29.05.2004

FILMDas große Seelenflattern

Über sieben Jahre hinweg beobachtete Andres Veiel vier junge Schauspielschüler. Nun kommt sein tragikomisches Werk „Die Spielwütigen“ ins Kino.
Der Film trägt die Wut ganz zu Recht im Namen: In einer der packendsten Szenen sieht man einer hübschen jungen Frau dabei zu, wie sie mit leuchtend blauen Boxhandschuhen immer wieder auf einen Sandsack eindrischt, bis sie erschöpft und mit Tränen in den Augen die Handschuhe abstreift und sich die schmerzenden Knochen ihrer Unterarme reibt - ständig begleitet vom besserwisserischen Kommentar eines Lehrers, dass sie sich nicht stark genug reinhänge in ihre Arbeit und nicht genug rauslasse von ihren Emotionen.
"Es tut weh", ist ein Satz, der immer wieder zu hören ist in Andres Veiels 104-Minuten-Dokumentation "Die Spielwütigen". Über sieben Jahre hinweg werden hier vier junge Menschen porträtiert, die an der renommierten Ernst-Busch-Schule in Berlin zum Schauspielstudium antreten durften. Das Schöne, Erstaunliche an Veiels Film aber ist, dass er dem Zuschauer am Ende die Erkenntnis nahe legt: All die Quälerei und Knochenarbeit haben sich gelohnt.
Dabei wird hier keineswegs ein idyllisches Bild gemalt - denn machen wir uns
nichts vor: Wie fast alle Schauspieler und solche, die es werden wollen, sind auch diese hier schlimme Nervensägen, Zimperliesen und Monomane. Sie schniefen und bibbern, schreien, dröhnen und lassen ihre Seelen flattern, dass es eine Art hat. Noch in der schlichtesten Gemütsanwandlung zeigen sie einen Hang zur großen Geste und zum wüsten Drama. Aber, und das zeigt Veiels Film, sie sind eben auch wundervolle, zerbrechliche, strahlende Zauberwesen, denen man mit Vergnügen, Furcht und Mitleid bei ihren Karriere-Schwimmübungen zusieht. Und das auch, wenn man kein Theaterfan ist: Bei der Berlinale im Februar war der Film ein Publikumshit.
In der Aufnahmeprüfung der Ernst-Busch-Schule werden von jährlich mehr als 1000 Bewerbern höchstens 27 Schülerinnen und Schüler ausgewählt. Der Filmemacher Veiel fängt jedoch noch vor der Prüfung an - und schaut seinen vier Helden, drei Mädchen und einem jungen Kerl, bei häuslichen Vorsprechübungen zu. Auf dem Sofa sitzen kopfschüttelnde Eltern, die Sätze sagen wie den, es handle sich ja leider "um einen nicht seriösen Beruf".
Dann dürfen drei der jungen Bewerber jubeln über den geglückten Sprung an die Renommierschule, eines der Mädchen rückt erst später nach; alle aber verzweifeln sie zwischendurch in den Mühen der Ausdruckskampf-Ebene.
Die Neugier, mit welcher der Regisseur sich der Nöte seiner Schützlinge annimmt, trug durchaus manipulative Züge. Veiel, seit seinem Film "Black Box BRD" über die Nachwehen der RAF-Jahre als präziser Realitätsverdichter hoch gelobt, ließ sie nicht nur Statements in die Kamera sprechen, sondern auch Symbolszenen spielen, die das Erlebte in griffige Bilder pressen: So trägt der musikbegeisterte Schauspielschüler Prodromos Antoniadis seine Gitarre in die Pfandleihe - in der Realität hat er das nicht getan.
Die Kunst des Regisseurs aber zeigt sich darin, dass er auf dem Schneidetisch aus 240 Stunden Filmmaterial eine mitreißende Geschichte bastelte. "Die Spielwütigen" erzählt dabei gar nicht so viel vom Erlernen des Schauspielhandwerks bis zum Glück erster Berufserfolge. Vielmehr spiegelt sich im Streit mit Lehrern, im Hader mit den Eltern, im Sieg über die Selbstzweifel der Erwerb der Lebenstüchtigkeit ganz allgemein. Das zentrale Interesse des Films gilt der Strampelarbeit des Erwachsenwerdens - und den Kniffen, mit denen man sich durchboxt im Leben. Ob man nun blaue Handschuhe über den zarten Fäusten trägt oder nicht. WOLFGANG HÖBEL
* Karina Plachetka, Constanze Becker, Prodromos Antoniadis, Stephanie Stremler.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 23/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FILM:
Das große Seelenflattern

  • Der Chart-Stürmer: Rechter Rapper "Chris Ares"
  • Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht
  • Trump über Grönland-Absage: "So redet man nicht mit den USA"
  • Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"