10.04.2004

POPGanz wie die Garbo

Das legendäre schwedische Quartett Abba mag sich nicht wiedervereinigen. Doch bringt nun eine der Sängerinnen, erstmals seit 17 Jahren, eine Solo-CD heraus.
Es ist vier Jahre her, dass den vier Pop-Veteranen der schwedischen Band Abba ein Angebot von nahezu unmoralischen Dimensionen unterbreitet wurde: Ein Konsortium aus britischen und amerikanischen Geschäftsleuten offerierte ihnen eine Milliarde US-Dollar für eine Reunion-Tournee.
"Angesichts der Summe mussten wir uns natürlich Gedanken machen - für so einen Haufen Geld könnte man eine Menge Krankenhäuser bauen", sagt Björn Ulvaeus, einst einer der beiden Abba-Songwriter. "Aber wir haben uns dagegen entschieden, denn die Angst davor, jeden Abend das Publikum zu enttäuschen, war dann doch so groß, dass wir uns das für kein Geld der Welt antun wollten."
Zum Trost für die Fans und zum 30. Jahrestag des Triumphs von "Waterloo" beim internationalen Schlagerwettbewerb Grand Prix d'Eurovision de la Chanson erscheint nun immerhin die DVD "Abba - In Concert" - der Mitschnitt eines historischen Konzerts von vor 25 Jahren. Außerdem kommt der pompöse Bildband "Abba - Fotografien 1974 - 1980" in die Läden. Das wichtigste Lebenszeichen aus der Gegenwart aber kommt von Agnetha Fältskog: Die Blonde von Abba meldet sich mit ihrem ersten Soloalbum nach 17 Jahren zurück.
Auf dem Comeback-Werk "My Colouring Book" und der ersten Single daraus "If I Thought You'd Ever Change Your Mind" interpretiert die 54-Jährige sehr souverän alte Nummern von Cilla Black, Dusty Springfield und Petula Clark.
Sehr spektakulär allerdings ist das nicht; das Spannendste an der Platte ist wohl, dass es sie überhaupt gibt; die notorisch schüchterne Künstlerin Fältskog wird von schwedischen Journalisten gern eine "zweite Garbo" genannt.
Fältskog arbeitete im Atlantis-Studio in Stockholm, wo einst Abba ihre ersten Hits aufnahmen und noch heute ein Klavier von Benny Andersson herumsteht. "Ich hatte eine Art Mikrofonangst aufgebaut, die ich erst nach drei bis vier Wochen überwunden hatte", berichtet sie, "ungefähr so wie eine verstopfte Leitung, die auf einmal frei ist."
Die Vorstellung, nun nach so langer Zeit wieder ins Rampenlicht zurückzukehren, muss ihr dann doch noch so unheimlich geworden sein, dass sie kurzfristig alle Interviews für das neue Werk wieder abblies.
Seit je scheint es, als sei Agnetha Fältskog diejenige unter den Abba-Mitgliedern, die mit dem gewaltigen Ruhm des Quartetts am wenigsten umgehen konnte. Als sie Ende der sechziger Jahre in Schweden als Solistin loslegte, sei es der größte ihrer Träume gewesen, es einmal in die nationale Hitparade zu schaffen, berichtete sie in einer Abba-Dokumentation der BBC, in der sie sich als Einzige nicht vor laufender Kamera äußern mochte.
Der Ruhm, den sie mit Abba erfuhr, wurde schnell zum Alptraum, so heißt es in ihrer Autobiografie: "Ich hatte das Gefühl, dass die Fans Besitz von mir ergreifen würden und mich nie wieder loslassen. Es ist eine dünne Grenze zwischen ekstatischem Gefeiertwerden und einer Bedrohung." Nach dem Abba-Finale 1982 veröffentlichte sie ein paar Solowerke und zog sich dann komplett zurück.
Die Wiederentdeckung von Abba begann Mitte der neunziger Jahre, als die Hit-Sammlung "Gold" überraschend zum Millionenrenner wurde.
Dabei half, dass sich ganz überraschend der hippe Popnachwuchs für die vermeintlich uncoolen Abba-Hits begeisterte: Das Elektropop-Duo Erasure landete mit Abba-Coverversionen einen Bestseller. U2-Sänger Bono outete sich als Fan und lud die Abba-Macher Björn Ulvaeus und Benny Andersson für eine gemeinsame Version von "Dancing Queen" bei einem U2-Konzert auf die Bühne ein. Auch Größen wie Moby, Joey Ramone, Kurt Cobain und Tina Turner bekannten sich öffentlich zu ihrer Abba-Liebe.
Kapital aus dem Boom schlugen auch zahllose Abba-Imitationsgruppen wie Björn Again aus Australien. "Wenn die bloß aufhören würden, unseren vermeintlich schwedischen Englisch-Akzent bei den Ansagen zu kopieren", beschwert sich Ulvaeus.
Zum großen Coup geriet in den vergangenen Jahren dann das Abba-Musical "Mamma Mia!", das in Hamburg ebenso läuft wie in Seoul und bisher von mehr als zehn Millionen Zuschauern besucht wurde; weltweit hat es um die 750 Millionen Dollar umgesetzt und die Abba-Autoren Andersson und Ulvaeus, so Letzterer, "reicher gemacht, als Abba es je schafften".
Trotzdem arbeitet das Männer-Duo bis heute an neuer Musik. Zurzeit sind die beiden damit beschäftigt, ihr in Schweden erfolgreiches Musical "Kristina från Duvemala" ins Englische zu übertragen.
Außerdem hat es zumindest eine private Abba-Reunion gegeben. Auf der Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes trafen sich alle vier vor einigen Jahren erstmals wieder; zum Musikmachen aber reichte es nicht: "Was das wohl gegeben hätte?", amüsiert sich Björn Ulvaeus. CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 16/2004
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