28.06.2004

Der Lauf der Bälle

Ortstermin: Vom Hoteldach in Lissabon bringt das ZDF Ordnung in die Welt des Fußballs.
Es gab eine Zeit, da gewannen deutsche Mannschaften große Turniere, aber Fußball war Nischenprogramm. Es war keine kleine Nische, Millionen von Männern fühlten sich wohl darin, aber Fußball war nur für Fans, Fußball war kein Thema beim Frauenfriseur oder für Talkshows am Nachmittag, und kein Fernsehsender übertrug jede Pressekonferenz des DFB live.
Die Europameisterschaft in Portugal hat Fußball zu einem Kulturereignis gemacht, das auch Ahnungslose genießen. Bis zu 27 Millionen Deutsche schauten vergangene Woche abends zu, Erstes und Zweites Deutsches Fernsehen sendeten parallel bis kurz vor Mitternacht.
Am Dienstagabend spielen Dänemark gegen Schweden und Italien gegen Bulgarien, gleich geht die ARD auf Sendung und überträgt das eine Spiel, und jetzt steht Michael Steinbrecher auf dem Dach des Hotels VIP Eden, weil das ZDF gleich das andere Spiel überträgt. Michael Steinbrecher, einst Fußballer in Herne, trägt einen hellblauen Nadelstreifenanzug, unter ihm liegt die Praça dos Restauradores, jener Platz, auf dem die Portugiesen ihre Siege feiern und ihre Niederlagen.
Ein Spiel dauert 90 Minuten, aber beide Sender machen vier Stunden daraus, Fußball verdrängt Nachrichten und Spielfilme. Vor dem Spiel wird geredet über das, was den Reiz des kommenden Spiels ausmachen könnte, und nach dem Spiel wird geredet über das, was den Reiz ausgemacht hat. Die Kenner und Laien zu Hause werden eingestimmt, von Kennern und Laien auf dem Dach, von Ballvirtuosen und Wortjongleuren.
Das ZDF hat das ganze Hotel VIP Eden gemietet für die Europameisterschaft, 75 Studios und 59 Apartments. Der Name ist angemessen, Franz Beckenbauer wohnt hier, Johannes B. Kerner wohnt hier.
Zwölf Menschen stehen auf der Dachterrasse, bereit, den Zuschauern den Lauf der Bälle zu deuten. Michael Steinbrecher hat ein Fernsehgesicht, ein weiches Lächeln, er begrüßt Jürgen Sparwasser, der vor 30 Jahren das 1:0 für die DDR schoss.
An der Bar steht Eugen Strigel, der wichtigste Mann des Abends, und wartet auf seinen Einsatz. Gleich beginnt das Spiel, wir schalten nach Guimarães, dort steht Wolf-Dieter Poschmann.
Vor ein paar Tagen stand Wolf-Dieter Poschmann mit Otto Rehhagel und Franz Beckenbauer in irgendeinem Studio in irgendeinem Stadion. Rehhagel nennt Wayne Rooney "Ronnie", Beckenbauer nennt Pierre van Hooijdonk "den großen Schwarzen da vorne", und Poschmann schwärmt davon, was für eine außergewöhnliche Runde da beisammen sei: "Kaiser Franz, König Otto und ..."
Und?
Prinz Wolf-Dieter von Mainz?
Die ZDF-Sportredaktion ist eine nette, bemühte, verdruckste Mannschaft, ein bisschen wie die deutsche Nationalmannschaft. Sie macht das, was ZDF-Menschen "Kästchenfernsehen" nennen: Grafiken, Umfragen, Schnipsel aller Art, Häppchen für Laien und Kenner, und dies stundenlang.
Wolf-Dieter Poschmann versteht eine Menge von Leichtathletik und Eisschnelllauf, aber weniger von Fußball. Er fragt, als würde er gar nicht sehen, was auf dem Rasen passiert, als könnte er nur Tore und Ballkontakte ("584:492") zählen lassen.
Poschmann, der Wortjongleur, fragt: "Wer weiß, wie das Spiel gelaufen wäre, wenn sie ein frühes Tor geschossen hätten, es hätte ja nichts genutzt, aber trotzdem."
Beckenbauer, der Ballvirtuose, antwortet: "Wenn, aber, hätte, sollte, das hat alles keinen Sinn. Der Wettbewerb wird weitergehen, und Italien fährt nach Hause." Beckenbauer, der Kenner, folgert: "Der Schleier ist vorbei." Poschmann, der Laie, nickt.
Italien hat gewonnen und ist dennoch ausgeschieden. Große Oper. Dänemark und Schweden haben 2:2 gespielt, der Reporter hat ihnen Wettbewerbsverzerrung vorgeworfen. Großes Drama.
Es ist dunkel in Lissabon.
Eugen Strigel verlässt die Hotelbar, jetzt kommt sein Auftritt.
Es gab eine Zeit, da sprach Harald Schmidt die Worte zur Nacht. Eugen Strigel, 54, spricht Schwäbisch, aber man versteht ihn, denn er spricht langsam.
Er kommt aus Horb am Neckar, war Bundesbahnamtsrat und Bahnhofsvorsteher, ist heute Chef der Bahnbetriebszentrale Südwest und im Nebenleben Lehrwart des Schiedsrichterausschusses des Deutschen Fußball-Bundes. Eugen Strigel ist der Herr der Regeln.
In Portugal dient er dem deutschen Volk als Ordnungshüter. Er muss - nach einem Abend voller Aufregung und Chaos, nach Pirouetten von Del Piero und Flanken von Rommedahl, nach wilden Spielerfrisuren und aufregenden Spielerfrauen, nach Fouls und Schwalben, nach passivem Abseits und gelben Karten - wieder Ruhe ins Spiel bringen.
Eugen Strigel hat stoppelige Haare und steht dort oben auf der Dachterrasse des Hotels VIP Eden, er hört von Michael Steinbrecher die Fragen des Abends. Eugen Strigel hat die Antworten.
War es ein Foul, in der 63. Minute? "Klares Foul. Dort, sehen Sie, trifft er ihn mit dem linken Knie, sein Fuß verdreht sich, er stürzt, verstehen Sie?", sagt Eugen Strigel. Steinbrecher umklammert Strigel wie Wörns den Letten, sie spielen es nach, Deutschland versteht, Deutschland kann schlafen gehen. KLAUS BRINKBÄUMER
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 27/2004
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