28.06.2004

LITERATURVerzweifelte Liebesmüh

Im Zug der spektakulären, von viel Kritikerlob begleiteten Wiederentdeckung der zuvor fast vergessenen US-Schriftstellerin Paula Fox ist nun auch das 1967 in Amerika publizierte Romandebüt der heute 80-Jährigen auf Deutsch erschienen: "Pech für George" zeigt beeindruckend, dass Fox gleich zu Beginn ihrer literarischen Karriere ihr Thema gefunden hatte: die Einsamkeit als unsichtbare Barriere zwischen den Menschen.
George, Lehrer und unheilbarer Moralist, hat nie daran gedacht, allein in ein Restaurant zu gehen oder gar allein zu leben. Alles ist bei ihm normal gelaufen: Schule, Studium, Job, Ehe. Doch eines Tages sitzt er in seinem frisch bezogenen Häuschen vor den Toren New Yorks - und die Möbel kommen ihm plötzlich schäbig vor. Das Ehepaar hat sie aus der alten Wohnung mitgeschleppt. Und nun sollen sie auch als Inventar einer neuen Lebensetappe dienen?
In diesem Moment taucht Ernest auf, ein Junge aus der Nachbarschaft, der in seiner Freizeit die Wohnungen anderer Menschen benutzt. Er bietet sich, ungebildet, verwahrlost und unterernährt, dem orientierungslosen George als Erziehungsobjekt geradezu an. Beinahe verzweifelt beginnt der Pädagoge um die Anerkennung des Jungen zu werben, argwöhnisch beobachtet von seiner eigenen Ehefrau. Am Vorabend von ''68 scheinen alle Prinzipien verlogen und jede Moral lächerlich - es kündigt sich eine Tragödie an. Das Gefühl endloser Verlassenheit blitzt in diesem Roman immer nur kurz auf, und doch vermag Paula Fox, die als Erzählerin bescheiden im Hintergrund agiert, einen Raum für menschliche Abgründe und Haltlosigkeit zu schaffen.
Paula Fox: "Pech für George". Aus dem Englischen von Susanne Röckel. Verlag C. H. Beck, München; 254 Seiten; 19,90 Euro.

DER SPIEGEL 27/2004
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