28.06.2004

CLINTON (II) Er war das Wunderkind der amerikanischen Politik: mit 30 Justizminister, mit 32 Gouverneur von Arkansas, wo er sich landesweit den Ruf eines durchsetzungsstarken Reformers erwarb. Als Präsident konnte Bill Clinton zwar ähnliche Erfolge vorweisen, doch wegen seiner Affären, etwa mit der Praktikantin Monica Lewinsky, gelang es den Republikanern, ihn als Skandalpräsidenten zu brandmarken. In seinen Memoiren rechnet er mit ihnen ab.„Titanische Kämpfe“

Bill Clintons Erinnerungen an Triumphe und Debakel im Weißen Haus
BLACK HAWK DOWN
Der Mord an amerikanischen Soldaten der Uno-Friedenstruppe in Mogadischu führte dazu, dass Clinton während seiner gesamten Amtszeit vor dem Einsatz von Bodentruppen zurückschreckte.
Im Dezember 1992 hatte Präsident Bush mit meiner Zustimmung amerikanische Truppen nach Somalia entsandt, um eine humanitäre Mission der Vereinten Nationen am Horn von Afrika zu unterstützen, wo nach einem blutigen Bürgerkrieg, dem 350 000 Menschen zum Opfer gefallen waren, eine Hungersnot und Seuchen ausgebrochen waren.
Doch dann tötete der Clan des somalischen Kriegsherrn Mohammed Farah Aidid im Juni 1993 insgesamt 24 pakistanische Friedenssoldaten. Uno-Generalsekretär Butros Butros Ghali und sein Repräsentant für Somalia, der ehemalige amerikanische Admiral Jonathan Howe, entschlossen sich, Aidid gefangen zu nehmen, da sie einen Erfolg der Uno-Mission für unmöglich hielten, solange er nicht vor Gericht gestellt war. Doch da Aidid von einer schwer bewaffneten Streitmacht beschützt wurde, konnten die Vereinten Nationen seiner nicht habhaft werden. Also baten sie die Vereinigten Staaten um Hilfe. Am 3. Oktober erhielt Generalmajor William Garrison den Hinweis, dass sich zwei führende Mitarbeiter Aidids in einem von Aidid kontrollierten Viertel in Mogadischu aufhielten, und befahl den Army Rangers, das Gebäude zu stürmen, in dem die beiden Männer vermutet wurden. Die Rangers flogen am helllichten Tag mit ihren Black-Hawk-Hubschraubern in die Stadt hinein - ein riskanter Einsatz.
Von diesem Augenblick an ging alles schief. Aidids Einheiten schlugen zurück und schossen zwei Black Hawks ab. Der
Pilot des ersten Hubschraubers war im Wrack eingeklemmt, und die Rangers waren nicht bereit, ihn aufzugeben. Innerhalb kürzester Zeit lieferten sich 90 amerikanische Soldaten rund um den Hubschrauber ein erbittertes Gefecht mit Hunderten Somaliern. Die bittere Bilanz des Gefechts: 18 Amerikaner waren gefallen, Dutzende verwundet, und der Hubschrauberpilot Mike Durant war in Gefangenschaft geraten. Auf somalischer Seite waren mehr als 500 Tote und über 1000 Verwundete zu beklagen. Ein wütender Mob schleifte den Leichnam eines Black-Hawk-Mannschaftsführers durch die Straßen Mogadischus.
Die fassungslose amerikanische Öffentlichkeit reagierte mit Empörung. Wie hatte sich ein humanitärer Einsatz in eine besessene Jagd auf Aidid verwandeln können? Warum tanzten amerikanische Streitkräfte nach der Pfeife von Ghali? Senator Robert Byrd verlangte ein Ende dieser "Räuber-und-Gendarm-Einsätze", und Senator John McCain erklärte: "Clinton muss sie heimholen."
Die meisten Kongressmitglieder forderten den sofortigen Abzug unserer Truppen, ein Vorgehen, das ich auf keinen Fall unterstützen wollte. Am Ende einigten wir uns auf eine sechsmonatige Übergangsphase und einen schrittweisen Rückzug.
Die Schlacht von Mogadischu verfolgte mich - so musste sich Präsident Kennedy nach der Schweinebucht-Aktion gefühlt haben. Ich war verantwortlich für einen Einsatz, den ich grundsätzlich bewilligt hatte, ohne im Einzelnen darüber informiert gewesen zu sein. Statt eines aggressiven Polizeieinsatzes hatte ich eine militärische Operation im Feindesland autorisiert.
Nach dem Black-Hawk-Theater informierte ich mich eingehender über die Risiken von Truppeneinsätzen und stellte klar, welche Einsätze in Washington genehmigt werden mussten. Die Militärstrategen zogen ebenfalls ihre Lehren aus der Entwicklung in Somalia und berücksichtigten sie bei der Vorbereitung unserer Einsätze in Bosnien, im Kosovo, in Afghanistan und an anderen Krisenherden, an denen die Vereinigten Staaten nach dem Ende des Kalten Krieges intervenieren sollten. Die komplexen Schwierigkeiten, mit denen wir in Somalia, Haiti oder Bosnien konfrontiert wurden, inspirierten Tony Lake zu einer seiner besten Aussagen: "Manchmal sehne ich mich wirklich nach dem Kalten Krieg zurück."
KAMPF DER KULTUREN
Die Wahlniederlagen der Demokraten nach nur zwei Jahren Amtszeit nutzt Clinton zu einer Grundsatzabrechnung mit seinen Gegnern. Für ihn steht die Reformfähigkeit der USA zur Debatte.
Bei den Zwischenwahlen am 8. November 1994 erlitten wir eine furchtbare Schlappe. Wir verloren acht Senatoren und 54 Sitze im Abgeordnetenhaus. Seit 1946,
als die Demokraten dafür büßen mussten, dass Präsident Truman versucht hatte, eine Krankenversicherung für alle Amerikaner einzuführen, hatte unsere Partei keine derart schwere Niederlage mehr hinnehmen müssen.
Mir persönlich setzte das Wahlergebnis sehr viel mehr zu, als ich mir anmerken ließ. Wir hätten wahrscheinlich weder das Repräsentantenhaus noch den Senat verloren, wenn wir die Treibstoff- und die Sozialversicherungssteuer für Besserverdienende nicht in das Wirtschaftsprogramm integriert hätten und wenn ich in der Frage des Verbots automatischer Waffen auf die Warner gehört hätte. Dann hätte ich allerdings auf die Steuergutschrift für einkommensschwache Arbeitnehmerfamilien verzichten oder eine geringere Defizitsenkung in Kauf nehmen müssen, was möglicherweise eine unvorteilhafte Reaktion des Anleihenmarktes provoziert hätte. Und ich hätte mehr Polizeibeamte und Kinder der Gnade der Besitzer automatischer Waffen ausgeliefert. Ich war nach wie vor überzeugt, dass diese harten Entscheidungen zum Wohl Amerikas waren. Aber ausgerechnet die Wähler, die in Form größeren Wohlstands und sichererer Straßen von unseren mutigen Entscheidungen profitierten, hatten uns schwere Niederlagen zugefügt.
Zu Hause setzte Oppositionsführer Newt Gingrich, der sich in den Nachwirkungen seines Sieges sonnte, die bösartigen persönlichen Angriffe fort, mit denen er im Wahlkampf so erfolgreich gewesen war. Kurz vor der Wahl hatte er sein Pamphlet mit Schimpfwörtern durchgeblättert und mich als "Feind der normalen Amerikaner" bezeichnet. Am Tag nach der Wahl hieß er Hillary und mich "kontrakulturelle McGovernicks" - für ihn offensichtlich das schlimmste Urteil, das er fällen konnte.
In gewisser Hinsicht hatte Gingrich sogar Recht. Wir hatten 1972 den Präsidentschaftskandidaten und Vietnamkriegsgegner George McGovern unterstützt, und wir wollten keineswegs Teil der Kultur sein, die Amerika beherrschen würde, wenn es nach Gingrich ginge: Er verfocht die selbstgerechte, verurteilende und die absolute Wahrheit für sich beanspruchende dunkle Seite des Konservatismus aus dem weißen Süden. Ich war ein weißer Baptist, der stolz auf seine Wurzeln und fest in seinem Glauben verankert war. Aber ich kannte die dunkle Seite nur allzu gut. Seit meiner Kindheit hatte ich gesehen, wie Menschen ihre Pietät und moralische Überlegenheit heranzogen, um einen Anspruch auf die politische Macht zu begründen und all jene zu dämonisieren, die es wagten, eine abweichende Meinung - vor allem bei den Bürgerrechten - zu äußern. Ich glaubte, dass es beim amerikanischen Traum um den Aufbau einer vollkommenen Einheit, um die Ausweitung der Freiheit und der Möglichkeiten und um die Festigung der
Gemeinschaft über alle Trennlinien hinweg ging. Denn ich war auch in dem Bewusstsein aufgezogen worden, nicht das Recht zu haben, auf irgendeinen Menschen herabzusehen und andere für meine Probleme oder Mängel verantwortlich zu machen. Doch genau das war der Kern der Botschaft, die die "Neue Rechte" verbreitete. Ihre These übte eine enorme politische Anziehungskraft aus, weil sie eine innere Gewissheit und gleichzeitig den Rückzug aus der Verantwortung anbot: "Sie" waren stets im Recht, "wir" waren stets im Unrecht. "Wir" waren für alle Probleme verantwortlich, selbst wenn "sie" in 20 der letzten 26 Jahre die Regierung gestellt hatten. Gingrich und die republikanische Rechte führten uns nun direkt in die sechziger Jahre zurück. Newt erklärte, Amerika sei bis dahin ein großartiges Land gewesen, doch dann hätten die Demokraten die Macht übernommen, um die absolute Trennung zwischen Gut und Böse durch ihren moralischen Relativismus zu ersetzen. Um die amerikanische Zivilisation "zu erneuern", wolle er das Land wieder zur Moralität der fünfziger Jahre zurückführen.
Tatsächlich war es in den sechziger Jahren zu politischen und persönlichen Exzessen gekommen, aber dieses Jahrzehnt und die Bürgerbewegungen, die daraus hervorgingen, hatten auch Fortschritte in Bezug auf Bürgerrechte, Gleichberechtigung der Frau, Umweltschutz, Arbeitsplatzsicherheit und Förderung der Benachteiligten gebracht. Indem sich die "Neue Rechte" nur auf die Exzesse der sechziger Jahre fixierte, erinnerte sie stark an die weißen Südstaatler, die nach dem Bürgerkrieg ein Jahrhundert lang Widerstand gegen die Wiedereingliederung in die Union geleistet hatten. Selbst während meiner Kindheit erzählte man uns noch, wie böse der Norden damals zu uns gewesen sei und wie nobel sich der Süden selbst in der Niederlage verhalten habe.
Nun leugnete die Rechte also die Fortschritte, die in den Sechzigern in vielen Bereichen erzielt worden waren.
Alle Sünden, selbst jene, die von Konservativen begangen wurden, hätten ihren Ursprung im moralischen Relativismus, den die Demokraten dem Land seit den sechziger Jahren aufgezwungen hatten. Ich wartete eigentlich nur noch darauf, dass uns Gingrich erklärte, der moralische Bankrott der Demokraten hätte die republikanischen Regierungen Nixon und Reagan korrumpiert und so zu den Verbrechen von Watergate und der Iran-Kontra-Affäre geführt. War Newt erst einmal in Fahrt gekommen, war er nur sehr schwer zu stoppen.
DER NEUE FEIND
Früher als ihre Nachfolgerin begreift die Clinton-Regierung, welche Gefahr vom islamistischen Terror ausgeht. Seinen Agenten erlaubt der Präsident, den Terrorpaten Bin Laden notfalls zu töten.
Am 7. August 1998 wurden die amerikanischen Botschaften in Tansania und Kenia von praktisch simultan gezündeten Bomben erschüttert. 257 Menschen, darunter zwölf Amerikaner, wurden getötet. Die Zahl der Verletzten lag bei 5000. Die ersten Hinweise weckten den Verdacht, dass Osama Bin Ladens Terrornetz al-Qaida für die Anschläge verantwortlich war. Ende Februar hatte Bin Laden eine Fatwa ausgesprochen, in der er die Muslime dazu aufforderte, die Amerikaner in aller Welt anzugreifen, wobei er keinen Unterschied zwischen militärischen und zivilen Zielen machte. Im Mai hatte er angekündigt, seine Anhänger würden amerikanische Einrichtungen in der Golfregion attackieren, und davon gesprochen, den Krieg "nach Amerika" zu tragen. Einen Monat später hatte er in einem Interview mit einem amerikanischen Journalisten gedroht, amerikanische Militärflugzeuge mit Luftabwehrraketen abzuschießen.
Wir beobachteten Bin Laden bereits seit Jahren. Zu Beginn meiner ersten Amtszeit hatten Tony Lake und der Terrorspezialist des Weißen Hauses, Dick Clarke, die CIA um mehr Informationen über den reichen Saudi gebeten, der 1991 aus seinem Heimatland ausgewiesen worden war, 1994 die Staatsbürgerschaft verloren hatte und sich seither im Sudan aufhielt.
Auf den ersten Blick schien Bin Laden nur ein Finanzier terroristischer Aktionen zu sein, aber im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass er eine ungemein hoch entwickelte Terrororganisation mit unerschöpflichen Geldquellen leitete, die in mehreren Ländern aktiv war, darunter in Tschetschenien, Bosnien und auf den Philippinen. Im Jahr 1995 war es uns gelungen, in Bosnien eine Machtübernahme der Mudschahidin nach Kriegsende zu vereiteln, und in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden hatten wir den Plan durchkreuzt, ein Dutzend Passagierflugzeuge auf dem Weg von den Philippinen nach Amerika in die Luft zu sprengen. Aber Bin Ladens grenzüberschreitendes Terrornetz war weiter gewachsen.
Im Januar 1996 hatte die CIA in ihrem Terrorabwehrzentrum eine Abteilung eingerichtet, die sich ausschließlich mit Bin Laden und dessen Organisation beschäftigte, und kurze Zeit später begannen wir, den Sudan zur Ausweisung Bin Ladens zu drängen. Der sudanesische Führer Hassan al-Turabi teilte Bin Ladens radikale Ansichten und betrieb eine Reihe von Geschäften mit ihm, die von zulässigen Aktivitäten über die Waffenproduktion bis zur Unterstützung von Terroristen reichten.
Während wir Turabi drängten, Bin Laden auszuweisen, forderten wir Saudi-Arabien auf, ihn aufzunehmen. Die Saudis wollten ihn nicht im Land haben, aber anscheinend verließ er Mitte 1996 endlich den Sudan, obwohl seine Beziehung zu Turabi offensichtlich weiterhin gut war. Er ging nach Afghanistan, wo er von Mullah Omar, dem Führer der militanten Taliban-Sekte, die einen radikalen muslimischen Gottesstaat
zu errichten versuchte, freundlich empfangen wurde.
Offensichtlich war Bin Laden von der Überzeugung vergiftet, er sei im Besitz der absoluten Wahrheit und genieße daher das Vorrecht, Gott zu spielen und unschuldige Menschen zu töten. Da wir seine Organisation seit mehreren Jahren beobachteten, wusste ich, dass wir es mit einem gefährlichen Gegner zu tun hatten. Nach den Massakern in Afrika richtete ich mein Augenmerk darauf, ihn zu fangen oder zu töten und al-Qaida zu zerschlagen.
Die CIA hatte Informationen darüber, dass sich Bin Laden und seine führenden Mitarbeiter am 20. August in einem seiner Ausbildungslager in Afghanistan treffen wollten, um die Wirkung ihrer Angriffe zu bewerten und ihre nächsten Aktionen zu planen. Dieses Treffen gab uns Gelegenheit zu einer Vergeltungsmaßnahme, mit der wir unter Umständen einen Großteil der Führung von al-Qaida ausschalten konnten.
Um drei Uhr morgens wurden von Zerstörern, die im Norden des Arabischen Meeres Position bezogen hatten, Marschflugkörper auf die Ziele in Afghanistan abgefeuert. Gleichzeitig schossen im Roten Meer stationierte Schiffe Raketen auf eine sudanesische Chemiefabrik ab und zerstörten sie. Die meisten Cruise Missiles trafen ihr Ziel, aber Bin Laden hielt sich nicht in dem Lager auf, in dem die CIA ihn vermutete. Berichten zufolge hatte er das Camp wenige Stunden vorher verlassen, aber wir erhielten nie eine 100-prozentige Bestätigung. Neben einigen mit al-Qaida verbundenen Personen wurden mehrere pakistanische Offiziere getötet, die in den Lagern offensichtlich Terroristen für Angriffe auf Kaschmir ausbildeten.
Als weitere Maßnahme unterzeichnete ich mehrere Memoranda of Notification (MON), mit denen ich die CIA ermächtigte, Bin Laden gegebenenfalls unter Einsatz tödlicher Gewalt zu fassen. Die CIA hatte schon Monate vor den Bombenanschlägen auf die Botschaften die Erlaubnis erhalten, eigene "Ergreifoperationen" durchzuführen, um Bin Laden dingfest zu machen, aber es fehlten die nötigen Paramilitärs zur Unterstützung. Stattdessen beauftragte sie Angehörige afghanischer Stämme mit der Jagd auf den Terroristen. Da sich die Agenten vor Ort und die Afghanen offensichtlich nicht sicher waren, ob sie erst versuchen mussten, Bin Laden lebend gefangen zu nehmen, bevor sie tödliche Gewalt einsetzen durften, schaffte ich mit diesen Memoranden Klarheit. Innerhalb weniger Monate weitete ich diese Ermächtigung auf eine Reihe von Mitarbeitern Bin Ladens aus und definierte die Umstände, unter denen sie angegriffen werden konnten.
DAS GESTÄNDNIS
Ein bevorstehendes weiteres Verhör durch die Staatsanwaltschaft zwingt Clinton, seiner Familie die Wahrheit über sein Verhältnis zu Monica Lewinsky zu gestehen. Der Prozess der Wiederannäherung an Hillary ist lang und schmerzhaft.
Am Morgen des 15. August 1998, es war ein Samstag, weckte ich nach einer elenden, schlaflosen Nacht meine Frau, um ihr die Wahrheit über Monica Lewinsky und mich zu erzählen. Sie sah mich an, als hätte ich ihr einen Schlag in den Magen versetzt. Dass ich sie im Januar angelogen hatte, machte sie fast ebenso wütend wie mein Fehltritt. Ich versicherte ihr, dass es mir Leid tat und dass ich das Gefühl gehabt hatte, niemandem erzählen zu können, was geschehen war - nicht einmal ihr. Ich sagte ihr, dass ich sie liebte und sie und Chelsea nicht verletzen wollte, dass ich mich für mein Verhalten schämte und dass ich alles für mich behalten hatte, um meiner Familie Kummer zu ersparen und die Präsidentschaft nicht zu untergraben. Und dass ich nach all den Lügen und der Bösartigkeit, die wir seit meinem Amtsantritt ertragen hatten, nicht von der Flut aus dem Amt gespült werden wollte, die meine Aussage im Januar ausgelöst hatte. Ich verstand immer noch nicht richtig, warum ich etwas derart Schlechtes und Dummes getan hatte. Das Verständnis für mein Verhalten würde in den kommenden Monaten, in denen wir an unserer Beziehung arbeiteten, langsam wachsen.
Ich musste auch mit Chelsea sprechen - und das war in mancherlei Hinsicht noch schwieriger. Früher oder später finden alle Kinder heraus, dass ihre Eltern nicht vollkommen sind, aber Chelsea wurde mit etwas konfrontiert, das den Rahmen des Üblichen sprengte. Chelsea hatte in der High School und in ihrem ersten Jahr an der Universität bereits unter den unablässigen persönlichen Angriffen auf ihre Eltern gelitten. Nun musste sie erfahren, dass ihr Vater nicht nur einen schweren Fehler begangen
hatte, sondern obendrein ihre Mutter und sie darüber belogen hatte. Ich fürchtete mich davor, nicht nur meine Ehe, sondern auch die Liebe und den Respekt meiner Tochter zu verlieren.
Am nächsten Tag brachen wir in den Sommerurlaub nach Martha''s Vineyard auf. Üblicherweise zählte ich die Tage bis zu unseren Familienurlauben, aber dieses Jahr hätte ich lieber rund um die Uhr gearbeitet. Als Chelsea zwischen mir und Hillary über den Südrasen ging, um den Hubschrauber zu besteigen, machten die Fotografen Aufnahmen von uns, denen deutlich zu entnehmen war, wie viel Leid ich verursacht hatte. Wenn keine Kameras in der Nähe waren, wechselten meine Frau und meine Tochter kaum ein Wort mit mir.
Die folgenden Tage verbrachte ich abwechselnd damit, um Verzeihung zu bitten und den Angriff auf al-Qaida zu planen. Abends ging Hillary nach oben ins Schlafzimmer, ich schlief auf der Couch.
Hillary und ich begannen ernsthaft an unserer Beziehung zu arbeiten und gingen ein Jahr lang einmal wöchentlich zur Eheberatung. Zum ersten Mal in meinem Leben sprach ich wirklich offen über Gefühle, Erfahrungen und meine Einstellung zum Leben, zur Liebe und zur Natur von Beziehungen. Nicht alles, was ich über mich oder meine Vergangenheit herausfand, gefiel mir, und ich litt unter der Tatsache, dass mir meine Kindheit und mein Leben als Erwachsener manche Dinge erschwert hatten, die für andere Menschen natürlich zu sein schienen.
Mir wurde auch klar, dass ich, wenn ich erschöpft oder wütend war, mich isoliert oder allein fühlte, anfälliger für selbstsüchtige und selbstzerstörerische persönliche Fehler wurde, für die ich mich anschließend schämte. Die gegenwärtige Kontroverse war das letzte Ergebnis meiner lebenslangen Bemühung, parallele Leben zu führen und mich gegen meine Wut und Trauer abzuschotten, um mein äußeres Leben, das ich liebte und gut bewältigte, weiterführen zu können. Während der Stilllegung der Bundesbehörden hatte ich zwei titanische Kämpfe ausgefochten: einen öffentlichen mit dem Kongress über die Zukunft des Landes und einen privaten gegen die Rückkehr der alten Dämonen. Den öffentlichen Kampf hatte ich gewonnen, den privaten hingegen verloren.
In den langen Sitzungen bei der Eheberatung und in unseren anschließenden Gesprächen lernten Hillary und ich einander von neuem kennen - unabhängig von verbindenden Elementen wie unserer Arbeit, unseren gemeinsamen Vorstellungen und unserem gemeinsamen Kind, das wir beide vergötterten. Ich habe Hillary immer sehr geliebt, aber meine Liebe war vielleicht oft nicht gut genug. Nun war ich dankbar, dass sie so tapfer war, an der Eheberatung teilzunehmen. Wir waren immer noch gute Freunde, und ich hoffte, unsere Ehe retten zu können. Bis dahin schlief ich auf einer Couch in dem kleinen Wohnraum neben unserem Schlafzimmer. So hatte ich viel Zeit zu lesen, nachzudenken und zu arbeiten. Die Couch war ziemlich ungemütlich, aber ich hoffte, nicht den Rest meiner Tage dort verbringen zu müssen.
EIN WAHLKAMPFGENIE TRIFFT SEINEN MEISTER
An Papst Johannes Paul II. bewunderte Clinton vor allem die Kunst, Begeisterung hervorzurufen.
In der ersten Oktoberwoche 1995 war der Papst erneut in Amerika zu Gast. Wie bei unseren vorangegangenen Treffen in Denver und im Weißen Haus führten Seine Heiligkeit und ich in Newark ein Gespräch unter vier Augen, das vor allem um Bosnien kreiste.
Im Anschluss an unser Gespräch erteilte mir der Papst eine Lektion in der gekonnten Inszenierung eines politischen Auftritts. Er unternahm im Papamobil eine Rundfahrt von mehreren Meilen, konnte auf dem Weg den Menschen zuwinken, die die Straßen säumten, und konnte sicher sein, dass die ganze übrige "Prominenz" bereits Platz genommen hatte, bis er wieder bei der großartigen Kathedrale von Newark angekommen war. Hillary und ich saßen in der ersten Reihe neben lokalen und staatlichen Amtsinhabern und prominenten Katholiken aus New Jersey. Die massiven Eichentüren der Kirche wurden geöffnet, und der Pontifex erschien in seiner strahlend weißen Soutane. Die Anwesenden erhoben sich und begannen zu klatschen. Der Papst schritt mit ausgebreiteten Armen durch das Hauptschiff und ergriff die ihm entgegengestreckten Hände. Nun verwandelte sich der Applaus in einen tosenden Beifallssturm, und eine Gruppe von Nonnen, die auf den Bänken standen, kreischten wie Teenager bei einem Rockkonzert. Als ich einen neben mir stehenden Mann darauf ansprach, erklärte er mir, die
Damen seien Karmeliterinnen. Die Angehörigen dieses Ordens leben zurückgezogen hinter Klostermauern. Der Papst hatte ihnen Dispens erteilt, damit sie an dem Gottesdienst teilnehmen konnten. Er verstand es wirklich, eine Menschenmenge in Begeisterung zu versetzen. Ich meinte nur kopfschüttelnd: "Gegen diesen Mann möchte ich nicht zu einer Wahl antreten."
FEUERSTURM ÜBER BELGRAD
Zum ersten Mal führt die Nato Krieg - gegen den Belgrader Diktator Slobodan Milosevic, der seinerseits einen Feldzug gegen die albanischstämmige Bevölkerungsmehrheit in der Provinz Kosovo vorantreibt. Die Intervention wird zum Muster für künftige amerikanische Militäreinsätze: Bodentruppen greifen erst ein, wenn der Gegner bereits am Boden liegt.
Im März 1999 standen wir an der Schwelle eines neuen Kriegs auf dem Balkan. Ein Jahr vorher hatten die Serben eine Offensive gegen aufständische Kosovo-Albaner gestartet und zahlreiche Unschuldige getötet. Diese jüngste serbische Aggression, die sehr an die Massaker in den ersten Tagen des Bosnienkriegs erinnerte, hatte eine weitere Massenflucht ausgelöst und die Kosovaren in ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit bestärkt. Ähnlich wie Bosnien-Herzegowina war auch das Kosovo ein Gebiet, das gleichermaßen von europäischen Muslimen und von orthodoxen Christen beansprucht wurde.
Am 6. Februar 1999 trafen sich die Konfliktparteien im französischen Rambouillet, um die Einzelheiten einer Vereinbarung auszuarbeiten, mit der die Autonomie des Kosovo wiederhergestellt werden sollte. Ferner sollten die Kosovaren durch die Stationierung einer Friedenstruppe vor der Unterdrückung durch die Serben geschützt, die kosovarische Rebellenarmee UÇK entwaffnet und der serbischen Armee weiterhin das Recht auf den Grenzschutz eingeräumt werden.
Doch die Serben zogen in und um das Kosovo 40 000 Soldaten zusammen. Milosevic wiederholte, dass er niemals ausländische Truppen auf jugoslawischem Boden dulden werde. Am 23. März 1999 gab Nato-Generalsekretär Javier Solana mit meiner vollen Unterstützung General Wesley Clark den Befehl, die Luftangriffe einzuleiten.
Während alle unsere Nato-Verbündeten die Luftangriffe befürworteten, lehnte Russland Maßnahmen gegen Serbien ab. Ministerpräsident Jewgenij Primakow, der auf dem Weg nach Washington war, um sich mit Al Gore zu treffen, ließ den Piloten kehrtmachen, als er von den unmittelbar bevorstehenden Angriffen erfuhr.
Noch in derselben Nacht begannen die Luftangriffe der Nato. Sie sollten elf Wochen anhalten, während Milosevic weiter Kosovaren töten und fast eine Million Menschen vertreiben ließ. Die Bombenangriffe fügten Serbien schweren Schaden zu, verfehlten aber leider bei einigen Gelegenheiten ihre Ziele und töteten Zivilisten. Es wurden Stimmen laut, dass unser Einsatz eher zu rechtfertigen gewesen wäre, wenn wir Bodentruppen entsandt hätten, ein Argument, das zwei Probleme ignorierte: Erstens hätten die Serben großen Schaden angerichtet, bis die Soldaten in Stellung gegangen und angemessen ausgerüstet gewesen wären. Zweitens hätte eine Bodenoffensive vermutlich mehr zivile Opfer gefordert als die fehlgeleiteten Bomben. Das Argument, dass wir mehr amerikanische Soldaten hätten gefährden sollen, ohne die Aussichten auf einen Erfolg wesentlich zu erhöhen, erschien mir absurd.
Im April intensivierten wir die Luftoffensive gegen Jugoslawien und weiteten die Bombenangriffe auf das Zentrum von Belgrad aus. Als Milosevic am Monatsende immer noch nicht aufgegeben hatte, kam aus zwei Richtungen Widerstand gegen unsere Politik. Der britische Premier Tony Blair und einige unserer Kongressmitglieder glaubten, es sei an der Zeit, Bodentruppen zu entsenden, während das Repräsentantenhaus beschloss, einen Truppeneinsatz ohne vorhergehende Bewilligung durch den Kongress abzulehnen. Ich glaubte immer noch, dass die Luftoffensive ihren Zweck erfüllen würde, und hoffte, die Entsendung von Bodentruppen so lange vermeiden zu können, bis ihre Aufgabe nur noch in der Friedenssicherung liegen würde.
Am 7. Mai 1999 erlitten wir den schwersten politischen Rückschlag in dem Konflikt, als die Nato versehentlich die chinesische Botschaft in Belgrad bombardierte und drei chinesische Staatsbürger tötete. Ich erfuhr bald, dass nicht die Bomben ihr Ziel verfehlt hatten, sondern die Botschaft in alten CIA-Karten irrtümlich als Gebäude der serbischen Regierung identifiziert worden war. Dies war einer jener Fehler, die wir unbedingt zu vermeiden versucht hatten. Ich rief umgehend Jiang Zemin an, um mich zu entschuldigen. Da er das Gespräch nicht annahm, wiederholte ich mein tiefes Bedauern mehrfach in der Öffentlichkeit.
Als ich am 14. Mai endlich mit Präsident Jiang sprechen konnte, bat ich erneut um Verzeihung und fragte, ob er ernsthaft glaube, ich würde seine Botschaft absichtlich bombardieren lassen. Jiang sagte, das glaube er tatsächlich nicht, während er sehr wohl überzeugt sei, dass es im Pentagon oder bei der CIA Personen gebe, die meine Annäherung an China ablehnten und
die Karten möglicherweise absichtlich vertauscht hätten, um einen Keil zwischen uns zu treiben. Denn er könne sich nur schwer vorstellen, dass eine technologisch derart fortschrittliche Nation wie die Vereinigten Staaten einen solchen Fehler begehen konnten.
Ende Mai stimmte die Nato der Entsendung einer Friedenstruppe von 48 000 Mann in das Kosovo zu; wir hatten in aller Stille begonnen, über einen früheren Einsatz von Bodentruppen zu sprechen, sollte die Luftoffensive in den nächsten Wochen nicht zum Ziel führen, bevor die Flüchtlinge in den Bergen vom Winter überrascht würden.
Im Juni brachen die Bombenangriffe auf die serbische Infrastruktur endlich Milosevics Widerstand.
Am 10. Juni wies Javier Solana General Clark an, die Luftangriffe auszusetzen. Nach 79 Tagen war die Luftoffensive beendet, die serbischen Truppen rückten ab, und eine Million vertriebene Männer, Frauen und Kinder konnten in ihre Heimat zurückkehren.
Es kam noch zu einem letzten kritischen Augenblick, bevor der Konflikt beigelegt werden konnte. Zwei Tage nach dem offiziellen Ende der Feindseligkeiten stießen 50 Fahrzeuge mit etwa 200 russischen Soldaten an Bord von Bosnien aus in das Kosovo vor und besetzten den Flughafen von Pristina, ohne vorher Rücksprache mit der Nato gehalten zu haben, deren Truppen erst vier Stunden später eintrafen.
Nato-Oberbefehlshaber Wes Clark war außer sich vor Wut. Ich konnte es ihm nicht verübeln, wenngleich wir natürlich nicht an der Schwelle zum Dritten Weltkrieg standen. Jelzin wurde von den russischen Ultranationalisten, deren Sympathie den Serben galt, scharf für die Zusammenarbeit mit uns kritisiert. Meiner Meinung nach warf er ihnen lediglich einen Knochen hin, an dem sie eine Weile nagen konnten. Dem britischen Kommandeur Generalleutnant Michael Jackson gelang es innerhalb kürzester Zeit, das Problem ohne Zwischenfälle aus der Welt zu schaffen. Am 20. Juni war der Rückzug der jugoslawischen Armee abgeschlossen, und nur zwei Wochen später gab der Hohe Flüchtlingskommissar der Uno bekannt, dass bereits rund 765 000 Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückgekehrt seien.
DER NACHFOLGER
Im Gegensatz zu den bissigen Worten, die Clinton für seine Gegner bei der Neuen Rechten findet, geht er mit George W. Bush betont höflich um. Dennoch hält er seinen Nachfolger für einen Gefangenen der eigenen Partei.
Am nächsten Tag kam der designierte Präsident Bush ins Weiße Haus, um mir denselben Besuch abzustatten, zu dem ich acht Jahre vorher bei seinem Vater angetreten war. Wir sprachen über den Wahlkampf, über die Abläufe im Weißen Haus und über die nationale Sicherheit. Er stellte ein erfahrenes Team aus Angehörigen früherer republikanischer Administrationen zusammen, die das nationale Raketenabwehrsystem und den Irak für die wichtigsten Sicherheitsfragen hielten. Ich sagte ihm, dass ich auf Grund meiner Erfahrungen in den letzten acht Jahren der Meinung sei, die größten Sicherheitsprobleme seien Osama Bin Laden und al-Qaida, die Krise im Nahen Osten, die Konfrontation zwischen den Atommächten Indien und Pakistan, die Verbindungen Pakistans zu den Taliban und al-Qaida, Nordkorea und erst an letzter Stelle der Irak. Ich erklärte ihm, dass meine größte Enttäuschung in diesem Bereich sei, dass wir Bin Laden nicht hatten fangen können.
Er hörte mir zu, ohne sich zu meinen Argumenten zu äußern und kam auf meine Amtsführung zu sprechen. Dann sprachen wir noch ein wenig allgemein über Politik. Bush hatte im Jahr 2000 großes politisches Geschick bewiesen, indem er eine Koalition geschmiedet hatte, die sich einer gemäßigten Rhetorik bediente. Als ich zum ersten Mal seine Rede über den "mitfühlenden Konservatismus" gehört hatte, war mir klar geworden, dass er eine Chance hatte, die Wahl zu gewinnen. Nach den republikanischen Vorwahlen war er zunächst in einer sehr ungünstigen Position weit draußen am rechten Rand gewesen und hatte in den Umfragen zurückgelegen, aber er war ins Zentrum zurückgekehrt, indem er seine Wortwahl gemäßigt und den republikanisch beherrschten Kongress aufgefordert hatte, das Budget nicht auf Kosten der Armen auszugleichen. Ja, er hatte sogar meine Position in mehreren außenpolitischen Fragen unterstützt.
Wenig später dachte ich über den Brief nach, den ich für Präsident Bush auf dem Schreibtisch im Oval Office zurücklassen
würde, wie es sein Vater acht Jahre vorher getan hatte. Ich wollte ebenso freundlich und ermutigend zum Sohn sein, wie der Vater zu mir gewesen war. Bald würde George W. Bush Präsident des ganzen amerikanischen Volkes sein, und ich wünschte ihm alles Gute. Im Wahlkampf hatte ich mir sehr genau angehört, was Bush und Cheney sagten, und wusste, dass sie die Welt ganz anders sahen als ich und versuchen würden, vieles rückgängig zu machen, insbesondere in der Wirtschafts- und der Umweltpolitik. Ich glaubte, dass sie ihre große Steuersenkung durchsetzen würden und dass die Vereinigten Staaten bald wieder ähnlich hohe Haushaltsdefizite ausweisen würden wie in den achtziger Jahren. Und trotz seiner ermutigenden Aussagen zur Bildung würde Bush unter Druck geraten, die Ausgaben für Bildung, Kinderbetreuung, Ganztagsschule, Polizeikräfte, Forschung und Umweltschutz zu senken. Aber auf diese Entscheidungen hatte ich keinerlei Einfluss mehr.
Wahrscheinlich würden unsere international en Partnerschaften, die wir nach dem Kalten Krieg geschlossen hatten, unter dem eher unilateralen Zugang der Republikaner leiden. Sie lehnten das Atomwaffentestverbot, das Klimaschutzprotokoll, den ABM-Vertrag und den Internationalen Strafgerichtshof ab. Acht Jahre lang hatte ich die Washingtoner Republikaner beobachtet und nun das Gefühl, dass der rechte Rand der Partei und die extrem konservativen Interessengruppen, die die Grand Old Party mittlerweile kontrollierten, den Präsidenten von Anfang an unter Druck setzen würden, damit er den "mitfühlenden Konservatismus" wieder aufgab. Sie waren ebenso von ihrem Weg überzeugt wie ich von meinem, aber ich glaubte, dass die Fakten und das Gewicht der Geschichte auf unserer Seite waren.
DER VERSAGER
Bis zum letzten Tag seiner Amtszeit versuchte sich Clinton als Friedensstifter in Nahost. Sein Scheitern lastet er dem Palästinenserführer Jassir Arafat an.
In diesem Jahr sollte die Familie ein letztes Mal Neujahr in Camp David feiern. Arafat, von dem ich einige Tage nichts gehört hatte, lud ich für den nächsten Tag ins Weiße Haus ein. Er war bereit, Israel die Jerusalemer Klagemauer wegen ihrer religiösen Bedeutung zu überlassen, beanspruchte jedoch die verbleibenden 15 Meter der Mauer für die Palästinenser. Ich sagte ihm, dass Israel die gesamte Mauer haben müsse. Bei der Aufteilung der Stadt gab es weitere Probleme: Die Altstadt von Jerusalem hat vier Viertel - ein jüdisches, ein muslimisches, ein christliches und ein armenisches. Wir gingen davon aus, dass das muslimische und das christliche Viertel an den palästinensischen Staat gehen würden, während die beiden anderen Israel zugeschlagen würden. Nun wollte Arafat zusätzlich einige Blocks des armenischen Viertels, weil dort christliche Kirchen standen. Ich konnte nicht fassen, dass er ernsthaft über diese Forderungen mit mir sprechen wollte.
Darüber hinaus wollte Arafat den Verzicht auf das Rückkehrrecht der Flüchtlinge vermeiden. Er wusste, dass die Palästinenser diesen Anspruch aufgeben mussten, fürchtete sich jedoch vor der zu erwartenden Kritik aus dem eigenen Lager. Ich erinnerte ihn daran, dass Israel versprochen hatte, einen Teil der im Libanon lebenden Flüchtlinge aufzunehmen. Aber es müsse ihm klar sein, dass kein israelischer Regierungschef jemals so viele Palästinenser ins Land lassen werde, dass der jüdische Charakter des Staates in wenigen Jahrzehnten durch die höhere Geburtenrate der Palästinenser bedroht sei. Abgesehen davon musste ein Abkommen von den israelischen Bürgern in einem Referendum bestätigt werden. Wenn die Palästinenser auf dem Rückkehrrecht der Flüchtlinge beharrten, war ein Abkommen unmöglich. Hingegen war ich durchaus zuversichtlich, dass die israelische Bevölkerung einer endgültigen Vereinbarung im Rahmen unserer Parameter zustimmen würde. Und kam das Abkommen zu Stande, so hielt ich es sogar für möglich, dass der damalige Premierminister Ehud Barak die Wahl gewann, obwohl er gegenwärtig in den Umfragen deutlich hinter seinem Herausforderer Ariel Scharon lag: Die Wähler waren verängstigt von der Intifada und empört über Arafats Weigerung zum Friedensschluss.
Zeitweilig wirkte Arafat etwas verwirrt, so, als sei er nicht vollkommen mit den Fakten vertraut. Ich hatte seit einiger Zeit den Eindruck, dass er die Dinge nicht mehr unter Kontrolle hatte. Er hatte viele Jahre jede Nacht an einem anderen Ort geschlafen, um den Kugeln der Mörder zu entgehen, er hatte unzählige Stunden in Flugzeugen verbracht und endlose Stunden unter größtem Druck verhandelt. Vielleicht war er auch einfach nicht in der Lage, den Sprung vom Revolutionär zum Staatsmann zu bewältigen. Arafat sagte niemals Nein, aber er konnte sich auch nicht dazu durchrin-
gen, Ja zu sagen. Hochmut kommt vor dem Fall.
Kurz bevor ich aus dem Amt schied, dankte mir Arafat in einem unserer letzten Gespräche für meine Bemühungen und sagte mir, ich sei ein bedeutender Mann. Ich antwortete: "Ich bin kein bedeutender Mann. Ich bin ein Versager, und Sie haben mich dazu gemacht." Ich warnte Arafat, dass er Wind säe, indem er die Wahl Scharons herbeiführe, und Sturm ernten werde.
ZEITENWENDE 11. SEPTEMBER
Das Vermächtnis Bill Clintons ist eine Aufforderung zu verstärkter internationaler Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus - eine höflich verpackte Ohrfeige für die konservative Regierung.
Am 11. September 2001 schien unsere Welt erneut auseinander zu fallen, als al-Qaida die Elemente der globalen Vernetzung - offene Grenzen, ungehinderte Einwanderung und Reisefreiheit, leichter Zugang zu Informationen und Technologie - dafür nutzte, in New York, Washington D. C. und Pennsylvania fast 3000 Menschen aus mehr als 70 Ländern zu ermorden. Die Welt schloss sich der Trauer des amerikanischen Volkes und seiner Entschlossenheit an, den Terror zu bekämpfen. Seit jenem Tag hat der Kampf an Intensität gewonnen, wobei sowohl innerhalb der Vereinigten Staaten als auch in aller Welt verständliche und legitime Meinungsverschiedenheiten über die geeignete Strategie im Krieg gegen den Terror bestehen.
Die globalisierte Welt, in der wir leben, ist inhärent instabil, das bedeutet, sie ist zugleich voller Chancen und destruktiver Kräfte. Und das wird so bleiben, bis es uns gelingt, die gegenseitigen Abhängigkeiten durch eine besser integrierte globale Gemeinschaft zu ersetzen, die die Verantwortung, die Erträge und eine Reihe grundlegender Wertvorstellungen teilt. Hier stehen wir vor der großen Herausforderung der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Meiner Meinung nach sollten die Vereinigten Staaten fünf Dinge tun, um die richtigen Zeichen zu setzen: Sie sollten den Terror und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen bekämpfen und die Verteidigungsmechanismen gegen beide Bedrohungen verbessern; neue Freunde gewinnen und die Zahl der Terroristen reduzieren, indem sie jenen 50 Prozent der Weltbevölkerung, die bisher nicht in den Genuss der Vorteile der Globalisierung gekommen sind, dabei helfen, Armut, Unwissenheit, Krankheiten und staatliche Ineffizienz zu überwinden; die Institutionen, die sich für die globale Zusammenarbeit einsetzen, stärken und dazu nutzen, um Sicherheit und Wohlstand zu fördern und die gemeinsamen Probleme vom Terrorismus über Aids bis zur globalen Klimaerwärmung zu lösen; sich weiter bemühen, Amerika zu einem Modell für die Funktionsweise der Welt zu machen; und sie sollten die Völker davon überzeugen, dass die Unterschiede zwischen ihnen nicht bedeutsamer sind als ihre gemeinsame Humanität.
Ich glaube fest daran, dass die Welt zu verstärkter Vernetzung und Kooperation übergehen wird, denn es gibt keine andere Wahl. In nur 15 Jahren seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich der Westen weitgehend mit seinen alten Gegnern Russland und China ausgesöhnt. Zum ersten Mal in der Geschichte lebt mittlerweile mehr als die Hälfte der Völker unter Regierungen, die sie selbst gewählt haben. Die globale Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror hat ein bisher ungekanntes Ausmaß angenommen. Und die Vereinigten Staaten und viele andere freie Gesellschaften haben bewiesen, dass Menschen verschiedenster ethnischer Zugehörigkeit und Religion harmonisch in gegenseitigem Respekt zusammenleben können.
Unsere Nation wird dem Terror nicht unterliegen. Wir werden ihn besiegen, aber wir müssen darauf achten, in diesem Kampf nicht den Charakter unserer Nation und die Zukunft unserer Kinder aufs Spiel zu setzen. Die Aufgabe der US-Verfassung, eine vollkommenere Union zu bilden, ist heute eine globale Aufgabe.
© Bill Clinton: "Mein Leben". Econ Verlag, Berlin; published by arrangement with Alfred A. Knopf, a division of Random House, Inc. * Mit dem Mitglied der palästinensischen Delegation Gamal Helal in Camp David.

DER SPIEGEL 27/2004
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CLINTON (II) Er war das Wunderkind der amerikanischen Politik: mit 30 Justizminister, mit 32 Gouverneur von Arkansas, wo er sich landesweit den Ruf eines durchsetzungsstarken Reformers erwarb. Als Präsident konnte Bill Clinton zwar ähnliche Erfolge vorweisen, doch wegen seiner Affären, etwa mit der Praktikantin Monica Lewinsky, gelang es den Republikanern, ihn als Skandalpräsidenten zu brandmarken. In seinen Memoiren rechnet er mit ihnen ab.:
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