17.05.2004

STASI„Mangel an Wissen und Sensibilität“

Hubertus Knabe, 44, langjähriger Mitarbeiter der früheren Gauck-Behörde und Leiter der Stasi-Opfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, über die Reaktionen auf die Enttarnung des deutschen Condé-Nast-Chefs Bernd Runge als Stasi-Spitzel (SPIEGEL 20/2004)
SPIEGEL: Sie haben für Ihr streitbares Buch über die Kontakte zwischen Stasi und Westmedien Tausende von Akten des Ministeriums für Staatssicherheit studiert. Wie schätzen Sie den Fall Runge ein?
Knabe: Was ich bisher davon weiß, erscheint mir ziemlich schwerwiegend. Zwischen ihm und dem SED-Geheimdienst bestand offenbar mehr als ein rein formales Verhältnis.
SPIEGEL: Runges amerikanischer Arbeitgeber und Chef Jonathan Newhouse nannte Runges Stasi-Aktivitäten "nicht relevant" und stärkte ihm den Rücken. Überrascht Sie das?
Knabe: Ja und nein. Ich bin einigermaßen irritiert, wie lax der Verlag mit dem Thema umgeht. Dahinter verbirgt sich ein Mangel an Wissen und Sensibilität, den ich in westlichen Verlegerkreisen nicht zum ersten Mal erlebe. Als Pförtner, Lehrer oder Sachverständiger einer Industrie- und Handelskammer hätte Herr Runge mit dieser Vorgeschichte keine Chance. Ausgerechnet im Medienbereich gibt es jedoch keinerlei Kodex, der dafür sorgt, dass ehemalige Stasi-Mitarbeiter nicht in Schlüsselpositionen gelangen können.
SPIEGEL: Wer könnte einen solchen Kodex formulieren und durchsetzen?
Knabe: Der Deutsche Presserat wäre eigentlich dafür verantwortlich.
SPIEGEL: Bisher scheint es unterschiedliche Maßstäbe zu geben: Die ARD ließ das Thema gerade von einer Kommission aufarbeiten, bei MDR und ORB mussten etliche Mitarbeiter gehen.
Knabe: Es gibt tatsächlich positive Beispiele, etwa die kleine "Lausitzer Rundschau", die das Thema gründlich aufarbeiten ließ. Andererseits ist in einer großen Berliner Tageszeitung ausgerechnet ein ehemaliges Mitglied des Stasi-Wachregiments für die Stasi-Berichterstattung zuständig. Das finde ich nicht in Ordnung.

DER SPIEGEL 21/2004
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