28.06.2004

„Man ist milder gestimmt“

Der Philosoph Christof Rapp zu Problemen des Altenstudiums
Der Berliner Ordinarius Rapp, 39, lehrt an der Humboldt-Universität Philosophie der Antike und ihre Bedeutung für die Gegenwart.
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SPIEGEL: Herr Professor Rapp, haben Sie etwas gegen alte Studierende?
Rapp: Nein. Von meinem Philosophiebegriff her ist es vollkommen verständlich und wünschenswert, dass wir Seniorenstudenten an den Universitäten haben. Philosophie ist eine Art Praxis, bei der es nicht primär um Berufsausbildung geht und die man in jedem Lebensalter betreiben kann.
SPIEGEL: Und aus Sicht der Universitäten?
Rapp: Ich empfinde es auch für die Universitäten als Gewinn, wenn dort verschiedene Generationen vertreten sind. Das macht etwas für das soziale, gesellschaftliche Standing einer Hochschule aus.
SPIEGEL: Aus welchen Motiven auch immer die Älteren kommen - in den Hörsälen kann es eng werden.
Rapp: Der Platz ist ein Problem. Zu Semesterbeginn kommt es vor, dass wir doppelt bis dreifach so viele Studenten haben wie Sitzplätze. In der Regel haben Seniorenstudenten gute Sitzplätze, weil sie früher kommen.
SPIEGEL: Warum strömen die Alten in geisteswissenschaftliche Fächer?
Rapp: Der eine Typ erklärt: "Mein Vater wollte, dass ich Jura studiere." Nun will er endlich am Lebensabend eigenen Interessen folgen. Der andere ist der Typ, der sich einfach gern den Fächern zuwendet, in denen er die bleibenden Werte sieht, das Erbauliche, das Schöne. Bei mir speziell gibt es Seniorenstudenten, die an Platons Phaidon, an der Frage der Unsterblichkeit der Seele, interessiert sind.
SPIEGEL: Die Uni dient nicht der Erbauung.
Rapp: Ich habe viel Sympathie dafür, dass man sagt: "Jeder, der einen solchen Lebenstraum hat, soll ihn sich irgendwie erfüllen", und es gibt Senioren, die nur in den Vorlesungen auftauchen. Da wird man als Professor auch nicht persönlich angesprochen oder involviert.
SPIEGEL: Sieht es in Seminaren anders aus?
Rapp: Im Prinzip ist der Zugang beschränkt; man muss eingeschrieben sein, für Hauptseminare braucht man die Zwischenprüfung. In der Praxis kontrollieren wir das nicht am Eingang. Sobald ich aber die Schrauben etwas anziehe und Abgabetermine für Essays festlege, bekomme ich Auseinandersetzungen auch mit Senioren. Plötzlich gibt es freie Plätze.
SPIEGEL: Der Senior kapituliert?
Rapp: Das menschenfreundliche Klischee wäre sicherlich zu sagen: Na ja, durch ihre Erfahrungen bereichern sie die Diskussion. Das ist aber in der Regel nicht der Fall. Bei den schriftlichen Arbeiten merkt man bei vielen, dass sie sich eigentlich zu viel vorgenommen haben und letztlich doch nicht fähig oder bereit sind, auf die verlangte Art zu argumentieren.
SPIEGEL: Machen Sie Konzessionen, wenn Sie Senioren prüfen?
Rapp: Das ist ein gewisses Problem. Ich denke, man ist dann milder gestimmt und kommt so dem Umstand nach, dass man nicht dieselben Standards anlegen kann.
SPIEGEL: Wo bleibt die Gerechtigkeit?
Rapp: Solange sich das auf der Ebene von einzelnen Scheinen und Zwischenprüfungen bewegt, ist das ja nachvollziehbar. Ich hätte ein schlechtes Gefühl dabei, wenn es sich um Magisterprüfungen oder Promotionen handelt, weil man dann durch Milde die Standards runtersetzt und etwas billiger machen würde, als es sein sollte.
SPIEGEL: Wie viel Denkkultur des älteren Menschen verträgt die Uni?
Rapp: Grundsätzlich neue Methoden zu erlernen fällt Senioren schwer. Einen kritischen, analytischen, gar destruktiven Gestus gegenüber großen Philosophen schätzen sie weniger.
SPIEGEL: Wann wird das störend?
Rapp: Wenn ein Senior mit Lebenserfahrung und der Begrifflichkeit aus seinem ehemaligen Beruf versucht, Einfluss auf das Seminargeschehen zu nehmen. Ich erinnere mich an einen ehemaligen IBM-Manager, der mit seiner rhetorischen Überlegenheit viel Seminarzeit besetzte.
SPIEGEL: Reicht es nicht, wenn Senioren Volkshochschulen besuchen?
Rapp: Wissen aus erster Hand an der Universität zu bekommen bleibt eine gute Sache. Nur glaube ich nicht, dass die bisherigen Regelungen für Senioren so liberal bleiben können. Wenn man nichts regelt, wird es ein Anschwellen der Probleme mit Seniorenstudenten geben. Die Interessengegensätze zwischen Jungen und Alten werden größer werden. Die Angebote dürften schon bald die Erwartungen der Senioren nicht mehr erfüllen.
SPIEGEL: Warum?
Rapp: Durch die Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen wird jede Studienleistung, von der Vorlesung bis zur Seminarteilnahme, kontrolliert werden, weil sie für das Examen zählt. Außerdem wird es Praktika geben. Es wird stärker um Berufsausbildung gehen, das Studium wird komprimiert, da bleibt kaum Zeit und Kapazität, Senioren zu betreuen.
SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?
Rapp: Die Universitäten müssen sich in Eigenregie überlegen, wie sie das Seniorenstudium regeln. So relativ preiswert wie heute wird es vermutlich nicht bleiben. Warum sollen ältere Studenten, die schon in der Jugend ein Studium absolviert haben, nicht im Alter die Studiengebühren zahlen, die für einen Langzeitstudenten erhoben werden? Man könnte, wie in den USA, die Räumlichkeiten der Universität in den Semesterferien für Seniorenstudiengänge benutzen und sie von jungen Dozenten betreuen lassen.

DER SPIEGEL 27/2004
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DER SPIEGEL 27/2004
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