28.06.2004

UNIVERSITÄTENInvasion der alten Semester

Studieren bis ins Greisenalter: Die Alten haben die Unis entdeckt und entern Hörsäle und Seminare. Doch was die Senioren freut, vergrämt manche junge Studenten und Professoren.
Sie könnte es mit Goethes Faust aufnehmen. Denn Gisela B. hat durchaus studiert mit heißem Bemühen: Geschichte, Philosophie und - ohne jedes Leider - auch Theologie. In 15 Jahren kamen 30 Semester an der Uni Hamburg zusammen. Jetzt ist sie 77.
Und unermüdlich. Im Moment löst sie Kreuzworträtsel. Die Vorlesung beginnt erst in 45 Minuten, die ehemalige Hausfrau wird gut hören und sehen können, wenn Professor Hermann Hipp seine Kunstgeschichtsvorlesung mit Diaschau über den Hamburger Backstein-Architekten Fritz Schumacher beginnt.
Der Hörsaal füllt sich, zwei Drittel der Besucher sind alte Semester wie Gisela B. Professor Hipp hat nichts dagegen: "Ich bin sehr dafür, dass Seniorenstudenten in die Vorlesungen kommen." Ist nicht schön, was hier geschieht?
Lebenslanges Lernen, Bildungssuche bis zur Bahre, wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen, Goethes Ideal, hier, so scheint es, wird's Realität. Eine immer schütterer werdende Gesellschaft will nicht im Stumpfsinn des Alters dahindämmern, die Renten auf Mallorca vertun, sondern nachholen, was Familienpflichten, der Krieg, die Nachkriegsnot oft verweigerten: studieren, und zwar nicht nach Brot, sondern nach Interesse. Menschen, die heute immer früher aus dem Beschäftigungssystem aussteigen, wollen noch einmal geistige Leidenschaft spüren, stolz auf sich selbst sein können, mit Jüngeren zusammen Lernerfahrungen teilen.
Die Essenerin Ilse Krisam, 81, vom Verein LebensLangesLernen (LLL), hat - als Seniorenstudentin, versteht sich - erfolgreich über die Invasion der alten Semester an die Unis promoviert. Das Statistische Bundesamt kommt bis zum Wintersemester 2002/03 zum gleichen Ergebnis wie Krisam: Die Zahl der über 50-Jährigen wächst (siehe Grafik). 2,1 Prozent aller heute Studierenden, Gasthörer inklusive, sind ältere Menschen. Die Alma Mater als Oma Mater? Man muss schließlich auch bedenken, dass sich die Senioren auf Numerusclausus-freie Fächer wie Philosophie, Geschichte, Geistes- und Kunstgeschichte konzentrieren.
Die Hälfte des wachsenden weißhaarigen Studentenheers nimmt das wahr, was die jeweilige Universität gegen eine Gebühr zwischen 50 und 100 Euro als Seniorenstudium anbietet, meist Veranstaltungen, in denen auf die Bedürfnisse der Älteren von Seiten der Dozenten bewusst eingegangen wird. Ein weiteres Viertel erwirbt gegen eine Gebühr von meist unter 100 Euro pro Semester den Status eines Gasthörers und darf im Vorlesungsverzeichnis entsprechend ausgewiesene Veranstaltungen - in Essen und Dortmund sind es über hundert - besuchen.
Das fehlende Viertel ist die graue Hardcore-Klientel: Diese 25 Prozent der Senioren sind voll immatrikuliert, zahlen reguläre Studiengebühren, dürfen Examina machen und kommen natürlich überall hin - auch in den Himmel der Oberseminare. Nur vor Numerus-clausus-Fächern wie Medizin und Pharmazie wachen die jugendbeschützenden Erzengel der Dortmunder Zulassungsstelle (ZVS), die Malus-Last der vielen Jahre kann der Seniorenbewerber an dieser engen Pforte so gut wie gar nicht abschütteln.
So kommt an den Unis, vor allem in den geisteswissenschaftlichen Fächern, zusammen, was kaum zusammenpasst: Hie Menschen, die ihr Arbeitsleben hinter sich haben und die neben neuen geistigen Erfahrungen auch Selbstbestätigung und Erbauung suchen, dort Junge, denen ein unsicheres Arbeitsleben noch bevorsteht. Die, gehetzt von Prüfungsordnungen, die notwendigen Scheine zusammenklauben. Und da zeigt es sich: Wo Abend und Morgen der Leistungsgesellschaft aufeinander prallen, kann das milde Licht der löblichen Bildungsbeflissenheit die Gemüter nicht immer beruhigen. Es gibt Spannungen. "Wie ihren Stift, in einem preußisch schnarrenden
Ton", kommandierten die Senioren vor allem männliche studentische Hilfskräfte herum, klagt etwa der Mannheimer Geschichtsprofessor Karl-Friedrich Krieger, 63.
Genervt sind zumal die Jüngeren. Denn auch der studierende Alte benimmt sich in der Alma Mater nicht anders, als es sein Altersgenosse im gewöhnlichen Leben tut. Seniorens Lieblingsbeschäftigung "Erziehe deine Mitmenschen" - warum sollte er schließlich im Hörsaal davon lassen? Der maßregelnde Altenblick, wenn ein junger Mensch zu spät in den Hörsaal gehetzt kommt, ist nach übereinstimmender Ansicht der Junioren nicht selten.
Auch Rücksicht hat bisweilen eine Altersgrenze. Ab 60 gilt offenbar: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und Alte kommen aus der Fülle der Zeit. In klassischer Touri-Manier pflegten Hamburger Senioren, in Kunstvorlesungen sicht- und hörgünstige Plätze lange vor dem Beginn einer Veranstaltung zu besetzen, offenbar gewitzt aus den Handtuchschlachten um die Hotelliegen auf Mallorca.
Der Hamburger Kunsthistoriker Wolfgang Kemp schlug zurück und kam sogleich in den Ruf eines Seniorenhassers, als er vor Jahren die ersten Reihen der Hörsaalsitze für junge Studenten reservieren ließ. Kemp scheint über die Folgen seiner Aktion gegen die Alten nicht unfroh: "Ich werde nicht mehr heimgesucht."
Dabei geht es zwischen Jung und Alt nicht nur um knappe Plätze. Manche der Älteren benehmen sich wie Platzhirsche. Isabel Schmitz, 27, Geschichtsstudentin aus Köln, stört, wenn die Senioren ihre kulturellen Vorteile auspacken. Schmitz: "Die haben auf Kreuzfahrten sämtliche Ausgrabungsstätten besucht und versuchen dann, den Professor zu beeindrucken."
Was oft nicht gelingt. Historikerin Schmitz beobachtet an den Referaten der Alten "Volkshochschulniveau". Besonders gereizt reagieren Schmitz und ihre Kommilitonen, wenn der Oldie in zeitgeschichtlichen Veranstaltungen mit dem Totschlagargument kommt: "Ich war dabei."
Die Universität, so scheint es, kann nicht beliebig vielen Interessen dienen. Die jungen Studenten wollen einen Beruf anstreben, die Alten über ihre verflossene Berufstätigkeit nachdenken. Die Wissenschaft fordert ihr Recht auf methodologisch strenges Nachdenken. Die Forschung strebt nach Elite. Da kommt es zu erheblichen Verwerfungen.
Und frustiert sind nicht nur die Jungen, die Alten sind es auch. Der Berliner Philosoph Christof Rapp (siehe Interview) beobachtet nicht ohne Mitleid, wie ergraute Studenten, wohl vorbereitet mit gebundenen Textausgaben, ausgestattet mit traditionell vorhandenen Griechischkenntnissen und viel Ehrfurcht vor großen Namen, gespannt den Platon-Gedanken entgegenharren - um dann ins Säurebad der Textanalyse gestoßen zu werden, wo es nicht um Erbauung und Orientierung, sondern um logischen Nachvollzug der Denksysteme geht. Dann kommt die Enttäuschung: ade Lebenserfahrung, auf Wiedersehen Sinnsuche. Wissenschaft ist keine Trösterin.
Den Schock suchen Ältere zu kompensieren, indem sie ihre Referate - im Unterschied zu denen der Jungen meist rechtschreibsicher - mit biografischen Ausflügen ausstatten. Nur leider - verlangt wird das Seminarpensum, ein trockener Wissensstoff.
Es sind vor allem jene Senioren, die ein regelrechtes Studium absolvieren, die mit jüngeren Studenten ins Gehege kommen. Sie beanspruchen die knappen Betreuungszeiten der Professoren, erfordern Korrekturaufwand und zerren an den Nerven der Ordinarien, wenn die Lehrkräfte in Abschlussprüfungen Gnade vor Recht ergehen lassen sollen, weil ein 78-Jähriger auch in der Magisterprüfung das Leben des Platon schildert, aber nicht über dessen Liniengleichnis diskutieren kann.
Einer wie Gerhard G., 59, kennt solche Probleme noch nicht. Der Hamburger war bis zum vergangenen Juli Geschäftsführer einer Werbeagentur, jetzt ist er im ersten Semester und schreibt eine Hausarbeit über die Hanse. "Ich hatte schon seit 20 Jahren den Wunsch zu studieren", sagt er. "Das ist für mich ein einziges Geschenk." Auch materiell: G. schwärmt von den "phantastischen Preisen für ein riesiges kulturelles Angebot". Für ein Weiterbildungsseminar in der Firma zahlte er früher schon mal über 1000 Euro am Tag, jetzt sind es gerade mal über 80 Euro pro Semester.
Mit der seniorilen akademischen Freiheit und der Bildungsvermittlung zu Discountpreisen könnte es bald vorbei sein. Durch die Angleichungsbemühungen in der EU wird das deutsche Studium stärker verschult, gestrafft und Leistungskontrollen unterworfen werden. Außerdem gibt es Berufspraktika - alles nichts, wonach dem studierenden Senior der Sinn steht.
Die Universitäten werden, jede für sich, die Angebote für Seniorenstudenten neu organisieren, die Gebühren wohl kaum so niedrig bleiben wie jetzt. Professor Kriegers schlimmste Befürchtungen könnten dann wahr werden: "Mein größter Alptraum ist ein Seniorenstudent, der sagt: 'Ich zahle hier 200 Euro, die Studenten zahlen gar nichts, ich will auf dem Platz da sitzen.'" Bisher ist Krieger das noch nicht passiert. NIKOLAUS VON FESTENBERG,
CHRISTINA SCHNEIDER
Von Nikolaus von Festenberg und Christina Schneider

DER SPIEGEL 27/2004
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