28.06.2004

KAUKASUSMoskaus zweite Front

Die von Russlands Propaganda bislang als ruhige Kaukasus-Region präsentierte Republik Inguschien haben muslimische Rebellen zum neuen Schlachtfeld erklärt. Mit einer beispiellosen Attacke forderten sie Moskaus Präsidenten Wladimir Putin heraus. In der Nacht zum vergangenen Dienstag beschossen Trupps von schätzungsweise 200 bis 500 Mann gleichzeitig das Innenministerium und mehrere Dienststellen von Armee, Polizei und Geheimdienst. Bei den Überfällen kamen nach offiziellen Angaben 98 Menschen ums Leben, darunter auch der inguschische Innenminister. Die Kämpfer zählen zum "inguschischen Sektor" einer Partisanenstreitmacht, die von Aslan Maschadow, Rebellenführer im benachbarten Tschetschenien, gesteuert wird. Nach Einschätzungen des russischen Militärgeheimdienstes finanzieren sich die bewaffneten Separatisten vor allem durch Einnahmen aus der Förderung tschetschenischen Öls, die sie zu etwa 40 Prozent kontrollieren.
Unterstützung erhält Maschadow von Anhängern des früheren Inguschen-Präsidenten Ruslan Auschew. Die Inguschen, etwa eine halbe Million Muslime, waren zu Sowjetzeiten mit den ethnisch eng verwandten Tschetschenen zur Tschetscheno-Inguschischen Sowjetrepublik zusammengeschlossen. Zum Krieg in Inguschien rüsteten die Muslim-Rebellen, nachdem der Kreml den Geheimdienstgeneral Murat Sjasikow im April 2002 zum Präsidenten Inguschiens wählen ließ und alle Hoffnungen auf größere Eigenständigkeit erstickte. Für die kommenden Monate droht die Muslim-Guerilla jetzt mit einem "groß angelegten Krieg im gesamten Nordkaukasus". Offiziell erklärt Präsident Putin zwar: "Die Lage in Inguschien ist stabil." Insgeheim aber rechnet Moskau mit weiteren Angriffen. Die ohnehin schon starke Präsenz von Polizei- und Armeeeinheiten lässt Putin weiter verstärken.

DER SPIEGEL 27/2004
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