldaten sollen aufgezogen sein, um einen kleinen Rabbi festzunehmen - "eine wahnwitzige Schilderung", wie Weddig Fricke in seinem Buch "Standrechtlich gekreuzigt" meint. Judas als Verräter mit Judas- Kuss - wahrscheinlich Evangelisten-Phantasie, ebenso wie die 30 Silberlinge, die er dafür von den Hohenpriestern erhalten haben soll.
Von dem katholischen Neutestamentler Hans-Josef Klauck, Autor eines der besten Judas-Bücher, stammt die plausible These, Judas habe sich von Jesus wahrscheinlich nicht aus Geldgier, sondern aus einer durchaus nachvollziehbaren Enttäuschung abgewandt. Dieser habe sich nicht als der von ihm und anderen erwartete Messias erwiesen, der auch ein Befreier vom Römer-Joch (hohe Steuern; jeder römische Soldat durfte jeden beliebigen Juden als Gepäckträger benutzen) sein sollte, und das hätten die Evangelisten akzeptieren müssen.
Unhistorisch ist wohl auch das bombastische Szenario, das die Evangelien malen: der heimliche Todesbeschluss des Hohen Rates, das Verhör Jesu vor dieser Führungsgarde, das Verhör vor Herodes Antipas.
Auch die beiden Pilatus-Szenen können, wenn überhaupt, nicht so stattgefunden haben, wie sie in den Evangelien beschrieben werden. Chaim Cohn, der ehemalige israelische Generalstaatsanwalt: ein "unwahrer, aber geheiligter Bericht". In der Realität wird einzig und allein Pilatus Jesus verurteilt haben.
Der Statthalter Pilatus war für seine Brutalität und Rücksichtslosigkeit den Juden gegenüber so verschrien, dass er im Jahr 36 nach Christus nicht zuletzt deswegen seines Amtes enthoben wurde, mit der Auflage, sich in Rom zu verantworten. Einem römischen Präfekten wäre es im unruhigen Palästina von damals auch kaum in den Sinn gekommen, an Stelle eines wunderlichen Wanderpredigers einen Widerstandskämpfer wie Barabbas freizulassen.
Nach Verhör und Urteil geht es dann richtig zur Sache: Im Amtssitz des Pilatus machen sich die römischen Soldaten, wie vor Kreuzigungen üblich, über Jesus her. Dornenkrone und Purpurmantel, Spott, Spucke und Prügel gehörten zum Ritual. "Körperliche Gewalt war in der römischen Gesellschaft öffentlich und an der Tagesordnung", sagt Werner Eck, Professor für Alte Geschichte an der Uni Köln. "Dabei sind extreme Grausamkeiten wie die Geißelung durchaus denkbar."
An der Tagesordnung war in der Antike die Gewaltanwendung gegen Mörder, Hochverräter, Rebellen, ehrlose Gladiatoren, Straßenräuber und ungehorsame Sklaven. Das Strafregister war eindrucksvoll: öffentliche Auspeitschung, Steinigung, Sturz von einem hohen Felsen, Tötung durch Tiere, lebendig Begrabenwerden, Pfählung durch einen Holzspieß, der in den Anus gerammt wurde, endlich das Aufhängen an einem "Unglücksbaum" und die Kreuzigung.
Während der Belagerung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus ließ Feldherr Titus, der spätere Kaiser, täglich einige hundert gefangene Juden vor den Mauern der Stadt kreuzigen. Nach dem Spartakus-Sklavenaufstand 140 Jahre zuvor wurden 6000 der überlebenden Rebellen entlang der römischen Via Appia gekreuzigt. Der Kreuzestod war besonders qualvoll, weil das Sterben sich oft über Tage hinzog - Todesursache war meist Kreislaufkollaps oder Herzversagen. Oft blieb der Verstorbene noch tagelang am Kreuz, wurde von Raben
heimgesucht, verweste und stank bestialisch. Der Delinquent musste auch im Tod noch entehrt werden und zur Abschreckung dienen. Erst der spätere Christ Kaiser Konstantin schaffte diese brutale Strafart Anfang des 4. Jahrhunderts ab.
Während nun Jesus das Kreuz zur Richtstätte Golgota trägt, gehen noch zwei Verbrecher mit. "Eine große Menge Volks und Frauen", die üblichen Evangelien-Massen, stehen am Straßenrand, und die Frauen weinen. Von irgendwelchen Grausamkeiten der Soldaten in dieser Phase der Passion - wie der Gibson-Film sie vorführt - ist in keinem der Evangelien die Rede. Es wäre auch, sagt der Historiker Eck, nicht historisch nachweisbar. Verordnete Folter: ja; doch die spontane Lust einzelner Soldaten am Quälen sei im römischen Heer hart bestraft worden. Im Gegenteil: Die Römer zwingen einen Bauern, für den geschwächten Jesus das Kreuz zu tragen - das zeugt von Mitleid, nicht von zusätzlicher Grausamkeit.
Schließlich die Ankunft auf Golgota, morgens gegen neun Uhr. "Dann kreuzigten sie ihn", schreibt der Evangelist Markus. Wie genau, ob mit Nägeln oder Fesseln - beides war gebräuchlich -, lassen alle vier Evangelisten offen, und es bleibt bis heute unbekannt.
Golgota, zwölf Uhr mittags: Der Zustand Jesu hat sich offenbar drastisch verschlechtert. Der Himmel verfinstert sich für die nächsten drei Stunden, schreiben die Evangelisten (außer Johannes).
Gegen drei Uhr nachmittags ruft Jesus bei Markus und Matthäus (Psalm-Vers 22,2): "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", bei Johannes: "Mich dürstet" (worauf er zur Betäubung Essig bekommt) und bei Lukas mit Psalm 31,6: "Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist." Dann schreit er auf und stirbt.
Es folgt eine kleine Serie von Naturwundern: Der Vorhang im Tempel (der vor dem Allerheiligsten hing) zerreißt von oben bis unten, ein Erdbeben hebt an, Gräber öffnen sich, "die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren" (Mt 27,52), steigen heraus. Ein römischer Hauptmann, der das miterlebt, bekennt: "Wahrhaftig, das war Gottes Sohn."
Es wird bald Abend. Josef aus Arimatäa, ein Mitglied des Hohen Rates und zugleich ein heimlicher Jesus-Jünger, bittet Pilatus um den Leichnam Jesu. Er erhält von Pilatus die Genehmigung und bestattet ihn in einem Felsengrab nahe Golgota. Beim Einbalsamieren hilft ihm Nikodemus, ebenfalls ein Mitglied des Hohen Rates und heimlicher Jesus-Jünger.
Da die Evangelien nun fast an ihr Ende gekommen sind, hat sich Matthäus in seinem allerletzten Kapitel noch eine kleine Boshaftigkeit in Richtung Hohepriester ausgedacht (Mt 28,11-15). Während die Jünger verrückt spielen, weil das Grab des Herrn leer ist und manche den Erscheinungen des angeblich leiblich Auferstandenen noch nicht so recht trauen mögen, erhalten auch die Hohenpriester und Ältesten über römische Soldaten Kunde von dem leeren Grab. Da bestechen sie die Soldaten mit "viel Geld" und bitten um die Verbreitung der Nachricht, seine Jünger seien "bei Nacht gekommen" und hätten ihn, während die Soldaten schliefen, gestohlen. "So kommt es, dass dieses Gerücht bei den Juden bis heute verbreitet ist."
Bei der Betrachtung des galiläischen Wanderpredigers und Wunderheilers vermischen sich kaum entwirrbar Glauben und Wissen. Der Glaube versetzt nicht nur Berge, sondern auch Fakten. Ihm geht es um Verkündigung und Erweckung. Der Glaube gehört für den nüchternen Historiker nur als ein Gegenstand unter vielen zur realen Geschichte, als Beleg für deren faktischen Verlauf wirkt er eher störend.
Über 300 Jahre dauerte es, bis das Neue Testament seine bekannte Form gefunden hatte. Im 4. Jahrhundert wurden vier der damals zahlreich vorhandenen Evangelien, eine Apostelgeschichte sowie 21 Briefe und die Offenbarung des Johannes zum Kanon gebündelt. Dieser Text wurde von der Kirche immer energischer zur "Heiligen Schrift" und zum "Wort Gottes" erhoben und mit der Heiligen Schrift der Juden, dem Alten Testament, verbunden. Dogmatisch versiegelten die Kirchenväter ihr Auswahlpaket: Die Schriften seien von Gott persönlich und wortwörtlich geoffenbart. Punktum.
Entsprechend sahen die gehorsamen Theologen jahrhundertelang ihre Aufgabe darin, bestehende Ungereimtheiten entweder mit möglichst klugen Argumenten zu harmonisieren oder ganz einfach zu übergehen. Was Gott den Menschen geoffenbart hatte, konnte einfach nicht falsch sein.
Doch mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts änderte sich das allmählich. So verfasste der protestantische Hamburger Orientalist und Theologe Hermann Samuel Reimarus ein folgenreiches Manuskript. Die neutestamentliche Botschaft von der Erlösung der Menschheit durch Jesu Tod und Auferstehung sei, so Reimarus, ein Phantasieprodukt der Apostel, entstanden nach der Kreuzigung Jesu. Um dieses "Wunder" glaubhaft zu machen, hätten die Jünger den Leichnam des Gekreuzigten heimlich verschwinden lassen.
Reimarus wagte damals nicht, seine "Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes" zu publizieren. Erst als der Dichter Gotthold Ephraim Lessing nach dem Tod von Reimarus (1768) dessen Schriften anonymisiert veröffentlichte, brach in den protestantischen Kirchen ein Sturm der Entrüstung los.
Die spektakulärste Bibelkritik zu Beginn des 20. Jahrhunderts veröffentlichte der protestantische Marburger Neutestamentler Rudolf Bultmann (1884 bis 1976). Sein immer wieder aufgelegtes Werk trägt den lapidaren Titel "Jesus" (1926). Bultmanns Arbeiten wurden weltweit bekannt unter dem Schlagwort "Entmythologisierung".
Bultmanns Fazit: Wir können "vom Leben und von der Persönlichkeit Jesu so gut wie nichts mehr wissen". Die Evangelien, gibt er zu, schildern meist keine historisch nachweisbaren Tatbestände. Historisch eindeutig belegbar sei nur, dass in den neutestamentlichen Texten der Glaube des Urchristentums sich ausdrücke, der aus dem Menschen Jesus und seinem jüdischen Bekenntnis den Messias mit christlicher Botschaft geformt habe.
Bultmann fand das nicht tragisch. Er sah keine Veranlassung, die christliche Religion oder etwa das Neue Testament ad acta zu legen. Ihm genügte es, dass die Ur- und Frühchristen an diesen Erlöser tatsächlich geglaubt haben. Religiöse Wahrheit überschreite, so seine Argumentation, ihrer Natur nach alles historisch Fassbare und habe die Mythen und Bilder gebraucht, um ihre Botschaft unters Volk zu bringen.
Inzwischen bestreiten nicht einmal mehr Skeptiker, die den Kirchen fern stehen, dass Jesus gelebt hat. Er stammte aus einfachen Verhältnissen im Norden des heutigen Israel, dem damaligen Galiläa. Geboren wurde er vermutlich irgendwann zwischen den Jahren sieben vor bis sieben nach der christlichen Zeitrechnung, möglicherweise in dem kleinen Dorf Nazaret. Er hatte etliche Geschwister, laut Markus-Evangelium vier namentlich bekannte Brüder und mehrere Schwestern. Laut Markus dachten die Geschwister von Jesus, dieser sei ganz einfach "von Sinnen". Von Beruf war Jesus - ebenfalls laut Markus, dem etwa 40 Jahre nach Jesu Tod entstandenen Evangelium - Zimmermann wie sein Vater.
Die Schwangerschaft Marias durch Gott, die Geburt in Betlehem, die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland an der Krippe, der Kindermord des Herodes und die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten, der zwölfjährige Jesus als Wunder-kind im Jerusalemer Tempel - alles Le-
genden, um die Ausnahmestellung des Wunderkindes herauszustreichen.
Wie Jesus aussah, wie er sich gab und wie er die Tage und Nächte verbrachte, ist in Wahrheit unbekannt. Das älteste, um 70 entstandene Markus-Evangelium schreibt jedenfalls nichts über die Jugend Jesu. Markus beginnt seine Erzählungen erst mit dem öffentlichen Auftreten des Charismatikers: wie Jesus sich im Jordan von dem landesweit bekannten und historisch belegten Bußtäufer und Asketen Johannes taufen ließ. Nur einer Randbemerkung im 20 Jahre später entstandenen Lukas-Evangelium (3,23) lässt sich entnehmen, dass Jesus da etwa 30 Jahre alt gewesen sein könnte.
Nach heutigem Forschungsstand ist die Taufe Jesu im Jordan wahrscheinlich mal ein historisches Faktum - eine nachträgliche Erfindung wäre "propagandistisch" funktionslos gewesen.
Nicht historisch ist aber das in den Tauf-Passagen gleich mitgelieferte Deutungsmuster: Die in den Jahren 70 bis 100 verfassten Evangelien benutzten jede sich bietende Gelegenheit, Jesus von ihren handelnden Figuren als Messias oder Gottessohn deklarieren zu lassen - Titel, die Jesus zu Lebzeiten wahrscheinlich nie auf sich selbst bezogen, geschweige denn für sich in Anspruch genommen hat. Erst das Urchristentum hat den Verkündiger der Botschaft zu deren zentralem Inhalt erhoben.
Bei Jesu Taufe im Jordan schwebte laut Markus-Evangelium "der Geist wie eine Taube" auf Jesus herab, und "eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich Gefallen gefunden" (Mk 1,10-11).
Dem Täufer Johannes gestehen die biblischen Texte bloß die Rolle eines Vorläufers Jesu zu. Johannes der Täufer, im Gegensatz zu dem vermutlich gepflegt auftretenden Jesus wohl eher ein rauer Naturbursche im Zottelgewand aus Kamelhaaren, kannte wahrscheinlich die Theologie der Qumran-Gemeinde der Essener, einer überwiegend am Toten Meer heimischen asketischen Sekte, deren "Lehrer" - ähnlich Jesus - als letzter Prophet vor dem nahen Ende der Welt galt. In den Höhlen von Qumran wurden von 1947 bis 1956 etwa 900 antike Schriftrollen gefunden. Elf Höhlen lagen in der Nähe einer Siedlung, die etwa zwischen 100 vor und 68 nach Christus bewohnt war. In dem religiösen Schrifttum der Essener tritt dem "Lehrer der Gerechtigkeit"
als Widerpart ein "Lügenmann" entgegen. Namen werden nicht genannt.
Irgendwann um das Jahr 30 ließ Galiläas und Peräas jüdischer Herrscher, der "Vierfürst" Herodes Antipas, den Täufer Johannes ins Gefängnis werfen, weil der es gewagt hatte, die Ehemoral des Fürsten öffentlich zu kritisieren. Obgleich Jesus offensichtlich zum Jüngerkreis des Täufers gehörte, nahm er möglicherweise die Verhaftung des Johannes zum Anlass, sich abzusetzen.
Fortan zog Jesus als eine Art freiberuflicher Wanderprediger, Wunderheiler und Exorzist, der von Spenden lebte, wohl hauptsächlich durch sein kleines Galiläa (es maß etwa 40 mal 50 Kilometer). Sein öffentliches Wirken dauerte höchstens drei Jahre, vermutlich sogar nur ein einziges Jahr.
Wenn die Evangelien Orte, Zeiten und Anlässe benennen, so ist das meist nur ein Stilmittel, das die Erzählung anschaulicher und einprägsamer machen soll. So hat die weltberühmte Bergpredigt weder auf einem "Berg" noch vor "vielen Menschen" (Mt 5,1) stattgefunden, sondern überhaupt nicht. Sie ist lediglich eine Textsammlung von etwa 25 zentralen Motiven christlicher Moralvorstellungen - höchstens einige davon gehen auf Jesus selbst zurück.
Jedenfalls kamen die Worte an. Politisch unter der Knute der römischen Besatzungsmacht, religiös unter der Fuchtel spitzfindiger Religionsexperten, sozial weitgehend verarmt, chancenlos, rechtlos, mit einer Lebenserwartung von vielleicht 35 Jahren, die Frauen eher weniger - solche Leute hatten für Botschaften von naher Erlösung und Befreiung stets offene Ohren.
Vom historischen Jesus waren sie wohl nur für Juden gedacht, weil er als Jude lediglich eine Reform des Judentums im Sinn hatte: "Ich bin nur den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt" (Mt 15,24). Eine Botschaft für die "Heiden" wurde daraus erst nach Jesu Tod. Und seitdem besteht der wichtigste theologische Unterschied zwischen Christen und Juden in der Messias-Frage. Während gläubige Juden den Messias noch immer erwarten, ist für Christen die Gottesherrschaft mit Jesus "angebrochen".
Wie Jesus zunächst den Underdogs, damals die Mehrheit der Bevölkerung, ihr Selbstbewusstsein stärkte, ging mit dem vielfachen "Selig" der Bergpredigt in die Weltliteratur ein: "Selig, die arm sind vor Gott", "selig die Trauernden", "selig, die hungern und dürsten, denn sie werden getröstet werden", und "ihnen gehört das Himmelreich" (Mt 5,3-10).
Besonders attraktiv müssen zudem im 1. Jahrhundert die Akzente gewirkt haben, die Jesus in Moralfragen setzte. Dem Dickicht von religiösen Gesetzen und Hunderten Einzelvorschriften setzte er ganze zwei Grundgebote gegenüber, beide bereits lange zuvor Bestandteil der jüdischen Bibel:
"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen ... und deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Mt 22,37-39). An diesen beiden Geboten, fügte Jesus hinzu, hänge "das ganze Gesetz samt den Propheten". Für den, der es nüchterner mochte, empfahl er die Goldene Regel: "Alles also, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen" (Mt 7,12). Mehr noch: "Wer bei euch der Erste sein will, der soll der Sklave aller sein" (Mk 10,43).
Wie er sich das im Alltag vorstellte, erklärte er immer wieder konkret: "Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde" (Mt 5,44). Zum Verzeihen bereit sein müsse man "nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal" (Mt 18,22). Ein vergleichbar großherziges Gebot lässt sich in der heiligen Schrift der Muslime, dem mehr als 500 Jahre nach den Evangelien aufgeschriebenen Koran, nicht finden. Der Koran fordert einerseits dazu auf, Juden und Christen zu "respektieren", andererseits sollen sie auch "bekämpft" werden, bis sie Tribut zahlen. Islamistische Gotteskrieger, die ihre Feinde in den Tod bomben, können sich darauf kaum berufen.
Weltberühmt wurde die Szene aus dem Johannes-Evangelium: Jesus lehrt vor großem Publikum im Jerusalemer Tempel. Auf der Suche nach einem Klagegrund gegen Jesus haben Pharisäer und Schriftgelehrte ihm eine Frau vorgeführt, die nach dem Gesetz des Mose wegen Ehebruchs gesteinigt werden muss. Jesus erledigt die Sache höchst unkonventionell:
"Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: ''Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.'' Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem andern fort, zuerst die Ältesten ... Da sagte Jesus zu ihr: ''Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr''" (Joh 8,6-11).
So müsste er gewesen sein, dieser originale Jesus, denkt man. Doch ausgerechnet diese Szene stand nicht im ursprünglichen Johannes-Evangelium, sondern wurde erst viel später in den Text hineingeschrieben. Aber auch wenn sie erfunden ist, ist sie gut erfunden.
Vom historischen Jesus stammen generell wohl die Bildvergleiche zwischen dem Reich Gottes und einfachen Motiven aus dem ländlichen Galiläa: Sie erzählen vom Sämann auf dem Feld oder vom Unkraut unterm Weizen, vom prall gefüllten Fischnetz und vom Schatz im Ackerboden, oder vom "Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis es ganz durchsäuert war" (Mt 13,33). Der Sinn solcher Gleichnisse ist stets: kleiner Anfang, große Wirkung. Oder: erst Verzweiflung und Chaos, dann Gottes Sieg.
Handfest wie sein Denken könnte auch Jesu tatsächliches Leben gewesen sein. Er schien sie alle zu fesseln: Kinder, Frauen und Männer, Arme, Kranke, Krüppel und Besessene ebenso wie Schriftgelehrte, Älteste und Tempelpriester. Mit Pharisäern saß er zuweilen sogar zu Tische.
Aber er speiste auch mit Zöllnern und Huren, weshalb er seinen Feinden als "Fresser" und "Säufer" galt (Mt 11,19). Als ihm die Pharisäer dies vorhielten, konterte er: "Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken" (Mt 9,12).
Insbesondere Jesu Verhältnis zu Frauen ist bemerkenswert. Frauen gehörten zu seinem Jüngerkreis, was ungewöhnlich war und daher kaum erfunden sein dürfte. Noch ungewöhnlicher: "Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen" (Lk 8,2-3).
War Jesus gleichwohl, für einen jüdischen Rabbi damals die Normalität, verheiratet? Weil die Evangelien darüber schweigen, erwecken sie den Eindruck, Jesus habe unverheiratet oder gar abstinent gelebt. Wahrscheinlich sah er das Ende der Zeiten so nah, dass er eine Heirat überflüssig fand. Was die Ehemoral betrifft, war er wohl ein Rigorist. Matthäus lässt ihn predigen: "Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen."
Andere Evangelienstellen drängen dennoch Fragen auf wie: Hatte Jesus eine Freundin, eine Geliebte, eine Lebensgefährtin? Möglichkeiten hatte der vielfach Bewunderte gewiss mehr als genug.
Im Verdacht steht meist Maria Magdalena, die legendäre "schöne Sünderin". Laut Lukas-Evangelium gehörte sie zu den ständigen Jesus-Begleiterinnen, nachdem der Meister persönlich sie geheilt hatte - von "sieben Dämonen" (Lk 8,2). Einen Absatz vorher beschreibt Lukas, wie Jesus im Haus des Pharisäers Simon zu Gast ist - eine namentlich nicht identifizierte Hure kommt herein und weint, wäscht Jesus mit ihren Tränen die Füße, trocknet sie mit ihren aufgelösten Haaren und küsst sie (Lk 7,36-50). Und das auch noch mit aufgelösten Haaren - das war damals so viel wie nackt. Ein bisschen Liebe?
Obwohl Lukas es nicht sagt, könnte diese Hure durchaus Maria Magdalena gewesen sein. Dass sie ihren Rabbi Jesus ernsthaft geliebt haben könnte, zeigt sich vor allem, als es Jesus schlecht geht. Laut Markus-Evangelium steht sie bei der Kreuzigung, gemeinsam mit ein paar anderen Frauen, in Sichtweite (Mk 15,40). Jesu Männer waren, ausgenommen der legendäre Lieblingsjünger Johannes, getürmt. Nach der Grablegung will sie das Grab sehen und den toten Jesus salben (Mk 16,1-8).
Und auch später lässt sie nicht locker. Am Tag nach dem Pessach-Fest ist sie morgens früh die Erste vor der Grotte, sieht ins leere Grab, ist entsetzt, bis ihr als Erster Jesus nach seinem Tod erscheint und sie tröstet (Joh 20,11-18). Sie ist ihm also durchaus nicht gleichgültig.
Quer durch die Jahrhunderte wuchern um diese Beziehung die wildesten Geschichten. Bereits im 2. Jahrhundert bezeichnet das apokryphe Philippus-Evangelium Maria Magdalena als Gefährtin Jesu. Im 12. Jahrhundert, der Gründerzeit des Templer-Ordens, wurde unter anderem die These gehandelt, Maria Magdalena sei nach dem Tode Jesu gen Südfrankreich geflüchtet und habe dort in einer Höhle bei Sainte-Baume als Einsiedlerin gelebt. Im Spätmittelalter kamen gar Legenden von ihrer Himmelfahrt auf - der Körper ohne Kleider, nur bedeckt von ihren langen Haaren.
Die Evangelien berichten über 29 Wunder, die Jesus bewirkt haben soll: 3 Austreibungen böser Geister, 16 Heilungswunder, 3 Totenerweckungen (außer der eigenen), 7 Naturwunder. Jesus beruhigt den Sturm auf dem Meer, geht übers Wasser, sättigt mit ein paar Broten und Fischen einmal 4000, ein andermal 5000 Leute.
"Von keinem antiken Wundertäter", schreibt der Neutestamentler Jürgen Becker in seinem Jesus-Buch, "sind so viele Wunder überliefert wie von Jesus." Kaum ein Exeget verteidigt heute noch diese biblischen Wunder als Fakten. In der antiken Welt, so Becker, "stehen außergewöhnliche Phänomene aller Art prinzipiell im Einklang mit dem Wirklichkeitsverständnis".
In endzeitlicher Erwartung verbrachte die Urgemeinde nach Jesu Tod die ersten Jahre in Jerusalem. Die Lehre, zuerst noch nirgends aufgeschrieben, breitete sich mündlich trotzdem aus.
Mit Paulus betritt um 40 nach Christus eine geniale Figur die Baustelle der entstehenden Christenheit. Anders als Petrus und der Jesus-Bruder Jakobus kennt der mit dem antiken Weltbild und der griechischen Sprache vertraute Paulus Jesus nicht mehr aus dessen Lebzeiten, er will dem Meister nur nach dessen Auferstehung in einer Vision begegnet sein. Auch Paulus glaubt an das baldige Ende der Welt, aber der intellektuelle Weltmann, Jude wie die Jünger, betreibt die Heidenmission und überschreitet dabei die Grenzen der jüdischen Überlieferung. Er hat erst dadurch den Glauben an Christus für die Menschheit geöffnet - so gesehen, ist eigentlich Paulus der Stifter dieser Weltreligion. Auf sein Mitbetreiben ist die Beschneidung nicht mehr Pflicht, will einer vollwertiges Mitglied einer christlichen Gemeinschaft sein: Die Beschneidung der Herzen, so Paulus, sei wichtiger. Der Sabbat muss nicht mehr unbedingt geheiligt sein, auch die Reinheit des Essens wird großzügiger beurteilt.
Grausame Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet der Jude Paulus zum ersten Pamphletisten des christlichen Antijudaismus wird. Im Paulusbrief an die Thessalonicher, um 50 nach Christus entstanden und damit der älteste erhaltene christliche Text, stehen im zweiten Kapitel zwei schreckliche Verse: Die Juden, heißt es da, "haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen" (1 Thess 2,15-16).
Diese Stelle löst bei den Schriftgelehrten unserer Zeit große Verlegenheit aus. Ein kleiner Teil der Exegeten erklärt sie als nachträgliche Einfügung. Aber die Mehrheit hält sie für echt. Der Professor für jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, Daniel Schwartz, versucht eine Erklärung: "Ich muss leider sagen, dass die Feindseligkeit der Juden untereinander oft keine Grenzen kennt." Der Antijudaismus eine Erfindung der Juden?
Wohl kaum. Immerhin sahen sich, so schätzen Experten, 6,5 Millionen Einwohner des Römischen Reiches als Anhänger des Judentums an, also knapp ein Zehntel der Bevölkerung. Den Juden, die in der Diaspora wegen ihrer Reinheitsvorschriften das gemeinsame Mahl mit Nichtjuden verweigerten, begegneten die Römer mit Ablehnung, aber auch Bewunderung, weil die römische Staatsreligion mit ihrer Vielgötterei besonders bei der römischen Oberschicht als korrumpiert galt.
Für die Verstärkung des Antijudaismus in späteren Epochen hat Sigmund Freud eine interessante Erklärung. Mit Gewalt, so schreibt der Erfinder der Psychoanalyse in seinem Mose-Buch, seien die Völker christianisiert worden. Den Verwundungen und dem daraus resultierenden Hass auf das Christentum stand nur ein Ventil zur Verfügung - der Hass auf die Juden als angebliche Christus-Mörder, eine Umleitung der Aggression, psychoanalytisch gesprochen: eine klassische Verschiebung.
Abgesehen vom düsteren Kapitel des Antijudaismus, gehört die Nachwirkung der frühchristlichen Jesus-Verklärung zu den großen Erfolgsgeschichten der Menschheit. Noch heute bekennen sich rund zwei Milliarden Gläubige zur Botschaft der Evangelien.
Was die Menschen an ihr stets besonders fasziniert hat, sind ihre Paradoxien: Auferweckung im Tod, Sieg in der Niederlage, Stärke durch Schwäche, das "Blut der Versöhnung" (Klopstocks "Messias"-Dichtung), die Rettung im Weltuntergang, vor allem aber: Gott als Mensch. Anders als die meisten Kulte der Spätantike bezog sich das Christentum nicht nur auf zeitlose Mythen und Legenden, sondern auf ein einmaliges historisches Ereignis - auch wenn dies weitgehend legendär dargestellt und ausgeschmückt wurde. Gerade in der konkreten Historizität der Jesus-Gestalt lag das besondere Machtpotenzial des frühen Christentums.
Alexander der Große hielt sich für einen Sohn des Zeus, im Osten des römischen Reichs wurde Kaiser Augustus als Gott verehrt, Jesaja feierte den persischen König Kyros, der die Juden aus der Babylonischen Gefangenschaft befreite, als Messias - das waren alles gloriose Überhöhungen eindeutig irdischer Helden. Das skandalös Neue an Jesus dagegen: die - von den Kirchenvätern sehr bald nach dem 1. Jahrhundert dogmatisierte - strikte Identität von Gott und Mensch (zwei Personen, eine Natur), die Behauptung, dieser eine Mensch Jesus habe nicht nur göttlichen Rang, sondern sei Gott selbst.
Aus der paradoxen Verquickung von einmaligem geschichtlichem Ereignis und ewiger Wahrheit ergab sich ein propagandistischer Vorteil besonderer Art: Alle möglichen Spuren des Authentischen - heilige Orte, heilige Knochen, Turiner Grabtuch, Schweißtuch der Veronika - wurden zu zusätzlichen Stützen des Glaubens.
Die spektakulärste Ikone dieser Art ist das jahrhundertelang vom Fürstenhaus Savoyen bewahrte, im Turiner Dom als Reliquienschatz verehrte und gehütete Leichentuch Christi - aus schattenhaften Umrissen zeichnet das vier Meter lange Leinentuch erstaunlich genau das Bild eines übel Ausgepeitschten und Gekreuzigten. Lange für eine Fälschung des Mittelalters gehalten, wurde dem heiligen Laken vor zwei Jahren, nach akribischen Textil- und Pollenuntersuchungen, bescheinigt, dass zumindest der Stoff wohl aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert stammt.
Solche Gegenstände der Verehrung warben jahrhundertelang effektvoll für den Heiland in Gesellschaften, die überwiegend aus Analphabeten bestanden. Aber auch Gebildete erlagen schon frühzeitig dem seltsamen Sog des Reliquienkults: Helena, die vornehme Mutter des Kaisers Konstantin, reiste im 4. Jahrhundert nach Jerusalem, ließ sich Grabstätte und Golgota zeigen und soll mindestens zwei jener Nägel, die angeblich durch Handgelenke und Füße des Herrn getrieben worden waren, erworben haben - 1968 wurde in Jerusalem der von einem Gekreuzigten des 1. Jahrhunderts stammende, von einem eckigen Nagel durchbohrte Fersenknochen ausgegraben, der belegt: Die Füße des Opfers wurden getrennt ans Kreuz genagelt.
Ob Kaisermutter Helena die echten Nägel erwarb, bleibt ungewiss, überliefert aber ist, dass einer der Nägel in das Zaumzeug von Sohn Konstantins Lieblingspferd eingearbeitet wurde. Eine Religion zum Anfassen: Während das Denken über die Einheit des Unvereinbaren, des Unendlichen und Endlichen, grübelt, betasten die Hände die Nägel, die den Gottessohn durchbohrten.
Dass eine derartige Religion die Zweifler herausfordert, zumindest den historischen Part der phantastischen Story zu überprüfen und womöglich zu widerlegen, ist klar. Die Christen haben keinen Grund, darüber die Nase zu rümpfen - ist doch das Historischwerden ihres Gottes keine entbehrliche Zutat dieser Religion, sondern eine ihrer wesentlichen Pointen. Das Christentum ist Theologie aus Geschichte.
Rudolf Augstein jedenfalls zog, in seinem Buch "Jesus Menschensohn" (1972/ 1999), aus der verworrenen Jesus-Überlieferung die Konsequenz: Er nahm Abschied vom Glauben an den Gottessohn Jesus wie von der Deutungshoheit der Kirchen. "Können wir ohne Religion leben?", fragte sich Augstein und antwortete: "Wir werden das wohl müssen."
Gleichwohl: Nach rund 200 Jahren Säkularisation, die in Europa erst zur Trennung von Kirche und Staat, dann auch zur Trennung von Religion und Gesellschaft geführt hat, ist das allgemeine Interesse an Jesus und seiner Lehre immer noch groß und anhaltend. Wie der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf in seinem neuen Buch "Die Wiederkehr der Götter - Religion in der modernen Kultur" schreibt, sind von der christlich-jüdischen "Tiefengrammatik" nach wie vor viele heutige Verständigungsprozesse geprägt, etwa wenn das Tierschutzgesetz mit dem christlichen Begriff "Mitgeschöpf" argumentiert.
Offenbar hängen die Menschen zäh an jener unverfügbaren Würde, die jedem Einzelnen von ihnen durch die Botschaft vom Gottmenschen zugespielt wird. Sie empfinden diesen unverhandelbaren "Transzendenzcharakter" (Graf) als Schutz gegen die Manipulation durch alle möglichen Sachzwänge und selbst ernannten Herren der Welt.
Gewiss setzt die Teilhabe an diesem Schutz den Sprung in den Glauben voraus, und Glauben ist nicht Wissen. Der Münchner Publizist Peter Seewald, 49, beschließt sein anrührend autobiografisches Buch "Grüß Gott - Als ich begann, wieder an Gott zu denken" mit einer Ferienszene, die zugleich sehr alltäglich und sehr symbolisch für das Wagnis des Glaubens ist: "Ich holte ganz tief Luft und tauchte, und dann schwamm ich in weiten Zügen hinaus aufs Meer." NIKOLAUS VON FESTENBERG,
MANFRED MÜLLER, MATHIAS SCHREIBER
* Gemälde von Cima da Conegliano (1494). * Fresko "Christi Gefangennahme" (1563) von Thomas Pot. * Gemälde von Mihály Munkácsy (1881).
Von Nikolaus von Festenberg, Manfred Müller und Mathias Schreiber

DER SPIEGEL 16/2004
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