21.06.2004

TERRORSchutz in Schwarz-Rot-Gold

Um sich vor der Gefahr des internationalen Terrorismus zu sichern, setzen deutsche Unternehmen verstärkt auf Leibwächter für ihre Mitarbeiter - und Distanz zu den USA.
Personenschützer Alexander Schmitz* hat mindestens einen Revolver und eine Maschinenpistole MP5 dabei, wenn er im Irak unterwegs ist. "Die MP5 ist klein und handlich. Deshalb lieben wir sie trotz ihrer Kaliberdefizite", sagt Schmitz, ehemaliges Mitglied einer Spezialeinheit der Bundeswehr, der nun für einen Tagessatz von ein paar hundert Dollar deutsche Geschäftsleute im Irak beschützt.
Die US-Besatzungsmacht hat Verständnis für das Schutzbedürfnis deutscher Aufbauhelfer. "Die einzige Auflage ist, dass wir Waffen und Identifikationskarte offen tragen", sagt Schmitz, der vor kurzem von einem mehrwöchigen Einsatz zurückkehrte. Nur wenn die Deutschen in Kernbereiche der US-Militärmacht im Irak vorgelassen werden wollen, müssen sie ihre Waffen abgeben.
Ansonsten will Schmitz nicht mit den Amerikanern verwechselt werden. "No English understand", sagt er Irakis in Bagdad, die sich von den Westlern mit den Waffen provoziert fühlen. Wenn es brenzlig wird, zieht er die deutsche Flagge hervor, die er - in Folie eingeschweißt - unter dem Hemd trägt.
Bodyguard Schmitz gehört zu den Leuten, die Walfried Sauer, Chef des Münchner Sicherheits-Unternehmens Result Group, für den Einsatz im Irak angeheuert hat. Sauer rät seinen Kunden aus der Wirtschaft, schwarz-rot-goldene Aufkleber auf das Auto zu pappen, wenn sie im Nahen und Mittleren Osten unterwegs sind. "Überall auf der Welt sind US-Amerikaner besonders gefährdet", sagt der frühere Führer einer deutschen Anti-Terror-Einheit, der nun Konzerne mit seiner Kanzlei für operatives Sicherheitsmanagement berät.
Protzige Jeeps, wie sie die Amerikaner im Irak fahren, sind tabu. Vier Italiener, die Anfang April entführt wurden, waren im Auftrag eines US-Sicherheitsdienstes in einem weißen Jeep unterwegs. "Ein professioneller Fehler", sagt Sauer, dessen Unternehmen im Münchner Vorort Grünwald, unweit der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes, residiert. Einer der italienischen Leibwächter wurde vor laufender Kamera hingerichtet, die anderen drei befreite eine US-Spezialeinheit.
18,4 Milliarden Dollar will die US-Regierung nach bisherigen Angaben für den Aufbau des Irak ausgeben. Trotz großer Gefahren wollen auch deutsche Unternehmen an dem Boom partizipieren. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) veröffentlichte im März einen 124-seitigen "Wirtschaftsführer Irak 2004". Zu einer Wirtschaftskonferenz in Berlin kamen 400 Teilnehmer.
Doch zurzeit boomt vor allem der Markt für Sicherheit. Fast zwei Milliarden Dollar werden nach vorläufigen Schätzungen in den Kassen privater Sicherheitsfirmen wie Erinys, Control Risks oder der Halliburton-Tochter KBR verschwinden. Ein Teil des besonders riskanten Geschäfts mit dem Krieg wurde privatisiert. Ein gefährlicher Job: Gerade verlor Control Risks einen Mann im Irak, der für ein englisches Unternehmen unterwegs war.
Die New Yorker Firma Kroll, früher eher für akribische Detektivarbeit beim Aufspüren krimineller Gelder, unter anderem von Ex-Diktator Saddam Hussein, bekannt, stellt nun im Irak mehrere hundert Bodyguards für die Entwicklungshilfeorganisation USAid. "Es ist ein Spielplatz, es ist eine Bonanza", sagt Mike Salomon von der britischen Sicherheitsfirma Erinys.
Der ehemalige britische Soldat bewacht mit 14 000 Irakern und vielen Dutzend Ausländern die Einrichtungen der irakischen Ölindustrie. Von August bis Anfang Mai sind dabei ein Amerikaner, ein Südafrikaner und 22 Iraker umgekommen.
Der deutsche Elektrokonzern Siemens erhält Schutz im Auftrag der US-Regierung, wenn die Deutschen in der Nähe von Bagdad zwei Kraftwerke wieder an das Stromnetz anschließen. Doch viele Unternehmen organisieren ihre eigene Sicherheit lieber selbst. Für das Gros der Iraker sei "Germany good", hat Personenschützer Schmitz festgestellt.
Die weltweite Bedrohung durch den Terrorismus ist längst auch eine Gefahr für die deutsche Wirtschaft geworden, und das nicht nur im Irak. Die Terroristen hätten die Globalisierung entdeckt, warnte der ehemalige britische Generalstabschef Lord Guthrie vor kurzem auf einer Sicherheitstagung in London. Waffen seien zudem billig wie nie.
Großkonzerne wie die Deutsche Bank haben deshalb ihre Sicherheitsstrategie geändert. Die Großbank musste in New York leidvoll erfahren, wie schnell durch einen Terroranschlag vitale Funktionen der Bank lahm gelegt werden können. Die Zentrale ihrer US-Tochter Bankers Trust lag in unmittelbarer Nachbarschaft zum Ground Zero. Zurzeit werden an zwei geheimen Orten im Taunus zwei autonome Rechenzentren gebaut, weit weg von der angreifbaren Frankfurter Zentrale.
"Man muss nicht da sein, wo der Bär tobt", rät der Chef der Konzernsicherheit eines großen deutschen Autokonzerns seinen Managern. Dienstreisen nach Afghanistan oder in den Irak werden nicht genehmigt.
Doch mit der Globalisierung des Terrors wächst die Zahl der gefährdeten Länder.
Am 22. Mai wurde Hermann Dingel, ein bei Saudi Airlines angestellter deutscher Koch, auf offener Straße in der saudischen Hauptstadt Riad erschossen. Vielleicht lag es daran, dass er, wie viele Amerikaner, eine Baseballkappe trug.
Spätestens nachdem Anfang Juni Qaida-Anhänger im Erdölzentrum al-Chobar gezielt 22 Ausländer töteten, fürchten die etwa 1400 Deutschen in Saudi-Arabien um ihr Leben. "Es wird empfohlen, kritisch zu überprüfen, ob der eigene Aufenthalt und der von Familienangehörigen in Saudi-Arabien erforderlich ist", heißt es in einer aktuellen Information des Auswärtigen Amtes. Von nicht unbedingt notwendigen Reisen in das Land wird abgeraten. Die USA haben ihre 30 000 Landsleute aufgefordert, trotz massiver Ölinteressen ihrer Industrie das Stammland von al-Qaida zu verlassen.
Lufthansa und das Pharmaunternehmen Merck haben aus der prekären Sicherheitslage in Saudi-Arabien Konsequenzen gezogen. Ihre Repräsentanten sitzen nun im benachbarten Dubai. Doch die meisten der 350 im Land vertretenen deutschen Firmen wollen bleiben. "Die Nachfrage nach deutschen Produkten ist groß", sagt Jochen Münker, der für die Region zuständige DIHK-Referent. 2003 wurden Waren im Wert von 3,2 Milliarden Euro in das reiche Land exportiert.
"Meiden Sie in Riad amerikanische Hotelketten wie das Sheraton oder das Hilton", rät Sicherheitsberater Sauer seinen Kunden. Im Gegensatz zum Irak bräuchten deutsche Geschäftsleute dort keine Leibwächter. Nur wenn sie für angelsächsische Firmen arbeiteten, sei Personenschutz üblich. In Saudi-Arabien wird die Zahl der privaten ausländischen Sicherheitskräfte auf 10 000 geschätzt.
Auch das Risiko von Entführungen nimmt zu. Seit 1990 sind nach Angaben des Bundeskriminalamtes in 124 Fällen Deutsche im Ausland entführt oder erpresst worden - offiziell. Neun von zehn Entführungen außerhalb Europas, da sind sich alle Experten einig, tauchen nie in den amtlichen Statistiken auf. Das liegt unter anderem daran, dass nach Untersuchungen des Versicherungsmaklers Marsh in zwei Dritteln aller Fälle heimlich ein Lösegeld gezahlt wird.
Mitte Mai veranstaltete das Bundeskriminalamt in Meckenheim eine Konferenz für Sicherheitsbeauftragte großer Unternehmen zum Thema Entführungen. Etwa 30 Unternehmen schickten Vertreter.
"In zwei bis drei Jahren wird die Entführungsgefahr auch in Deutschland eine andere Dimension bekommen", warnt der Risikomanager Peter Paul Geppert vom Kölner Gerling-Konzern. Durch die Öffnung der EU-Grenzen nach Osten würden neue Tätergruppen angelockt. Gleichzeitig entdeckten Kriminelle Entführungen als neuen Geschäftszweig, wenn Prostitution oder Rauschgift an Bedeutung verlören.
Die Unsicherheit unter den Managern nimmt zu. Peter Bensmann vom Versicherungsmakler Aon Jauch & Hübener hat 2003 doppelt so viele Prämien für Entführungsversicherungen abgerechnet wie im Jahr davor. Erst seit 1998 dürfen Lösegeldversicherungen überhaupt in Deutschland angeboten werden. Weil der Gesetzgeber den erpresserischen Menschenraub nicht fördern will, gibt es strenge Auflagen.
So heißt es im Rundschreiben R 3/98 des Bundesaufsichtsamtes für das Versicherungswesen, dass für die Produkte nicht geworben werden darf. Die Versicherungssumme müsse die wirtschaftlichen Verhältnisse des Versicherungsnehmers berücksichtigen, "damit das subjektive Risiko sich nicht erhöht".
Ein kompetentes Sicherheitsunternehmen, so heißt es da, muss eine präventive Beratung durchführen. Und die Versicherten dürfen nur drei Personen ihres Vertrauens überhaupt sagen, dass für sie eine solche Versicherung abgeschlossen worden ist.
Bei vielen großen Unternehmen lagern Lösegeldversicherungen mittlerweile in den Tresoren. Gerling ist der einzige deutsche Versicherer, der dieses Geschäft aktiv betreibt. Internationale Marktführer sind verschiedene Konsortien der Londoner Lloyds-Gruppe, die diesen Versicherungsschutz schon seit Jahrzehnten anbietet.
Unternehmen, die sich versichern lassen, werden vorher von einem Sicherheitsberater durchleuchtet, der auch im Notfall das Krisenmanagement übernimmt. "Die relevanten Leute müssen wissen, wo der rote Knopf ist", sagt Sauer. Der Geschäftsführer der Result Group, der in seiner aktiven Zeit unter anderem als Personenschützer von Ministerpräsidenten gewirkt hat, schwört auf Prävention.
Bei Sicherheitskonzernen wie Control Risks oder Kroll sind Verhandlungen mit Entführern beinahe schon Routine. Donald Palmer verhandelte für Kroll allein 2003 weltweit mit acht verschiedenen Entführern auf drei Kontinenten. Nicht alle Fälle konnte der ruhige Brite mit der exzellenten Militärausbildung lösen. "Oft hilft nur eiserne Geduld", sagt er.
Vergleichsweise schnell ging es im vergangenen Juli in Nigeria, als einige lokale Piraten vor der Küste mit einem kleinen Schnellboot das Schiff eines Öldienstleisters aufgebracht hatten. Drei Techniker, darunter ein Deutscher, wurden verschleppt. "Das läuft da ganz professionell ab", sagt Palmer.
Kroll entsandte von London aus zwei Unterhändler, die den Kontakt mit den lokalen Stammesführern aufnahmen. Das Lösegeld wurde, so erzählt Palmer, routiniert nach unten verhandelt. Schließlich bekam die Polizei Geld, das sie nach Abzug einer Vermittlungsprämie an die Entführer weiterreichte.
Offiziell hieß es, bei der Aktion sei nichts gezahlt worden. Die Entführten kamen nach sechs Wochen frei. CHRISTOPH PAULY
* Name von der Redaktion geändert.
Von Christoph Pauly

DER SPIEGEL 26/2004
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