28.06.2004

GEDENKEN„Steine, die wehtun“

Josef Schuster, 50, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, über die Entscheidung der Stadt München, die so genannten Stolpersteine zur Erinnerung an deportierte Juden zu verbieten und entfernen zu lassen
SPIEGEL: Herr Schuster, der Künstler Gunter Demnig hat schon in mehreren deutschen Städten Steine mit den Namen und Lebensdaten deportierter Juden vor ihren ehemaligen Wohnhäusern in die Gehwege eingesetzt und mit dieser Aktion international Anerkennung gefunden. Nun hat der Münchner Stadtrat, flankiert von SPD-Oberbürgermeister Christian Ude, zwei solcher Steine aus einem Fußweg wieder herausreißen lassen. Wie beurteilen Sie dieses Vorgehen?
Schuster: Rechtsstaatlich war das Herausreißen in Ordnung, der Stadtrat hatte gegen die Verlegung der Steine entschieden. Aber damit bin ich nicht einverstanden. Für Münchens Ruf ist das nicht gut. Das Projekt ist hervorragend, weil es Menschen im Vorübergehen mit diesem Teil der deutschen Geschichte konfrontiert, die sich sonst vielleicht nicht damit beschäftigt hätten.
SPIEGEL: Das sehen nicht alle so. Einige Mitglieder der Münchner Israelitischen Gemeinde meinen, die Gedenktafeln im Trottoir träten das Andenken der Ermordeten buchstäblich mit Füßen. Was denken Sie?
Schuster: Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen. Die Juden sind damals getreten worden. Diese Steine aber können allenfalls dem wehtun, der auf sie tritt. Aber wir Juden sprechen auch nicht immer mit einer Stimme.
SPIEGEL: Oberbürgermeister Ude argumentiert, bei rund 4500 Münchner Deportierten falle die Auswahl schwer, an wen erinnert werden solle.
Schuster: Ich hätte auch nichts gegen 4500 Erinnerungen. Es könnte Tafeln geben mit mehreren Namen. Und es sind auch nicht alle Angehörigen für die Steine. Das sollte respektiert werden. Auf jeden Fall hat die Diskussion dem Projekt insgesamt genützt. Wir bekommen laufend Anfragen aus Kommunen, die auch Stolpersteine setzen wollen.

DER SPIEGEL 27/2004
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