07.06.2004

DÄNEMARKAllianz des Schweigens

Zivile Todesschwadronen mit dänischen SS-Freiwilligen liquidierten eigene Landsleute. Erst jetzt kommt die Wahrheit über die Kollaborateure ans Licht.
Der Wagen stoppte nachts auf offener Strecke vor den Toren Kopenhagens. Mehrere Zivilisten entstiegen dem Auto und führten den dänischen Journalisten Carl Henrik Clemmensen an den Straßenrand. Dann fielen Schüsse.
Acht Kugeln aus drei verschiedenen Handfeuerwaffen trafen den Redakteur der linksliberalen Zeitung "Berlingkse Tidende" in Kopf, Herz und Bauch. Seinen Leichnam ließen die Täter achtlos am Straßengraben liegen.
Die Ermordung des prominenten Publizisten am 30. August 1943 sollte ein Zeichen setzen: So wie Clemmensen liquidierten die Nazis Dutzende ihrer Gegner im besetzten Dänemark. Es waren meist zivile Sonderkommandos, die dänische Patrioten und Widerstandskämpfer aus dem Weg räumten, um auch die letzte Opposition gegen die nationalsozialistischen Besatzer zu brechen.
Die so genannten Todespatrouillen mordeten im Auftrag von SS, Gestapo und Sicherheitsdienst. Doch formale Befehle oder gar Urteile gab es in der Regel nicht. Die Schuld des Mordopfers Clemmensen: Der Journalist, der als Kritiker der Besatzungsmacht bekannt war, hatte einen Kollegen der Nazi-freundlichen Dänen-Gazette "Fædrelandet" (Vaterland) beschimpft und bespuckt.
Wie viele solcher Erschießungskommandos es zwischen 1940 und 1945 gab, ist unklar. Im Bemühen, eine unangenehme Debatte über das Zusammenwirken von Besetzten und Besatzern gar nicht erst aufkommen zu lassen, zeigten dänische Behörden nie wirkliches Interesse an der Erforschung der Todesschwadronen oder gar der Aufklärung ihrer Mordtaten. Im Nachkriegsdeutschland mochte gleichfalls niemand so recht das Thema anrühren.
Jetzt jedoch hat der dänische Journalist Erik Høgh-Sørensen, 39, erstmals rund 160 dieser Morde dokumentiert und eine stürmische Debatte über die unselige "Allianz des Schweigens" (Høgh-Sørensen) in seiner Heimat ausgelöst*. Die Bilanz seiner Recherchen ist erschreckend: Viele NS-Mörder waren Dänen, zumeist Freiwillige der Waffen-SS. Etliche Morde blieben bis heute ungesühnt.
Die "staatsgesteuerte dänische Geschichtsschreibung hat die Besatzungszeit bislang gnadenlos geschönt", sagt Høgh-Sørensen. Nun auf einmal zeigt sich Justizministerin Lene Espersen "tief, tief, tief berührt" von den neuen Erkenntnissen. Eine "Wahrheitskommission" soll Licht in die dunkle Vergangenheit bringen, fordert ausgerechnet der Abgeordnete Peter Skaarup von der ebenso rechtspopulistischen wie nationalen Dänischen Volkspartei.
Mindestens 11 der 31 Täter, die an den 160 Liquidierungen beteiligt waren, blieben nach Høgh-Sørensens Recherchen jahrzehntelang unbehelligt - wie zum Bei-
spiel Søren Kam. Der Däne meldete sich 1941, gerade 20 Jahre alt, freiwillig zur Waffen-SS und brachte es bis zum Obersturmbannführer. Er kämpfte an der Ostfront und leitete 1943 in Kopenhagen die SS-Schule Schalburg für dänische Freiwillige. Die bei dänischen Oppositionellen verhasste Nazi-Kaderschmiede war Stützpunkt der wohl berüchtigtsten Todespatrouille, der so genannten Peter-Gruppe, die für die meisten Erschießungen verantwortlich gemacht wird.
Zusammen mit den dänischen SS-Männern Knud Flemming Helweg-Larsen und Jørgen Bitsch, einem Schalburg-Ausbilder, hatte Kam den dänischen Journalisten aus seiner Wohnung abgeholt und liquidiert. Aber nur Helweg-Larsen wurde dafür nach Kriegsende von einem Gericht in Kopenhagen zum Tode verurteilt und später hingerichtet, Bitsch war verschwunden.
Kam indes, der 1956 die deutsche Staatsangehörigkeit erhielt, floh über die Grenze und lebt seitdem in Kempten im Allgäu. Høgh-Sørensen sprach mit dem inzwischen 82-jährigen Ritterkreuzträger, der sich noch immer auf SS-Veteranentreffen feiern lässt, zuletzt im vergangenen Herbst.
Dass er als SS-Untersturmführer an der Erschießung beteiligt war, bestreitet Kam auch gar nicht. Nur für das Wie und Warum lieferte er gleich drei ganz unterschiedliche Versionen der Geschichte. Im September 1943, vor einem SS- und Polizeigericht in Berlin, glaubte er angeblich seinen Kollegen Helweg-Larsen von dem unbewaffneten und wehrlosen Dänen bedroht. Der Freispruch der Nazi-Richter erfolgte nach dem Grundsatz "Recht ist, was dem Volk nützt".
In einem ersten Ermittlungsverfahren der Münchner Staatsanwaltschaft 1969 behauptete Kam, er selbst habe Schüsse erst dann abgegeben, als der Journalist bereits am Boden lag. 1998 schließlich will er "zweimal" und ohne Tötungsvorsatz "auf den Unterkörper" des Opfers geschossen haben, weil er einen SS-Kumpel im Dunkeln in einer "lebensbedrohlichen Situation" wähnte.
"Wenig glaubwürdig" und als "Notwehrlage unwahrscheinlich" fand das zwar die Staatsanwaltschaft München; aber zu einer Anklage mochten sich die bayerischen Juristen trotz neuer Gutachten aus Dänemark nicht durchringen. Dem Beschuldigten könnten "keine Mordmerkmale" wie Heimtücke oder niedrige Beweggründe zur Last gelegt werden.
Der Fall Kam ist nach Meinung von Høgh-Sørensen symptomatisch für die "Politik des Vertuschens und Verschweigens" auch im eigenen Land. Politik und Beamte hätten sich "bemerkenswert unwillig" gezeigt, die "Terrormorde" aufzuklären und die Täter zu verfolgen oder ihre Auslieferung zu betreiben. Die Archive blieben neugierigen Rechercheuren bis heute hartnäckig verschlossen.
"Auf der Strecke bleibt die Gerechtigkeit", sagt Høgh-Sørensen, denn "es gab viele Søren Kams". Einer davon war Kurt Heel. Leichtfertig hätten sich die Behör-den 1945 mit vagen Indizien zufrieden gegeben, die einen angeblichen Selbstmord des wegen Kriegsverbrechen gesuchten Deutschen belegen sollten. Das musste reichen.
Heel war Mitglied der gefürchteten Peter-Gruppe. Ihm wird die Beteiligung an 33 Morden zur Last gelegt, ohne dass er dafür zur Rechenschaft gezogen wurde. Høgh-Sørensen konnte seine Spur immerhin bis 1968 zurückverfolgen, wo er offiziell in Gelsenkirchen gemeldet war.
Bis in die aktuelle Gegenwart reicht sogar die Fährte von Walther-Carl Rasmussen. Der Däne, SS-Mann und Gestapo-Gehilfe war Mitglied eines Todeskommandos, das am 9. August 1944 elf Widerstandskämpfer nachts aus ihren Zellen holte und an einer einsamen Landstraße bei Rorup auf Seeland von hinten erschoss.
Rasmussen, der an mindestens 15 Morden beteiligt gewesen sein soll, siedelte später nach Norddeutschland über. "Ich war sicher an der einen oder anderen Stelle dabei, wo jemand erschossen wurde", räumte er ein, will aber, natürlich, nicht selbst geschossen haben.
Er sei nach dem Krieg "Hunderte Male" in seiner Heimat gewesen, habe Kontakt mit dem Konsulat gehabt und sich bei der Polizei in Kopenhagen gemeldet, "ob sie was von mir wollen", erzählte Rasmussen vergangenen Sommer: "Aber das wollten sie nicht."
Da war Rasmussen 84 und von der Justiz noch immer unbehelligt. MANFRED ERTEL
* Erik Høgh-Sørensen: "Forbrydere uden Straf" (Verbrecher ohne Strafe). Forlaget documentas, Hellerup; 224 Seiten; 189 Dänische Kronen.
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 24/2004
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