28.06.2004

VERSICHERUNGENSprung ins Dunkle

Klo verstopft, Heizung kalt? Seit kurzem ködert die Allianz mit einer Assekuranz, die im Schadensfall Service statt Geld verspricht. Das Modell könnte Zukunft haben.
Ein bisschen wundert sich Karl-Walter Gutberlet selbst, dass er nicht schon früher auf die Idee gekommen ist. Wie Gutberlet, der im Vorstand der Allianz-Versicherungs-AG fürs Privatkundengeschäft verantwortlich ist, tüfteln Experten der 240 Sachversicherer in Deutschland seit Jahren daran, wie dem Volke zum Wohle seiner Sicherheit noch mehr Prämien-Milliarden zu entlocken sind - bisher ohne großen Erfolg.
Alle Versuche, die vier klassischen Privatversicherungen - Haftpflicht, Hausrat, Gebäude und Rechtschutz - mit neuen prämienträchtigen Spezialprodukten anzureichern, brachten kaum Geld in die Kassen. Doch jetzt, so scheint es, hat Gutberlet für den Marktführer aus München und die gesamte Branche eine neue Geldquelle entdeckt. Der Allianz-Mann ist überzeugt: "Die wird sprudeln. Das wird ein Riesenmarkt, nicht nur in Deutschland."
Den neuen Dreh, mit dem die Allianz gerade auf den deutschen Markt drängt, hat der Erfinder bei anderen abgekupfert. Seit Jahrzehnten bieten Automobilclubs wie der ADAC, Autobauer und Kfz-Versicherer Policen an, in denen statt der üblichen Barleistung bei Eintritt des Versicherungsfalls die Behebung des Schadens zugesichert wird.
Die Gelben Engel des ADAC reparieren Autos auf der Straße, Reiserückholversicherer garantieren die Heimkehr im Notfall und bei Krankheit. Autohersteller verkaufen mit ihren Fahrzeugen Mobilitätsgarantien, die europaweit schnelle Hilfe bei Pannen zusagen.
Warum also soll Service statt Bargeld nur bei Autos und beim Reisen interessant sein? Mit einem "Haus- und Wohnungsschutzbrief" bietet die Allianz seit nunmehr drei Monaten als erste Gesellschaft eine Versicherung an, die gegen eine geringe Prämie Hilfe beim alltäglichen Ärger zu Hause verspricht.
Wenn man ohne Schlüssel vor der eigenen Haustür steht - nach einem Anruf bei der Servicenummer kommt der Allianz-Türöffner. Klo verstopft, Heizung kalt, Wespennest auf dem Balkon? Der Versicherer organisiert Handwerker und Helfer und rechnet die Kosten direkt mit ihnen ab.
"Wieder einmal ein neues, unsinniges Versicherungsangebot auf dem deutschen Markt", schimpft Frank Braun vom Bund der Versicherten (BdV). Doch Gutberlets Vertreter brachten immerhin schon 20 000 Policen unters Volk - mit steigender Tendenz.
Inzwischen kommen, auch dank millionenschwerer Werbekampagne, täglich zwischen 500 und 1000 Abschlüsse hinzu.
Die Erfahrungen der ersten Monate haben gezeigt, an welchen Leistungen die Kunden besonderes Interesse haben. Mit Abstand steht der Schlüsseldienst auf Platz eins, gefolgt von den drei Notfallhandwerksleistungen Sanitär, Rohrleitung und Elektro. Notheizung und Kühlleihgeräte werden ebenfalls stark nachgefragt und landeten auf dem dritten Rang.
Ein großes Fragezeichen steht hinter der Kalkulation der neuen Versicherung. Pro Monat zahlt der Versicherte 4,86 Euro, wenn er auf fünf Jahre abschließt 4,37 Euro. "Ein Sprung ins Dunkle", gibt Gutberlet zu, da nur schwer abschätzbar sei, wie oft die Hilfe wirklich abgefragt werde.
Allerdings haben die Versicherungsprofis ein eigenes Sicherungsnetz eingezogen. Pro Hilfeleistung zahlen sie maximal 300 Euro. Im ganzen Jahr dürfen die Kosten 1000 Euro nicht übersteigen. Was darüber anfällt, muss der Kunde selbst zahlen.
Die Rechner bei der Allianz sind sich allerdings recht sicher, dass diese Obergrenzen in den seltensten Fällen überschritten werden. Immerhin ist ein starker Verhandlungspartner wie die Allianz in der Lage, mit Schlüsseldiensten und Handwerkern andere Preise auszuhandeln als der Wohnungsbewohner, der ausgesperrt vor der eigenen Tür steht.
Qualität der Handwerksleistung, Zuverlässigkeit und Preis - das sind die Kriterien, nach denen die Betriebe ins Allianz-Reich aufgenommen werden. Die Handwerker stehen Schlange. Ihr Vorteil: Sie werden prompt bezahlt und können auf garantierten Einsatz hoffen.
Schon hat die Allianz eine zweite Variante des neuen Assekuranz-Typs fertig. Vom 1. Juli an können sich Senioren ab 60 eine speziell auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Versicherung für Hilfs- und Pflegeleistungen kaufen.
Bei "unfallbedingter Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Leistungsfähigkeit" reicht ein Anruf, um bei Bedarf Einkäufe und Besorgungen erledigen zu lassen, Wäsche zu reinigen oder auch direkte Pflegeleistungen in Anspruch zu nehmen. Auch Botengänge und Unterstützung bei der Beantragung von Leistungen wie etwa der Pflege-Pflichtversicherung verspricht die Police.
Gutberlet ist sicher, dass solchen Versicherungen die Zukunft gehört. Einiges spricht dafür: Der Trend zum Single-Haushalt, der Zerfall großer Familienverbände, verstärkte Mobilität, anonyme Wohnsituationen in Ballungsgebieten und die demografisch bedingte Alterung der Bevölkerung zerstören die privaten Netzwerke, über die früher Hilfe in alltäglichen Notfällen organisiert wurde. In diese Lücke versuchen die Versicherer zu stoßen.
So hält etwa die Allianz für ihren Haus- und Wohnungsschutzbrief 5000 ausgesuchte Handwerksbetriebe in ganz Deutschland unter Vertrag. Ein entsprechendes Hilfs- und Pflegenetz soll auch für den Senioren-Service vorgehalten werden.
HEIKO MARTENS
Von Heiko Martens

DER SPIEGEL 27/2004
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