17.05.2004

TV-SHOWSTollste Frau Deutschlands

Die Generalprobe zum neuen „Anke Late Night“-Spektakel lieferte den Beweis: Harald Schmidt bleibt unersetzlich.
Irgendwie kommt einem alles bekannt vor: das große Studio in Köln-Mülheim mit dem Backstein-Imitat aus Pappmaché, die Fensterfront mit Weltstadt-Anmutung, links die siebenköpfige Band und in der Mitte Schreibtisch mit Sitzgelegenheit. Ein riesiger Kamerakran schwenkt schon mal probeweise über die Sitzreihen, während auf den Mega-Monitoren oben Robbie Williams aus der Konserve singt.
Kurz darauf erklären Warm-upper im schlabbrigen T-Shirt dem überwiegend jungen, zuweilen etwas begriffsstutzigen Publikum, wie und warum sie gleich "ausrasten" sollen vor Begeisterung, wenn es endlich losgeht - und dass Winken in die Kamera einfach uncool ist.
Dann kommt Anke Engelke strahlend schön auf die Bühne - in engen Blue Jeans, roten Pumps und einem frech übergeworfenen bunten Hängerkleidchen -, und alle rasten aus. Alle? Nein. Die Journalisten, die vergangenen Donnerstag als so genannte exklusive Gäste zur Aufzeichnung der letzten Pilotsendung von "Anke Late Night" eingeladen wurden, beobachten streng beruflich die Szenerie und lassen ihre Stifte über die Notizblöcke flitzen.
Der Hype um Anke Engelke, die an diesem Montag um 23.15 Uhr als Nachfolgerin von Harald Schmidt mit ihrer Show "Anke Late Night" bei Sat.1 auf Sendung geht, kann es mit jeder Papst- oder Präsidentenwahl aufnehmen. Hunderte von Interviews und Porträts, jede Menge Plakatwerbung, Anzeigen und TV-Trailer haben dafür gesorgt, dass Anke Engelke nun mindestens eine Mischung aus Woody Allen, Brad Pitt und Harald Schmidt sein muss, um die Erwartungen halbwegs zu erfüllen. Nur eben als Frau, als lustigste und tollste Frau Deutschlands, einer Weltregion also, die es im Augenblick besonders schwer hat und dringend der Aufmunterung bedarf.
"Gerhard Schröder lässt sich ja nie von Sozialdemokraten reinreden", hören wir plötzlich Anke im Hängerkleidchen sagen. Soll heißen: So verpufft die letzte "Berliner Rede" von Johannes Rau auch in den eigenen Reihen. "Hmpft ..." macht das Publikum. Der scheidende Bundespräsident werde schon als "Rudi Carrell der Politik" bezeichnet, legt Anke nach. Doch im Publikum verpufft auch diese kleine Anspielung auf den holländischen Alt-Entertainer, der, typisch alter Polder-Knacker, den Misserfolg der Anke-Show prophezeit hat.
Rettet nun ein aktualisierter Polenwitz den "Stand-up", die Königsdisziplin aller TV-Comedians? "Mit einmal Volltanken hat der deutsche Autofahrer den Besuch beim Straßenstrich wieder raus!" Wieder macht es "hmpft ..." aus den dicht gedrängten Reihen. Immerhin schon etwas lauter. Vielleicht liegt es auch daran, dass junge Frauen in der Überzahl sind. Der nachfolgende Gag muss gleich noch mal wiederholt werden. Kann passieren: "Ruf mich an, tank mich voll!" Hmpft.
Dann geht es nach Mallorca, zur akuten "Quallenplage": "Sind das nur im Meer treibende betrunkene Männer oder Ramona Drews, die auf dem Rücken schwimmt?" Wer hier nicht einschlägig vorgebildet und über die selbsttragenden Silikonbrüste der Frau von Ex-Schlagerstar Jürgen Drews informiert ist, kann schon gar nicht mitlachen, selbst wenn er besten Willens wäre.
Schließlich etwas ganz anderes: "Viagra bei Pflanzen". So steht es auf den "Cue-Cards", ziemlich großen Pappschildern mit hilfreichen Stichworten für die Entertainerin, die ein kräftiger Mann zwischen den drei großen Fernsehkameras vor sich her trägt. Viagra bei Pflanzen, ein drängendes Thema. Wir haben lange darauf gewartet. "Mein kleiner grüner Kaktus" - das war gestern. Heute hat Anke Engelke einen "geilen Rhododendron" zu Hause. So viel zum neuen Wellness-Bereich Wohnzimmer.
Schließlich geht Anke an den Schreibtisch im Stil der frühen sechziger Jahre, der aussieht wie ein hochkant gelegtes überdickes Filetsteak. "Meine heutigen Gäste sind die Viva-Moderatorin Charlotte Roche und der Hockeyspieler Florian Kunz." Werbepause. Eine von dreien.
Die Pilotsendung biete "kein endgültiges Bild der eigentlichen Show", hatte Sat.1 zuvor mitgeteilt. Sie sei deshalb auch nicht geeignet, "daraus bereits Material für eine Beschreibung oder Kritik zu ziehen".
Sicher, und selbstverständlich: Die ersten Sendungen von Harald Schmidt, ja die ersten Monate, waren alles andere als perfekt. Auch er brauchte Zeit, um seinen krummen schrägen Weg zu finden.
Außerdem ist Anke Engelke nicht Harald Schmidt, und das ist gut so. Aber Journalisten sind vorwitzig. Warum ähnelt das Ganze in Struktur und Timing Schmidts Show fast bis aufs Haar, fragen sie sich zum Beispiel - vom Eröffnungsteil mit tagesaktuellen Gags bis zu den Gästen, denen allerdings ein weißes, rückenfreundliches Sofa angeboten wird statt des Schmidtschen Verhörsessels.
Warum versucht sie, die so anders ist und sein will, offensichtlich doch, ihn zu kopieren? Und keine Frage: Mit Johannes Rau und Franz Müntefering, mit Steuerausfall, Regierungskrise und Irak-Krieg (der nicht vorkam) hat sie erkennbar nichts am Hut. Da kann sie nur vortragen, was die Texter vom Brainpool ihr aufgeschrieben haben. Da ist sie nicht bei sich, und das merkt man. Sie wird es selber wissen.
Auch das Testliegen mit dem langen Hockeyspieler ("Die kleinen Asiaten machen mir schon zu schaffen") im roten Lotterbett schlug keine rechten, schon gar keine erotischen Funken, und der "Themenkanon", den das Publikum auf die "Frère Jacques"-Melodie mit "Quallenpest" und "Viagra auch für Pflanzen" anstimmen musste, glitt schwer in den Kindergeburtstag ab.
Das ganze Setting der Show, so der erste Eindruck, ist noch zu sehr Korsett für Anke Engelke. Ihre Stärken, die parodistische Charakterisierung von Rollentypen, Spontaneität und Schlagfertigkeit, die vor allem in den wenigen Einspielfilmen aufblitzen, kommen eindeutig zu kurz.
Wenn sie eine Umfrage der Jugendzeitschrift "Popcorn" zum idealen deutschen Elternpaar Bohlen/Engelke weiterspinnt, wenn sie als Filmtipp den Problemfilm "Troja" nennt - "Brad Pitts Hintern! Was für ein tolles Happy End!" - und mit Charlotte Roche über Chancen des Frauenfußballs und Penisverletzungen beim Staubsaugermissbrauch plaudert, dann fällt die mühsam aufgebaute Spannung rasch in sich zusammen - mitten im Quotenzoten-Gekicher.
Als alles vorbei war, gratulierte Sat.1-Chef Roger Schawinski freudestrahlend seinem Star. Nun wird es ernst: von Montag bis Donnerstag, abends um 23.15 Uhr. REINHARD MOHR
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 21/2004
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