28.06.2004

POPKampf gegen die Schwerkraft

Die Musikindustrie setzt auf brasilianische Popmusik - und Stars wie Bebel Gilberto, die ihre melodieseligen Songs von US-Produzenten veredeln lässt.
Der spanische Regisseur Pedro Almodóvar zählt ebenso zu den bekennenden Verehrern ihrer Musik wie die amerikanischen Rockstars Lou Reed und David Byrne - doch als prominentester Fan der brasilianischen Sängerin Bebel Gilberto gilt der ehemalige US-Präsident Bill Clinton.
"Wir haben weder miteinander geknutscht noch ein paar heimliche Kinder", berichtet Gilberto, 38, und lässt ihr kehliges Lachen hören, in Wahrheit habe sie Clinton nie getroffen: "Er hat wohl nur bei irgendeiner Gelegenheit einmal beiläufig erwähnt, dass ihm mein Album ,Tanto Tempo' ganz gut gefällt - das war alles."
Mit "Tanto Tempo" gelang Gilberto ihr erster internationaler Erfolg, mehr als eine Million Mal hat sich das Werk verkauft. Die Songs des Albums, mit Unterstützung der amerikanischen Lounge-Pop-Profis Thievery Corporation eingespielt, kombinieren behutsame, aber moderne Elektro-Beats mit der gepflegten Wehmut des alten Bossa nova - und lieferten die perfekte Beschallung für Designer-Boutiquen, elegante Restaurants und private Liebesabenteuer in aller Welt.
Nun ist Gilbertos neues Album, das schlicht "Bebel Gilberto" heißt, erschienen - es führt sehr einschmeichelnd, aber überraschungsfrei den so genannten Nova-Bossa-nova-Stil fort, der die Sängerin bekannt gemacht hat. Zugleich kommen so viele CDs mit brasilianischer Popmusik auf den Markt wie wohl noch nie - und das hat mit Bebel Gilbertos Songs zu tun.
"Sie hat die Tür für uns alle geöffnet", sagt Joe Davis, Betreiber einer auf brasilianische Musik spezialisierten Plattenfirma in London.
Großkonzerne wie Universal und Emi öffnen ihre umfangreichen Archive und bringen legendäre Bossa-nova-Klassiker von Nara Leão, Antonio Carlos Jobim und Marcos Valle digital aufpoliert neu heraus.
An Neueinsteiger und Liebhaber richtet sich "In Brazil", eine tolle Zusammenstellung von alten und frischen Bossa- und Samba-Nummern des Londoner Star-DJs Gilles Peterson; dazu erscheint ein neues fabelhaftes Sammelwerk in der Reihe "A Trip to Brazil".
Und erstmals finden nun auch diverse aktuelle Produktionen des Brazil-Pop-Nachwuchses ihren Weg in deutsche Plattenläden. Diese Alben vereinen die Freude an manchmal abenteuerlichen Experimenten mit einem stolzen Bewusstsein für die Tradition. Die schönen Melodien von Bossa und Samba werden in den Studios von São Paulo und Rio vermengt mit den oft harschen Klängen von Techno und Drum'n'Bass.
Ein beeindruckendes Beispiel dafür liefert "Sem Gravidade" (etwa: jenseits der Schwerkraft), das neue Album eines Musikers mit dem eher unbrasilianisch klingenden Namen Otto. Der verknüpft vorzüglich Conga- und klassische Bossa-Gitarrenklänge mit scratchenden DJs und Rap.
Etwas zahmer gibt sich Maria Rita, die Tochter der berühmten brasilianischen Sängerin Elis Regina. Maria Ritas Debütalbum war in Brasilien ein Renner. Nun soll es in Europa die Geschäfte der kriselnden Musikindustrie beleben.
Die internationale Symbolfigur für die neue brasilianische Popmusik aber bleibt vorerst Bebel Gilberto. Sie hat ihr neues Werk in den USA, Großbritannien und Brasilien aufgenommen - unter Anleitung des Produzenten Marius de Vries, der schon mit Björk und Madonna zu Werke ging.
Damit das brasilianische Element hörbar erhalten bleibt, beginnt die Platte mit "Baby", einem Lied des berühmten Songwriters Caetano Veloso: Auch Gilbertos Schwager, der in Brasilien populäre Musiker Carlinhos Brown, spielt mit.
Bebel Gilberto ist die Tochter des Musikers João Gilberto und der Sängerin Miúcha. Ihr Vater wird in Brasilien meist nur "O Mito" - die Legende - genannt und ist für die dortige Musik ähnlich bedeutsam wie Bob Dylan und Elvis Presley für den Rest der Welt.
Er gilt gemeinhin als Erfinder des Bossa nova, der Anfang der sechziger Jahre weltweit bejubelten Kombination von brasilianischer Folklore und amerikanischem Jazz. João Gilberto hat zwar nicht, wie oft behauptet, den Welthit "The Girl from Ipanema" verfasst - doch dafür hatte er zuvor jenen sanft beschwingten Gitarren-Beat entwickelt, ohne den diese Musik nicht vorstellbar wäre.
"Er ist durch und durch Künstler; als Vater war er schwierig", sagt Bebel Gilberto über den legendären Exzentriker, der bis heute einen festen Wohnsitz meidet, Handys und Computer ignoriert. Sie habe heute, so sagt sie, nur sporadisch Kontakt zu ihrem Vater.
Nach gescheiterten ersten Versuchen als Musikerin floh Bebel Gilberto als 24-Jährige nicht zuletzt vor dem Ruhm des Vaters aus Rio nach New York. Dort jobbte sie als Kellnerin und Babysitterin; abends sang sie in schummrigen Kneipen brasilianische Lieder für wenig Geld.
Erste Erfolge hatte Gilberto, als sie sich zur Zusammenarbeit mit anderen New Yorker Musikern wie dem durch die Band Deee-Lite bekannt gewordenen Towa Tei entschloss - und dank ihrer Erfahrungen hat sie sich bis heute eine gewisse Distanz zu den Klängen ihrer Heimat bewahrt. "Viele Brasilianer haben keineswegs einen so coolen Musikgeschmack, wie man sich das im Rest der Welt gern ausmalt", sagt sie. "Es gibt auch jede Menge schreckliche brasilianische Musik, die ungeheuer erfolgreich ist." CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 27/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POP:
Kampf gegen die Schwerkraft

  • Eklat im Weißen Haus: Pelosi bricht Treffen mit Trump ab
  • Beeindruckendes Unterwasservideo: Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei
  • Rennen in Australien: Solarfahrzeug brennt lichterloh
  • Walforschung per Drohne: "Wir sehen, wie diese Tiere ihre Beute manipulieren"