19.04.2004

Das Comeback eines Krieges

Amerikas tiefste Ängste lassen sich in einem Wort zusammenfassen: Vietnam. Nun konfrontiert das Chaos im Irak die Supermacht mit ihrem Trauma. Viele US-Bürger fürchten bereits, dass ihr Land abermals im Sumpf eines Guerillakriegs versacken könnte.
Sie kommen nach Hause. Nicht als strahlende Sieger ferner Schlachten, von begeisterten Landsleuten als Helden umjubelt, Konfetti-umweht. Sie kommen in aller Heimlichkeit, meist nachts, Fotografieren streng verboten. Sie kommen in Leichensäcken.
Alle im Irak-Krieg gefallenen amerikanischen Soldaten müssen nach den Vorschriften der amerikanischen Streitkräfte zuerst in die Dover Air Force Base im US-Staat Delaware gebracht werden, nicht später als 48 Stunden nach ihrem Tod. Riesige C-5-Galaxy-Transportflugzeuge spucken die Särge mit den menschlichen Überresten aus, mit Sternenbannern geschmückt. Kleinlaster transportieren sie über das weite Rollfeld hinüber zum nahen Leichenschauhaus. Dort spricht einer der sechs Priester des Luftwaffenstützpunkts ein kurzes Gebet, bevor die Identifizierung beginnt, dann das Herrichten für die letzte Reise zu den trauernden Familien.
Eine "Atmosphäre wie in einer Kathedrale" herrsche hier, meint einer der Ärzte. "Amerika erfährt nicht, wie respektvoll mit den Überresten umgegangen wird", sagt bedauernd Kaplan John Groth einem Reporter der "New York Times", der sich beim ersten Journalistenbesuch seit langer Zeit nur ohne Kamera bewegen darf. "Obwohl die Särge nach der Untersuchung geschlossen und versiegelt werden, bügeln Soldaten die Uniformen der Gefallenen immer noch einmal auf. ,Herrichten' beschreibt nicht einmal annähernd, was die Kameraden tun."
Präsident George W. Bush hat bisher noch kein Militärbegräbnis besucht, Dover bleibt in den Fernsehnachrichten ausgeblendet. Amerika soll mit den menschlichen Kosten des Irak-Kriegs offensichtlich möglichst wenig konfrontiert werden. Auf dem Stützpunkt spricht man vom "Dover-Test", den vor allem das Pentagon fürchte: Wie viele Tote akzeptiert die amerikanische Öffentlichkeit, bevor sie gegen einen Truppeneinsatz in einem fremden Land rebelliert - womöglich wie damals vor gut 35 Jahren, als es diesen anderen amerikanischen Alptraumkrieg gab, noch weiter weg, im Fernen Osten?
Das V-Wort sprechen sie nicht aus auf der Basis, es ist tabu bei Ärzten, Soldaten, Seelsorgern. Und doch: Wenn jetzt die Opferzahlen so bedrohlich steigen, werden da nicht zwangsweise schmerzliche Erinnerungen wach an Tet-Offensive, Ho Tschiminh und Apocalypse Now?
Das V-Wort - "Vietnam" -, verbunden mit dem "Sumpf" ("quagmire"), aus dem die amerikanische Nation sich so lange nicht befreien konnte, tauchte erstmals in den Tagen auf, als der Vormarsch der übermächtigen US-Armee Ende März 2003 im Sandsturm vor Bagdad vorübergehend ins Stocken geriet. Der Vergleich hat die amerikanischen Unternehmungen im Irak weiter begleitet, vor allem in den letzten Monaten, als klar wurde, dass ein immer größerer Anteil der einheimischen Bevölkerung die Amerikaner heute wie damals eher als Besatzungsmacht denn als Befreier sieht.
Doch erst jetzt, da ein allseits anerkannter Elder Statesman der amerikanischen Politik, im achten Jahrzehnt seines Lebens und im fünften Jahrzehnt seiner Senatoren-Karriere, bei einer öffentlichen Rede Bagdad mit Saigon verglichen hat, sind die Dämme gebrochen: Amerika diskutiert die Frage: Irak gleich oder ungleich Vietnam, mit all ihren schmerzhaften Konsequenzen. Edward Moore Kennedy, 72, demokratischer Senator aus Massachusetts, letzter politisch aktiver Spross der legendären "Camelot"-Familie und Bruder von JFK (der die Eskalation des amerikanischen Vietnam-Engagements mit jenen ersten 16 000 Soldaten begann, die er nach Fernost schickte), sagte vor der Brookings Institution: "Dieser Präsident hat das Band des Vertrauens zum amerikanischen Volk zerschnitten und uns außenpolitisch isoliert. Das Land braucht einen neuen Führer. Der Irak ist Bushs Vietnam."
Wie eine Bombe schlug das Wort des alten Löwen Kennedy ein und spaltete die amerikanische Öffentlichkeit. "Ein absolut unzutreffender Vergleich", wiegelte der Präsident auf seiner Pressekonferenz am vorigen Dienstag ab. Er will verhindern, dass die Dämonen der Vergangenheit auch dieses Unternehmen belasten, das er inzwischen ausschließlich als Befreiungsschlag für das irakische Volk betrachtet.
Zu spät. Im gleichen Augenblick, in dem der US-Präsident - weit jenseits aller Realität - von einer überwiegend "stabilen Lage" sprach, taumelte der Irak dem Chaos entgegen. Die beiden ersten Wochen im April gerieten zur blutigsten Zeit des gesamten Irak-Kriegs, den der Präsident nach einem peinlichen Macho-Auftritt auf dem Flugzeugträger "USS Abraham Lincoln" bereits vor einem Jahr für beendet gewähnt hatte: "Mission accomplished".
Nichts war erledigt: Überfälle auf die Besatzer und Gefechte mit Aufständischen erschütterten das ganze Land. 99 gefallene Soldaten in 14 Tagen hatten die Amerikaner zu beklagen. Die Anzahl der getöteten Gegner - die Schätzungen belaufen sich auf 1500 bis 2500 - gaben die Besatzungstruppen gar nicht erst bekannt. Aus Furcht, Erinnerungen an die "body counts" des Vietnam-Kriegs zu wecken.
Nach anhaltenden blutigen Gefechten leerten sich vorige Woche in Bagdad die Straßen. Die Läden, die sonst bis auf die Bürgersteige überquellen mit Elektronik und Haushaltswaren, blieben geschlossen, die Kinder trauten sich nicht mehr zur Schule. Auch wirtschaftlich erlitt der neue Irak durch die Wiederkehr des Krieges einen ernsten Rückschlag - eine mit großem Aufwand geplante Messe für weltweite Investoren musste vorletzte Woche wegen der Kampfhandlungen abgesagt werden.
Auf ihre neuesten Verbündeten, die von privaten amerikanischen Sicherheitsfirmen nun im Rekordtempo gedrillte irakische Armee, konnten sich die Besatzer nicht verlassen - die Rekruten flohen, als die ersten Schüsse durch die Straßen peitschten. Internationalen Aufbauhelfern war das Chaos ein Signal zur Flucht. Als erste ausländische Nation startete Russland eine Rückholaktion für seine Landsleute. Mit Flugzeugen des Zivilschutzes sollten insgesamt 800 Russen und Bürger früherer Sowjetrepubliken evakuiert werden. Auch die meisten Helfer des Roten Kreuzes flogen ihre Mitarbeiter nach Amman aus, was im ganzen Land zu Engpässen in den Krankenhäusern führte.
Der überstürzte Aufbruch erschien unvermeidlich - alle Mitglieder der Koalition der Willigen, aber auch andere Westler, waren ins Visier der Aufständischen geraten. Für viele wurde die Haupteinfallstraße in den Irak, die Autobahn von Amman nach Bagdad, zur Falle. Den Angriffen fielen auch zwei Deutsche zum Opfer. Die beiden GSG-9-Beamten, abgestellt zum Schutz der deutschen Botschaft, wurden in der Nähe von Falludscha aus dem Hinterhalt erschossen.
Ungefähr 40 Ausländer befanden sich noch Ende vergangener Woche in der Gewalt von Enführern. Drei japanischen Geiseln, inzwischen wieder in Freiheit, hatten die Kidnapper angedroht, sie bei lebendigem Leib zu verbrennen, wenn ihre Forderung nach Abzug der japanischen Hilfetruppen nicht erfüllt würde. Wie ernst solche Erpressungen gemeint waren, zeigte die Hinrichtung der italienischen Geisel Fabrizio Quattrocchi (siehe Seite 126).
Und noch ein Alptraum: Hunderte von Kämpfern und Terroristen aus der arabischen Welt sickerten ins Land ein, mit nur einem einzigen Ziel - den Besatzern ein blutiges Gefecht zu liefern. Vorigen Freitag setzten die Amerikaner ihre mächtigsten Waffen ein, um die sunnitische Rebellenhochburg Falludscha ruhig zu stellen. Der Rauchpilz einer 1000-Kilogramm-Bombe hüllte ganze Straßenzüge ein.
Auch der gefährlichste Konflikt, dem sich die Amerikaner im besetzten Irak gegenübersahen, ist noch immer nicht entschärft - die Konfrontation mit den radikalen Anhängern des Schiiten-Führers Muktada al-Sadr. US-Truppen umzingelten vorige Woche die heiligen Städte der Schiiten, Kerbela und Nadschaf. Auf Bitten der Koalition hatten die Glaubensbrüder in Iran eine Unterhändlerkommission geschickt, die sich aber weigerte, mit den Amerikanern zu verhandeln - Unbekannte hatten einen iranischen Diplomaten mitten in Bagdad in seinem Wagen erschossen.
Sadr, der junge Wilde aus dem angesehenen Ajatollah-Geschlecht der Sadrs, hatte alle Schiiten zum Aufstand gegen die Amerikaner aufgerufen, die ihn, laut Aussage von US-General Ricardo Sanchez "tot oder lebendig" ergreifen wollten. Seine in der so genannten Armee des Mahdi zusammengefassten Milizen hatten in Bagdad US-Soldaten in den Hinterhalt gelockt und getötet.
Nun brennen die islamistischen Kämpfer darauf, den Amerikanern eine blutige Lektion im Guerillakampf zu erteilen, sollten sie es wagen, ihre Drohung wahr zu machen, die heilige Stadt zu erobern und Sadr festzunehmen.
Schon hat auch der von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit geachtete - und bislang moderate - Großajatollah Ali al-Sistani angekündigt, er werde alle Iraker zur Intifada aufrufen, falls die Amerikaner es wagen sollten, in die Pilgerstadt Nadschaf einzumarschieren.
Dort, inmitten seiner zum Martyrium nur allzu bereiten Anhänger verschanzt, weigert sich Sadr beharrlich, die Armee des Mahdi aufzulösen, wie es die Koalitionstruppen fordern. Über Vertreter wandte er sich direkt an den US-Präsidenten. In einer verlesenen Predigt drohte er: "Ich wende mich an meinen Feind Bush - jetzt kämpfst du gegen eine ganze Nation, von Nord nach Süd, von Ost nach West. Wir raten dir, dich aus dem Irak zurückzuziehen, oder du verlierst die Wahlen, für die du so kämpfst."
Ein tückischer Rat. Fast augenzwinkernd macht Sadr seinem Gegner die unabdingbare Voraussetzung klar, ohne die Bush sich keine Hoffnung auf eine zweite Amtszeit zu machen braucht - Ruhe im Irak. Doch genau die ist derzeit nicht zu haben.
Denn die Bilder von kämpfenden Aufständischen, von überfallenen Konvois, von brennenden Moscheen, von getöteten Ausländern; die Bilder von sterbenden amerikanischen Soldaten und von Kampfeinheiten, die über der Leiche eines gefallenen Kameraden beten, von den Marineinfanteristen, die in US-Flaggen gehüllte Särge eskortieren - sie alle rufen in jedem Amerikaner, der sich noch daran erinnern kann, Assoziationen an die bestenfalls verdrängten Jahre von Vietnam hervor.
Lange Zeit hatte George W. Bush wie ein Super-Teflon-Präsident gewirkt, an dem jede Kritik, jeder Rückschlag auf dem Schlachtfeld abzuprallen schien. Doch jetzt sind seine Umfragewerte abgerutscht, sieben Punkte fiel er hinter seinen Herausforderer John Kerry zurück. 51 Prozent finden nun auch seine Vorgehensweise im Irak falsch, eine Mehrheit sieht durch die Invasion die Terrorgefahr nicht gemindert, sondern gesteigert. Und vier von zehn Amerikanern sind laut US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" in diesen Tagen besorgt darüber, dass aus dem Irak ein neues Vietnam wird.
Wieso wird die Nation dieses Trauma nicht los? Was spricht für, was gegen den Vergleich des Irak-Kriegs mit dieser großen, offensichtlich nie verheilenden kollektiven Wunde?
Der Krieg, der nie wirklich zu Ende ging, der auch 30 Jahre nach der Flucht des letzten Hubschraubers vom Dach der US-Botschaft in Saigon noch schmerzt, war der erste in Übersee gefochtene Krieg, der die Amerikaner als Nation nicht enger zusammenschweißte. Vietnam zerriss das Land und das gleich mehrfach: Die smarten Söhne der weißen Mittelklasse, College-Kids wie Bill Clinton, der spätere Präsidenten-Vize Dan Quayle oder George W. Bush, konnten sich legal, halblegal, illegal dem Einberufungsbescheid entziehen. Vietnam war für Dumme, für Arme - und für Schwarze.
Diejenigen die kämpften, diejenigen, die, wie Pete Seeger sang, "bis zum Bauch im Schlamm steckten" und sich "vom Narren" in Washington immer tiefer in den Sumpf treiben lassen mussten, fühlten sich verhöhnt, wenn Filme wie Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" das Unternehmen Vietnam als unaufhaltbaren Abstieg in den Wahnsinn geißelten - zu den Klängen von Wagners Walkürenritt und mit dem Ruf: "Ich liebe den Geruch von Napalm im Morgengrauen."
Eine neue Erfahrung für Amerikaner: Ihre Truppen stellten nicht mehr die rettende Kavallerie, um die Geschichte zu einem guten Ende zu bringen. Jetzt ging die Jugend der ganzen Welt, im Westen wie im Osten, auf die Straße und demonstrierte zur ungläubigen Verblüffung der Amerikaner für den Feind: "Ho, Ho, Ho Tschi-minh". Und sie prangerte Exzesse an, wie den Blutrausch der Mörder in US-Uniform gegenüber den Dorfbewohnern von My Lai.
Im eigenen Land verlangten die Vietnam-Gegner von ihrem Präsidenten, der inzwischen Lyndon B. Johnson hieß, Antwort auf die Frage: "Hey, hey, LBJ, how many kids did you kill today?" Innerhalb von drei Jahren hatte Johnson die US-Präsenz in Vietnam von 23 000 auf rund eine halbe Million Soldaten verstärkt.
Dann begann der Krieg an der Heimatfront. Nachdem am 4. Mai 1970 Nationalgardisten auf dem Campus der Kent State University von Ohio vier Studenten erschossen, die gegen den Vietnam-Kurs von Präsident Richard Nixon demonstrierten, verwandelten sich die Universitäten im ganzen Land in Bürgerkriegszonen.
In Vietnam verlor Amerika seinen Kinderglauben an die guten Absichten seiner Präsidenten, die angemessene Mittel für hehre Ziele einsetzen. In Vietnam ging das Vertrauen in Amerikas moralische Sonderstellung unter den Nationen zu Grunde, an seine militärische Unbesiegbarkeit und seine besondere Rolle in der Geschichte. Nach Vietnam war Amerika nicht mehr dasselbe Land wie zuvor: voller Selbstzweifel und auf der Suche nach den Schuldigen für den Verlust der Unschuld.
58 000 Amerikaner fielen im Zeitraum zwischen 1961 und 1973 - im Zweiten Weltkrieg waren es 400 000 gewesen, im ähnlich traumatischen Bürgerkrieg gar 500 000. Und doch war es die Lektion aus dem Vietnam-Krieg, die in den nächsten Dekaden dafür sorgte, dass US-Präsidenten Militäreinsätze nur in begrenztem Umfang anordnen konnten.
Für die Zeit nach dem schmählichen Abzug galt in der Außenpolitik das Dogma Henry Kissingers von der schwindenden Macht der USA, die der Altmeister der Diplomatie durch ein Netz von Abkommen und Rüstungsbeschränkungen mit den kommunistischen Rivalen absichern wollte. Selbst ein durch seine Brandreden ausgewiesener Bellizist wie Ronald Reagan ließ sich auf Militäreinsätze nur ein, wenn seine Luftwaffe sie ohne große Verluste ausführen konnte oder wenn es galt, ein paar US-Bürger auf einer Karibik-Insel wie Grenada in Sicherheit zu bringen.
Noch bei Clinton zeigte sich das Vietnam-Syndrom in ungebrochener Wirksamkeit. Der Kriegsgegner von einst holte US-Friedenstruppen aus Somalia sofort zurück, als die Fernsehstationen Bilder eines toten GI gezeigt hatten, den ein Mob durch die Straßen von Mogadischu schleifte.
Zwar hatte der Vater des jetzigen Präsidenten vor seinem Golfkrieg die Hoffnung geäußert, wenn alles vorbei sei, wäre "auch das so genannte Vietnam-Syndrom ein für alle Mal erledigt". Nach der Befreiung Kuweits von irakischer Besatzung war er sich nicht mehr so sicher. Auf die Frage, warum er nicht nach Bagdad durchmarschiert sei, antwortete er lange nach dem Wüsten-Krieg: "Wenn wir uns für eine Invasion entschieden hätten, wären wir womöglich noch heute eine Besatzungsmacht in einem zutiefst feindlichen Land."
Sein Sohn scheint von solchen Ängsten frei. Seine Landsleute sind es nicht: Das Wort "Irakisierung" ruft den gefürchteten Ausdruck "Vietnamisierung" hervor, jenen Euphemismus, der seit 1969 den allmählichen Rückzug der Amerikaner kaschieren sollte. In Wahrheit brachte er eine Ausweitung des Krieges nach Laos und Kambodscha mit sich. Er kostete weit über zwei Millionen Asiaten das Leben.
Robert Byrd, einer der ältesten Senatoren, fordert von seiner Regierung bereits einen Fahrplan für dem Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak. Denn auch Byrd vernimmt im Chaos des eigentlich längst besiegten Zweistromlands "Echos von Vietnam" - und fürchtet sie.
Die Hybris der Macht
Alle Fehler nehmen ihren Anfang mit der Arroganz, die neu gewählte Präsidenten offenbar besonders leicht überkommt. Wie die Regierung Kennedy hielt sich die Regierung Bush für das Beste und Klügste, was Amerika zu bieten hat.
Auch die Verachtung für den Vorgänger teilten die beiden persönlich so unterschiedlichen Präsidenten. Kennedy kritisierte an Dwight D. Eisenhower, er sei viel zu zögerlich gewesen, als es um die kommunistische Bedrohung Südostasiens ging. Seinen Demokraten war vorgeworfen worden, nach dem Zweiten Weltkrieg China an die Kommunisten verloren zu haben. Aber Ike, der Weltkriegssieger über Deutschland, hatte die Niederlage der Franzosen und die Teilung Vietnams in einen kommunistischen Norden und einen prowestlichen Süden zugelassen. Er, Kennedy, wollte keinen weiteren Vormarsch der Kommunisten erlauben.
Ganz ähnlich warf Bush seinem Vorgänger vor, amerikanisches Militär viel zu zögerlich und obendrein falsch eingesetzt zu haben. Sicher, auch Clinton hatte den Irak bombardiert, sogar jahrelang, aber immer nur mit geringsten Schäden - Luftabwehrstellungen in den beiden Flugverbotszonen des Landes. Dem Diktator von Bagdad konnten solche Nadelstiche nicht gefährlich werden.
Kennedys Selbstbeschreibung, er sei ein Idealist ohne Illusionen, würde sicher auch Bush für sich in Anspruch nehmen. Tatsächlich scharte sich Amerika nach den furchtbaren Anschlägen in New York und Washington wieder so vertrauensvoll um Bush, als sei das "Vietnam-Syndrom" wirklich Vergangenheit.
Vorbei schien die Skepsis, dass der Präsident seine Überfülle an Macht falsch nutzen könne. Vorbei damit auch die Zeit der strengen Auflagen für die Instrumente der Macht aus Angst vor ihrem Missbrauch. Die Rehabilitation des Militärs, der CIA und des FBI verstanden sich nach dem 11. September 2001 zunächst wie von selbst. In der Woge des Patriotismus war es der Weltmacht auch keine große Debatte wert, ob der Krieg eigentlich das geeignete Mittel zur Bekämpfung des Terrorismus sein kann. Plötzlich kam dem Militärischen wieder der Primat zu.
Das war Anfang der sechziger Jahre nicht viel anders gewesen. Die Vorstellung, kleine, schlecht ausgerüstete Asiaten könnten gegen eine hochgerüstete Armee irgendetwas ausrichten, schien absurd. Wofür hielt man sich die teure, schimmernde Wehr? Das Vertrauen in die eigene technologische Überlegenheit war grenzenlos - bei den Kennedy-Kämpen wie bei den Bush-Kriegern. Wenn man es nur richtig anpackte, so die Überzeugung damals wie heute, war alles machbar.
Fallende Dominos
Wie damals in Vietnam gab sich das Weiße Haus auch diesmal hochfliegenden Ideen über den unausweichlichen Erfolg seiner Machtpolitik hin. Der Neokonservativismus ersetzte den Kalten Krieg durch den langen heißen Krieg gegen Osama Bin Laden und sein weit verzweigtes Netzwerk. Wer nicht für uns ist, ist für die Terroristen, hieß es in Washington.
Was ehedem Vietnam gewesen war - ein Bollwerk gegen die weitere Ausdehnung des Kommunismus -, sollte nun der Irak sein. Klang es nicht logisch, dass sich der weltweite Terrorismus in ebenjenen gescheiterten Schurkenstaaten eine Basis sucht, die allenfalls noch in ihrer erbitterten Gegnerschaft zu den USA zusammengehalten werden? Musste ein Diktator wie Saddam Hussein nicht zwangsweise Verbindungen zum Qaida-Terror haben? Bush wollte den Irak zu dem Staat machen, an dem sich die Zukunft der ganzen Weltgegend entscheidet.
1963 hatte US-Verteidigungsminister Robert McNamara in einer Sicherheitsdirektive vor den Folgen eines Falls von Südvietnam gewarnt. Ganz Ostasien werde unter kommunistische Herrschaft geraten, Thailand, die Philippinen würden alsbald folgen, Indien, ja sogar Australien wären bedroht. Nichts davon traf zu: Anders als die Präsidenten Kennedy und Johnson gemutmaßt hatten, war Ho Tschiminh zuerst ein Nationalist und keineswegs nur der Handlanger Moskaus oder Pekings im Kampf um die Vorherrschaft in Asien.
Der alten Dominotheorie gaben neokonservative Überzeugungstäter wie Paul Wolfowitz oder Richard Perle nun eine neue Wendung: Wenn denn erst einmal ein demokratischer, marktwirtschaftlich orientierter Nach-Saddam-Staat in voller Blüte stehe, würden sich die anderen Staaten im Nahen Osten ein Beispiel daran nehmen, das Zeitalter des Feudalismus hinter sich lassen und ins Zeitalter der Demokratie eintreten. Derzeit jedoch geht vom Modell Irak nicht die geringste Überzeugungskraft aus, und die neue Dominotheorie scheint genauso unzutreffend, wie es die alte war.
Bei seiner Pressekonferenz am vorigen Dienstag hat Präsident Bush die Theorie abermals in ungewöhnlicher Emphase beschworen. Dabei trat bei ihm Freiheit an die Stelle der Demokratie, aber die eine ist wie die andere aus der Sicht des wiedergeborenen Christen "vom Allmächtigen den Menschen gegeben" - und Amerika sein missionarischer Sendbote. So gedankenschlicht, so demonstrativ gläubig, so politisch naiv ist schon lange kein Präsident mehr vor seine Nation getreten.
Oder sollte es im Irak doch immer schon primär um etwas anderes gegangen sein: um Zugriff auf riesige Erdölreserven, auf strategische Militärbasen?
Die Kriegslüge
Vietnam und Irak, beides waren Kriege, die den USA nicht aufgezwungen worden waren. Die Regierungen hatten den Waffengang gewollt, hatten ihn vorbereitet, Anlass und Begründung wurden in beiden Fällen nachgeliefert.
Die Taliban waren zerschlagen, Osama Bin Laden in die Flucht gejagt, als US-Präsident Bush am 29. Januar 2002 in seiner Rede zur Lage der Nation die Zukunft des Kriegs gegen den Terrorismus beschrieb. Die gegnerischen Schurkenstaaten und ihre terroristischen Verbündeten hätten, so Bush, eine "Achse des Bösen" gebildet. Sie könnten sich mit den Terroristen verbünden. Das jedoch werde er nicht zulassen: "Die USA werden es den gefährlichsten Regimen der Welt nicht erlauben, uns mit den verheerendsten Waffen zu bedrohen."
Der Vorsatz zum Sturm auf Bagdad war da längst gefasst. Schon während des Afghanistan-Feldzugs ließ Bush den Irak-Krieg vorbereiten, weist der Autor Bob Woodward in seinem neuen Buch nach.
Gut ein Dreivierteljahr später erhielt Bush vom Parlament die Erlaubnis, gegen Saddam Hussein loszuschlagen. Als Gründe führten die Parlamentarier an, wovon der Präsident sie überzeugt hatte: Der Irak besitze und entwickle biologische, chemische und nukleare Massenvernichtungswaffen und unterstütze überdies weiterhin Terrororganisationen.
Bush hatte die Abgeordneten getäuscht. Monatelang hatten vor allem die Experten des Verteidigungsministeriums versucht, den Nachweis zu erbringen, dass Saddam Hussein noch immer Massenvernichtungswaffen besitzt oder sie doch jederzeit herstellen könnte. Gesandte, etwa der ehemalige CIA-Direktor James Woolsey, wurden zu befreundeten Geheimdiensten geschickt, um auch noch die kleinsten Indizien für die Präsenz solcher Waffen zusammenzuholen. Genau die gleiche verzweifelte Suche richtete sich auf Belege für eine Zusammenarbeit des höchst weltlichen Despoten mit den Agenten des islamistischen Terrors.
Doch alles, was die Suchexpeditionen auftreiben konnten, waren die wohlfeilen Aussagen der Überläufer des Irakischen Nationalkongresses, dessen Chef, der in Jordanien wegen Betrugs verurteilte Banker Ahmed Tschalabi, Saddam Hussein schon immer beerben wollte. Jedes Mal, wenn die Gehilfen der Hardliner Donald Rumsfeld und Richard Cheney das Ergebnis ihrer Fischzüge den Geheimdiensten zur Prüfung vorlegten, holten sie sich eine Abfuhr. Die Quellen seien unzuverlässig, die Behauptungen unbeweisbar.
Doch die Märchen aus 2001er-Nacht erwiesen sich als zäh: Die mobilen Chemielabors, von denen ein Tschalabi-Vertrauter berichtet hatte, tauchten trotz Geheimdienstwarnungen aus aller Welt in der Ansprache von Außenminister Colin Powell vor der Uno auf. Heute gibt Powell zu, dass seine Rede, die das Scheitern der Waffeninspektoren beweisen sollte, "auf schwachen Grundlagen" beruhte.
Auch die nie bewiesene Verbindung zwischen dem irakischen Baath-Regime und al-Qaida führte ein unausrottbares Eigenleben. Noch bei Beginn des jüngsten Wüstenfeldzugs waren 55 Prozent der Amerikaner überzeugt, nun werde ein Schuldiger für die Anschläge von New York und Washington bestraft.
Eine vergleichbare Täuschung legitimierte auch die Ausweitung des Vietnam-Kriegs vom Kampf gegen die Guerilla im Süden zum Flächenbrand in der gesamten Region. Am 2. August 1964 war der US-Zerstörer "Maddox" vor der Küste Nordvietnams angegriffen worden. Die Attacke war schnell abgeschlagen. Der Zwischenfall wäre im Weißen Haus nicht weiter beachtet worden, hätten Regierungsberater nicht die Möglichkeit erkannt, den Nordvietnamesen erneut Stärke zu demonstrieren. Also erhielt die "Maddox" am übernächsten Tag Verstärkung durch ihr Schwesterschiff "C. Turner Joy" - und wieder fielen Schüsse: Die Amerikaner sahen Gespenster, auf die sie aus allen Rohren feuerten. Wenige Tage später räumte Präsident Johnson privat ein, dass die "saudummen Matrosen" allenfalls "auf Fische geschossen" hätten.
Dennoch rief der Präsident die Kongressführer ins Weiße Haus, verlangte eine Vollmacht für die Ausweitung des Krieges und schlug noch am Abend nach einem längst vorbereiteten Plan los: Zum ersten Mal bombardierten die USA nordvietnamesische Marinebasen. Johnson war sicher, dem Krieg die entscheidende Wende gegeben zu haben: "Ich habe Ho Tschi-minh den Schwanz abgeschnitten."
Es gibt allerdings einen großen Unterschied, der die beiden Täuschungsmanöver kennzeichnet. Bush gewann den Krieg im Irak, konnte aber den Frieden nicht sichern. Johnson verlor seine Präsidentschaft über einen Krieg, den er gar nicht erst gewinnen konnte.
Die Glaubwürdigkeitslücke
Berühmt-berüchtigt waren die Pressekonferenzen in Saigons Hotel "Rex", bei denen regelmäßig ein rosiges bis schlichtweg verlogenes Bild von der Kriegslage entworfen wurde; die "body counts" einzelner US-Kommandeure waren, was die Anzahl getöteter Vietcong betraf, regelmäßig erheblich übertrieben. "Five o'clock Follies" ("Verrücktheiten um fünf") hießen die Journalisten-Desinformationsveranstaltungen beim Pressekorps. Auch die Bush-Krieger tendieren heute zu einem merkwürdigen Informations- und Sprachverständnis: Pentagon-Speak, die zweite.
Der Präsident sprach noch am vergangenen Dienstag davon, dass die US-Streitkräfte "brillant" operierten. Brigadegeneral Mark Kimmitt in Bagdad sagte (mit dem Gestus des Vietnam-Generals William Westmoreland) über die rebellische Sunniten-Stadt Falludscha: "Wir werden sie befrieden." Anschließend qualifizierte er kritisch fragende arabische Reporter als "nicht unserem Standard entsprechend" ab.
Im Sprachgebrauch der Militärs handelte es sich bei den Aufständen um die "Taten einzelner Terroristen". Dan Senor, Sprecher der US-Zivilverwaltung, erinnerten die blutigen Auseinandersetzungen an "Schlaglöcher" auf dem Weg zur erfolgreichen irakischen Demokratisierung à la USA. Alles halb so schlimm, signalisiert die Besatzungsmacht - und schien, wie damals in Saigon, gar nicht zu bemerken, wie unglaubwürdig sie sich dadurch machte.
Dabei sind einige beunruhigende Gemeinsamkeiten beider Kriege mit Händen zu greifen. Im Irak wie in Vietnam stehen die Truppen vor dem Dilemma, entweder "die Herzen und den Verstand" der Einheimischen zu erobern oder als hart durchgreifende Besatzungsmacht die Bevölkerung zu radikalisieren. Vor allem die US-Marineinfanteristen waren stolz darauf, sich im Irak nicht als roboterhafte Kampfmaschinen aufzuführen - abschreckendes Beispiel: die Kollegen von der Armee -, sondern eher leichter bewaffnet aufzutreten, offen auf die Iraker zuzugehen und sich nicht hinter Sonnenbrillen zu verstecken. Ihre meisten Panzer hatten die Ledernacken bereits nach Hause geschickt.
Nun müssen sie erkennen, dass sie sich Kämpfern gegenübersehen, die nur eines wollen: den als Zerstörer ihrer Identität begriffenen Besatzer, mit welchen Mitteln auch immer und so schnell wie möglich, aus dem Land zu jagen. Der Urwald-Dschungel ist durch einen urbanen Dschungel abgelöst worden, die Heckenschützen und Sprengstofffallen sind die gleichen geblieben. Die Anschläge auf die Konvois der Amerikaner könnten den Lehrbüchern des Vietcong entstammen.
Und wenn es am Boden nicht mehr weitergeht, bleibt heute wie damals der Hilferuf an die Luftwaffe. Bei allen - gewaltigen - Unterschieden zwischen beiden Kriegen eint die Regierungen von damals und heute ein unerschütterlicher Glaube an die Allmacht der Luftwaffe. Nordvietnam müsse "an den Verhandlungstisch gebombt werden", lautete das Credo von Präsident Nixon, dem die Aufgabe zugefallen war, den Krieg zu liquidieren. Die Luftwaffe lieferte den sichtbarsten Beweis für die angeblich ununterbrochene Kette von Erfolgen, welche dann die Pentagon-Sprecher - in Saigon wie in Bagdad - verkünden konnten.
Das Personal
Von den drei Millionen heimgekehrten amerikanischen Vietnam-Soldaten begingen Tausende Veteranen Selbstmord. Im Wüstenkrieg von Bush junior ließen bislang etwa 700 Amerikaner ihr Leben. Doch auch unter den Heimkehrern vom Golf ist schon jenes "posttraumatische Stress-Syndrom" zu beobachten, das viele zu Gewaltausbrüchen treiben kann - gegen sich oder gegen andere.
Die Organisatoren der Kriege von damals und heute sind so grundverschieden wie nur denkbar - im Vietnam-Krieg die liberalen Regierungen von Kennedy und Johnson, die gleichwohl der Welt zeigen wollten, dass sie sich nichts bieten lassen; im Irak-Krieg die konservativen Missionare der Bush-Administration, welche nun die Welt nach dem Vorbild Amerikas gestalten möchten. Und doch gingen die beiden Hauptverantwortlichen, Kennedys Verteidigungsminister Robert McNamara und Bushs Donald Rumsfeld, mit einem Elan an ihr Kriegshandwerk, der verblüffende Ähnlichkeiten aufweist.
McNamara war immer ein Puritaner, wirkte wie die Verkörperung von Anstand und Redlichkeit. Er grenzte sich wohltuend von den "richtigen" Politikern ab. Umso größer fiel daher das Unverständnis aus, als aus diesem Mr. Untadelig allmählich "Mr. Vietnam-Krieg" geworden war - der Verteidigungsminister der Weltmacht USA, der viele Jahre lang im Daueroptimismus schwelgte, ehe sich die trostlose Wahrheit nicht mehr leugnen ließ.
Von dem gleichen ungebärdigen Optimismus scheint auch Rumsfeld beseelt. Der Krieg im Irak war George W. Bushs Wahl. Wie ihn Amerika führt, war aber Rumsfelds Entscheidung. Mit brachialer Arroganz setzte er sich über alle Einwände der Militärs hinweg - so wie damals McNamara gegen seine Generäle kämpfte, deren bürokratische Routine er erschüttern wollte. Die Generäle von heute haben dagegen ihre Erfahrungen in Vietnam gemacht und die Konsequenz daraus gezogen, dass Amerika nur noch Kriege mit überwältigender Schlagkraft bei genau umrissenen praktischen Zielen und mit der Unterstützung der gesamten Nation führen sollte.
Rumsfeld aber wollte einen modernen Krieg mit einer schlagkräftigen und schlanken Armee führen. So gewann Amerika schnell den Krieg - und ist seither dabei, ihn wieder zu verlieren. Eine größere Besatzungsmacht mit Plänen für den Frieden hätte aller Wahrscheinlichkeit nach das Nachbeben des untergegangenen Regimes verhindert und damit auch den aufflackernden Aufständen den Boden entzogen.
US-Außenminister Powell und sein Stellvertreter Richard Armitage haben im Vietnam-Krieg gedient. Sie halten die Streitkräfte für viel zu wertvoll, um sie leichtfertig in die Schlacht zu schicken, und sind deshalb eher geneigt, nach politischen Lösungen zu suchen. Die anderen, die um Vietnam irgendwie herumgekommen sind, zeigen sich ohne größere Skrupel bereit, Amerikas Militärmacht auch einzusetzen.
Die Koryphäen des Neokonservat ivismus, Richard Perle beispielsweise oder Paul Wolfowitz, wanden sich aus sämtlichen Vietnam-Verpflichtungen heraus. Sie ließen sich weder einziehen, noch schoben sie Dienst in der sicheren Etappe. Die klassische Begründung für das Drücken um den vaterländischen Einsatz stammt von Vizepräsident Cheney: "Ich hatte in den Sechzigern andere Prioritäten als den Militärdienst."
Auch sein Chef George W. leistete sich eine der klassischen Karrieren seiner Zeit und spiegelt die Geschichte des Vietnam-Kriegs auf eine Art wider, an die viele Amerikaner nicht mehr erinnert werden möchten. Das Netzwerk seines Vaters bewahrte ihn vor dem Einzug in die Armee. Für einige Zeit leistete er seinen Die nst in der Nationalgarde, der Rest ist nicht aktenkundig. Immerhin ging er den - wenig riskanten - Kompromiss ein, die Heimatfront als Pilot zu verteidigen.
Dass nun die Parallelen zu Amerikas unendlichem Krieg wieder diskutiert werden, kann aber auch seinem demokratischen Herausforderer nicht sehr gelegen kommen. Denn auch in John Kerrys Biografie spiegelt sich die hochgradige Ambivalenz wider, mit der die meisten Amerikaner seiner Generation den Vietnam-Krieg betrachten.
Es gehörte Mut dazu, sich nach dem Studium freiwillig zum Militär zu melden, und Kerry gehörte damit zur verschwindend geringen Minderheit aus reichem Elternhaus, die sich nicht drückte. Als er von seiner zweiten "Nam-Tour" heimkehrte, waren seine Altersgenossen längst auf der Straße, hatten die Universitäten übernommen, demonstrierten in allen großen Städten gegen den Krieg.
Der vielfach dekorierte Leutnant vollzog die Wandlung nach und hatte seinen ersten großen politischen Auftritt in Washington als Sprecher der Vietnam-Veteranen, die in Uniform in Washington gegen den Krieg demonstrierten. Dass er sowohl für als auch gegen den Vietnam-Krieg zu sein vermochte, halten ihm die Republikaner nun als liberale Prinzipienlosigkeit vor. Aber so wie Kerry erging es dem ganzen Land: Erst glaubte es, der Präsident werde schon das Richtige tun. Dann kam die große Desillusionierung über den Krieg und die Regierung.
Solche Einsicht ist von Donald Rumsfeld wohl nicht zu erwarten - Robert McNamara, der Mann, dem er wider Willen so ähnlich sieht, hat sie vollzogen. "Fog of War" heißt die Dokumentation über den mittlerweile 87-jährigen McNamara, mit der der amerikanische Filmemacher Errol Morris gerade einen Oscar gewann: Der "Nebel" im Titel steht für die Blindheit im Krieg. McNamara ist heute ein Geläuterter. Die Regierung Kennedy habe sich "mit geringer Kenntnis, mangelhafter Erfahrung und vereinfachenden Annahmen" im Dschungel Vietnams verirrt, gesteht er ein. Entscheidungen seien "auf äußerst brüchiger Grundlage" gefallen.
Wenn der Film beginnt, ist ein alter Mann zu sehen, der sich sehr aufrecht hält. Am glatt zurückgekämmten Haar und seiner Stakkato-Stimme ist er immer noch leicht erkennbar. Manchmal ringt er um Worte, vor allem aber ringt er um Glaubwürdigkeit. Manchmal ist er dem Weinen nahe, etwa in jener Passage, als er seinen Sohn Craig erwähnt, der zu den Studenten in Kalifornien gehörte, die gegen den Vietnam-Krieg seines Vaters Sturm liefen. Robert McNamara bittet niemanden um Verzeihung oder Vergebung. Ein Übermaß an Demut verbietet ihm der alles überwölbende Stolz.
Der Mann, der so viel Autorität und so viele Vollmachten besaß wie kein Verteidigungsminister vor ihm, ist heute zum Kriegsskeptiker geworden. "Wir missbrauchen unseren Einfluss", sagt er über das Abenteuer im Irak. "Was wir da machen, ist einfach falsch - moralisch, politisch, ökonomisch." Natürlich sieht jemand wie er Parallelen zwischen gestern und heute. Vor allem aber sieht er die Wiederkehr der Irrtümer, denen er selbst zum Opfer fiel.
Ähnlich, nicht gleich
Bei allen Parallelen zwischen dem Vietnam-Krieg von damals und dem Irak-Krieg heute fällt ein gravierender Unterschied ins Gewicht: die Stärke, Motivation und Geschlossenheit des Gegners.
Die Vietcong waren erfahrene und oft schon im Kampf gegen die französische Kolonialmacht gestählte Dschungelkämpfer. Sie hatten eine straffe Führung und eine ausgetüftelte, aber dennoch flexible Kriegsplanung; selbst die Amerikaner mussten damals zähneknirschend zugeben, dass Ho Tschi-minh und sein General Giap außergewöhnlich begabte Guerillastrategen waren und ihre Truppen - die im Bauernland wegen ihrer Bedürfnislosigkeit und Volksnähe nach Maos Lehre "wie Fische im Wasser schwimmen" konnten - extrem gut im Griff hatten.
Washington sieht sich heute einem militärisch weit weniger gewieften, weit weniger disziplinierten Gegner gegenüber: einer zusammengewürfelten, amorphen Truppe. Wo immer in diesen Tagen eine Patrouille angegriffen, ein Helikopter abgeschossen, ein Ausländer entführt wird, tauchen die Hilfskonstruktionen mit den üblichen Verdächtigen auf: "Elemente des alten Saddam-Regimes", "ausländische al-Qaida-Terroristen", "radikal-islamistische einheimische Schiiten und Sunniten" - oder, in der bekannt schlichten Wortwahl des amerikanischen Präsidenten "Feinde des Fortschritts und der Demokratie". Immer wieder sagen US-Politiker und US-Militärs geradezu beschwörend, es handele sich jedenfalls um eines nicht: um eine Rebellion gegen die Besatzer, um einen Volksaufstand.
Nach der Invasion blieben zwar die von US-Vizepräsident Cheney versprochenen Blumenteppiche für die einziehenden US-Truppen aus, was sicher auch mit den "Kollateralschäden" durch das US-Bombardement zu tun hatte - 4000 bis 7000 Zivilisten kamen bei der Operation "Freiheit für Irak" ums Leben, keiner weiß es genau. Die überwältigende Mehrheit der Iraker begrüßte jedoch zweifelsohne den Sturz des verhassten Diktators Saddam Hussein. Sie versprach sich neue politische Freiheiten, auch eine Verbesserung der Lebensumstände, mehr Konsum - und persönliche Sicherheit.
Von Anfang an aber zeigten sich die Amerikaner nicht in der Lage oder willens, auf irakische Prioritäten und Empfindlichkeiten einzugehen. Sie schützten weder Nationalschätze in den Museen, noch kümmerten sie sich um die Wiederherstellung der Energieversorgung - in Bagdad dauerte es ein Jahr, bis auch nur in etwa so viele Haushalte mit Strom und Wasser versorgt waren wie unter Saddam. Rund um die Uhr geschützt wurde nur das Ölministerium.
Amerikanische Soldaten demonstrierten ihre kulturelle Ignoranz, wenn sie beim Durchsuchen irakischer Häuser alte Männer zum Ausziehen und Frauen zur Leibesvisitation zwangen. Einen großen Teil der Sicherungsaufgaben hat die US-Zivilverwaltung an private Firmen vergeben, deren Verhalten sie ohnehin kaum überprüfen kann. Und als schlimm empfinden viele Iraker auch, dass die Amerikaner einzelnen Volksgruppen (wie den Kurden) und Privatpersonen (wie Tschalabi) erlaubt haben, eigene Milizen zusammenzustellen.
Viele Iraker klagen über die hohe Arbeitslosigkeit. Alle leiden extrem unter der Sicherheitslage, die eine mit Polizeiaufgaben völlig überforderte US-Armee nicht in den Griff bekommt. "Was nützen mir neue Freiheiten, wenn ich mich nicht aus dem Haus getraue und es für meine Kinder zu riskant ist, die Schule zu besuchen?", fragt ein Bagdader Ingenieur.
So schnell wie möglich soll nun die Souveränität über das Land an die Iraker zurückgegeben werden - wenngleich auch weiterhin sorgsam überwacht durch die mit 3000 Angestellten dann größte US-Botschaft der Welt. Als ihr Chef wird wohl der heutige Uno-Botschafter John Negroponte Zivilverwalter Paul Bremer ablösen. Doch nur zehn Wochen vor diesem Zeitpunkt weiß noch niemand, wer die zurückgegebene Souveränität tragen soll.
Wenige der von Washington eingesetzten 25 Ratsmitglieder genießen das Vertrauen der Bevölkerung. Als sich jetzt in der vorvergangenen Woche die sporadischen antiamerikanischen Kundgebungen zu einer landesweiten Intifada ausweiteten, versuchte sich gleich eine Hand voll der Herren von der amerikanischen Besatzungsmacht abzugrenzen.
Muschin Abd al-Hamid von der schiitischen Daawa-Partei verurteilte die Tötung "unschuldiger Söhne unseres irakischen Volkes" durch die USA. Dabei war auch Adnan Patschatschi, den die Amerikaner für einen der Washington besonders Wohlgesinnten hielten. "In Falludscha hat es eine kollektive Bestrafung für den Tod von vier Amerikanern gegeben", klagte der Mann, der schon in der Vor-Saddam-Zeit Außenminister seines Landes war. Der alte Fuchs hat ein feines Gespür für Stimmungen: Er weiß, dass man langfristig im Irak nur etwas werden kann, wenn man mit den USA nicht identifiziert wird.
Die Sunniten-Hochburg Falludscha: Für viele ist sie der entscheidende Testfall, manche wollen aus ihr schon die irakische "Heldenstadt" machen.
Immer wieder griffen radikale Sunniten in den letzten Monaten amerikanische Patrouillen an und töteten US-Soldaten sowie die von ihnen ausgebildeten Polizisten. Die grausamste Tat in der 300 000-Einwohner-Stadt, 55 Kilometer westlich von Bagdad, geschah dann vor drei Wochen: Maskierte Männer beschossen einen US-Geländewagen mit Granaten, ein johlender Mob zerrte die vier Leichen aus dem brennenden Wrack, bespuckte sie, schleifte sie durch die Straßen und hängte die Überreste zweier Ermordeter an einer Brücke auf. Nach einem "New York Times"-Bericht soll US-Präsident George W. Bush beim Anblick der Fernsehbilder gesagt haben: "Dafür will ich Köpfe rollen sehen."
Die amerikanische Reaktion war hart bis an die Grenze der Brutalität: die Operation "Wachsame Entschlossenheit" ("Vigilant Resolve"). US-Kommandeure schickten über 1500 Marines und Kommandosoldaten, um die Stadt zu erobern. Kampfhubschrauber feuerten Raketen - unter anderem auf das Gelände der Samarrai-Moschee, die angeblich von Aufständischen besetzt worden war.
Straßenzug um Straßenzug wurde von den Amerikanern gesäubert. Irakische Rebellen starben beim Häuserkampf, aber vermutlich auch mehr als 600 Zivilisten. Viele wurden auf Fußballfeldern begraben - die Friedhöfe Falludschas liegen am Stadtrand, außerhalb der für die Bevölkerung erreichbaren Zone. "Die Kriegstaktik ist wie im 17. Jahrhundert", sagte Feldwebel Michael Ventrone in einem Telefongespräch aus Falludscha. "Es ist eine regelrechte Belagerung."
Reporter der arabischen TV-Stationen al-Arabija und al-Dschasira, die als Einzige aus der Stadt berichteten, behaupteten gar, die US-Armee habe auch Zivilisten absichtlich ins Visier genommen. US-General John Abizaid bestritt das empört. Dass aber bei den "sehr präzisen Luftschlägen" auch viele Frauen und Kinder ums Leben kamen, ließ sich schlecht leugnen. Jo Wilding, eine freiwillige Helferin, die am vorletzten Wochenende Krankenhäuser in Falludscha besuchen konnte, gab zu Protokoll: "Ich sah zwei Kinder, die Einschüsse im Kopf hatten, beide starben. Und in einem anderen Zimmer eine alte Frau mit einer Schusswunde - die hielt immer noch eine weiße Flagge in den Händen."
Zwischenzeitlich erlaubten die Belagerer dann, dass für einige Stunden verletzte Kinder und Frauen von Falludscha nach Bagdad transportiert wurden. Immer wieder gab es Kampfpausen, die verlängert wurden - und dann wieder in Feuergefechte mündeten. "Wenn das ein Waffenstillstand ist, dann wüsste ich gern, wie ein Krieg aussieht", sagte einer der Erschöpften von Falludscha.
Immer neue menschliche Tragödien. Die Mutter des vierjährigen Abdelhakim Ismail, im sechsten Monat schwanger, wird in ein Feldlazarett am Rande der Stadt eingeliefert. Sie verliert ihr ungeborenes Kind, weil ihr Unterbauch von einem Schrapnell getroffen wurde. Ihren Sohn Abdelhakim, der einen Kopfschuss erlitten hat, nehmen die Amerikaner nach Bagdad mit, um ihn dort operieren zu lassen. Tatsächlich erreicht die Frau später die Nachricht, man habe den Jungen aus Bagdad ausgeflogen, er soll im Ausland behandelt werden. Sie weiß nicht, ob und wann sie ihr Kind wiedersieht: Die junge Frau kommt um den Verstand.
Im Irak, aber auch in der ganzen übrigen arabischen Welt wird die Stadt zum Symbol des Widerstands, Opfer-Legenden machen die Runde - der Ausgangspunkt der Kampfhandlungen, das von Sunniten begangene Unrecht, die in jeder islamischen Tradition scharf verurteilte Totenschändung, ist überlagert durch die neuen Bilder. So gut wie vergessen.
Einstweilen sieht es deshalb so aus, als werde die Weltmacht noch tiefer in den Sumpf einsinken. Vollmundig hatte das Pentagon noch vor wenigen Wochen verkündet, man brauche nicht mehr amerikanische Truppen, um den Irak in den Griff zu bekommen. In der vergangenen Woche wurde 20 000 Soldaten die Heimkehr in die USA gestrichen - drei Monate länger als geplant sollen sie nun in und um Bagdad bleiben. Vorläufig.
Und als Rettung ist für die Bush-Regierung am Horizont einzig die Uno in Sicht. Ausgerechnet die Uno, die führende US-Politiker noch vor gut einem Jahr verächtlich eine "Schwatzbude" nannten: Kofi Annans Sondergesandter Lachdar Brahimi wird - anders als US-Prokonsul Bremer - vom mächtigen Schiiten-Führer al-Sistani empfangen. Nur mit einer Resolution der Vereinten Nationen könnte eine Übergangsregierung im Irak Legitimität erhalten und damit der US-Regierung die Luft verschaffen, die sie zur "Machtübergabe" an eine Bagdader Vertretung am 30. Juni braucht.
Was aber kommt nach diesem Zwischenschritt? Was wird, wenn eine im nächsten Jahr legitim gewählte, von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit gestellte Führung wirklich unabhängig agieren, sich mit Teheran verbünden, die Erdölquellen verstaatlichen sollte? Wird das dann zum Ausgangspunkt eines nahöstlichen Dominospiels?
So hat sich das der einstige Pentagon-Berater Richard Perle, der nach dem Fall von Bagdad das Buch zum Krieg geschrieben hat, sicher nicht vorgestellt. "An End to Evil" heißt sein Werk - "Angetreten, das Böse auszurotten". ERICH FOLLATH,
HANS HOYNG, GERHARD SPÖRL
Von Erich Follath, Hans Hoyng und Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 17/2004
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