28.06.2004

„Ein großer grüner Brei“

Der Hamburger Abiturient Amon Barth, 20, über sein Leben im Cannabis-Rausch und seinen Kampf um eine Rückkehr in die Normalität
Gern würde ich mich an meinen ersten Joint und an die genauen Umstände erinnern. Doch ich habe nur schemenhafte Bilder vor meinem inneren Auge. Gras schädigt ja auf Dauer das Erinnerungsvermögen.
Ich weiß noch nicht mal, ob ich 13 oder 14 Jahre alt war, als mein Freund P. in meinem Zimmer einen Joint baute. Ich bilde mir ein, dass er vorher fragte: Seid ihr euch auch wirklich sicher, dass ihr es ausprobieren wollt?
Schon lange wusste ich, was das ist: kiffen. Es ist die verbotenere und spannendere Form des Rauchens. Wir waren fasziniert von den kriegsverachtenden Hippies, den Rappern, und wir liebten Bob Marley, den König des Reggae. Wir huldigten den Filmen "Fear and Loathing in Las Vegas", "Trainspotting", "Fight Club" und "Pulp Fiction". Unsere Götter waren Tupac, Sammy de Luxe, die Absoluten Beginner und Ferris MC. Zu dieser Kultur zu gehören und nicht zu kiffen hieße, nie zu wissen, wovon alle anderen reden, gleichsam unaufgeklärt zu bleiben. Ich griff zu.
Lachen, Entspannung, große Bereicherung durch vollkommen neue und intensive Gedanken, Glücksgefühle. Das wollte ich dann wieder haben. P., die anderen vier des Kreises und ich hatten etwas gefunden, was uns auf lange Zeit verband. Wir waren alle Teil einer Gruppendynamik, in der es ausschließlich um das eigene Vergnügen, die eigene Befriedigung und den eigenen Rausch ging. Egal auf wessen Kosten.
Wer sagt, dass Lachen etwas Göttliches ist, der weiß nicht, wie es ist, über alles zu lachen. Etwa über Dialoge wie diesen: "Eh, Digger, was geht? Wollen wir heute wieder knarzen?" "Hast du 25 Tacken?" "Ne, ich hab nur 15." "Dann lass mal Keule anrufen, dann holen wir uns zu dritt 'nen Fuchs."
Es bildeten sich je nach finanzieller Situation ständig neue Interessengemeinschaften, und das Aufteilen war ein Kampf um jeden Krümel. Wir trafen uns nicht unseretwegen, sondern das Kiffen verband uns. Wir waren verwickelt in eine primitive, allen Klischees entsprechende Ghettokommunikation. "Digger, du bist so 'n Spasti." "Dein Vater ist 'n Spasti." "Halt 's Maul, du Mongo."
Wir waren zufrieden, wenn wir einen Joint rauchen, in sturmfreier Bude zum wer-weiß-nicht-wie-vielten Mal "Trainspotting" gucken und danach unseren "Fress-Flash schieben" konnten.
Eigentlich musste ich aufräumen, Hausaufgaben machen und unzählige andere Dinge angehen, doch wie praktisch: eine Verabredung zum Barzen, und zwei Stunden später das Gefühl, man hätte alles erledigt, weil man alles vergessen hat. Wir liebten den Geruch, der uns entgegenströmte, wenn wir das frisch erstandene Tütchen öffneten, um die Qualität und die Menge des Grases zu überprüfen. Wir klauten unseren Eltern Geld aus dem Portemonnaie, wir belogen unsere Großmütter, dass wir dringend Geld für Schulbücher bräuchten.
Je größer die verdrängte Scham wurde, umso scheinbar stolzer, unabhängiger und mächtiger fühlten wir uns. Natürlich durchlebten wir alle manchmal auch gemeinsam Momente, in denen uns unsere jämmerliche Situation bewusst wurde. Wir waren allesamt prahlende, verblendete und aggressive Idioten, außer in den seltenen Augenblicken der andächtigen und friedvollen und sehr melancholischen Selbsterkenntnis.
Als wir anfingen, Gras zu rauchen, war es normal, meistens nüchtern zu sein und den gemeinsamen Rausch als Besonderheit zu genießen. Später war es die Ausnahme, nicht bekifft zu sein. Ich steckte meine Bong in die Schultasche, verließ eine Viertelstunde eher das Haus und rauchte vier Köpfe auf einem Spielplatz, um in der Schule offiziell anwesend zu sein, aber in meinem Kopf abwesend sein zu können.
In Zeiten, in denen alle sicheren Quellen versiegt waren, holten wir uns Hasch aus der kaputten Szene vom Hauptbahnhof. Danach fühlten wir uns, als könnten wir über das Wasser gehen. Und hatten Glück, dass wir es nicht versuchten.
Mit der Steigerung unserer Sucht wurden wir Teil eines riesigen Netzwerkes. Wir hatten alle mindestens zehn Nummern in unseren Handys, die nur zur Beschaffung von Weed dienten. Als Kiffer lernt man überall und ständig Leute kennen. Und tauscht mit ihnen Geschichten über Graffiti-Sprüher, Abgezogene und Abzieher und natürlich über sichere Bezugsquellen und üble Gerüchte aus.
Ich selbst wurde irgendwann übermütiger als alle anderen. Ich rauchte immer mehr und auch allein. Und driftete in eine krankhafte Egozentrik. Nichts war unangenehmer, als nichts zum Rauchen zu haben und sich den Anforderungen des Lebens stellen zu müssen.
Die Sucht und die Verdrängung meines sozialen Denkens zerstörte meine erste Liebesbeziehung und versetzte mich in einen weltfremden Bewusstseinszustand. Ich fühlte mich über die gesamte Realität erhaben und glaubte, alle Gesetzmäßigkeiten
der Welt und der Menschheit zu durchschauen. In Wahrheit bewegte ich mich jedoch wie eine Maschine, die durch außer Kontrolle geratene Impulse meines Unterbewusstseins gesteuert wurde. Das alles waren Vorzeichen einer Krankheit, die Psychose genannt wird: der vollkommene Verlust der Selbstkontrolle.
Das phantastische Gedankengut aus "Akte X", "Matrix", "12 Monkeys", "Existenz", "Fight Club", "Fear and Loathing in Las Vegas", "Vanilla Sky", "Star Wars", "Flash Gordon" und anderen Filmen hatte sich verselbständigt. Auch die harten Wortkombinationen des Rap führten ein Eigenleben in meinem Hirn. Meine Rolle als "Einstein" in Dürrenmatts "Physiker", die ich vor einem Jahr in einer Schulaufführung gespielt hatte, tat ihr Übriges. Überall sah ich Agenten und Außerirdische.
Ich war vermessen, aufbrausend und hatte mich so sehr unter Kontrolle wie ein trudelnder Kreisel. Meine Gedanken wurden so unerträglich, dass ich mich nur noch durch das ständige Inhalieren beruhigen konnte. Es entstand eine Endlosschleife: mehr rauchen, mehr Gedanken rasen - mehr Gedanken rasen, noch mehr rauchen wollen.
Plötzlich war der Beutel leer, das Gras alle, nach einem einzigen Tag alles weg, was sonst eine Woche lang für vier gereicht hätte.
Meine Psychose begann.
Ich schwieg und ignorierte alle Menschen in meiner Umgebung. Ich lag starr auf dem Fußboden. Ich versuchte, durch den Spiegel in ein anderes Ich zu gehen. Ich dachte, ich würde mich gleich in ein Kamel verwandeln. Ich glaubte, ich läge tausend Meter unter der Erde in einem chinesischen Felsengrab und würde immer tiefer sinken. Ich erwartete, in Kürze würde sich ein Tor in meiner Realität zeigen, durch das ich in ein anderes Universum gehen könnte. Ich glaubte, mitten im Dritten Weltkrieg zu stecken und die Truppenaufmärsche vor meinem Fenster zu hören, und sah nur noch rotes Licht um mich herum. Ich dachte, meine Mutter wäre eine illuminierte Eingeweihte, die mit den Aliens eine Allianz unterhielt. Ich hatte das Gefühl, von unsichtbaren Menschen unter einer Tarnkappe beobachtet zu werden.
Ich schaute in einen Topf mit einem Fleischgericht und hielt es für einen Test der außerirdischen Intelligenzen, um zu überprüfen, ob ich gegessen werden will. Ich hatte panische Angst, sofern ich einschlafen sollte, als Adolf Hitler aufzuwachen - ein weiterer Test. Ich war Bruce Willis in "12 Monkeys", der von unseren Politikern zur Korrektur unserer Gegenwart auf eine Zeitreise in die Vergangenheit geschickt wurde. Ich hatte das Gefühl, ich wäre eine Gefahr für die Öffentlichkeit, da meine Gedankenwellen anderen Menschen schaden könnten. Und musste daher isoliert werden. Ich aß nicht, ich trank nicht, drei Tage lang.
Vier Ärzte begutachteten mich nacheinander. Ich sah durch sie hindurch. Ich schwieg auf ihre Fragen.
Zwei Sanitäter kamen und zwei Polizisten, die verhindern sollten, dass ich mich gegen den Abtransport wehrte. Ich empfand große Glücksgefühle, weil ich vermutete, dass die fremde Intelligenz mich von der armseligen Erde fortbringen würde.
Scheiße, ich werde in ein Konzentrationslager gebracht, dachte ich.
Stattdessen brachten sie mich in die Notfallpsychiatrie im Hamburger Universitätskrankenhaus. Man band mich an ein Bett und steckte mir eine Tablette unter die Lippe. Langsam wachte ich auf. Ich kam in ein Zimmer mit einem älteren Mann, der viermal versucht hatte, sich umzubringen.
Die Zeit im Krankenhaus war unangenehm, aber brachte mich mit starker Medikamentierung langsam wieder in die Lebensfähigkeit zurück. Es stritten sich noch lange die Wahnideen mit den älteren Erinnerungen an die rationale Weltsicht. Ich empfand das Eingesperrtwerden als harte Strafe, aber kam nach vier Wochen frei.
Ich habe mich von der Sucht und dem schleichenden Schaden, den sie anrichtet, nur sehr langsam erholt. Wenn ich heute zurückblicke, bereue ich nicht so sehr die Erfahrungen, die ich gemacht habe. Ich trauere um die Erfahrungen, die ich wegen meiner Motivationslosigkeit nicht gemacht habe. Das Gehirn habe ich anstatt mit kreativen Impulsen mit Schwachsinn gefüllt. Die wichtigsten Jahre meiner Jugend sind, wenn ich mich an sie erinnern will, ein großer grüner Brei.
Es ist jedoch nicht die Tatsache, dass Jugendliche kiffen, die mich im Nachhinein am meisten beschäftigt. Sondern die Frage, warum die Welt in so einem Zustand ist, dass das Nehmen von Drogen für viele notwendig erscheint.
Das Kiffen ist wie eine Maske, von der man sich verspricht, sie könne all das überdecken, was man nicht sein will. Und all das vollbringen, was man ohne sie nicht erreichen würde.
Wenn man sie trägt, überdeckt sie jedoch auch die Unabhängigkeit, somit auch den Stolz auf die innere Freiheit. Durch die Augen dieser Maske, die man aufsetzte, um die eigenen Grenzen immer weiter zu überschreiten und der manchmal bitteren Realität mit all ihren Anforderungen und unangenehmen Verpflichtungen, mit all ihren Schreckenstaten und ihrer Brutalität zu entfliehen, sah man zwar furchtlos in die Welt.
Indem man darauf vertraute, dass der Rauch es alles erträglich machen würde, vergaß man jedoch vollkommen, sich selbst zu erkennen.

DER SPIEGEL 27/2004
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