17.05.2004

Botschaft des Barden

Der neue Troja-Film nutzt das älteste Stück Weltliteratur für eine Orgie aus Blut und Bizeps. Neue Forschungen belegen: Homer besang einen realen Urkrieg zwischen Europa und dem Orient. Das Epos enthält Dokumente einer Schlacht, die das Ende der Bronzezeit besiegelte.
Die Unsterblichkeit, holt sie euch!", ruft Achill und zeigt mit dem Schwert auf die Zinnen von Troja. Es ist die 35. Film-Minute. Rund zehn Kilogramm Muskelmasse hat Brad Pitt für seine Rolle als Halbgott Achill zugelegt, mit Gewichtheben, Schwertkampf und Krafteiweiß aus der Tube.
Was für einen Aufwand betreibt Warner Brothers, um "Gladiator" und "Herr der Ringe" an Rohheit noch zu übertreffen! Als Vorlage diente ein attisches Epos, das in 24 Gesängen beschreibt, wie 100 000 Soldaten Griechenlands die Festung Troja bestürmten, sie "auszutilgen verlangend" (Homer).
200 Tonnen Gips ließ Regisseur Wolfgang Petersen für seine Choreografie des Tötens ausgießen. Trojas Stadtmauer erstand an einem Strand in Mexiko. Stiernackige Statisten zogen einen 11,50 Meter hohen Glasfiber-Gaul in die Stadt des schönen Paris. Dem zur Seite steht die bei Hildesheim geborene Diane Kruger als Feindsliebchen Helena.
Vorletzten Sonntag lud das Team zur Premiere nach Berlin. Wer nach den 162 Minuten Blutrausch noch Appetit hatte, konnte bei Bier und Kaviar im Kronprinzenpalais mit Stars wie Peter O''Toole und Julie Christie feiern - nur wenige hundert Meter von dem Museum entfernt, in dem Heinrich Schliemann einst "dem Deutschen Volke" seinen "Schatz des Priamos" vermachte (der heute in Moskau liegt).
Hollywood - Troja - Berlin: Eine geschichtsträchtige Achse wird da pompös in Szene gesetzt. Petersen, der als Schüler Homers "Ilias" im Original las, gibt Kunde vom Ur-Roman des Abendlandes. Eine "ganz große Geschichte", berichtet er: "Ich habe mir einen Traum erfüllt."
Nur welchen? In seinem Kulissen-Troja werden - perfekt wie nie - Silikonpuppen von Streitwagen überrollt. Mit Ketchup und Wassermelonen gefüllte Düsen, die unsichtbar im Boden vergraben sind, simulieren herumspritzende Eingeweide. Versehrten werden die mit Kunstblut gefüllten Prothesen vom Leib gehackt.
Der Film zeigt alles: Schwerter, die am Schulterscharnier des Panzers vorbei vom Schlüsselbein aus Richtung Herz stechen; Lanzen, die Bäuche durchbohren; kurze Dolche, schräg in den Hals vordringend. Menelaos spuckt beim Reden Zähne. Papa arbeite halt im "Großkombinat", entschuldigt sich Petersens Sohn Daniel, 35. Alles werde "immer schneller immer schlimmer", klagt der Regisseur. Leider reitet er den Drachen, den er kritisiert.
Zugestanden sei, dass auch das Original nicht zimperlich ist. Mit "bitterem Hass" lässt Homer Hellas'' Helden antreten. Pfeile dringen in Gedärm, "schwarzes Blut" fließt. Schlimm treibt es besonders Achill, der den toten Hektor elf Tage lang immer wieder verstümmelt - Leichenschändung.
Doch das Weltgedicht, das jener Ausnahme-Sänger Homer im 8. vorchristlichen Jahrhundert schuf, enthält mehr als bloßes Gemetzel. Höflich, voller Herz und Edelmut, treten Homers Kämpfer an. Ajax, der mit seinem Gegner bis zur Abenddämmerung ficht, überreicht ihm am Ende Geschenke. Im neuen Film wird er brutal mit langer Klinge abgestochen.
Als "größten aller Idyllendichter" pries Friedrich Schlegel den antiken Barden. Die deutsche Klassik verehrte ihn so närrisch, dass der Aufklärer Lichtenberg über den Bildungsbürger spottete: "Er las immer ,agamemnon'' statt ,angenommen'', so sehr hatte er seinen Homer gelesen."
Heute ist der Ruhm dieses Kerntextes humanistischer Bildung verblasst. Achill kennt man wegen der Sehne, wie Ajax heißt ein Fußballverein. Und wer denkt beim Stichwort Penaten noch an die Schutzgötter Trojas?
So nimmt es kaum Wunder, dass Hollywood wie gewohnt locker mit der Vorlage umgeht, und darin nicht mehr als ein "Action-Drama" (Pressetext) erkennt. Im Plaste-Harnisch, mit Wangenklappen, die bis zu den Schneidezähnen reichen, treten die Kämpfer an. "Die Kostüme sind griechisch-römisch, die Paläste minoisch, und die Schiffe ähneln denen der Wikinger", erklärt der Tübinger Archäologe Peter Jablonka.
Gleichwohl hat der Film auch sein Gutes. Das Zelluloid, auf dem, digital vermehrt, 1200 Rahsegel die Ägäis verstopfen, gibt eine Ahnung von jenem denkwürdigen Schlagabtausch am Ende der Bronzezeit, der die Forscher bis heute nicht in Ruhe lässt. Der Film scheint Homer zuzubilligen, was ihm manch ein Experte abspricht: dass er von wahren Geschehnissen berichtet.
Zwar war der Kaufmann und Abenteurer Schliemann schon vor 130 Jahren auf die Ruinen der Sagenstadt am Eingang der Dardanellen gestoßen. Trotzdem stritt die moderne Wissenschaft lange Zeit jegliche "Historizität" des Epos ab. "Die ,Ilias'' ist kein Geschichtsbuch", meinte noch in den siebziger Jahren der Althistoriker Franz Hampl. Homer sei ein Poet, der, hinschwebend auf den Versfüßen der Phantasie, sein Gedicht aus den Tiefen des limbischen Systems geschöpft habe.
Das schien umso wahrscheinlicher, als der Ur-Dichter des Abendlandes auf eine längst versunkene Epoche zurückblickte. Um 1200 v. Chr. war der gesamte Mittelmeerraum in "eine schwere ökonomische, soziale und demografische Rezession" gesunken, wie es der Cambridge-Professor Anthony Snodgrass ausdrückt. Straßen und Brücken verfielen. Das Schlimmste aber: Das "mykenische" Urgriechenland hatte die Fähigkeit zu schreiben verloren.
Aus diesem Dunkel erhob Homer 400 Jahre später als Erster wieder die Stimme, ein "Gipfel nach dem Nichts", so der Altphilologe Walter Jens. Wie also sollte sein Gesang mehr sein als ein vages Echo der Vorzeit?
Genau an diesem Punkt vollzieht sich derzeit eine Wendung im hethitologischen und altgriechischen Forschungsbetrieb. Statt den Dichter als Poeten zu preisen, heißt es nun jäh: Homer sei ein Chronist, ein penibler Datenschreiber der Vorzeit.
Plötzlich dringt Licht in jene Zwielichtzone der späten Bronzezeit, in der die "Ilias" spielt. Die Experten entziffern Tontafeln, graben in den Burgen von Mykene und Sparta, wo einst Agamemnon und Menelaos lebten. Und in Troja arbeitet unermüdlich der Tübinger Chef-Ausgräber Manfred Korfmann auf dem 37 Meter hohen Burghügel Hisarlik. Ergebnis:
* Homer beschreibt einen Ost-West-Konflikt, der um 1190 v. Chr. stattfand;
* er kannte die feindlichen Lager recht genau;
* und er verwendete für sein Epos uralte Stelen und Dokumente, wie der "Schiffskatalog" aus dem 2. Gesang beweist (siehe Grafik Seite 154).
Ob Totenriten, Stierkulte oder das Menschenopfer im 23. Gesang (zwölf Trojanern sowie zwei Hunden wird am Grab des Patroklos die Kehle durchgeschnitten) - viele von Homer erzählte Szenen deuten auf einen "mykenischen Kern" des Epos hin.
Immer wieder zeigt sich der Autor über die Vorzeit bestens informiert. Seine Helden tragen langes Haar und Helme mit Rosshaar - Männermode der Bronzezeit. Hart lässt er den "Zephyr", den Westwind, vom Balkan über die Ebene von Troja fegen, was er noch heute tut.
"Tonnenweise Pferdeknochen" hat der Spaten-Chef Korfmann in der Mauerwüste am Hisarlik ausgegraben. Er vermutet, dass die Trojaner ein "Zucht- und Trainingszentrum" für Rösser besaßen, die Stadt sei ein Scharnier im Pferdehandel nach Westen gewesen.
Auch bei Homer sind die Räuber der Helena große Pferdenarren. Immer wieder nennt er sie "Rossebezähmer". Und er schildert eine Rennbahn vor der Stadt, auf der adlige Jockeys mit Streitwagen um die Wette fahren.
Selbst der berühmte "Helm des Odysseus" aus dem 10. Gesang erweist sich als Realie. Er ist "aus Leder geformt", innen mit "Filz" ausgeschlagen und außen mit den Hauern "vom weißzahnigen Schwein" verziert. Exakt solch ein Hut ist in einem Kammergrab in Attika entdeckt worden, hergestellt um 1200 v. Chr.
Wie groß der geschichtliche Bodensatz in dem Epos ist, zeigen vor allem die Grabungen in Hattusa, der alten Hethiter-Hauptstadt nahe Ankara. Rund 30 000 Keilschriften kamen dort zu Tage: Staatsverträge, Diplomatenpost und Königsbriefe aus dem 14. und 13. Jahrhundert vor Christus.
Akribisch und mit der Lupe haben Altorientalisten wie der Tübinger Frank Starke die bröseligen und teils zerbrochenen Tontafeln untersucht. Resultat: Viele der Eigennamen, die Homer erwähnt, tauchen auch in den 400 Jahre älteren Texten der anatolischen Staatskanzlei auf. "Troja" hieß bei den Hethitern "Land Truisa"; Ilios, der Zweitname der Stadt, ist von "Wilusa" abgeleitet (siehe Grafik 158).
Angesichts der vielen Indizien hat der Baseler Gräzist Joachim Latacz seine Zunft zum Umdenken aufgerufen. Das Epos spiele in "geschichtlicher Kulisse", schreibt er in einem bemerkenswerten Buch zum Kriminalfall Homer*. Während die Archäologie Skelette finde, liefere die "Ilias" nun "das Fleisch, das sich gestaltgebend um die Knochen legt".
Und auch der Spaten-Papst Korfmann (der jüngst die türkische Staatsbürgerschaft annahm) mag an Zufälle nicht mehr glauben: "Momentan spricht alles dafür, dass Homer ernst genommen werden muss und die Sage vom militärischen Konflikt zwischen Griechen und den Einwohnern Trojas auf echter Erinnerung beruht."
Mit diesem neuen Leitsatz tritt allerdings ein anderes Problem auf: Über 400 Jahre Schriftlosigkeit trennen Homer von der Zeit Agamemnons und Achills. Warum wusste der Barde so gut Bescheid? Wie gelangte die Kunde zu ihm?
Mit diesen Fragen gerät ein musischer Großkönner ins Visier der Ermittler, der
voller Rätsel steckt. Als göttlich stuften bereits die alten Athener ihren "Homeros" ein. Manche Rhapsoden konnten die
"Ilias" in einem Zug auswendig vortragen (Dauer: etwa 45 Stunden). Doch über den Urheber ist wenig bekannt.
Zwar liegen sieben antike Lebensbeschreibungen vor. Sie berichten, dass der Poet als unehelicher Sohn einer Wollspinnerin zur Welt kam und sich als "Stegreifsänger" bettelnd über Wasser hielt. Zwischendurch habe er als Schulmeister gearbeitet, sei alsbald erblindet und schließlich vor Ärger gestorben, weil er das Rätsel nicht lösen konnte, das ihm zwei Fischerjungen aufgaben: "Draußen blieb, was wir fingen, doch bringen wir, die uns entgingen" (Antwort: Läuse).
All das hat die moderne Forschung längst als unwahr entlarvt. Als Landstreicher hätte Homer nie so genau die kostbaren Möbel und feinen Gewänder des Adels beschreiben können, die räuchernden Duftkerzen in ihren Gemächern und die Prunkwaffen, Schilde und ehernen Schienbeinschoner.
Unstrittig ist, dass der Epiker in einer Phase des Aufschwungs lebte. Im 8. Jahrhundert erwachte Südeuropa aus dem "dunklen Zeitalter". Der Handel erstarkte. In Ruderbooten drängten die Hellenen zu neuen Ufern. In Zypern und Marseille gingen die Kolonisatoren an Land. Andere fuhren mit pechverschmierten Trieren durchs Schwarze Meer bis in den Don.
In diese Boomzeit wurde Homer hineingeboren. Latacz geht davon aus, dass er um 770 v. Chr. als Junge aus "gutem Haus" in Smyrna (heute Izmir) an der Küste Kleinasiens zur Welt kam. Als 40-Jähriger habe er sein Heldenepos verfasst, das durch Rückgriff auf die glorreiche Vergangenheit das Wiedererwachen der Nation spiegelte.
Der alte Verdacht, dass ihm für sein Vorhaben das Papyrus fehlte, ist falsch. Bereits in der Zeit um 1050 v. Chr. exportierte der Pharao die faserige Staude nach Byblos (als Austausch gegen 500 Tonnen Bauholz). Mit dieser Stadt standen die Leute aus Attika in Verbindung.
Von jenseits des Mittelmeers kam weitere, entscheidende Hilfe: die Schrift der Phönizier. Sie hatte nur 22 Buchstaben und war leicht erlernbar. Flugs übernahmen die Griechen das System und verbesserten es noch. Es ist dieses um 750 v. Chr. entwickelte Alphabet, mit dem Hellas zur Kulturnation aufstieg, den Orientalen die Führerschaft entriss und die Eule, Sinnbild der Weisheit, nach Athen lockte.
Eine jahrtausendealte Tradition mündlicher Überlieferung, getragen von den "Aoiden", den Sängern, ergoss sich damals jäh auf Papyrus, Holz- und Tontafeln. Genau an dieser Schnittstelle lebte Homer. Das Epos zeigt, dass ihr Urheber die alte Technik der "Oral Poetry" bestens kannte.
Dutzende solcher Harfner tourten damals durch griechische Lande. Mit Gewand und Phorminx, einer Leier mit Elfenbeinrahmen - so sind diese Unterhalter auf Wandbildern im Palast von Pylos dargestellt. Dass sie beim Rezitieren stundenlanger Texte gern sprachliche Versatzstücke und feste Beiworte nutzten, färbte in die "Ilias" ab. Immer wieder erhebt sich dort "Eos mit Rosenfinger" (vulgo: die Sonne geht auf). Hektor ist stets "helmumflattert", Odysseus dagegen "erfindungsreich", Achill ein "mutiger Renner".
Zugleich aber wird bei Homer eine wohl durchdachte Komposition deutlich, eine Formung des Stoffes, wie sie erst die Schrift ermöglicht. Auf nur 51 Tage verdichtet der Autor die Handlung, ganz unvermittelt schaltet er sich dazu ins zehnte Jahr der Belagerung ein.
Gleich im ersten Gesang schnellt die Fieberkurve empor: Der Truppenchef Agamemnon trachtet nach Briseis, dem "Beutemädchen" des stärksten Kämpfers Achill. Flugs lässt er die schöne Sklavin abführen. Der Bestohlene schäumt vor Wut und steigt trotzig aus dem Kampf aus. Damit ist das Zentralmotiv der "Ilias" benannt: Schuld und Vereinzelung.
Eine ungeheure Spannung lastet auf der Skamander-Ebene. Angstvoll blicken die Vogelschauer in den Himmel, in Träumen steigen die Götter hernieder. Als auch noch die Pest im Lager ausbricht, wird es brenzlig. Angeführt von Hektor sprengen die Trojaner den Belagerungsring.
Petersen nutzt die Szene fürs erste Großgefecht. Hubschrauber-Kameras gleiten über ein endloses Heer aus Schilden, hinter denen sich 1200 Komparsen in Wut schreien. Dann zeigt der Film den Griechen Ajax (dargestellt von dem Zwei-Meter-Hünen Tyler Mane), der mit einem Hammer kämpft und erst blutschäumend stirbt, nachdem ihm der Gegner die Klinge zweimal in voller Länge durch den Unterleib gebohrt hat.
Erst mit der Rückkehr Achills an die Front wendet sich das Blatt. "Mit Brustharnisch, mächtig gewölbt, und eschener Lanze" stürzt der Grollende im Originaltext gegen die "glatt gehauenen" Steine der Festungsmauer und trifft endlich tödlich den Trojaner Hektor. Flink zieht er der Leiche "zwischen Knöchel und Ferse einen Riemen aus Stierhaut" und schleift den Toten mit dem Wagen heulend durch den Staub.
Wie eisige Lava fließt Homers Vers. Dass hier aber - bei allem musischen Genie - zugleich auch ein tatsächliches Großereignis nachhallt, dass der Autor eine Art Doku-Soap mit jeder Menge geschichtlichem Gehalt entwarf, das zeigt nun erst die Archäologie.
In der "Ilias" haben viele Schwerter am Griff einen "silbernen Buckel" - eine typisch mykenische Waffenzier. Im 4. Gesang wird König Menelaos von einem Pfeil in den Bauch getroffen. Als er ihn herauszieht, "bogen die spitzigen Haken sich rückwärts". Exakt solche Pfeile mit Widerhaken wurden in den Ruinen von Troja entdeckt.
Aber nicht nur die Details stimmen, auch die von Homer dargestellte politische Großwetterlage passt gut ins Bild der aktuellen Forschung. Der Kampf Orient gegen Europa, Anatolien gegen Attika war, wie sich jetzt zeigt, der zentrale Konflikt der ausgehenden Bronzezeit.
Die Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen belegen, dass in Hellas um 1400 v. Chr. große Palastanlagen entstanden, meist hochgestellt auf Bergrücken, an deren Fuß sich Unterstädte hinzogen. Über zehn dieser Burgen sind bislang bekannt.
In diesen aus Zyklopensteinen erbauten Festungen lebten jene Könige, die Homer als Agamemnon, Odysseus, Nestor und Menelaos gen Troja ziehen lässt. In Thronsälen mit riesigen Herdfeuern lebten diese Herrscher: Bosse der ersten Großmacht Europas - dem mykenischen Reich.
Doch auch im Osten formierte sich eine Supermacht: der Hethiterstaat. Deren Könige saßen, spitze Hüte auf dem Kopf, in der von Löwentoren bewachten Hauptstadt Hattusa. Um 1350 v. Chr. stieg dieses Volk neben Ägypten und Mykene zum dritten "Global Player" des Altertums auf. Seine Streitwagen preschten bis zur anatolischen Westküste. Wilusa/Troja wurde Vasall.
Aus den Keilschriften geht hervor, dass es bald danach Krach gab. Unter Hattusili II. (1265 bis 1240 v. Chr.) kamen sich die Parteien wegen der Pufferstaaten an der Küste in die Haare: "Mein Bruder", schrieb mahnend der hochgerüstete Anatolier, "Krieg wäre nicht gut für uns." Doch die Griechen wollten nicht hören.
Um 1190 v. Chr. entlud sich die Spannung in einem Knall. Am Ende war Hattusa verschwunden, Ägypten verarmt, Zypern, die große Kupferinsel, verwüstet, die Levante stand in Flammen. Das Altertum fiel ins dunkle Zeitalter.
Ganz so düster indes war die Epoche wohl doch nicht. Neueste Spuren auf der Peloponnes und in Attika zeigen, dass die Griechen auf bescheidenem Level weitermachten. Die so genannten frühhelladischen Kleinkönige besaßen genug Finanzkraft, um sich an ihren Höfen Barden zu leisten.
Auf Sesseln ruhend, rechts den Weinpott aus plumper Keramik, lauschte das adelige Publikum, wie einst seine Vorväter "geschnäbelte Schiffe" bestiegen, um die Feinde am Hellespont zu besiegen.
"Die Kleinkönige der dunklen Jahrhunderte verehrten ihre Ahnen und bewahrten deren Waffen wie Fetische auf", glaubt der Heidelberger Archäologe Joseph Maran. Den Eberzahnhelm des Odysseus etwa müsse Homer bei einem seiner Gönner gesehen haben.
Vergleiche mit keltischen Sängern zeigen, dass mündlich überlieferte Dichtung historische Fakten verblüffend getreu konservieren kann. Bei den Eigennamen achteten die Sänger streng auf die richtige Wiedergabe. Im Korsett aus Rhythmus und Vers wurde geschichtliches Wissen gleichsam einbetoniert.
Nur eine kleine Gruppe von Konservativen mag all das nicht glauben. Angeführt vom Tübinger Althistoriker Frank Kolb, halten sie an dem alten Dogma - hier die Poesie, dort die Realität - fest. Der Archäologe Korfmann führe die Öffentlichkeit an der Nase herum, Troja sei nichts als ein Kaff gewesen.
In letzter Zeit ist Kolb kleinlauter geworden. Wegen seiner ehrabschneidenden Behauptungen rügte ihn der Dekan der Universität. Als das nicht reichte, verklagte Korfmann den Trotzkopf vor dem Stuttgarter Amtsgericht. Der Vergleich vom vergangenen Februar: Kolb darf unter Androhung von 5100 Euro Strafe nicht mehr gegen die Spatenzunft schimpfen.
Etwas Gutes hat der Streit: Er schärft den Blick. Denn auch Homer irrte. So fuchteln seine Helden vor Trojas Zinnen mit Eisenschwertern herum, die erst 200 Jahre später zum Einsatz kamen. Auch übertreibt er gern.
Und doch taugt Homers Epos - bei aller Vorsicht - als Wegweiser durch die Bronzezeit. Denn auch seine Schilderung der Stadt Troja findet überraschende Bestätigung. Er war es, der die Metropole volkreich nannte, sie als quirlige City mit "prächtigen Gassen" beschrieb. Auf dem Burgberg stand Priamos'' Königshaus, ein Palast mit 62 Räumen.
Als Schliemann 1871 auf dem Hisarlik anrückte, war davon zunächst nichts zu sehen. Ganze 20 000 Quadratmeter umschlossen die Mauern: Troja, ein "Piratennest", so lautete die Ansicht, die noch vor 15 Jahren Gültigkeit hatte.
Erst Korfmann ermittelte das wahre Ausmaß der Siedlung. Er wies eine Unterstadt nach, umgeben von tiefen Gräben. Seine Einschätzung: Troja war eine Residenz mit Staatskanzlei, die an strategisch günstiger Stelle, direkt an den windumtosten Dardanellen, den Handel mit Ostsee-Bernstein, afghanischem Lapislazuli, Jade aus China und Zinn aus usbekischen Lagerstätten kontrollierte.
War das der Grund für den Überfall? Klar ist, dass die Schicht Troja VIIa, datiert auf 1180 v. Chr., dick mit Asche bedeckt ist: Ergebnis einer Feuersbrunst. Korfmann fand Skelette sowie "einige Haufen mit Schleuderkugeln". Es ist nicht verschossene Munition, die nach dem Fall der Festung unbeachtet liegen blieb.
Die größte Überraschung aber ist, dass die Heimat von Priamos, Hektor und Paris der Kultur des Alten Orient angehörte. Die Trojaner sprachen anders als die Griechen. Sie opferten anderen Göttern. Korfmann nennt es "gewöhnungsbedürftig", doch die Stadt "war eindeutig nach Anatolien orientiert". Er fand im Schutt
* ein Siegel mit Schriftzeichen eines hethitischen Dialekts,
* zentnerweise dunkles Essgeschirr, die "anatolische Grauware",
* eine Bronzestatue, die einen syrischen Gott zeigt.
Zudem kamen 17 Stelen zum Vorschein. Viele Forscher glauben, dass die heiligen Steine den Apalunias verkörpern. Seit einiger Zeit schon rankt sich um diesen trojanischen Gott eine aufgeregte Debatte. Denn bei Homer steht Troja unter dem Schutz des ähnlich klingenden Apollon, dem Gott der Künste. Er schirmt Priamos'' Mannen ab und schießt sogar Pestpfeile ins Lager der Griechen.
Den Frühgriechen um 1200 v. Chr. war Apollon noch unbekannt, er ist ein spät eingeführter Gott. Erst nach dem Sturz der orientalischen Gegner, so die Idee, wurde deren Himmelschef eingemeindet und auf den Olymp verfrachtet.
Immer deutlicher schält sich damit ein Kernbefund heraus: Die Griechen, aggressive Beutemacher, drängten nach Kleinasien. Sie gierten nach Vieh, Weideland und den Schätzen der Nachbarn. Deshalb plünderten sie die orientalischen Palaststädte.
Das klingt bei Homer, zumindest vordergründig, anders. Bei ihm geschieht all das Morden, um eine Frau zu gewinnen - hier, so scheint es, gehorcht er denselben Regeln des Publikumsgeschmacks, denen heute Hollywood folgt. "Immer schon haben die Menschen Kriege geführt. Manche wollten Macht, manche Ruhm oder Ehre - andere wollten Liebe", heißt es im Pressetext von Warner. Das Liebespaar habe "eine ganze Zivilisation in den Untergang" gestürzt.
Das ist, historisch betrachtet, Unsinn. Homer übernahm das Helena-Motiv aus der Sage. Was hätte er auch tun sollen? Schließlich sang er vor einem Publikum aus parfümierten Höflingen, das sicher nicht gern gehört hätte, dass die eigenen Ahnen einst geldgierig in Kleinasien eingefallen waren.
Doch wer genau liest, merkt, dass Homer immer wieder die wahren Beweggründe der Attacke durchschimmern lässt. Weil Trojas Mauern nicht fallen, ziehen die Griechen plündernd die Küste entlang. Achill, so erzählt es der Mythos, klaut Vieh im Ida-Gebirge. Odysseus sucht Weizen in Thrakien.
Achill bringt es auf den Punkt. "Du Habbegierigster aller!", schmäht er den Heerführer Agamemnon. Der antike Geograf Strabon (63 vor bis 23 nach Christus) pflichtete ihm bei: Der Raub der Helena sei eine
schöngeistige Erfindung. In Wahrheit habe der Waffengang die Frage entschieden: "Wer regiert die Welt?"
Noch sind nicht alle versteckten Botschaften in der "Ilias" entschlüsselt. Allzu lang galt Homer nur als begnadeter Dichter und Begründer der abendländischen Literatur. Erst Schritt um Schritt wird er nun auch als Kronzeuge des 13. vorchristlichen Jahrhunderts entdeckt.
Selbst die von ihm geschilderten Begräbnispraktiken und Todesriten könnten den Archäologen nun neue Einsichten bringen. "Leider wurden in Anatolien die Toten feuerbestattet", erklärt der Ausgräber Maran. Außer verkohlten Knochenresten und Splittern von Elfenbeinmöbeln blieb nichts übrig.
Die im letzten Gesang beschriebene Beisetzung Hektors könnte nun Details liefern: Zuerst wird der tote Recke auf einem Scheiterhaufengerüst verbrannt. Dann löschen die Trauernden die glimmende Asche mit Wein und legen die verkohlten Gebeine in ein "goldenes Kästlein", das, in Purpurstoffe gehüllt, in einer "hohlen Gruft" verschwindet.
"Also bestatteten jene den Leib des reisigen Hektors", mit diesen Worten endet das Ur-Epos des Abendlandes. Bei Homer gibt es keine Sieger, der "zerschmetternde Streit" zermalmt alle.
Jeder antike Zuhörer wusste, wie die Sage weiterging: Mit Hilfe eines Holzpferdes überlistete Odysseus die Trojaner. Doch statt mit stolzer Flotte heimzukehren, wird das Griechenheer in alle Winde zerstreut. Zehn Jahre lang irrt Odysseus auf dem Meer umher. Und Agamemnon? Kaum daheim, sticht ihn die Gattin Klytämnestra im Badezimmer ab.
"Durch Leiden lernen", heißt es beim Tragödiendichter Aischylos, der seinen Vorgänger Homer über alles verehrte. Schon aus diesem Grund lohnt sich ein Blick ins Buch zum Film.
MATTHIAS SCHULZ
* Joachim Latacz: "Troia und Homer". Piper Verlag, München; 384 Seiten; 12,90 Euro. * Mit dem archäologischen Plan des Burgberges.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 21/2004
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