28.06.2004

„Russland ist nicht die Opec“

Der Gasprom-Vorstandsvorsitzende Alexej Miller über den geplanten Einstieg seines Konzerns ins Ölgeschäft, den Bau einer Gaspipeline durch die Ostsee und die Korruptionsvorwürfe gegen sein Management
SPIEGEL: Alexej Borissowitsch, die Welt ächzt unter hohen Energiepreisen. Ihr Konzern Gasprom ist der global größte Erdgasproduzent und will nun verstärkt ins Ölgeschäft einsteigen. Werden Sie helfen?
Miller: Die Besorgnisse der industrialisierten Welt im Zusammenhang mit den hohen Erdölpreisen teilen wir. Preise müssen gerecht sein. Wichtig sind dabei vor allem Vorhersagbarkeit und Stabilität.
SPIEGEL: Welcher Ölpreis wäre gerecht? Die Opec peilt offiziell eine Spanne von 22 bis 28 Dollar pro Barrel an.
Miller: Die Opec-Vorstellungen sind bekannt. Und auf diesem Niveau ist auch in der Russischen Föderation rentable Erdölförderung gewährleistet.
SPIEGEL: Nach Discount klingt das nicht. Was spricht für Gas als Alternative?
Miller: Bei Gas gibt es langfristige Verträge. Der Gasmarkt ist wesentlich stabiler. Beim Öl hingegen spielt der Faktor Spekulation eine beträchtliche Rolle.
SPIEGEL: Trotzdem plant auch Gasprom nun, verstärkt Öl zu fördern. Sie wollen Teile des angeschlagenen Ölmultis Jukos übernehmen und beabsichtigen, zusammen mit zwei anderen Konzernen, die Ausbeutung ostsibirischer Ressourcen.
Miller: Wir wollen Gasprom zu einer internationalen Energie-Gesellschaft ausbauen, mit Gas, aber auch mit Öl. Wir fördern bereits jetzt bis zu zehn Millionen Tonnen jährlich an flüssigen Kohlenwasserstoffen. Unsere Möglichkeiten bei Gas und Öl sind bei weitem nicht erschöpft.
SPIEGEL: Bis wann wollen Sie Ihren Konzern umstrukturiert haben?
Miller: Noch in diesem Jahr. Wir besitzen lizenzierte Lagerstätten, mit denen wir unsere Ölförderung um ein Vielfaches steigern
können. Wir werden eine 100-prozentige Tochtergesellschaft gründen, die bis zu 45 Millionen Tonnen Öl pro Jahr auf den Markt bringen soll.
SPIEGEL: Sie werden sich also an Jukos beteiligen, dem Konzern, der nach der Verhaftung seines Hauptaktionärs Michail Chodorkowski und Steuerforderungen in Milliardenhöhe vor dem Aus steht?
Miller: Pläne dieser Art haben wir nicht. Wir sind generell an Stabilität bei Jukos interessiert, nicht an Jukos-Erdölaktiva.
SPIEGEL: Eine Gasprom-Sprecherin hat aber verkündet, wenn Jukos-Anteile zum Verkauf stünden, würde Gasprom zugreifen.
Miller: Da hat wahrscheinlich jemand zwischen Tür und Angel einen befragt, der überhaupt nicht zuständig ist.
SPIEGEL: Missglückte Öffentlichkeitsarbeit, wieder mal. Der russische Wirtschaftsminister German Gref hat unlängst bemerkt: "Herr Miller benimmt sich wie ein sowjetischer Spion" - aus Ihnen sei nichts herauszubekommen. Und Sie seien dagegen, dass Gaspipelines privatisiert werden.
Miller: German Oskarowitsch Gref sitzt im Direktorenrat von Gasprom. Dort hat er sich nie für die Privatisierung von Gasleitungen aus dem Fenster gelehnt.
SPIEGEL: Aber öffentlich, vorige Woche.
Miller: Auch mich privat hat er nie darauf angesprochen. Der von Ihnen zitierte Ausspruch mit dem sowjetischen Spion bezog sich wohl in der Tat eher darauf, dass wir von unseren Erfolgen nicht gern zu früh reden wollen.
SPIEGEL: Es gäbe ja Bemerkenswertes zu verkünden - den geplanten Bau der berühmten Gasleitung durch die Ostsee zum Beispiel, der von Deutschen und Westeuropäern insgesamt interessiert verfolgt wird. Wird die Leitung gebaut?
Miller: Die Nordeuropäische Gasleitung ist für uns eines der bevorzugten Projekte. Es entspricht voll und ganz unserer Strategie, aber auch der Energiestrategie der EU. Die Routen der Gaslieferung nach Europa sollen diversifiziert werden. Gasprom hat schon 2004 für dieses Projekt 50 Millionen Dollar vorgesehen. Wir bemühen uns um die nötigen Grundstücke auf russischem Boden. Und wir verhandeln intensiv mit potenziellen Betreibern.
SPIEGEL: Wann ist die Pipeline fertig?
Miller: Für das Projekt sind vier Jahre anberaumt, zwei für die Projektierung und zwei für den Bau. Wir wollen mit unserem Gas nicht zu früh nach Europa kommen und auch nicht zu spät.
SPIEGEL: Bislang kommt Ihr Gas über die Ukraine und Weißrussland nach Westeuropa. Wie wird sich die Lage für die Abnehmerländer verändern?
Miller: Wir sprechen hier von neuem Gas aus neuen Vorkommen. Es wird also auch neue Verträge und neue Verbraucher geben. Theoretisch kann auch Gas aus alten Lagerstätten über diese Leitung befördert werden. Von den Kosten her ist die neue Leitung konkurrenzfähig. Für die Endverbraucher in Europa gibt es durch mehr Diversifizierung und Flexibilität nur Vorteile.
SPIEGEL: Aber billiger wird das Gas dadurch sicher auch nicht.
Miller: Ich sagte - konkurrenzfähig. Und außerdem ist das dann kein Vergleich mehr mit den Zeiten, als beim Transit durch die Ukraine beachtliche Mengen Gas verschwanden.
SPIEGEL: Ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Gases kommt schon jetzt von Gasprom. Wird dieser Anteil nach Errichtung der neuen Pipeline weiter wachsen?
Miller: Wir rechnen natürlich damit. Und wir sind bereit, mehr Gas nach Deutschland zu liefern. Aber auch anderswohin. Wir können den ganzen europäischen Bedarf abdecken. Unsere Vorräte sind bekanntermaßen die größten der Welt. Seit den siebziger Jahren haben wir unsere Lieferungen nach Europa von null auf 140 Milliarden Kubikmeter gebracht. Es ist für uns kein Problem, in den nächsten 30 Jahren diesen Umfang noch einmal zu verdoppeln.
SPIEGEL: Die Internationale Energieagentur warnt schon jetzt davor, Europa habe sich dermaßen in Abhängigkeit von russischem Erdgas begeben, dass man bald wie beim Erdöl aus dem Nahen Osten Preiserhöhungen wehrlos ausgesetzt sein wird.
Miller: Wir haben Verträge bis 2030 unter Dach und Fach. Darin ist eine Preisformel festgelegt. Gaspreise sind etwas anderes als Börsenpreise für Öl. Und Russland ist nicht die Opec.
SPIEGEL: Doch die neuen Lagerstätten werden in der Erschließung teurer sein als die alten. Sie haben angekündigt, 100 Milliarden Dollar bis 2030 zu investieren. Das ist das Doppelte Ihres derzeitigen Unternehmenswertes. Woher kommt das Geld?
Miller: Wir haben im vergangenen Jahr sieben Milliarden Dollar Reingewinn eingespielt. So viel zu unseren eigenen Investitionsmöglichkeiten. Unsere Förderstrategie ist schon jetzt bis zum Jahr 2030 entwickelt. Wir wissen genau, in welcher Reihenfolge wir auf welche Felder gehen werden.
SPIEGEL: Stammt der Plan von Ihnen?
Miller: Natürlich. Glauben Sie, das ist so kompliziert? Wir im Gasgeschäft leben mit ganz spezifischen Zeitvorstellungen. 2007 bis 2010, das ist für uns morgen. Der Investitionszyklus beträgt vier bis fünf Jahre.
SPIEGEL: Fünf-Jahres-Pläne gingen schon zu kommunistischer Zeit schief.
Miller: Das entzieht sich meiner Kenntnis. Wir jedenfalls haben mit der nordrussischen
Halbinsel Jamal eine neue strategische Region, die allein dafür garantiert, dass wir unser Förderniveau zwei Jahrzehnte halten.
SPIEGEL: Sie brauchen keine ausländischen Investoren?
Miller: Darum geht es für uns nicht. Wenn das Gas erst einmal verkauft ist, ist auch Geld da. Und ist das Geld da, können die gewünschten Mengen gefördert werden.
SPIEGEL: Aber mit ausländischen Investoren könnten Sie das Tempo erhöhen.
Miller: Für die Auswahl ausländischer Partner haben wir zwei Kriterien. Entweder sie interessieren sich für unsere Aktiva und Märkte und haben Aktiva und Marktanteile im Austausch anzubieten. Dann kann eine Kooperation Synergieeffekte erzeugen. Oder es gibt technologische Gründe für eine Zusammenarbeit. Unter diesem Gesichtspunkt haben deutsche Unternehmen sehr großes Potenzial.
SPIEGEL: Derzeit gehört mehr als ein Drittel an Gasprom dem Staat.
Miller: 38,37 Prozent, um genau zu sein.
SPIEGEL: Ist das Ihrer Meinung nach zu viel oder zu wenig?
Miller: Der Staat sollte ein wesentlich größeres Paket besitzen.
SPIEGEL: 51 Prozent?
Miller: Ein größeres Paket als 38,37 Prozent. Wir haben gerade ein Angebot unterbreitet für ein Aktienpaket, das Tochterunternehmen von uns gehört. Es muss nicht mehr lange gewartet werden. Gleichzeitig sollte der Markt für Gasprom-Aktien liberalisiert werden. Bisher gibt es ein Limit für Aktienmengen, die ausländische Anteilseigner besitzen dürfen. Die Aktien sollten aber künftig frei verkauft und an den führenden Börsen gehandelt werden.
SPIEGEL: Gäbe es nicht ein ideales Datum zur Verkündung dieses historischen Schritts - den 8. Juli, wenn Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Wirtschaftsforum in Moskau sind?
Miller: (lacht und schweigt)
SPIEGEL: Als Sie 2001 Ihren Job antraten, verschwanden bei Gasprom jedes Jahr Mil-
liarden Dollar, und keiner wusste, wohin, beziehungsweise: Alle wussten es. Haben Sie das stoppen können?
Miller: Das, was früher war, fällt unter die Kompetenzen der Rechtsschutzorgane und nicht des heutigen Managements. Wir unternehmen jetzt Anstrengungen, Aktiva zurückzuholen.
SPIEGEL: Manager sollen damals Tochterfirmen gegründet und deren Gewinne abgezweigt haben. Und jetzt kommen von Kleinaktionären neue Vorwürfe hoch - mit Hilfe der Partnerfirma Eural Trans Gas arbeite Gasprom nach dem alten Schema.
Miller: Es gibt ein Regierungsabkommen zwischen Russland und der Ukraine. In dem hat sich die russische Regierung verpflichtet, ukrainisches Gas zu transportieren. Und das ukrainische Unternehmen Nak Neftegas-Ukraine verkauft sein Gas eben an Eural Trans Gas, bevor wir es befördern. Das Gas gehört uns nicht.
SPIEGEL: Aber Sie sind doch dafür ausgesucht worden, mit den Unsitten bei Gasprom aufzuräumen. Müssten nicht gerade Sie ein Interesse haben, keinen Kontakt zu einer Firma zu unterhalten, die mit dem berüchtigten Semjon Mogiljewitsch in Verbindung gebracht wird?
Miller: Noch einmal - es handelt sich dabei um ukrainisches Gas. Wir haben den Ukrainern angeboten, uns mit 50 Prozent an diesem Unternehmen zu beteiligen, um mehr Kontrolle zu haben. Die Verhandlungen kamen nicht weit.
SPIEGEL: Was ist aus den Leuten geworden, die früher bei Gasprom offenkundig gestohlen haben? Sind sie im Exil, sind sie im Gefängnis?
Miller: Diese Fragen müssen Sie an die Rechtsschutzorgane richten. Wir hier sind von acht Uhr früh bis zwei Uhr nachts mit dem aktuellen Management von Gasprom beschäftigt.
SPIEGEL: Aber der Chef Ihres Aufsichtsrats, der Leiter der Kreml-Verwaltung Dmitrij Medwedew, lässt sich weiter von Ihrem Vorgänger beraten, in dessen Zeit die fraglichen Geldabflüsse fielen.
Miller: Von Rem Wjachirew? Er gehört nicht mehr zur offiziellen Managementstruktur von Gasprom. Wo er ansonsten beschäftigt wird, entzieht sich unserer Kenntnis.
SPIEGEL: Mit Gas kann Politik gemacht werden. Wie stark unterscheidet sich Ihre derzeitige Preispolitik je nach Abnehmer?
Miller: In Deutschland beträgt der Großhandelspreis heute 130 Dollar für 1000 Kubikmeter, kann aber im Winter für den Endverbraucher zu Spitzenzeiten 430 Dollar erreichen.
SPIEGEL: Und in Lukaschenkos Weißrussland?
Miller: Werden jetzt 46,68 Dollar bezahlt. In Russland selbst sind es im Schnitt gut 30 Dollar. Aber da fallen auch nicht die Transportkosten wie bis nach Deutschland an.
SPIEGEL: Wäre es nicht, in Anbetracht der hohen Ölpreise, an der Zeit, verstärkt über gasbetriebene Autos nachzudenken?
Miller: Gas ist ökologisch reiner Treibstoff. Wir in Russland haben in vielen Städten Gastankstellen. Das ist in erster Linie für öffentliche Verkehrsmittel eine interessante Option, vor allem auch in Gestalt flüssiger synthetischer Kohlenwasserstoffe, die aus Gas gewonnen werden.
SPIEGEL: Was vielen in Deutschland ein Rätsel ist - warum muss jemand, der Gas verkauft, auch noch einen Fernsehsender besitzen? Die Querelen um den Kanal NTW bringen Ihnen in regelmäßigen Abständen den Vorwurf ein, zuletzt bei der Entlassung des kritischen Moderators Leonid Parfjonow, zu den Unterdrückern der Meinungsfreiheit in Russland zu zählen.
Miller: Ich verstehe dabei nicht ganz, worum es geht. Wir haben mit der Informationspolitik des Senders nichts zu tun. Der Generaldirektor von NTW hat einen Mitarbeiter entlassen. Ich habe das zur Kenntnis genommen.
SPIEGEL: Man sagt, die Unternehmenspolitik von Gasprom insgesamt würde nicht auf den Vorstandssitzungen entschieden, sondern bei Ihren Wochenendtreffen mit Präsident Putin. Verstehen Sie das als Kompliment?
Miller: Geschäfte von Gasprom berühren nun mal die internationalen Beziehungen, die Außenpolitik Russlands. Und manche müssen dann eben auf höchster Ebene entschieden werden.
SPIEGEL: Alexej Borissowitsch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Alexej Miller
koordinierte bis 1996 fünf Jahre lang in der Stadtregierung von St. Petersburg die ersten Industrieansiedlungen westlicher Konzerne. 2000 ernannte Präsident Putin den studierten Ökonomen zum Vize-Energieminister. Seit Mai 2001 ist Miller, 42, Chef des Gasprom-Vorstands.
* Walter Mayr, Joachim Preuss und Christian Neef in der Moskauer Gasprom-Zentrale.
Von Walter Mayr, Joachim Preuss und Christian Neef

DER SPIEGEL 27/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Russland ist nicht die Opec“

  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Johnson droht Parlament: "Dann muss es Neuwahlen geben"
  • Dänemark: Leuchtturm wird verschoben