28.06.2004

GROSSBRITANNIENBlair-Kur für den englischen Patienten

Herber Rückschlag für New Labour. Um von den täglichen Katastrophenmeldungen aus dem Irak abzulenken, wollte sich Premier Tony Blair mit einer Grundsatzrede zum desolaten Gesundheitssystem innenpolitisch zurückmelden - tatkräftig und reformfreudig. Doch vergangene Woche traf er im Unterhaus auf einen Tory-Führer Michael Howard, der das traditionelle Arbeitspartei-Thema längst zur eigenen Sache gemacht hatte. Mit dramatischem Ton führte der Konservativen-Chef die Negativbilanzen der Regierung vor: Noch immer müssen Patienten bis zu gut einem Jahr auf Operationen warten; in einem internationalen Ranking zur Effizienz der Gesundheitssysteme liegt Großbritannien auf dem 18. Platz - von 19 Ländern; trotz einer Verdoppelung des Budgets seit 1997 wachsen die Warteschlangen weiter. Offenbar, so Howard, fließe das Geld in falsche Kanäle: Für jeden neuen Arzt werden drei weitere Verwaltungsbeamte eingestellt.
Sowohl Labour wie Konservative wollen das bisher sehr begrenzte Recht auf eine Wahl von öffentlichen Krankenhäusern und behandelnden Ärzten erweitern, allerdings in unterschiedlichen Gewichtungen. Die Tories wollen private Anbieter weit mehr ins Spiel bringen als New Labour. Das trägt ihnen den Vorwurf ein, ein Gesundheitssystem der Reichen zu schaffen. Dagegen wirft die konservative Opposition Labour vor, öffentliche Gelder zu verschwenden. Obwohl die Opposition Blairs Absicht durchkreuzte, sich als Reformer zu profilieren, soll die Erneuerung des Gesundheitssystems das zentrale Thema für die möglicherweise schon im kommenden Frühjahr stattfindende Wahl werden. Blairs Strategen sind sicher, damit mehr Stimmen für eine zweite Wiederwahl fangen zu können als mit dem bisherigen Reizthema Europäische Union.

DER SPIEGEL 27/2004
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GROSSBRITANNIEN:
Blair-Kur für den englischen Patienten

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