03.05.2004

Gladiatoren zu vermieten

Private Einsatztrupps mischen weltweit bei Bürgerkriegen und Krisen mit - und machen dabei kräftig Kasse.
Wo immer Staaten scheitern und kein Recht mehr gilt, blüht eine Branche auf: Private Militär-Firmen, kurz PMF genannt, sind seit den neunziger Jahren auf kraftvollem Expansionskurs.
Beispiel Sierra Leone 1995: Seit vier Jahren tobt ein Bürgerkrieg. Die reichen Diamantenminen, Lebensader der ansonsten bitterarmen Nation, befinden sich längst in Rebellenhand. Die Revolutionary United Front (RUF) stürzt das Land in Anarchie. Banden marodieren, nachts löschen sie ganze Dörfer aus. Enthemmte Kindersoldaten führen ein Schreckensregiment. Von Macheten abgehackte Gliedmaßen sind Markenzeichen ihres Terrors.
Als die Soldateska 20 Kilometer vor dem Regierungssitz in Freetown steht, wohin sich Zehntausende geflüchtet haben, scheint ein finales Massaker nur noch eine Frage von Tagen. Da fliegt, wie die weißen Ritter der Sagenwelt, eine geheimnisvolle Truppe ein. Mit präzisen Attacken aus der Luft schlägt sie zu. Der ersten Welle folgen Kampfhubschrauber und Panzer.
Knapp zwei Wochen benötigen die Profis, dann sind die Minen zurückerobert und die Machtzentren der RUF überrannt. Nur 160 Mann - ohne Hoheitszeichen, Flaggen oder Nationalfarben - haben einen zahlenmäßig weit überlegenen Feind vernichtend geschlagen. Angeheuert hatte sie die schwer bedrängte Regierung. Executive Outcomes (EO), eine südafrikanische Söldnerorganisation, rekrutierte die Kämpfer, zwischen 35 und 60 Millionen Dollar kostete der Einsatz.
Wenig später erbot sich EO, im Auftrag der Uno den sich in Ruanda abzeichnenden Genozid zu verhindern. Dort flohen Tutsi vor Hutu-Kämpfern, und die EO-Strategen legten detaillierte Pläne zur Trennung der Volksgruppen vor. Flüchtlingen sollte ein sicherer Korridor geöffnet werden, doch Uno-Generalsekretär Kofi Annan vertraute auf die Staatengemeinschaft und lehnte ab: "Die Welt ist womöglich noch nicht bereit, die Wahrung des Friedens zu einer Privataufgabe zu erklären."
Peter W. Singer, Autor einer umfassenden Studie über die PMF*, glaubt heute, EO hätte "Hunderttausende Menschen retten können". Private Hilfe ist meist viel schneller vor Ort als eine staatlich oder gar international organisierte Eingreiftruppe.
Dennoch ist das keiner Überzeugung, sondern nur geschäftlichen Interessen folgende Engagement der privaten Krisenmanager umstritten. Fakt ist, dass Afrika, wo einst Söldner vom Schlage eines "Kongo-Müller" ihr Unwesen trieben, eines der lukrativsten Einsatzgebiete ist. Effizient wie Großkonzerne organisieren PMF Hilfe, auch bewaffnete - für nahezu jeden, der bezahlt.
Allein am angolanischen Bürgerkrieg beteiligten sich von 1975 bis 2003 rund 80 solcher Firmen, ausgemusterte Gladiatoren aus aller Herren Länder: französische Fremdenlegionäre, südafrikanische Fallschirmjäger, ukrainische Piloten, nepalesische Gurkha.
Executive Outcomes hatte 1993 den Anfang gemacht. EO-Piloten flogen angolanische Kampfjets, EO-Offiziere führten Einsätze gegen die Rebellen der Unita. Eine Konkurrenzfirma, International Defense and Security (Idas), konzentrierte sich auf den Schutz der ergiebigen Diamantenfelder. Airscan, die amerikanischen Spezialisten für private Luftaufklärung, schickte Spionageflugzeuge, während zwei andere angelsächsische Unternehmen, Ronco und DSL, vor allem Minenfelder räumten.
Auch die Unita warb fremde Ausbilder und Spezialisten für Panzer und Artillerie an. Gegen Zusicherung von Ölkonzessionen stellten ukrainische Firmen sogar eine kleine Flotte von MiG-27 und MiG-21 sowie Mi-24-Kampfhubschraubern zur Verfügung, einschließlich der Piloten.
Im Kongo, dem früheren Zaire, hatten alle Bürgerkriegsparteien private MilitärFirmen engagiert. Die französische PMF Geolink konnte allerdings die Niederlage von Diktator Sese Mobutu gegen seinen Rivalen Laurent Kabila nicht verhindern. Kabila wiederum stützte sich, als er in Bedrängnis geriet, auf EO-Spezialisten. Seine Gegner, ehemalige Mobutu-Anhänger
sowie die Nachbarstaaten Ruanda und Uganda, heuerten die Firma Stabilco und ein anderes südafrikanisches Unternehmen an. Avient, ein US-Team, führte Luftschläge für Simbabwe aus, einen weiteren Teilnehmer am großen zentralafrikanischen Krieg.
PMF sind ein globales Milliardengeschäft. Vor allem an der Bewachung von Ölfeldern und Minen verdienen sie gutes Geld, häufig sogar doppelt. Ihre Auftraggeber vergeben Schürfrechte schon mal an Firmen, die mit den Schutztruppen eng verbunden sind. "Die Privaten heizen die Konflikte in Zentralafrika eher an", glaubt deshalb die französische Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie. Voriges Jahr stellte Frankreich alle Arten von Söldnertum unter Strafe.
Großbritannien will ebenfalls die geschäftstüchtigen ehemaligen Militärs und Geheimdienstler unter Kontrolle bringen. Als 1997 aber die Regierung von Sierra Leone gestürzt wurde, verhalf das einschlägige Londoner Unternehmen Sandline International dem Präsidenten Kabbah wieder zur Macht - mit heimlicher Billigung der britischen Regierung.
Auch auf dem Balkan weisen PMF verblüffende Erfolge auf. Drei Jahre lang hatten Belgrads serbische Streitkräfte ihre bosnischen und kroatischen Gegner aufgerieben.
Schlecht ausgerüstet und noch schlechter ausgebildet, konnten die Feierabendsoldaten den Serben nichts entgegensetzen. Doch im Frühjahr 1995 wendete sich das Blatt. In einer bis dahin auf diesem Schauplatz unbekannten Blitzaktion eroberten kroatische Truppen die von den Serben besetzte Krajina zurück. Statt einer überforderten Miliz traten bei der "Operation Sturm" gut bewaffnete und geschulte Profis an.
Kein Zufall: Experten der Washingtoner Firma MPRI hatten trotz Uno-Embargo mit Billigung der US-Regierung die Ausbildung der kroatischen Streitkräfte übernommen. Das Unternehmen, das heute vom früheren US-Heeresstabschef Carl Vuono geleitet wird, einem der engsten Freunde von Außenminister Colin Powell, wies zwar offiziell jede Beteiligung zurück. Wie kriegsentscheidend der Einsatz eingeschätzt wurde, machten jedoch die bosnischen Muslime wenig später in Dayton deutlich. Sie wollten ein Friedensabkommen nur unterzeichnen, wenn sie ebenfalls MPRI-Hilfe bekämen.
Praktisch alle US-Stützpunkte im Ausland werden heute von PMF aufgebaut und zumindest auf dem Balkan auch bewacht. In Afghanistan schützt die Firma DynCorp derzeit den höchst gefährdeten Präsidenten Hamid Karzai, während die USA auf der anderen Seite der Erde, in Kolumbien, den Krieg gegen Drogenbosse und Guerilleros in hohem Maße privatisierten. Von den 370 Millionen Dollar im Rahmen des "Plan Colombia" 2002 zur Drogenbekämpfung floss fast die Hälfte an PMF. Insgesamt stehen 17 Firmen für 23 Projekte unter Vertrag.
Meist sind es Kriegsveteranen, ehemalige CIA-Agenten und pensionierte Piloten der Air Force, die Hightech-Geräte und Hubschrauber warten, Sprühflugzeuge beim Einsatz gegen Koka-Plantagen begleiten oder den Urwald ausspähen. Auch peruanische Ex-Militärs und Spezialisten aus Mittelamerika fliegen im Auftrag Washingtons Einsätze gegen die Guerilla.
Erst im September vergangenen Jahres wurde ein Spionageflugzeug über Rebellengebiet abgeschossen. Die Maschine vom Typ OV-10 Bronco, die schon im Vietnam-Krieg zur Luftaufklärung eingesetzt wurde, sollte im Auftrag von DynCorp Koka-Felder finden.
Das Unternehmen mit Sitz in Reston, Virginia, ist der größte Auftragnehmer in Kolumbien und schon seit 1997 im Land. Für die logistische Hilfe beim Ausrotten von Koka-Plantagen und die Schulung kolumbianischer Piloten auf US-Gerät erhält sie rund 80 Millionen Dollar im Jahr. DynCorp-Leute sind auch für Befreiungsaktionen gekidnappter Amerikaner zuständig.
Während die 300 in Kolumbien stationierten US-Soldaten offiziell angewiesen wurden, sich aus Kriegshandlungen herauszuhalten, riskieren private Haudegen bereitwillig für etwa 10 000 Dollar im Monat ihr Leben. Sie unterliegen keinem strengen Militärcode, Washington ist nicht direkt für sie verantwortlich, und auch Verluste fallen weniger ins Gewicht.
"Wenn Private umkommen, können wir sagen, sie zählen ja nicht zu den Streitkräften", bekennt der ehemalige US-Botschafter in Kolumbien, Myles Frechette. JENS GLÜSING,
SIEGESMUND VON ILSEMANN

* "Corporate Warriors". Cornell University Press, Ithaca und London; 330 Seiten; 39,95 Dollar.
Von Jens Glüsing und Siegesmund von Ilsemann

DER SPIEGEL 19/2004
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