24.05.2004

DOKUMENTARFILM„Der letzte Arbeiter“

Filmemacherin Ute Diehl, 60, über ihren Abschied von der TV-Kultserie „Die Fußbroichs“, in der die Dokumentaristin hundert Folgen lang eine Kölner Arbeiterfamilie beobachtet hatte und von der am Pfingstsamstag der WDR eine 90-minütige Zusammenfassung bringt (21.45 Uhr)
SPIEGEL: Frau Diehl, Sie haben mit Unterbrechungen fast ein Vierteljahrhundert lang die Familie Fußbroich begleitet. Der Vater, der Vorarbeiter Fred, die Mutter Annemie, eine städtische Angestellte, und der Sohn Frank, dat Jüngelschen, wurden in hundert Folgen für Fans zu Kultfiguren. Zu Pfingsten läuft der TV-Abschied. Sind Sie traurig?
Diehl: Als wir jetzt die Abnahme für die abschließende "Fußbroich-Saga" im WDR hatten, war das schon ein echt trauriger Moment. Aber ich hatte schon vorher gesagt, für mich ist Schluss. Ich hatte meine Geschichte zu Ende erzählt.
SPIEGEL: Und wie sehen das die Fußbroichs?
Diehl: Ich glaube, sie vermissen das Fernsehen, aber sie sind zu stolz, das zuzugeben.
SPIEGEL: Ihren ersten Dokumentarfilm mit der Arbeiterfamilie drehten Sie 1979. Damals herrschte unter den TV-Dokumentaristen ein eigener Corpsgeist.
Diehl: Ja, es waren Zeiten, in denen wir uns mit sehr puristischen Konzepten auf den Dokumentarfilm gestürzt haben, und damit waren wir bei den Fernsehhierarchen nicht gerade beliebt.
SPIEGEL: Warum?
Diehl: Wir wollten dem deutschen Arbeiter durch das Zeigen seines Alltags einen Platz im Fernsehen bieten. Die Hierarchen aber sagten: Wer soll sich dafür interessieren? Selbst die Arbeiter wollen sich am Abend durch das Fernsehen unterhalten.
SPIEGEL: Klingt plausibel. Wie haben Sie reagiert?
Diehl: Wir haben unterhaltende Dokumentarfilme entwickelt. Dafür bekam ich direkt einen Grimme-Preis und den Auftrag für die Fortsetzung zu besten Sendezeiten im WDR. Und mit Alexander Wesemann einen Redakteur, der dieses neue Genre wachsen und leben ließ.
SPIEGEL: Was wurde aus Ihren linken Vorstellungen?
Diehl: Erzählen wollte ich, dass der Konsum die Menschen beherrscht und manipuliert. Über die Konsumschiene werden sie absolut passgerecht in die Gesellschaft einsortiert. Auf diesem schmalen Grat sind Annemie und Fred aber durchaus ein beneidenswert glückliches, sympathisches Paar.
SPIEGEL: Was stört Sie am Fußbroich-Leben?
Diehl: Die Abhängigkeit vom Konsum macht einsam und ängstlich. Die Fußbroichs leben ohne lebendige Freundschaften. Ihr Interesse beschränkt sich auf ihren engen familiären Kreis. Das Zentrum ist ihr Wohnzimmer. Diese Reduzierung von Leben zu zeigen war ein durchgehender Erzählstrang in der Serie.
SPIEGEL: Haben sich die Fußbroichs von Ihnen auch mal schlecht behandelt gefühlt?
Diehl: Sicher, in all den Jahren. Beispielsweise als sie sahen, dass ein Zlatko aus der "Big Brother"-Mannschaft durch die Welt tingelt und angeblich Unmengen Geld verdient - da fragten sie sich, warum sind wir nicht auch solche Berühmtheiten? Andererseits wussten sie, dass weder sie noch wir zu einer solchen Zurschaustellung bereit gewesen wären. Wir haben sie nie bloßgestellt, und anständig honoriert wurde ihre Arbeit auch.
SPIEGEL: Wie wirkt die jetzige Wirtschaftslage auf die Familie?
Diehl: Fred ist Deutschlands bekanntester und womöglich letzter Arbeiter in einem Unternehmen, das nun auch billiger im Osten produziert. Sein Job wurde nach seinem Vorruhestand nicht wieder besetzt, die Straße, in der er aufgewachsen ist und in der alle Frauen und Männer in der Fabrik um die Ecke arbeiteten, heißt heute "Klein-Ankara", Köln ist Medienstadt. Wenn Freds Vater ihn nicht in die Fabrik geschickt hätte, hätte er es vielleicht zum Ingenieur bringen können. Er ist ein ausgesprochen intelligenter Mensch. Wenn man ihn zu einem Thema anspricht, legt er garantiert den Finger auf die richtige Stelle. Fred ist ein großer Rechner. Wenn ich Königin von Deutschland wäre, würde ich ihn zum Finanzminister machen.

DER SPIEGEL 22/2004
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