28.06.2004

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTESchuld ohne Sühne

Wie die Polizei einem Toten dessen Geheimnis entriss
Der Tag, an dem der neunjährige Harald seinen Mörder traf, war ein warmer, sonniger Frühlingstag im Mai 1976. Die Nürnberger genossen den verkaufsoffenen Samstag, im Frankenstadion spielte der 1. FCN gegen Schweinfurt 05, in Stein, einer Stadt bei Nürnberg, freuten sich Motorsportfans auf die Metz-Rallye, eine Rennveranstaltung von internationalem Ruf. Harald, jüngstes von drei Geschwistern, durfte zuschauen. Er sieht älter aus als neun, seine Eltern wussten, dass sie sich auf ihn verlassen können.
Harald trägt an diesem Tag eine kurze Lederhose, einen ärmellosen Pulli und braune Sandalen. Am Nachmittag war er kurz zu Hause gewesen, hatte seine Mutter um Geld gebeten für ein Eis. Gegen 19 Uhr wird er das letzte Mal gesehen.
Als Harald am Abend noch immer nicht aufgetaucht ist, macht sich sein Vater auf die Suche, zusammen mit Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr. Am Montag kommt der Fall des vermissten Kindes zu Horst Elbacher, einem jungen Beamten bei der Mordkommission.
Der 36-Jährige ist zuversichtlich, es gibt eine viel versprechende Spur: Ein Junge, der mit Harald dieselbe Schule besucht, hat der Polizei erzählt, er habe beobachtet, wie Harald am Rand der Rallye in ein rotes Auto eingestiegen sei.
Elbacher schreibt alle deutschen Sportfotografen an und bittet um die Fotos und Negative, die sie an jenem Rallye-Wochenende gemacht haben. Tatsächlich ist Harald auf einem Bild zu sehen: Er steht in der Nähe einer Pfütze, durch die gerade ein Wagen rast. Aber es gibt keine Spur, die zu dem Unbekannten mit dem roten Auto führt.
Schließlich gibt der Schulkamerad zu, alles erfunden zu haben. So verlieren sie vier wertvolle Wochen.
Ende Juli, beinahe drei Monate nach seinem Verschwinden, wird Haralds Leiche in einem Roggenfeld gefunden, rund zehn Kilometer vom Haus seiner Eltern entfernt. Sie ist so stark skelettiert, dass selbst der Gerichtsmediziner nicht mehr sagen kann, wie er zu Tode kam.
Die Polizei lässt Flugblätter drucken. Das Foto zeigt einen Jungen mit einer Zahnlücke, der ein gestreiftes Hemd mit riesigem Kragen trägt. Harald versucht ein Lächeln für den Fotografen, ein aufgewecktes, selbstbewusstes Kind. Bis heute weiß niemand, wo er seinem Mörder begegnete.
Als Erste meldet sich eine Bauersfrau, die in der Nähe des Fundorts wohnt: Sie habe am 8. Mai, abends in der Zeit der Dämmerung, gehört, wie ein Kind laut "Mama" gerufen habe. Kurz sei eine Autotür zugeworfen worden.
Wenig später beschreiben Zeugen einen jungen Mann, der an jenem Abend in einer Gastwirtschaft ganz in der Nähe aufgefallen war, weil er mehrere Tassen Kaffee trank, mit den Fingern trommelte, an den Nägeln kaute und sich erschrocken umdrehte, wenn die Tür aufging. Die Polizei zeigt ihnen die Lichtbilddatei, hofft, dass der nervöse junge Mann vielleicht vorbestraft ist. Vergebens. Er bleibt der Verdächtige Nummer eins, viele Jahre lang, ein Phantom.
Am Tag, als sich der Mord zum ersten Mal jährt, fährt Elbacher zu jenem Waldstück, wo die Leiche gefunden wurde. Vielleicht, denkt er, kehrt der Mörder noch einmal an den Tatort zurück. Elbacher bleibt allein.
Nach drei Jahren schreibt er seinen Bericht für den Staatsanwalt. Sie haben 1239 Einzelspuren gesammelt, 30 Aktenordner voll. Elbacher empfindet jeden ungelösten Fall als Niederlage. Er hat selbst einen kleinen Sohn. Manchmal träumt er von Harald.
Schließlich hilft der Zufall. Im Sommer 2003 erstattet eine Frau Anzeige wegen Kindesmissbrauchs. Bei dieser Gelegenheit erzählt sie den Beamten, dass sie vor vielen Jahren mit einem Mann befreundet gewesen sei, der ihr eines Tages gestanden habe, einen Jungen sexuell missbraucht zu haben. Er habe sein Opfer "mundtot" gemacht, als es um Hilfe gerufen habe.
Endlich hat die Polizei einen Namen: Erwin T., damals ein Student mit pädophilen Neigungen, der immer wieder Jungen zu sich nach Hause bestellt hatte, um ihnen Nachhilfe zu geben. Im Mai 1976 hatte er seine Mutter um 20 000 Mark gebeten, er müsse überraschend ins Ausland.
Die Polizei bittet die Eltern von Erwin T. um ein Foto und legt es einem der Zeugen aus der Gastwirtschaft vor, der damals den nervösen jungen Mann beschrieben hatte. Die Beamten haben eine Reihe von Indizien, aber sie brauchen Gewissheit. Der Zeuge erkennt Erwin T. sofort wieder. Jetzt ist die Polizei sich sicher: Haralds Mörder ist gefunden, 28 Jahre nach der Tat.
Haralds Eltern sind erleichtert: Es war kein Nachbar, kein Bekannter. Quälender noch als die Ungewissheit erschien ihnen die Vorstellung, sie könnten all die Jahre neben Haralds Mörder gelebt haben.
Elbacher ist inzwischen pensioniert, ehemalige Kollegen riefen ihn an. "Haben wir damals was verpennt?", fragt er sich immer wieder. "Es gab den Mörder ja. In unserer Stadt. Warum sind wir nicht draufgekommen? Was haben wir versäumt?"
Für Horst Elbacher bleibt eine "Teilunzufriedenheit", das Gefühl, trotz allem zu spät gekommen zu sein. Erwin T. starb vor vier Jahren, 47 Jahre alt, an Krebs. Die Schwestern auf der Pflegestation hatten bis zuletzt den Eindruck, dass ihn etwas bedrückte. Ihm blieb die Gewissheit, sein Geheimnis bewahrt zu haben. HAUKE GOOS
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 27/2004
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
Schuld ohne Sühne

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