28.06.2004

LIEBESLYRIKNagel im Brett

Offenbar haben Autoren manchmal ein Bett vorm Kopf: Als der Bielefelder Literaturwissenschaftler Jörg Drews, 65, unlängst Liebesgedichte für eine Sammlung mit deutscher Lyrik nach 1945 zusammentrug, fielen ihm auch ein paar eigenartige Verse wieder ein, die Walter Kempowski, 75, einst in sein Tagebuch "Sirius" (1990) notiert hatte: "Das Brett ist schon gerüstet / den Nagel zu empfangen", heißen die ersten zwei Zeilen. Und hübsch holprig geht es auch weiter: "Sowie es ihn gelüstet / in es hineinzugelangen". Zum Erstaunen des Herausgebers erklärte ihm nun der Autor, sein zweideutiges Tagebuchgedicht enthalte übrigens einen grob sinnentstellenden Druckfehler: Es müsse statt "Brett" natürlich "Bett" heißen. "Merkwürdig", befand daraufhin der praktisch veranlagte Drews. "Wie sollte ein Nagel ins Bett gelangen wollen?" Er ließ sich von Kempowskis Einspruch nicht beirren und übernahm das Gedicht so, wie er es gefunden hatte, in seine neue, überaus lesenswerte Anthologie "Nach soviel Unsinn und Irrfahrt" (Reclam Verlag, Leipzig; 140 Seiten; 8,90 Euro). Der Autor ließ das literarische Brettgeflüster bisher unbeanstandet.

DER SPIEGEL 27/2004
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