10.05.2004

LITERATURGESCHICHTEDiener vor der Dame

Hannah Arendt und Uwe Johnson scherzten gern, blickten skeptisch auf Deutschland - und durchschauten einander gut, wie jetzt ihr Briefwechsel zeigt.
Wer denn er sei? Auf diese Frage antwortete der lange, kamerabewehrte Deutsche während des Empfangs im New Yorker Goethe-Haus pfiffig-kokett: "Ich bin der Fotograf von Herrn Grass." Uwe Johnson liebte solch zartbitteren Jux. Doch eine Besucherin dieser Doppel-Lesung von Grass und Johnson am 21. Mai 1965 ließ sich nicht täuschen: Hannah Arendt.
Die deutsch-jüdische Denkerin, damals gerade weltberühmt geworden mit ihren Berichten über "Eichmann in Jerusalem", interessierte sich offenbar weit weniger für den Autor der "Blechtrommel" als für diesen bedächtigen 30-jährigen Mecklenburger, der gerade aus seinem ersten Buch "Mutmassungen über Jakob" vorgetragen hatte. Nach dem Kennenlernen notierte sich Johnson (1934 bis 1984) sogar die Adresse der lebhaften Lady: 370 Riverside Drive.
Keiner der beiden ahnte an diesem Abend, wie bedeutsam die Straße am Ufer des Hudson für beide noch werden sollte. Von 1966 bis 1968 wohnte an ihr auch Johnson mit seiner Familie; bald darauf machte er die kurvige Passage zu einem Schauplatz seines Jahrhundert-Romans "Jahrestage". Beinahe, das offenbart jetzt der Briefwechsel, wäre Hannah Arendt, verheiratete Blücher, sogar höchstpersönlich in dem mehrbändigen Opus aufgetreten**.
Johnson wollte seine Romanheldin Gesine Cresspahl, wohnhaft am Riverside Drive, nur zu gern literarisch in kluge Gespräche mit einer "Mrs. Blücher-Arendt" versetzen. Doch Mitte 1970 erreichte den nach Berlin zurückgekehrten Erzähler ein freundlich-bestimmter Einspruch: "Nur nicht Namen nennen. Dagegen bin ich allergisch."
Was tun? Der Vorabdruck in einer "etwas peripheren Zeitschrift" (Johnson) - immerhin dem Intellektuellenheft "Merkur" - war schon nicht mehr zu stoppen. Für die Buchausgabe versprach Johnson reuig, statt des echten Namens eine "Gräfin Seydlitz" auftreten zu lassen. Das
allerdings gefiel Hannah Arendt nun ebenso wenig:
Aber, bitteschön, zur Gräfin machen Sie mich nicht! Bis sie so was dürfen, müssen Sie noch viele reizende Briefe schreiben. Von allem andern abgesehen, scheint es Ihnen nicht aufgefallen zu sein, dass ich jüdisch bin.
Amüsiert-zerknirscht flüchtete sich Johnson ins Mecklenburger Platt: "Jä ... Will die Dame nu wieder nich Gräfin wern." Natürlich war dem allzeit vorsichtigen Detektiv menschlicher Identität auch die Bitte um Diskretion letztlich sympathisch. Im Buch blieb es bei der Gräfin. Doch die Aufforderung, Reizendes zu schicken, nahm Johnson ernst. Immer wieder sandte er seither Alltagsschnappschüsse von so entwaffnendem Sarkasmus, dass sie den Briefwechsel zu einer kleinen Schatzkiste machen.
Da hatte etwa die "Frankfurter Allgemeine" Johnson andeutungsweise als wohlsituierten Schriftsteller erscheinen lassen. Sofort malt der in Wahrheit stets klamme Autor sich mit genießerischer Bosheit aus, wie "ich in meinem schneeweissen Bentley vor meinem zinnenstarrenden Herrschaftssitz vorfahre", den er dann noch über anderthalb Seiten glamourös mit Tennisplatz, Terrakotta-Terrasse, drei Dienstmädchen und dem "Dackel Lyndon Bee" ausstaffiert.
Wenig später schickt er von einer Lesereise ähnlich ironische Skizzen:
Es ist eine kleine Stadt an der Leine, 13,700 Leute sind da mit einander beschäftigt ... Über Leute mit einer schwarzen Ledermütze auf dem Kopf wird hier gegrinst, aber verhohlen, weil es ja doch die neueste Mode der Gross-Stadt sein könnte, und man begegnet den Fremden mit vorgezeigter Höflichkeit, damit sie von hier ja nicht ungünstige Nachrichten mitnehmen in die edlere Ferne.
Hinter dem Spott verbarg sich tiefes Unbehagen am geistig-politischen Provinzlertum vieler Landsleute im geteilten Deutschland. Gerade die Emigrantin Arendt, deren große Studie zum Totalitarismus wegweisend geworden war, verstand das genau und teilte Johnsons Skepsis.
Die "Jahrestage", die scharfsichtig New Yorker Alltagsimpressionen mit aktueller Weltpolitik und Rückblenden auf deutsches Schicksal verweben, lobte sie ihrem "lieben Uwe" gegenüber als "Meisterwerk" - das war ehrlich: Mehrfach verschenkte sie die Bände an Freunde. Selbst ihrem philosophischen Lehrer und einstigen Geliebten, dem Freiburger Philosophen Martin Heidegger, empfahl sie Johnsons Erzählwerk listig als "sehr besinnlich und oft an Hamsun gemahnend im Ton".
Bei aller Lesefreude schaltete sie ihren kritischen Blick keineswegs ab. So stutzte sie 1974 im dritten Band: ",Das ist die
Liebe der Matrosen'' kann eigentlich die Naziwehrmacht nicht gut gesungen haben alldieweil dies von dem Juden Robert Gilbert, dem bekannten Schlagerdichter stammt. Oder: wie Loreley Autor unbekannt?"
Tatsächlich war Heinrich Heines "Loreley"-Gedicht zu NS-Zeiten heuchlerisch als Werk eines unbekannten Autors vereinnahmt worden. Johnson, der Detailfanatiker, begriff die Andeutung sofort, wollte seine Erinnerung aber trotzdem in Schutz nehmen: "Was aber die Liebe der Matrosen angeht, so meine ich jenes Lied als Kindheitseindruck erlitten zu haben ... Autor? Deutsches Volkslied, nehme ich an." Was gedruckt war, ließ sich eben nicht mehr ändern.
Ein resigniertes Achselzucken als Grundhaltung deutet sich hier an - dagegen halfen bald auch ermunternde Zurufe und Einladungen aus dem Tessin nichts mehr: Johnson, der seine Schwermut immer regelmäßiger im Alkohol erstickte, war nicht mehr zu erlösen. Schon 1971, nach dem Tod von Arendts Mann Heinrich Blücher, hatte sein Beileidsbrief tonlos geklungen: "Mir fällt zu der Banalität des Todes, der Absurdität des Sterbens immer mal was ein, aber ich mag es nicht mehr aussprechen."
Mitte 1975 meldete er sich zwar noch einmal mit launigen Beobachtungen von seinem neuen Schlupfwinkel, Sheernesson-Sea auf einer Insel in der Themsemündung - aus seinem Souterrain-Arbeitszimmer nahe dem Flussufer, wo auch "ein Nachrichtenmagazin seit 1952" als Geschichtsquelle griffbereit stand. Als dann aber Hannah Arendt, eben selbst von einem Herzinfarkt genesen, dem nächsten Schreiben entnahm, ihm sei Ähnliches passiert, mochte sie es nicht glauben.
"Ihr Brief - sehr entzückend, sehr charmant, aber dann doch als ob einer mit geschlossenen Lippen spricht", antwortete sie. Der tief in Depression und Schreibhemmung vergrabene Johnson fühlte sich plötzlich erkannt und beschämt. ",Kindchen'' konnte sie sagen, zärtlich lächelnd, nachdem sie eine andere Meinung angehört hatte", hielt er mit ergriffener Hochachtung fest, als er wenige Monate später, im Dezember 1975, die soeben verstorbene Hannah Arendt in knappen, inhaltsschweren Worten würdigte.
Seine jüngste Essaysammlung hatte er ihr noch gentlemanlike "mit einem Diener - Sincerely Uwe J." zugesandt. Nun wurde ihm der kurze Nachruf zu einem Monument für die große Freundin. Dankbar verbeugte er sich ein letztes Mal vor der Klugheit und Lebensfreude der Frau, die für ihn stets die Geistes-Gräfin vom Hudson geblieben war: "Es machte Hannah Blücher-Arendt Spaß, die Dame zu spielen; wenn der Begriff überhaupt noch Wert hat, sie war eine." JOHANNES SALTZWEDEL
* Links: 1971 auf Rhodos; rechts: 1983 in Düsseldorf. ** Hannah Arendt/Uwe Johnson: "Der Briefwechsel". Hrsg. von Eberhard Fahlke und Thomas Wild. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 344 Seiten; 18,90 Euro. Das Buch erscheint am 12. Mai.
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 20/2004
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