28.06.2004

CHINARote Sonne

Pekings mutigster Künstler-Kolonie droht das Aus. Jetzt soll die Kommunistische Partei die Kunst vor dem Vormarsch von Kapital und Kommerz retten.
Schwarzweißfotos der fünfziger Jahre zeigen chinesische Paare. Aus den Kopfhörern daneben tönen heftige Liebesgeräusche. Drei Mönche, lebensgroße Skulpturen ganz in Rot, fegen den Boden. Daneben liegt ein nackter Mann aus weißer Plastik in einer Badewanne.
Die kecken Kunstwerke sind an einem der aufregendsten Orte von Peking ausgestellt, einer Fabrikanlage im Bezirk Dashanzi. Hier, im Nordosten der Hauptstadt, haben sich Maler, Musiker und Galeristen außerhalb des staatlich sanktionierten Kulturbetriebes einen Freiraum für Tanz, Ausstellungen und Modenschauen geschaffen. Sie präsentieren Avantgarde - provozierend, politisch, postmodern.
Einst war das Werk der ganze Stolz der KP-Funktionäre, ein von der Propaganda besungenes Modell für Chinas fortschrittliche Produktion: Pekings Werktätige fertigten hier Rüstungsgüter für die Volksbefreiungsarmee. Sowjetunion und DDR hatten die Anlagen den chinesischen Genossen in den fünfziger Jahren in "brüderlicher Hilfe" geschenkt. Weil Chinas Militärs ihre Anlagen hinter geheimnisvollen Zahlenkombinationen verbergen, hießen die Hallen fortan "798", "706" oder "701".
Mit der Reform der Streitkräfte veraltete die sozialistische Wehrtechnik, und der Betrieb wurde abgewickelt - zusammen mit werkseigenen Schulen, Krankenhäusern und Kulturpalästen. Seither mieteten sich Fotografen, Designer und Bildhauer auf dem Areal ein. Bars, Buchläden, Möbelgeschäfte, Architekturbüros, Restaurants und Designerstudios folgten. Die verrottende "798"-Waffenschmiede verwandelte sich zum lebendigen Künstlerquartier, zum Hort schriller Shows und politisch wenig korrekter Kreativität.
Ein Künstler malt sein Selbstporträt an der Seite Osama Bin Ladens, ein anderer stellt eine Reihe von Polizistenskulpturen vor Regierungsverordnungen. Aus einer Tür ragt freundlich winkend der riesige, in Beton gegossene Arm Mao Zedongs. Nebenan, im Yan-Club, der ehemaligen Fabrikkantine, rocken internationale Musiker; auch Udo Lindenberg spielte hier mit Chinas prominentem Rocker Cui Jian.
Nun allerdings ist Pekings einmaliges Kulturbiotop gefährdet - allerdings nicht durch das Verdikt ideologisch starrsinniger Parteifunktionäre, die womöglich eine Brutstätte von Querdenkern ausrotten wollten, sondern durch den Vormarsch von Kapital und Big Business. Der staatliche Mischkonzern "Seven Star Huadian Group" will die Künstlerkolonie zur Hightech-Zone umbauen. "Sie wollen ,798' zerstören", sagt der Fotograf Huang Rui, der im Frühjahr das internationale "Dashanzi Kunstfestival" organisierte. "Sie haben andere Vorstellungen über die Zukunft des Geländes als wir."
Siegt der Kommerz über die Kunst, würde nicht nur ein Zentrum der Avantgarde, sondern auch ein Stück sozialistischer Industriegeschichte verschwinden - die Produktionshallen etwa sind dem Bauhausstil nachempfunden. Untergehen würde auch ein Ort, der wie kein anderer in Peking die Gegensätze des neuen China vereint: An den Wänden prangen noch kulturrevolutionäre Parolen wie "Der Vorsitzende Mao ist die Rote Sonne in unseren Herzen". Aber unter flammender Revolutionsrhetorik feiern Firmen wie BMW ihre "Media-Events", wirbt der US-Star Cindy Crawford für Schweizer Luxusuhren.
Verschwinden würden schließlich auch die letzten Arbeitsplätze, denn neben den Studios und Ausstellungen werkeln und wohnen nach wie vor Arbeiter. Aus dem Röhrengewirr zischt noch immer Wasserdampf. Gegenüber der "White Space-Gallerie" der Berliner Galeristen Prüss & Ochs produzieren Arbeiter in einer dunklen Halle Elektromotoren. Geschafft wird an "Kübelpressen mit einem Stößel", 1956 geliefert aus "Morgenröthe im Vogtland", so die deutsche Aufschrift.
Die 20 Werktätigen versuchen auf eigene Faust zu überleben, nachdem ihr Betrieb aufgegeben hat. Rund 1000 Yuan (100 Euro) verdienen sie im Monat - wenn sie genügend Aufträge erhalten. Vorarbeiter Yao erinnert sich voller Nostalgie an die guten sozialistischen Zeiten unter Mao. "Damals war der Lohn niedrig und das Leben sicher. Heute müssen wir viel härter für unser Geld arbeiten", sagt Yao. Hinter ihm sind die ausgebleichten Zeichen eines Partei-Slogans erkennbar: "Wir vertrauen dem Volk, wir vertrauen der Partei."
Ausgerechnet auf diese Parole setzen auch die Künstler von "798" und versuchen, sich gegen die Macht der "Sieben Sterne"-Bosse zu wehren. Weil die meisten nur Mietverträge bis zum nächsten Jahr haben, hoffen sie auf die Hilfe der Partei - und könnten mit ihrem Vertrauen Erfolg haben. Das KP-Organ "Volkszeitung" äußerte sich wohlwollend.
Einem Mitglied der Boheme-Kommune, dem Bildhauer und Professor an der Pekinger Qinghua-Universität, Li Xiangqun, gelang es zudem, 15 Abgeordnete des Volkskongresses auf seine Seite zu ziehen. Die Deputierten des (allerdings machtlosen) Parlaments umwarb er mit dem Hinweis auf den historischen Wert des Fabrik-Ensembles: "Wenn diese Gebäude zerstört werden", warnt Künstler Li, "zerschneiden wir die Bande mit unserer Geschichte." ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 27/2004
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