28.06.2004

Ein neuer Bin Laden

Der Aufstieg des Terroristenführers Sarkawi
Für einen, der angeblich ein Krüppel ist, dem ein Bein amputiert worden sein soll und der deshalb kaum noch laufen kann, hat es Abu Mussab al-Sarkawi weit gebracht. Der einstige Honighändler und Betreiber einer Videothek für fromme Abendunterhaltung ist zum unumstrittenen Anführer und Anstifter der Terroroffensive im Irak geworden.
Inzwischen schwant auch der US-Regierung, dass die Geschichte von Sarkawis Operation in einem Bagdader Krankenhaus ebenso falsch ist wie das, was mit ihr bewiesen werden sollte: eine Kooperation zwischen al-Qaida und Saddam Hussein.
Doch nun haben sich die Reste des Saddam-Regimes offenbar wirklich mit den islamistischen Terroristen verbündet. Experten glauben, dass das Qaida-Netzwerk unter Sarkawis Führung zumindest eine lose Allianz mit Saddams Regimeanhängern eingegangen ist. Mit ihrer Hilfe will der Bin-Laden-Vertraute den Irak zum neuen Mittelpunkt des Kampfes gegen die Ungläubigen machen. Inzwischen habe er sich, berichten kurdische Dienste, auch mit Saddams Stellvertreter Issat Ibrahim al-Duri getroffen, dem Prominentesten aus der ehemaligen Führungsriege, der noch nicht gefasst ist.
Zu etlichen der brutalen Anschläge, darunter die Überfälle auf die Polizeistationen in der vergangenen Woche, hat sich Sarkawi stolz bekannt. Angeblich führte seine Hand das Messer, als der Geisel Nicholas Berg der Kopf abgetrennt wurde. "Abu Mussab beim Abschlachten eines Amerikaners" hieß der Titel einer Internet-Seite, auf der die Bilder von der Bluttat verbreitet wurden.
Aber auch wenn der meistgesuchte Mann des Irak (Kopfgeld: zehn Millionen Dollar) einmal schweigt, erklären ihn die USA stets zum Hauptverdächtigen.
Sarkawi kann das nur recht sein. Mit jedem weiteren Terrorakt gegen "Hollywoods Rambos, die zwischen den Löwen und Helden des Islam keinen Platz haben" (Sarkawi), steigt auch das Selbstbewusstsein des 37-Jährigen. Immer häufiger tauchen Video- und Audiobotschaften Sarkawis auf, ein Privileg, das lange Zeit Bin Laden und sein Stellvertreter Aiman al-Sawahiri nur für sich reklamierten. Einige Terrorexperten sehen in ihm inzwischen schon den neuen Bin Laden.
Für einen ausgeprägten Hang zur Eigenständigkeit spricht auch ein im Januar gefundener Text, von dem US-Geheimdienstler behaupten, er sei eine Botschaft Sarkawis an Bin Laden. Im Widerspruch zu der bisher eher neutralen Haltung der Qaida kündigt das Papier an, mit Hilfe irakischer Sunniten die "feige und verlogene" schiitische Bevölkerungsmehrheit zu bekämpfen.
Auch wenn Sarkawi sein Schlachtfeld zunächst einmal im Irak gefunden hat, reichen seine Ambitionen weit darüber hinaus. Wie Bin Laden vom Sturz des Hauses Saud, träumt Sarkawi vom Ende des jordanischen Königshauses und treibt seine Anhänger zu immer neuen Anschlägen.
Für Terrorismusexperten gehört Sarkawi schon jetzt zu einer neuen Generation von Qaida-Führern, die als genauso gefährlich wie Bin Laden selbst gelten. Sie zu fangen oder zu töten wird allerdings nicht viel helfen. Auch die nächste Generation zu allem entschlossener Gotteskrieger steht schon bereit. GEORG MASCOLO
Von Georg Mascolo

DER SPIEGEL 27/2004
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