28.06.2004

STEUERNCodewort reicht

Österreichische Banker touren durch Deutschland - und verraten Wohlhabenden, wie sie ihr Geld am besten in Sicherheit bringen können.
Die Volksbank aus dem österreichischen Vorarlberg ist eigentlich nur ein Kreditinstitut aus der Provinz. Trotzdem kommen einige ihrer Mitarbeiter derzeit gut rum: Die Banker reisen kreuz und quer durch Deutschland, steigen in feinsten Hotels ab und laden dort Steuerberater und Gutbetuchte zu Gesprächen in kleiner Runde ein.
Was die Österreicher anzubieten haben, klingt paradiesisch in den Ohren leidgeprüfter deutscher Steuerzahler: Die Banker reden über steuerfreie Zinszahlungen, anonyme Nummernkonten und diskrete Stiftungen nach liechtensteinischem Recht. Sie reden darüber, dass es bei ihnen in aller Regel keinen Datenaustausch mit deutschen Behörden gibt - und darüber, wie auch Deutsche sich das alles zu Nutze machen können.
Steuerhinterziehung über Auslandskonten ist in der Bundesrepublik zum Volkssport geworden: Über 350 Milliarden Euro Schwarzgelder sind nach Schätzungen der Deutschen Steuer-Gewerkschaft in Ländern wie der Schweiz und Liechtenstein gebunkert. Der Bundesrepublik entgehen dadurch jährlich rund 15 Milliarden Euro an Steuern.
Doch so aggressiv wie die Vorarlberger Volksbank in Bregenz am Bodensee hat wohl noch kein ausländisches Institut in Deutschland um Besserverdienende geworben. Die Bank hat inzwischen nach eigenem Bekunden schon mehr deutsche als einheimische Kunden. Das Geschäft boomt vor allem, seit sich die österreichischen Anlageberater persönlich neue Märkte zwischen Lindau und Flensburg erschließen.
Mit auf Reisen gehen meist Vertreter des - so die Einladung der Bank - "strategischen Partners": der Juricon Treuhand Anstalt mit Sitz im Fürstentum Liechtenstein. Christian Reichart, Mitglied in der Juricon-Geschäftsleitung, referierte kürzlich im noblen Düsseldorfer Industrie-Club und verriet, warum er so gern über die ach so grausamen Steuern in
Deutschland spricht: "Weil unsere Gesellschaften von jeder Besteuerung befreit sind."
Schnellentschlossene können nach Reicharts Vorträgen gleich Blanko-Gründungsformulare für Stiftungen einstecken. Wer es exotischer mag, dem bietet Juricon auch Offshore-Gesellschaften an, beispielsweise auf den British Virgin Islands.
Ob Stiftung oder Offshore-Gesellschaft, sie dienen dem gleichen Zweck: der Verschleierung des Inhabers. Der kann so sein Vermögen Rendite bringend anlegen, ohne dass ein Finanzbeamter in Deutschland erfährt, wem es gehört und wer die Erträge einsteckt. Demselben Ziel dienen spanische Gesellschaften, die etwa Fincas auf Mallorca kaufen können - ohne dass der Besitzer dem deutschen Fiskus erklären müsste, woher er denn auf einmal das Geld hat. Verstirbt der Eigentümer, müsse natürlich auch keine Erbschaftsteuer gezahlt werden, sagt Reichart. Eine solche Gesellschaft könne ja "nicht sterben".
Für ein drängendes Problem der Steuerunwilligen verraten die Banker zumindest beim offiziellen Teil ihrer Veranstaltungen keine Patentrezepte: Wie kommt das Geld in die sichere Alpenfeste?
"Soll ich meine Kohle etwa im Koffer über die Grenze karren?", fragte ein Mittfünfziger aufgebracht bei der Veranstaltung in Düsseldorf. Von direkten Banktransfers sei jedenfalls abzuraten, bekam er zur Antwort, die "deutsche Finanz" hege größtes Misstrauen gegen liechtensteinische und österreichische Gesellschaften.
Während des inoffiziellen Teils, bei österreichischen Weinen und Partyhappen, wurden die Berater konkreter: Mutige könnten ihr Geld per Wertpaket auf die Reise schicken - oder eben selbst expedieren: Die Grenze nach Österreich existiere quasi nicht mehr, Steuerfahnder schlügen höchst selten zu. Und gar keine Probleme gebe es, wenn man jeweils weniger als 15 000 Euro mit sich führe. Die weiteren Geldgeschäfte ließen sich anschließend ganz diskret per Telefon führen. Es genügten die Kontonummer und ein Codewort.
Dann müssen Steuersparer nur noch alle Kontobelege in einem österreichischen Schließfach deponieren, damit es ihnen nicht so ergeht wie einer Rentnerin, die kürzlich an der Schweizer Grenze Zollbeamten aufgefallen war. Die Schwäbin hatte nicht nur 14 500 Euro im Schlüpfer, sondern auch noch eine komplette Auflistung ihrer Schwarzgeldanlagen.
Auf offizielle Nachfrage wollen Juricon und Vorarlberger Volksbank freilich mit Steuerhinterziehung nichts zu tun haben; sie handelten legal nach den Gesetzen ihrer Länder. In einer Stellungnahme erklärt Juricon: "Wir halten uns jederzeit strikt an die gesetzlichen Vorgaben - eine Empfehlung zur Steuerhinterziehung erfolgt unter keinen Umständen." Die Bregenzer Bank lässt erklären: "Wir werden niemals einem deutschen Kunden raten, die deutschen Steuergesetze zu umgehen."
Eine Staatsanwältin, die sich jüngst privat eine Volksbank-Veranstaltung in Münster angeschaut hat, ist trotzdem misstrauisch geworden. Es könne sich da um Anstiftung zur Steuerhinterziehung handeln, mutmaßt sie. Darauf stehen in Deutschland bis zu fünf Jahre Haft.
Die Juristin hat Steuerfahnder alarmiert, die sich bei den letzten Terminen der alpenländischen Steuer-Optimierer schon mal die Autokennzeichen der Gäste notiert haben. BARBARA SCHMID
* An der deutsch-schweizerischen Grenze bei Weil am Rhein.
Von Barbara Schmid

DER SPIEGEL 27/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

STEUERN:
Codewort reicht

  • Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung
  • Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: "Wir haben ein Statement abgeliefert"
  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend