17.05.2004

WALD„Jeden Tag Krieg im Forst“

Forstmann Georg Meister über die Rehwildplage, seinen Kampf gegen die Jagdlobby und den schwierigen Weg vom Holzacker zum Ökowald
Meister, 74, konzipierte für die Bayerische Staatsregierung in den siebziger Jahren den Nationalpark Berchtesgaden und leitete anschließend fast 20 Jahre lang das Gebirgsforstamt Bad Reichenhall. Seine soeben erschienene Fotodokumentation zeigt im Zeitraffer, wie aus dem Wald ein Holzacker wurde - aber auch, wie wieder naturnahe Wälder entstehen können. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Über fünf Jahrzehnte haben Sie mit der Kamera die Veränderungen im Ökosystem Wald festgehalten**. Was läuft falsch im deutschen Forst?
Meister: Die meisten hochrangigen Förster suchen die Schuld für den Niedergang immer bei anderen: Erst lag es angeblich an den Kriegsschäden, später an der Luftverschmutzung und neuerdings an der Klimakatastrophe. Dabei sind viele Förster selbst die Übeltäter, weil sie zu wenig gegen die viel zu hohen Wildbestände unternehmen.
SPIEGEL: Die Rehe machen den Wald kaputt?
Meister: Daran gibt es keinen Zweifel. Seit der Ausrottung der großen Beutegreifer wie Wolf oder Luchs sind die Rehwildbestände explodiert. Im deutschen Wald gibt es heute um ein Vielfaches mehr Rehe als noch vor hundert Jahren. Der daraus resultierende extreme Verbiss an jungen Bäumen führt zu einem Waldsterben von unten.
SPIEGEL: Sind alle Baumarten gleichermaßen davon betroffen?
Meister: Nein, vor allem die nachwachsenden Laubbäume und Tannen werden verbissen. Fichten- und Kiefernnadeln sind zu stachelig, die schmecken den Hirschen und Rehen nicht. An Stelle von Mischwäldern entstehen folglich naturwidrige Monokulturen aus Fichten und Kiefern, die besonders anfällig für Stürme und Schädlinge sind. Ein Mischwald hat so keine Chance. Ein naturnaher Wald ist aber wichtiger denn je für Hochwasser- und Lawinenschutz sowie unsere künftige Trinkwasserversorgung.
SPIEGEL: Was müsste gegen die Rehplage getan werden?
Meister: Um auf ein waldverträgliches Maß zu kommen, müssten einige Jahre lang dreimal so viele Rehe geschossen werden wie heute. Aber das ist leider kaum durchzusetzen. Als Forstamtsleiter in Reichenhall wies ich meine Berufsjäger an, mehr zu schießen; doch die
kamen mit tausend Ausreden. Meist haben sie einfach behauptet: "Im Wald gibt''s fast keine Rehe mehr!" Und Sie können ja niemanden zwingen, ein Reh zu sehen. Erst als ich mir tüchtige Privatjäger und junge Forststudenten aus Weihenstephan holte, die bereit waren, auch Tiere ohne große Trophäen zu schießen, schaffte ich die Wende.
SPIEGEL: Hat das dem Wald geholfen?
Meister: Und wie! Innerhalb weniger Jahre wuchsen endlich wieder junge Tannen und Laubbäume meterhoch heran. Meine Fotos zeigen, wie gut sich der Wald regeneriert hat. Ich habe viele starke Bäume hinterlassen. Die meisten Förster können sich gar nicht vorstellen, wie schnell sich der Wald erholt, wenn der Wildverbiss deutlich verringert wird.
SPIEGEL: War der Erfolg von Dauer?
Meister: Seit meiner Pensionierung ist der Wildbestand offenbar wieder stark angestiegen, und das wird wieder zu stärkerem Verbiss führen. Wie mächtig die Jagdlobby ist, erleben wir auch gerade in anderen Gebirgen oder in Brandenburg. Einige staatliche Förster, die dort den Mut haben, das Wild auf ein waldverträgliches Maß zu verringern, werden von den Jagdfunktionären massiv unter Druck gesetzt. So wird der Waldumbau zum Schutz von Mensch und Natur verhindert.
SPIEGEL: Die Jäger behaupten, höhere Abschüsse würden zur Ausrottung der Rehe führen.
Meister: Dieses Märchen wird seit 150 Jahren immer wieder aufgewärmt! Der größte Irrglaube der Jäger besteht darin, dass sie zu wissen meinen, wie viele Rehe oder Gämsen es in ihrem Wald gibt. Doch diese Tiere sind Meister im Verstecken. Ich habe meine Jäger einmal schätzen lassen, wie viele Gämsen in einem bestimmten Waldstück leben. Ihre Antwort: 50. Dann zogen wir gemeinsam los und haben 100 Tiere geschossen. Anschließend fragte ich, wie viele wohl jetzt noch übrig wären. Die Antwort: höchstens 20. Danach haben wir dort noch einmal 100 Gämsen geschossen.
SPIEGEL: Eigentlich müssten sich die Jäger doch freuen, viel Wild schießen zu dürfen.
Meister: Nur auf den ersten Blick. Ihr Hauptinteresse ist es, die Bestände künstlich hochzuhalten wie bei einem Kochtopf, der ständig am Überlaufen ist. Viele Jäger wollen nämlich vom Hochsitz aus Gott spielen und aus möglichst vielen Tieren nach ihren Schönheitsidealen auswählen, welche sie am Leben lassen und welche nicht. So bleiben die Bestände extrem zu hoch, die Tiere sind oft schwach und von zahlreichen Parasiten befallen. Untersuchungen haben bewiesen: Weniger Wild ist viel gesünder - und es gibt auch weit weniger Wildunfälle im Straßenverkehr.
SPIEGEL: Würde auch ein Fütterungsverbot, wie es die Bundesregierung mit der Reform des Bundesjagdgesetzes plant, helfen, die Bestände zu verringern?
Meister: Unbedingt! Es ist ja auch etwas völlig Natürliches, dass schwache Tiere verhungern, wenn es zu viele gibt. Aber selbst dagegen läuft die Jagdlobby Sturm. Eine meiner ersten Maßnahmen in Reichenhall bestand darin, nach und nach die meisten der 40 Futterstellen fürs Wild aufzulösen. Für manche Förster war das schlimmer, als wenn ich Kinder geschlachtet hätte! Die haben sich mit Händen und Füßen gewehrt. Und die prominenten Jäger ließen ihre Beziehungen spielen. Ein paar Mal erhielt ich sogar Morddrohungen. Es herrschte jeden Tag Krieg im Forst. INTERVIEW: OLAF STAMPF
* Der Auwald war einst von den Förstern trockengelegt und in eine Fichtenmonokultur verwandelt worden (l.); allein durch Wiederbewässerung (M.) und vermehrten Abschuss von Rehen bildete sich in nur zwei Jahrzehnten wieder ein Urwald aus jungen Ahornen, Eschen, Weiden, Ulmen und Eichen (r.). ** Georg Meister und Monika Offenberger: "Die Zeit des Waldes". Zweitausendeins; 312 Seiten; 35 Euro.
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 21/2004
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