28.06.2004

Grenzenloser Rausch

Erfahrungen in anderen Ländern zeigen: Der Drogenkonsum wächst - die Politik ist weitgehend hilflos.
Die Zahlen, die Georges Estievenart, der Direktor der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, im vergangenen Oktober vorlegte, waren dramatisch: 89 Prozent der 15-jährigen Dänen waren schon einmal betrunken, ebenso drei Viertel aller jungen Finnen und Briten. Nicht besser ist die Lage bei illegalen Drogen. 55 Prozent der Schüler in der EU sagten laut einer Umfrage, es sei kein Problem, sich in der Nähe ihrer Schule Hasch oder Marihuana zu besorgen. Fast jedem Zweiten ist schon mal Rauschgift angeboten worden.
Estievenarts Fazit kam einem Offenbarungseid gleich: Noch nie nahmen junge Menschen in der EU so viele Drogen. Dabei hatten sich die Länder der Union bereits im Jahr 2000 auf einen "Aktionsplan" geeinigt, mit dem sie in fünf Jahren den Konsum der unter 18-Jährigen deutlich senken wollten.
Offensichtlich ist die Drogenpolitik im Europa der offenen Grenzen aber am Ende, ehe sie richtig begonnen hat. Erfahrungen in der Schweiz, den Niederlanden und Schweden zeigen, dass der Drogenkonsum der Schüler vor allem vom gesellschaftlichen Klima abhängt.
Die Schweizer Drogenpolitik etwa gilt als erfolgreich, pragmatisch und gutes Vorbild. Auch in Deutschland wurde das Schweizer "Vier-Säulen-Modell" - Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression - inzwischen zum Standard. Dennoch wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis die Kiffer auf den eidgenössischen Schulhöfen in der Mehrzahl sind. 49,1 Prozent der 15-jährigen Jungen haben nach einer aktuellen Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits Erfahrungen mit Cannabis - das ist Rekord unter allen 33 untersuchten Ländern.
Und für Insider auch keine Überraschung mehr: Das Land ist inzwischen gespalten in Gegner und Befürworter einer Freigabe des Cannabis-Konsums. Ende der neunziger Jahre waren in vielen Städten "Duftsäckli" - Beutel gefüllt mit Marihuana - Verkaufsschlager in den legalen Hanfläden.
Inzwischen erfolgte vielerorts eine Kehrtwende. Der Tessiner Staatsanwalt Antonio Perugini ließ im vergangenen Jahr 150 000 Hanfpflanzen beschlagnahmen. Die meisten der einst rund 300 Hanfläden mussten schließen.
In den Niederlanden wird seit Jahrzehnten die Drogenpolitik von der Furcht bestimmt, Verbote könnten den Konsum sogar beflügeln, weil sie Drogen für Jugendliche interessanter erscheinen ließen. Seit die Regierung in den siebziger Jahren den Cannabis-Konsum de facto straffrei machte, gilt die niederländische Drogenpolitik als die freizügigste in Europa.
Der Vorteil liegt für Drogenberaterin Marijke Bouts von der Mondriaan Zorggroep in Maastricht auf der Hand: "Wir können viel einfacher aufklären, wenn das Thema für die Jugendlichen nicht so spannend ist."
Nur: Niederländische Jugendliche konsumieren nicht mehr und nicht weniger als deutsche. Die Hoffnung, der legale Verkauf weicher Drogen in den niederländischen Koffieshops werde Konsumenten von Heroin oder Kokain abhalten, hat sich ebenfalls nicht erfüllt - auch in diesem Bereich sind die Zahlen der Suchtkranken ähnlich wie in Deutschland.
Ohne Spagat kommen die Niederländer zudem nicht aus. "Die Koffieshops dürfen zwar kleine Mengen Cannabis verkaufen. Wo diese Drogen herkommen, das bleibt aber in einer Grauzone", sagt Bouts.
Die Schweden, die mit ihrem Kampf gegen Drogen das Musterbeispiel einer repressiven Politik liefern, werden durch den internationalen Vergleich bestätigt: Noch nicht einmal jeder zwanzigste 15-jährige Schwede hat nach der WHO-Untersuchung im vergangenen Jahr Cannabis genommen. Aber derzeit wächst auch dort der Konsum aller Drogen.
Und trotz des geringen Cannabis-Konsums sterben in Schweden mehr Menschen an Rauschgift als in den Niederlanden. Professor Eckhart Kühlhorn vom Stockholmer Centre for Social Research on Alcohol and Drugs macht dafür den weit verbreiteten Amphetamin-Missbrauch verantwortlich und den Alkoholkonsum, der seit Öffnung der EU-Grenzen um 30 Prozent gestiegen sei. Auch bei den illegalen Drogen gehe die schwedische Strategie, das Angebot zu verknappen, immer weniger auf. Die Preise sinken sogar. MICHAEL FRÖHLINGSDORF
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 27/2004
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