03.05.2004

FUSSBALLDie Rente des Monsieur D.

In Kürze erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen drei Ex-Bosse des 1. FC Kaiserslautern. Im bislang größten Strafprozess der Bundesliga-Geschichte geht es um systematische Steuerhinterziehung. Wird das Verfahren zum Riesenreinfall für den Club-Sanierer René C. Jäggi?
Es war am 5. August 1999 um kurz nach elf Uhr, als der Boss des 1. FC Kaiserslautern hastig sein Büro unter der Nordtribüne des Fritz-Walter-Stadions verließ und zum Trainingsplatz eilte. Dort nahm er Otto Rehhagel zur Seite, der gerade die morgendlichen Übungen mit den Spielern beendet hatte. "Alles klar, Otto", raunte Jürgen Friedrich dem Coach zu.
Die verschwörerische Geste galt einem echten Coup. Soeben hatte der Bundesligist die Zusage für den spektakulärsten Neuzugang seiner Vereinsgeschichte erhalten: der Mittelfeldstratege Youri Djorkaeff, damals 31, Weltmeister mit Frankreich 1998 und zuletzt in Diensten des italienischen Spitzenclubs Inter Mailand, würde fortan die "Roten Teufel" verstärken.
Eine Woche zuvor hatte Djorkaeff bei einem Geheimtreffen auf dem Betzenberg die Eckpunkte seines Dreijahresvertrags mit den FCK-Vorständen Friedrich und Gerhard Herzog besiegelt. Für 50 000 Mark Grundgehalt im Monat plus 15 000 Mark pro Spiel sollte der Franzose in der Pfalz seine Kickerkünste zeigen - weit weniger, als er bislang in Italien verdient hatte.
Wo die Herren schon mal beim Abzeichnen großer Summen waren, unterschrieben sie am selben Tag noch einen weiteren Kontrakt. Darin verpflichtet sich eine gewisse Beratungs- und Orgacontrol AG (BOC) aus der Schweizer Steueroase Zug, das bis Juni 2000 zwischen Inter Mailand und Djorkaeff bestehende Arbeitsverhältnis aufzulösen und zudem die Persönlichkeitsrechte des Fußballers an den FCK zu übertragen. Im Gegenzug überwies der Bundesliga-Club 11,8 Millionen Mark zwischen dem 31. August 1999 und dem 16. August 2001 in sechs Tranchen auf die Konten zweier Schweizer Firmen bei der Kantonalbank und der UBS in Zug.
Ein höchst ungewöhnlicher Deal. Für seine Dienste auf dem Rasen kassierte Djorkaeff - bis er Kaiserslautern im Februar 2002 im Streit verließ - exakt 5 408 061 Mark brutto; für seine Persönlichkeitsrechte und als Ablösepauschale floss die doppelte Summe an zwei ominöse Unternehmen in die Schweiz.
Die gewaltige Differenz zwischen beiden Zahlungen wird ab diesem Sommer das Landgericht Zweibrücken beschäftigen. Die Richter müssen klären, ob es sich bei dem Vertragskonstrukt mit der BOC, wie von Djorkaeffs Anwalt und der ehemaligen FCK-Spitze behauptet, um ein gewieftes Rentenmodell für den Spieler handelt - oder um verdeckte Lohnzahlungen seines ehemaligen Arbeitgebers 1. FC Kaiserslautern, wie Steuerfahndung und Staatsanwaltschaft vermuten.
Zu erwarten ist der bislang größte Steuerprozess gegen Verantwortliche eines Bundesliga-Vereins. Es geht um den Vorwurf der Untreue und der Steuerhinterziehung in Millionenhöhe. Beschuldigt werden die Ex-FCK-Vorstände Friedrich und Herzog sowie der frühere Aufsichtsratsvorsitzende Robert Wieschemann.
Wenn die Anklageschrift in diesen Tagen beim Landgericht Zweibrücken eingeht, will auch der heutige Club-Chef René C. Jäggi, 55, aktiv werden. Er will das Trio auf Schadensersatz in Höhe von 8,95 Millionen Euro verklagen - genau jene Summe, die der FCK bis 10. September als Steuerschuld an das Finanzamt gezahlt haben muss.
Weil beim viermaligen Deutschen Meister kreative Vertragsgestaltungen offenbar zum guten Ton zählten, ist die Gerichtsverhandlung gegen die frühere Vereins-troika womöglich nur der Auftakt einer ganzen Serie von Prozessen im Umfeld des 1. FC Kaiserslautern. Auch gegen drei ehemalige und zwei noch vertraglich gebundene
FCK-Kicker ermittelt die Staatsanwaltschaft Zweibrücken wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung: Neben Djorkaeff hat sie die Profis Jeff Strasser, Taribo West, Lincoln und Nenad Bjelica im Visier. Ihnen allen werfen die Ermittler vor, durch die Abtretung von Persönlichkeits- und Werberechten an Scheinfirmen im Ausland oder über Vermittlungsverträge zusammen rund acht Millionen Euro am Fiskus vorbeikassiert zu haben.
Das in einigen Wochen beginnende Verfahren gegen die alte FCK-Führung ist deshalb so spektakulär, weil die Anklage beweisen will, dass über Jahre systematisch Millionensummen schwarz an Spieler gezahlt wurden - und das angeblich auch noch, ohne das Aufsichtsratsgremium zu informieren, was dem Trio zusätzlich den Tatverdacht der Untreue einbringt.
Für Strafverfolger, die den illegalen Finanzierungspraktiken im deutschen Profifußball nachspüren, ist dies eine neue Dimension. Bislang konnten die Ermittler immer nur Einzeltäter vor Gericht bringen - etwa Anthony Yeboah, der bei Eintracht Frankfurt über eine Scheinfirma in Ghana 1,8 Millionen Mark am Finanzamt vorbeigeschleust hatte.
Sollten die Richter in Zweibrücken der Staatsanwaltschaft folgen, werden die ehemaligen FCK-Verantwortlichen nach Ansicht von Ermittlern "nicht mit Bewährungsstrafen davonkommen". Das bedeutet: mindestens zwei Jahre Haft.
Den anstehenden Prozess ins Rollen gebracht hat - Ironie des Schicksals - jener Mann, der von Aufsichtsratschef Wieschemann als Retter in die Pfalz gelotst worden war. Im Sommer 2002 hatten die Kirch-Pleite und der Stadionausbau die Liquidität des Vereins dramatisch schrumpfen lassen. Der FCK-Chef Friedrich zeigte sich amtsmüde, der als harter Sanierer geltende frühere Adidas-Boss Jäggi ersetzte ihn.
Der Schweizer Kaufmann durchforstete Bilanzen und Verträge und kam zu dem Schluss, dass der Verein kurz vor der Pleite stehe. Zudem stieß er in den Spielerakten auf sonderbare Vertragskonstruktionen mit ausländischen Firmen. Daraufhin beauftragte er die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) mit weiteren Nachforschungen.
Die Bilanzexperten präsentierten Jäggi im Dezember 2002 ein 49 Seiten umfassendes Gutachten. Das Konvolut, das die Vertragswerke von neun Spielern monierte, war schwammig formuliert. "Sollten Beweise vorliegen", so die PwC-Prüfer, "dass Zahlungen aus Persönlichkeitsrechten an Spieler geflossen sind und somit verdeckte Gehaltszahlungen anzunehmen wären, wäre mit einem Lohnsteuerhaftungsrisiko von ca. EUR 10,0 Mio. zu rechnen."
Obwohl die Erkenntnisse eher vage waren, reichte Jäggi die Unterlagen umgehend an die Finanzbehörden weiter. Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung begannen zu ermitteln. Kurz darauf gingen in der Geschäftsstelle drei Haftungsbescheide des Finanzamts in Höhe von insgesamt 12,9 Millionen Euro ein. Am 22. Mai 2003 einigten sich der FCK-Vorstand und die Finanzbehörde in einer "Tatsächlichen Verständigung" verbindlich auf eine Zahlung in Höhe von 8,95 Millionen Euro - zu überweisen in vier Raten bis September 2004.
Auf Betreiben Jäggis landete das PwC-Gutachten im Frühjahr 2003 auch auf dem Tisch der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt - mit einem für den Verein unheilvollen Ergebnis: Den Pfälzern wurden für die folgende Spielzeit drei Punkte abgezogen, zudem wurden sie zur Zahlung von 125 000 Euro verdonnert.
Grundlage für die Vertragsstrafe war neben den nicht eingereichten Nebenabsprachen mit etlichen Profis der Fall Djorkaeff. In der Begründung der DFL hieß es, das "Missverhältnis" zwischen seinem Gehalt und der Abgeltung der Persönlichkeitsrechte sei "derart auffällig, dass die DFL keinen Zweifel hat, dass über die Marketinggesellschaften Zahlungen des Vereins an den Spieler geleistet wurden". Hiermit hätten sich die Pfälzer "einen signifikanten und ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil gegenüber Vereinen verschafft, die zum selben Zeitpunkt an einer Verpflichtung des Spielers interessiert waren".
Mit ihrem Urteil lehnte sich die DFL weit aus dem Fenster. Bis heute vermag nicht einmal die Staatsanwaltschaft Zweibrücken den Beweis zu erbringen, dass Djorkaeff von den 11,8 Millionen Mark, die in die Schweiz geflossen sind, tatsächlich persönlich profitiert hat. "Nur Kontoauszüge könnten das belegen", sagt ein Ermittler, "aber die haben wir leider nicht."
Antworten auf Rechtshilfeersuchen in der Schweiz und in Frankreich stehen noch aus. Und so sind es bislang allenfalls Indizien, die Djorkaeff und die alte Vereinsführung belasten. Nach Recherchen des Bundesamts für Finanzen handelt es sich bei der Beratungs- und Orgacontrol AG, mit der Kaiserslautern den Vertrag über Djorkaeffs Persönlichkeitsrechte abgeschlossen hatte, um eine Briefkastenfirma. Das gilt nach Ansicht der Behörde auch für die Clubber Marketing AG und die Cypax Holding AG, zwei jeweils in Zug ansässige Unternehmen, an die der Fußballverein die Millionen letztlich überwies.
Die Fahnder sind sich sicher, dass Djorkaeff "mit bestimmten Nettogehaltsvorstellungen an den FCK herangetreten ist", die "unter Berücksichtigung einzubehaltender Lohnsteuern für den FCK finanziell nicht tragbar" waren. Daher gehen sie davon aus, dass "die Zahlungen für Persönlichkeitsrechte und Ablöseverpflichtungen verdeckte Gehaltszahlungen an den Spieler Youri Djorkaeff" darstellen - zumal der Verein die teuer bezahlten Rechte nie genutzt habe. Was sie bislang nicht beweisen können: "eine Beteiligung" des Franzosen an der Clubber, "da die hinter der Briefkastengesellschaft stehenden Gesellschafter unbekannt sind".
Eine Annahme, die der Verwaltungsrat der Clubber Marketing AG, Georg Zumsteg, in einer Erklärung gegenüber den Ermittlern strikt von sich weist. Demnach habe Djorkaeff bereits am 16. September 1996 seine Persönlichkeitsrechte an die Clubber abgetreten. Im Gegenzug erhielt der Profi eine Einmalzahlung über 900 000 Mark. Außerdem ist ihm eine Leibrente in Höhe von zwei Millionen Mark nach dem Karriereende garantiert. Laut Zumsteg stehen die Millionenzahlungen des FCK allein der Zuger
Firma zu. Der Club habe sie bei der Verpflichtung des Stars als Gesamtpaket verstanden. Darin enthalten seien neben Djorkaeffs Persönlichkeitsrechten auch die Ablöse von rund sechs Millionen Mark, welche Clubber im Auftrag des FCK als eine Art Generalübernehmer für die Vertragsauflösung an Mailand hätte zahlen müssen. Weil aber die Italiener den Weltmeister letztendlich ablösefrei gehen ließen, habe Clubber den Betrag für sich verbucht.
Auch Djorkaeffs Anwalt Ernst Misamer torpediert die Erkenntnisse der Ermittler. Die Clubber sei keine Briefkastenfirma, sondern verfüge vielmehr nach Bestätigung der kantonalen Steuerverwaltung in Zug über eine Steuernummer (1015/779/09) und unterliege "sowohl der Kantons- wie der Gemeindesteuer, aber auch der Direkten Bundessteuer". Zudem seien in der Clubber-Bilanz ausdrücklich "Rentenrückstellungen" verbucht.
Etwas leichter als im Fall Djorkaeff fällt den Ermittlungsbehörden der Nachweis der Steuerhinterziehung im Fall Taribo West. Der nigerianische Ex-Nationalspieler gab nämlich in seiner Vernehmung zu, über die Abtretung seiner Persönlichkeitsrechte - zusätzlich zu seinem versteuerten Gehalt in Höhe von 630 000 Mark - weitere 1,5 Millionen Mark netto erhalten zu haben, die der FCK an eine Briefkastenfirma in Mailand überwiesen hatte.
"Die 'World Footballer Rights' wurde nur geschaffen", so West in seiner Vernehmung, "damit das Geld an mich bezahlt werden konnte." Nach Aussage des Profis habe FCK-Boss Friedrich die Variante ins Spiel gebracht, weil die Pfälzer "auf Grund der deutschen Gesetze" seine Gehaltsvorstellungen von rund zwei Millionen Mark netto nicht erfüllen konnten. Die drei beschuldigten Altfunktionäre wehren sich gegen die Vorwürfe. Falls Spieler über ausländische Agenturen Gelder unversteuert erhalten hätten, sei dies "hinter dem Rücken und ohne Kenntnis des Vereins erfolgt". Ex-Aufseher Wieschemann: "Wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen."
Ob die Ermittlungsbehörden oder die ehemaligen FCK-Bosse Recht behalten, muss nun die Justiz klären. Fest steht: Sollten die Richter das Trio Friedrich, Herzog und Wieschemann insbesondere in Sachen Djorkaeff nicht illegaler Praktiken überführen können, kommen auf den heutigen FCK-Boss Jäggi unangenehme Fragen zu.
* War es richtig, den Punkteabzug hinzunehmen, der weitgehend auf einer Vorverurteilung Djorkaeffs beruhte? Jetzt schwebt der Club in akuter Abstiegsgefahr, und die drei fehlenden Punkte könnten am Saisonende den Sturz in die Zweitklassigkeit besiegeln.
* War es richtig, den 8,95-Millionen-Deal mit dem Finanzamt so früh abzuschließen? Zumal selbst die Steuerfahnder in einem Aktenvermerk vom 10. Februar 2003 attestieren, dass es sich bei den ursprünglich veranschlagten 12,9 Millionen Euro um ein "worst case"-Szenario gehandelt habe.
* War es richtig, im nächsten Schritt die verbliebenen Filetstücke des Vereins, das Fritz-Walter-Stadion und das 28 Hektar große Trainingsgelände Fröhnerhof, wegen der durch die Steuernachzahlung entstehenden Liquiditätskrise nur gegen Übernahme der Vereinsschulden an eine städtische Gesellschaft zu verkaufen?
Jäggi verteidigt seine Strategie des reinen Tischs. Er habe "keine anderen Möglichkeiten gehabt", um den Verein zu retten. Eine Selbstanzeige beim Finanzamt im Dezember 2002 sei nötig gewesen, weil die Wirtschaftsprüfer den Jahresabschluss ansonsten nicht testiert hätten. Die 8,95-Millionen-Verständigung mit dem Finanzamt sei "lebensnotwendig" gewesen, um bei der Sanierung Planungssicherheit zu haben und um sich vor möglichen weiteren Forderungen der Steuerbehörden zu schützen. Auch um den Verkauf des Stadions an die Stadt Kaiserslautern sei man auf Grund der Verbindlichkeiten aus Altlasten und Steuerschuld in Höhe von 27 Millionen Euro nicht umhingekommen.
Die Kritik, dass er in all diese Entscheidungen Friedrich, Herzog und Wieschemann nicht eingebunden habe, lässt der Schweizer nicht gelten.
Mit Vorverurteilungen ist Jäggi ohnehin nicht zimperlich. Bei einem Vortrag vor dem Lions Club im südpfälzischen Landau gab er seine Sicht der FCK-Affäre zum Besten. Seiner Meinung nach sind die Altfunktionäre "Scharlatane, die den Goodwill der Menschen missbraucht haben". Jäggi behauptete vor dem erstaunten Publikum schlankweg und ohne Beleg, allein im Fall Djorkaeff seien 3,5 Millionen Mark netto in die Taschen des Spielers geflossen. Für die 600 000 Mark, die der Verein dem Franzosen pro Jahr zahlen wollte, sei der nicht zu haben gewesen.
Jäggis höhnischer Kommentar: "Da muss einer den Saumagen schon verdammt mögen." JÖRG SCHMITT, MICHAEL WULZINGER
Von Jörg Schmitt und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 19/2004
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