28.06.2004

„Ganz schön geknallt“

Eine Klinik in Hannover führt abhängige Jugendliche zurück ins normale Leben. Es ist ein täglicher Kampf um den kleinen Fortschritt - mit ungewissem Ausgang.
Ihr Leben folgte einem einfachen Plan. "Am Wochenende habe ich gesoffen und während der Woche gekifft", sagt Melissa, "manchmal natürlich auch beides." Und an ihrem Geburtstag habe es dann "ganz schön geknallt": eine Flasche Wodka, eine halbe Flasche Bacardi, obendrauf ungezählte Biere.
Es war ihr zwölfter Geburtstag.
Sie heißt nicht Melissa, aber sie nennt sich so. Träfe man sie auf dem Schulhof und nicht hier in der Suchtklinik des Kinderkrankenhauses Hannover, hielte man sie für ein unbeschwertes Mädchen. Sie liest Pferde-Zeitschriften, sie sammelt Pferde-Bilder, sie erzählt von dem vierjährigen Hengst, der auf der Wiese nahe dem Elternhaus in der niedersächsischen Kleinstadt steht - und den sie in diesem Sommer einreiten würde.
Wäre sie nicht auf "Teen Spirit Island", jener Klinikstation, in der ihr Zimmerfenster ein eigenes Schloss hat und der Garten einen zwei Meter hohen Zaun.
Zwölf Jugendliche leben in der Vorzeigeabteilung des Krankenhauses, die Friedensreich Hundertwasser mit gestaltet und die Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf vor fünf Jahren eingeweiht hat. Zwölf Jugendliche, die sich hierher gekifft oder gesoffen oder gesnieft haben. Meistens aber alles zusammen.
Sie sind hinabgerutscht auf der steilen Treppe der Sucht, Stufe um Stufe, Schluck um Schluck, Schuss um Schuss, und "Teen Spirit Island" ist jetzt der letzte Treppenabsatz vor dem Totalabsturz.
Wer es nicht einmal hier schafft, umsorgt von einem Team aus Ärzten, Erziehern, Sozialpädagogen, Krankenpflegern, Hauswirtschafterinnen und einem Lehrer - der ist verloren. Wer es wieder nach oben schaffen will, muss hart kämpfen. Stufe um Stufe. Treppauf zu gehen ist so viel schwieriger.
Es ist ein jahrelanger und ein täglicher Kampf, und für Melissa beginnt er heute am kleinen Teich vor der Stationstür. Die anderen werfen auf den Basketballkorb oder spielen Karten, Melissa aber kniet am Fischteich. "Algen rausholen", das sei ihre Aufgabe, sagt sie.
Sie hat sich die Aufgabe selbst gesetzt, das ist ein erster Erfolg, und sie hält eine Viertelstunde durch, das ist der zweite. Dann wartet sie erst mal auf die nächste Zigarettenpause. Es ist die vierte an diesem Tag, um viertel nach elf.
Die Zigaretten will man hier nicht auch noch verbieten. Den Pausenplan kennen alle auswendig. 7:50 Uhr, 9:00 Uhr, 9:50 Uhr. Und dann eben 11:15 Uhr. Die letzte Zigarette wird um 21:20 Uhr ausgegeben. Nie mehr als eine. "Das nervt voll", sagt Melissa.
Aber heute fügt sie sich, heute ist ein guter Tag, soweit man das jetzt schon sagen kann. Der letzte schlechte liegt kaum eine Woche zurück, da hat sie dermaßen gekeift und gepöbelt, dass man sie für zwei Tage von den anderen trennte.
Jetzt lächelt sie wieder, sie hat auf ihre nächste Marlboro schon eine Stunde lang gewartet und vergisst dennoch nicht zu fragen: "Stört es Sie, wenn ich rauche?"
Viel zu lange hat es niemanden gestört, was sie geraucht, was sie überhaupt genommen hat. "Die erste Zigarette war im dritten Schuljahr", sagt Melissa, "so richtig heftig wurde es dann ab dem fünften." Und warum das alles, warum die ein, zwei Flaschen Bier noch vorm Frühstück?
Melissa pafft einmal, zweimal. Dann sagt sie etwas von "Langeweile" und "ausprobieren". Eine banale und doch vielleicht die beste Erklärung.
Ausprobieren konnte sie alles lange genug, an Stoff bestand kein Mangel. Für Gras hatte sie schnell ältere Freunde und für den Alkohol die Supermärkte, Tankstellen und Kioske. Sie nahm schließlich, was sie bekommen konnte, und deshalb darf sie jetzt nicht einmal mehr unbeaufsichtigt an ihr Rasiergel.
Das liegt im Besprechungszimmer der Betreuer in einem
kleinen roten Korb - Melissa würde sonst womöglich das Treibgas schnüffeln.
An der Wand hängt eine große Tafel. Sie weist Melissa den weiten Weg in die Freiheit. Erlaubt ist: ein Spaziergang mit Betreuer und die wöchentliche Kletterstunde. Noch nicht erlaubt: telefonieren, Besuch bekommen, allein einkaufen.
Das sind die Regeln. Alles andere sind Wünsche. Man kann sie in eine Kladde im Aufenthaltsraum eintragen. Melissa schreibt in ihrer runden Kinderschrift: "Wir beantragen, da so heißes Wetter ist, mal am Maschsee schwimmen zu gehen." Ein anderer würde gern "in die Ice Deale gehen".
Natürlich könnten sie einfach alle abhauen, jeder ist freiwillig hier und der Zaun nur ein überwindbares Hindernis. Am einfachsten kommt man am Tor rüber, das ist bekannt. Zwei Monate Entwöhnung von den Drogen, bis zu zehn Monate Gewöhnung an ein normales Leben: Nur die wenigsten halten auf Anhieb durch.
"Ich bin schon fünfmal drübergeklettert", sagt Melissa. Fünfmal in sechs Monaten. Jetzt ist sie wieder da. Vielleicht der letzte Versuch.
Vor kurzem hat sie ihren 13. Geburtstag gefeiert, eine ziemlich ernüchternde Erfahrung. Die Betreuer sangen "Happy Birthday", die anderen Jugendlichen gratulierten; es gab Orangensaft, Schokolade, einen Piratenfilm, "Fluch der Karibik", den hatte sie sich gewünscht. Es war fast wie bei einem Kindergeburtstag. "Das war schon komisch", sagt Melissa. "So ganz ohne Freunde und ohne Alkohol." MARKUS VERBEET
Von Markus Verbeet

DER SPIEGEL 27/2004
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