17.05.2004

AFFÄRENGute Zeiten, schlechte Zeiten

Fußballmeister Werder Bremen gilt als bescheidener Verein. Tatsächlich aber half eine schwarze Kasse, Profis an die Weser zu locken - darunter den Torjäger Ailton.
Der Verein Werder Bremen, da sind sich die Fußballfans von Freiburg bis Rostock einig wie selten, habe am Samstag vor einer Woche nicht nur grandios gespielt. Werder habe auch bewiesen, dass ein vergleichsweise armer Provinzverein beim Kampf um die deutsche Meisterschaft selbst Liga-Krösus Bayern München schlagen könne.
Da zeige sich doch, "was eine Stadt mit Bürgersinn alles bewegen kann", frohlockte Bremens Bildungssenator und Werder-Aufsichtsrat Willi Lemke: "Geld ist auch im Fußball noch immer nicht alles."
Von wegen: Kaum jemand weiß besser als der ehemalige Manager des SV Werder Bremen, dass ein paar Geldscheine, ohne Formalitäten über den Tisch gereicht, manchmal doch sehr hilfreich sind. Als Lemke noch im Weserstadion das Sagen hatte, führte sein Verein eine schwarze Kasse. Und das heimliche Vermögen half, das zeigen jetzt interne Unterlagen, auch bei jenem Transfer, der den Grundstein zur deutschen Meisterschaft legte: Als Wunderstürmer Ailton, der Werder an die Spitze der Tabelle schoss, an die Weser kam, wechselte auch reichlich Schwarzgeld den Besitzer.
Sozialdemokrat Lemke gab zwar in den vergangenen Wochen unermüdlich Interviews über Werder. SPIEGEL-Fragen zur schwarzen Kasse mag er aber ungern beantworten: Er sei "nicht befugt", sich für den Verein zu äußern, teilt Lemke in einer achtzeiligen Stellungnahme mit. Werder-Sprecher Tino Polster gibt sich ebenfalls zugeknöpft und will auf "Details" nicht eingehen.
Aufschlussreich ist hingegen ein interner Bericht der Steuerfahndung, die mehrere Schreiben des Werder-Anwalts Burkard Plenge zusammenfasst: Zwischen 1980 und 1988 hätten verschiedene Freunde des Vereins 600 000 Mark für "schlechte Zeiten" gegeben, heimlich und offenbar ohne entsprechende Spendenquittungen, behauptet Plenge. Das Geld sei dann in einem Tresor gesammelt worden und später in einem Depot der BfG Bank Luxembourg versteckt worden.
Das Depot, das beim Finanzamt nicht gemeldet wurde, tauchte natürlich auch in den Büchern des Vereins nicht auf; es lief auf den Namen des damaligen Geschäftsführers Wolfgang Barkhausen. Lemke allerdings soll das Luxemburg-Geschäft eingefädelt haben, so zumindest geht es aus einem Brief eines früheren Bankbeschäftigten hervor, der dem Finanzamt vorliegt.
Doch der geheime Schatz war keineswegs absolut sicher. Als die Staatsanwaltschaft Bremen 2001 Ermittlungen gegen die BfG-Nachfolgebank SEB wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung einleitete, bekam wohl auch der Werder-Vorstand kalte Füße. Am 14. September 2001 erstattete er vorsorglich Selbstanzeige beim Finanzamt.
Der Verein zahlte still und leise die hinterzogenen Steuern für die Zinsen nach. Doch die Finanzbeamten wollten auch wissen, wo Geld und Erträge geblieben sind.
Anwalt Plenge berichtete den Fahndern daraufhin: Das Geld sei weg, der "Abfluss an ausländische Personen im Zusammenhang mit dem Kauf von ausländischen Spielern erfolgt". 1994 etwa wollte der Verein unbedingt den russischen Nationalspieler Wladimir Bestschastnich von Spartak Moskau verpflichten, aber nur 1,2 Millionen Mark ausgeben. "Als sich die Verhandlungen an diesem Punkt festzufahren drohten", so Plenge in seinem Schreiben, habe man sich geeinigt, neben der Transfer-Summe 700 000 Mark schwarz zu zahlen. Werder-Leute hätten zunächst einen "Schuldschein" unterschrieben, dann über Monate hinweg nach und nach Bares aus dem Versteck geholt und es einem russischen Geldboten gegeben. Anschließend soll der Kurier den Schuldschein, so Werder-Anwalt Plenge, vor Lemkes Augen zerrissen haben.
Für die Extrazahlung beim Ailton-Transfer gibt es laut Plenge ebenfalls keine Belege: Als der Linksfüßer 1998 vom mexikanischen Verein Universidad de Nuevo León abgeworben werden sollte, "forderte ein Personenkreis um einen gewissen ,Pedro Babb' einen zusätzlichen Betrag von 180 000 Mark" bar auf die Hand. Der Preis sei schließlich auf 120 000 Mark heruntergehandelt worden - weil Bremen auf eine Quittung verzichtet habe.
Werder verweigert zu diesem Deal jede Auskunft, auch Stürmer Ailton schweigt. Merkwürdig: In dem mexikanischen Verein will niemand einen Pedro Babb kennen, und selbst Ailtons Verwandten in Brasilien sagt der Name nichts.
1999 wechselte Lemke in Bremen als Senator in die Politik und ist seither für die Schulen des Landes zuständig. Bildungspolitisch zahlte sich die Ailton-Investition zwar nicht aus. Auch nach sechs Jahren an der Weser stammelt der Spieler meist Unverständliches in die Mikrofone, wie nach dem Gewinn der Meisterschaft: "Schön Tor, eh, schöne Schiss, sehr gut Spieler, nicht nur Ailton, Entschuldigung, die ganze Mannschaft sehr Kompliment." Auf andere Weise ist er dennoch ein Glücksfall für Lemke, der gern Henning Scherf als Bürgermeister beerben würde.
Die Erfolge der gekauften Kicker strahlen auf Lemkes Image ab, selbst als der Senator die Kicker von Bayern München kürzlich als "Pappnasen" titulierte, nahm ihm das an der Weser niemand krumm. Dabei wirft er Bremer Schülern immer wieder vor, sie seien unhöflich und undiszipliniert. MICHAEL FRÖHLINGSDORF
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 21/2004
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