19.04.2004

FUSSBALL„Sie sind ein Magier“

Otto Rehhagel kann sich in Griechenland derzeit kaum retten vor Bewunderern. Mit der Nationalelf der Hellenen, die er überraschend zur Europameisterschaft nach Portugal geführt hat, verfolgt der Trainer eine persönliche Mission: Die Deutschen sollen sehen, was sie an ihm verloren haben.
Otto Rehhagel friert. Er trägt nur einen leichten Trenchcoat über seinem Sakko, er hat die Frühjahrswärme auf Zypern ein wenig überschätzt.
Nun steht der Trainer der griechischen Fußball-Nationalmannschaft, den Kragen seines Mantels hochgeschlagen und die Arme über der Brust verschränkt, auf der Haupttribüne des Provinzstadions von Limassol, einem tristen Ferienort im Süden der Mittelmeerinsel, und wartet etwas unwillig darauf, dass der Schiedsrichter endlich anpfeift.
Zypern spielt gegen Kasachstan. 85 Zuschauer sind zu dem Länderspiel gekommen, und die weiteste Anreise von ihnen hat wahrscheinlich Rehhagel hinter sich. Tags zuvor ist er eigens aus Athen eingeflogen, weil er sich von der Mannschaft Kasachstans, einem der Gegner Griechenlands bei der im September beginnenden Qualifikation für die Fußball-WM 2006 in Deutschland, einen ersten Eindruck verschaffen will.
Als die zypriotische Hymne aus den Lautsprechern scheppert, stößt Rehhagel seinen Dolmetscher und Assistenztrainer Ioannis Topalidis an, der ihn bei seiner Arbeit ständig begleitet. "Das ist doch unsere", sagt Rehhagel. Topalidis nickt.
Da stimmt der Trainer in den Text ein, der auch der Text der griechischen Freiheitshymne ist: "Ich erkenn dich an der Schärfe deines Schwerts / der furchtbaren / ich erkenn dich an dem Blicke / der mit Kraft die Erde misst."
Ein Kameramann filmte die Szene, die Bilder gelangten auch nach Griechenland. Und so kam es, dass dem Fußball-Lehrer, zurück in Athen, einmal mehr Anerkennung zuteil wurde. Sich das Wochenende auf Zypern um die Ohren zu schlagen, um eine unbekannte Mannschaft aus Zentralasien zu beobachten, das bestätigte den deutschen Wesenszug von Pflichtbewusstsein und Gründlichkeit. Doch dass Rehhagel spontan die Nationalhymne mitgesungen habe, sei, so die übereinstimmende Interpretation der Kommentatoren, ein aus der Tiefe seines Herzens dringendes Bekenntnis zu Griechenland.
Schon mit vergleichsweise geringem Aufwand weckt der gebürtige Essener große Gefühle bei den Hellenen. Seit er mit dem Nationalteam, bis zu Rehhagels Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren eine zänkische und notorisch erfolglose Equipe, überraschend die Qualifikation für die Europameisterschaft in Portugal geschafft hat, wird der gelernte Maler wie ein Volksheld verehrt - und genießt, wo auch immer er in dem Land auftaucht, VIP-Status.
Wenn Rehhagel, 65, etwa in seinem Lieblingscafé "Dionysos" am Fuße der Akropolis bezahlen will, übernimmt natürlich das Haus die Rechnung. Genauso selbstverständlich beordert die Besitzerin des Athener Nobelhotels "Metropolitan" weit nach Mitternacht noch einmal den Chefkoch an den Herd, weil der prominente Deutsche hungrig vom Länderspiel gegen Bulgarien aus dem Stadion gekommen ist. Selbst die sonst eher ruppigen Athener Verkehrspolizisten geben sich konziliant. "Wenn mich einer anhält, weil ich durch eine abgesperrte Straße gefahren bin", spreizt sich Rehhagel, "bringe ich das mit einem Autogramm in Ordnung."
In Deutschland war das zuletzt anders. Nach seinem unrühmlichen Abgang beim 1. FC Kaiserslautern im Herbst 2000 galt Rehhagel im Unterhaltungsbetrieb Bundesliga, den er als Spieler wie als Coach 35 Jahre lang mitgeprägt hat, als nicht mehr vermittelbar. Dabei war dem eigenwilligen Meistertrainer ausgerechnet in der Pfalz 1998 der größte Coup in der Geschichte
des deutschen Profifußballs gelungen, als er mit dem Aufsteiger den Titel gewann.
Nun kann "Otto Rehhakles" ("Bild") es all jenen, die ihm in seiner Karriere im Weg standen, noch einmal zeigen - Franz Beckenbauer etwa, der den Coach 1995 als Präsident des FC Bayern erst von Bremen nach München gelockt hatte und ihn zehn Monate später beim Deutschen Rekordmeister abservierte. Für Rehhagel war der Rauswurf viel mehr als die vierte vorzeitige Entlassung: Sein Lebenstraum, zum Ende der Laufbahn Trainer der deutschen Nationalmannschaft zu werden, geriet mit der Schmach außer Reichweite.
Und so sieht der Mann, der noch vom Mönchengladbacher Altmeister Hennes Weisweiler zum Fußball-Lehrer ausgebildet wurde, seine eigentliche Mission in Griechenland darin, sich mit dem Team für die WM 2006 zu qualifizieren. Das Turnier böte Rehhagel die wohl letzte Gelegenheit, in Deutschland, wo er sich trotz aller Meriten nicht mehr gebührend gewürdigt sieht, noch einmal auf die ganz große Bühne zurückzukehren.
Dass Rehhagel die griechische Nationalelf auf Linie trimmen konnte, war nicht unbedingt abzusehen. Zunächst sah sich der Neuankömmling heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Akribisch führten die Journalisten seine häufigen Heimfahrten nach Deutschland auf; beleidigt notierten sie, dass er sich sträubte, die Landessprache zu lernen; und immer wieder bemängelten sie seine vermeintliche Unkenntnis des griechischen Profifußballs.
"Auf Wiedersehen, du Supertrainer", titelte im Oktober 2002 die auflagenstärkste Athener Sportzeitung "Fos", nachdem das Team im zweiten EM-Qualifikationsspiel die zweite Niederlage hinnehmen musste: "Dieser Mann weiß nicht, was um ihn herum geschieht. Er verdient viel Geld, aber er führt uns an der Nase herum und pfeift auf uns."
Rehhagels Entlassung schien unausweichlich. Doch seit jenem 0:2 gegen die Ukraine ist die griechische Nationalmannschaft in 15 Spielen in Folge ungeschlagen. Das hat es niemals zuvor gegeben. Und so kann sich der knorrige Deutsche in dem fußballverrückten Land derzeit kaum retten vor Bewunderern: Er wird vom Staatspräsidenten hofiert und mit Ehrungen überhäuft. So wählten ihn die Leser der größten griechischen Tageszeitung "Ta Nea" zum "Gesicht des Jahres 2003".
Mitunter wirkt die Ergebenheit bizarr. Als Rehhagel nach dem für die EM-Qualifikation wegweisenden Sieg in Spanien einen Angestellten des griechischen Fußballverbandes bat, ihm wie üblich den Dienstwagen vorzufahren, verneigte der Chauffeur sich vor dem Trainer, bekreuzigte sich und murmelte: "Sie sind ein Magier."
Dann erst rangierte er den Mercedes aus der Tiefgarage und übergab dem verblüfften Coach den Autoschlüssel. Kaum war Rehhagel auf die Hauptstraße gerollt, bekreuzigte sich der Mann ein weiteres Mal, als sei soeben der Allmächtige in einem Daimler um die Ecke gebogen.
"Grassierende Ottomanie", so nennt Vassilis Gagatsis, der Präsident des Fußballverbandes, die Huldigungen an den Deutschen. Der Funktionär steht am Fenster seines Büros, dem einzigen repräsentativen Raum im dritten Stock eines Betonklotzes an einer Ausfallstraße von Athen und wartet. Er hat eine Verabredung mit Rehhagel. Als der Trainer endlich kommt, begrüßt Gagatsis ihn mit einer etwas zu aufdringlichen Umarmung. "Otto, mein Freund", ruft er und klopft ihm nochmals auf die Schulter.
Ohne Rehhagel wäre der 48-jährige Anwalt mit dem ergrauten Haar und der heiseren Stimme noch immer der ehrgeizige Verbandsmensch, den außerhalb Griechenlands niemand kennt. Mit Rehhagel hat es Gagatsis nun immerhin schon bis nach Lissabon zur festlichen EM-Auslosung gebracht. Er ist sich sicher, "dass mit Otto noch ganz andere Sachen drin sind", aber das darf er in Anwesenheit des streng blickenden Fußball-Gelehrten eigentlich nicht zu Protokoll geben.
Gagatsis war es, der Rehhagel nach Griechenland gelockt hat. Gagatsis war es auch, der seinen Wunschtrainer mehr als ein Jahr lang gegen massive Widerstände verteidigte. Denn kaum im Amt, "veranstaltete Otto", wie der Advokat mit maliziösem Grinsen zu verstehen gibt, "eine kleine Revolution".
Bis dahin galt als Naturgesetz, dass in Griechenland der Clubfußball einen ungleich höheren Stellenwert besitzt als die Nationalmannschaft. Im Umfeld der Verbandsauswahl herrschten deshalb lange Zeit reichlich chaotische Verhältnisse.
Journalisten der täglich erscheinenden und einflussreichen Sportzeitungen, allesamt einem der Großvereine AEK und Panathinaikos Athen oder Olympiakos Piräus nahe stehend, diktierten Rehhagels Vorgängern meist die Aufstellung; die Bosse der wichtigsten Clubs, die zu den Wirtschaftsmagnaten des Landes zählen und die sich die Kicker wie teures Spielzeug leisten, legten bei Berufung ihrer wichtigsten Profis häufig ein Veto ein; und Verbandsfürsten aus der Provinz fuhren, gern in Begleitung ihrer Ehefrauen, regelmäßig als eine Reisegruppe von Nassauern mit zu Auswärtsspielen, wo sie im selben Hotel wie die Spieler logierten und genüsslich intrigierten.
Dass es Rehhagel gelang, die alten Seilschaften von der Mannschaft zu isolieren, gilt Insidern des griechischen Fußballs wie dem Spieleragenten Paskal Papadopoulos als wesentliche Voraussetzung für den Aufschwung: "Das war nur möglich mit einem Mann, der von außen kam und das nötige Renommee besitzt."
Erstmals erscheint den Spielern eine Nominierung als erstrebenswertes Karriereziel. Dabei ist es kein Zufall, dass der Imagewandel des Nationalteams einhergeht mit einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise der griechischen Profiliga: Schiedsrichter gelten als korrupt, ein Großteil der Clubs steht vor der Pleite, und die Gewalt eskaliert.
Besonders die aggressive Atmosphäre in den Stadien schreckt die Fans ab. Kaum ein Spieltag vergeht, an dem in den Arenen nicht Sitzschalen und mit Rasierklingen gespickte Orangen durch die Luft fliegen. Und so kommen nur zu den Spitzenbegegnungen noch mehr als 2000 Zuschauer. Zu groß ist die Gefahr, zwischen die Fronten der Randalierer zu geraten, und zu lasch sind die Sicherheitskontrollen.
Die Nationalelf indes steht für die heile Welt des griechischen Fußballs: Die Spieler demonstrieren Teamgeist und Entschlossenheit - und sie zeigen sich ihren Aufgaben gewachsen. Rehhagels Einfluss ist dabei unverkennbar. Der einst knochenharte Verteidiger gilt als strebsam, ergebnisfixiert, hierarchiebewusst und risikoscheu. Seine Mannschaften hat er immer schon darauf geeicht, dass Erfolge solide Arbeit voraussetzen. Sein Motto: keine Experimente. So schufen die Deutschen unter Konrad Adenauer, Rehhagels "großem Meister", das Wirtschaftswunder, und so gewann der Trainer vor allem in Bremen etliche Meisterschaften und Pokale.
Auch in Athen gibt sich der Mann aus dem Ruhrpott unbeirrt: Zu viel mediterraner Spieltrieb kann dem Unternehmen nur schaden. Rehhagel vertraut deshalb Akteuren, die er vor dem Anpfiff mit pathetischen Parolen heiß machen kann.
"Meine Herren, kämpfen Sie für Ihr Land", übersetzt Dolmetscher Topalidis dann vor einem Spiel, "nehmen Sie Ihre Chance wahr, mit Patriotismus können Sie viel erreichen." Er brauche Profis, die "charakterlich einwandfrei sind", bekräftigt der Coach. Die sind ihm allemal lieber als "Künstler, die fünf Mann im Strafraum stehen lassen, sich aber nicht unterordnen".
Bei Rehhagel spielen nicht die elf Besten, es spielt die beste Elf. Kapriziöse Kräfte wie den Defensivmann Grigorios Georgatos, damals bei Inter Mailand, oder Akis Zikos vom Champions-League-Halbfinalisten AS Monaco vertrieb der Coach deshalb aus dem Kader: Sie hatten seine Autorität öffentlich angezweifelt.
Dabei hat der Bergmannssohn, für den Fußball schon als Spieler immer Maloche war, durchaus eine Schwäche für Kreative am Ball. Sie müssen wie einst Mario Basler in Bremen nur die wichtigste Regel beachten: Der Chef ist der Trainer.
So erklärt sich, dass selbst ein Star wie Demis Nikolaidis ausgerechnet unter Rehhagel zurück in die Nationalmannschaft fand. Der Stürmer von Atlético Madrid gilt als griechische Version David Beckhams. Er ist mit der hellenischen Popdiva Despina Vandi verheiratet, leistet sich Luxuskarossen in beachtlicher Zahl und pflegt politische Kontakte bis in Regierungskreise. Der Fußball-Pädagoge lässt den schillernden Profi gewähren, denn Nikolaidis erfüllt seine Aufgabe.
Zeit seiner Karriere haftete Rehhagel der Ruf an, ein Mann für die Provinz zu sein. Noch heute fühlt er sich geschmeichelt, wenn man ihn als "Kind der Bundesliga" bezeichnet. Er galt als Archetypus des Trainers, dem das Leben nur in geregelter deutscher Bürgerlichkeit behagte.
Doch nun, bei seinem ersten Engagement im Ausland, zeigt sich Rehhagels Anpassungsfähigkeit. Das unübersichtliche Beziehungsgeflecht im griechischen Verbandswesen übt auf ihn einen ebenso großen Reiz aus wie das alltägliche Verkehrschaos Athens. So lässt sich der passionierte Autofahrer fast lustvoll stundenlang durch die Straßen der Metropole treiben. Es stört ihn nicht, dass er die Orientierung verliert, und es stört ihn nicht, dass Motorroller rechts und links wie wütende Wespen an ihm vorbeifliegen. Es ist ein Spiel: Irgendwann gelangt er auf eine Straße, die er kennt.
Nach einem dieser Ausflüge sitzt Rehhagel in einem Café an der Uferpromenade. Die Nachmittagssonne wärmt Athen. Rehhagel sagt: "In der Bundesliga werde ich wohl nicht mehr arbeiten." Das letzte reizvolle Angebot sei vor über einem Jahr aus Leverkusen gekommen: "Das habe ich abgelehnt."
Plötzlich erhebt sich Rehhagel von seinem Stuhl. Mit Verve rezitiert der Theaterfreund aus der "Bürgschaft" von Friedrich Schiller, einer seiner bevorzugten Balladen. Er endet mit der Zeile: "Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn."
Dann setzt sich Rehhagel wieder. "Schiller hätte es mir nicht verziehen", sagt er, "wenn ich Griechenland so schnöde verlassen hätte." MICHAEL WULZINGER
* Nach dem 1:0-Sieg im entscheidenden EM-Qualifikationsspiel gegen Nordirland am 11. Oktober 2003 in Athen. * Nach dem Titelgewinn mit dem 1. FC Kaiserslautern am 9. Mai 1998.
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 17/2004
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