28.06.2004

KULTURPOLITIK„Da werde ich rappelig“

Der Berliner Filmregisseur, Produzent und Schauspieler Detlev Buck über Kürzungen bei der Filmförderung und den Sinn von Kultursubventionen
Buck, 41, gelernter Landwirt, wurde bekannt mit Kinofilmen über schrullige Provinzbewohner ("Erst die Arbeit und dann!?", "Karniggels"); seine Knastkomödie "Männerpension" (1996) lockte 3,3 Millionen Zuschauer in die Kinos. Für seine Rolle in der Bestsellerverfilmung "Herr Lehmann" wurde Buck vorvergangene Woche mit einem Deutschen Filmpreis als bester Nebendarsteller ausgezeichnet.
-------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Buck, in Deutschland gibt es zwei Berufsgruppen, die besonders laut aufheulen, wenn Subventionen gekürzt werden sollen: Bauern und Filmemacher. Haben Sie sich deshalb so bei der Filmpreis-Verleihung über die geplanten Kürzungen bei der Filmförderung aufgeregt?
Buck: Wann soll man sich denn sonst aufregen? Wenn Politiker so eine Sauerei planen, muss man sie fragen: Sagt mal, seid ihr noch ganz frisch?
SPIEGEL: Die Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck muss 2005 in ihrem Etat 3,9 Millionen einsparen - davon will sie allein 3,5 Millionen Euro bei der lokalen Filmförderung kürzen. Was bedeutet das für Ihre Branche?
Buck: Eine Katastrophe! 3,5 Millionen Euro - das sind 50 Prozent des gesamten Etats der Hamburger Filmförderung. 50 Prozent! Wenn man 50 Prozent der Subventionen eines Theaters kürzt, müsste der Intendant das Haus dichtmachen. Aber dann hätten die Politiker Stress in der Stadt. Bei Filmemachern denken sie offenbar, wir seien eh Zigeuner, die mal hier und mal dort arbeiten, da merkt es keiner. Aber es geht schlicht um unsere Existenz - ich meine nicht die Promis, sondern alle Filmschaffenden.
SPIEGEL: Die Politiker argumentieren, die Filmproduzenten hätten es selbst in der Hand, massenwirksame Stoffe zu verfilmen und so die Filme zu refinanzieren. Wozu also brauchen sie öffentliche Subventionen?
Buck: Man kann mit den meisten Filmen auf dem deutschen und jedem anderen europäischen Markt eben selten Geld verdienen - deutsche Sprache, schwere Sprache. Wer so etwas behauptet, hat noch nie eine Abrechnung gesehen. Filme wie Fatih Akins preisgekröntes Melodram "Gegen die Wand" sind keine Massenware, sondern Kunstwerke, die nur dann ein großes Publikum erreichen, wenn sie Preise gewinnen. Diese Filme brauchen staatliche Förderung, sonst werden sie nicht gemacht. Da droht eine gewaltige kulturelle Verarmung.
SPIEGEL: Tatsächlich? Im Jahr 2003 wurden in Deutschland immerhin 107 Kinofilme gedreht.
Buck: Aber hier gibt es keine Filmindustrie, sondern nur eine Fernsehindustrie. Wenn man will, dass auch andere Kinofilme gedreht werden als "Mädchen Mädchen 2", dann müssen dafür die Bedingungen stimmen.
SPIEGEL: Inwieweit wären Sie selbst von den Kürzungen betroffen?
Buck: Es geht nicht um mich. Zurzeit arbeite ich für meinen nächsten Film mit einem Hamburger Autor an einem Drehbuch. Die Verantwortlichen wissen offenbar gar nicht, wie viele Menschen in Hamburg von Kinofilmen zu leben versuchen. Zur gleichen Zeit will die Stadt einem Hamburger Multimillionär mit einer großen Schiffsmodellsammlung ein Museum einrichten. Ich rege mich auf, wenn Steuergelder verprasst werden, um Millionären Denkmäler zu setzen.
SPIEGEL: Sozialdarwinisten argumentieren, in anderen Ländern gebe es doch auch Filmindustrien ohne staatliche Subventionen - zum Beispiel in den USA.
Buck: Von wegen! Da werde ich rappelig, wenn ich das höre! 1,7 Milliarden Euro deutscher Steuersparer landeten im vergangenen Jahr in seltsamen Film- und Medienfonds. Mit dieser Kohle werden in Hollywood irgendwelche Action-Filme gedreht - Filme, die sowieso gemacht werden, auch ohne dass sich deutsche Abschreibungskünstler daran beteiligen. Ich würde mir wünschen, dass unsere Politiker anfangen, ein bisschen was von diesem Geld in deutsche Filme umzulenken - oder in Kindergärten. Aber da scheißt jeder drauf.
SPIEGEL: Wird der deutsche Film nicht gerade im eigenen Land gefeiert wie lange nicht mehr?
Buck: Trotzdem lassen sich andere europäische Länder ihre Filmkunst deutlich mehr kosten. In Großbritannien existiert ein üppiges Steuerrückerstattungssystem für die Filmbranche, und die Franzosen geben 500 Millionen Euro pro Jahr aus für Filmförderung. In Deutschland sind es gerade mal 228 Millionen.
SPIEGEL: Verteilt auf verschiedene Förderorganisationen von Bund und Ländern, die sich zum Teil gegenseitig Konkurrenz machen. Muss dieses System nicht dringend reformiert werden?
Buck: Natürlich gibt es da kleine Fürstentümer. Aber ich hielte es für sehr gefährlich, dieses System zu zerschlagen, ohne eine Alternative zu haben.
SPIEGEL: Wie viel Zeit verbringen Sie damit, Anträge bei den Filmförderanstalten zu stellen?
Buck: Es kostet wahnsinnig viel Kraft und produziert Papiermengen ohne Ende. 25 Kilo Anträge für die Filmförderung sind keine Seltenheit. Aber ich bin froh, dass es sie überhaupt gibt. Ohne staatliche Förderung könnten wir den deutschen Film knicken. INTERVIEW: WOLFGANG HÖBEL, MARTIN WOLF
Von Wolfgang Höbel und Martin Wolf

DER SPIEGEL 27/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KULTURPOLITIK:
„Da werde ich rappelig“

Video 01:48

Indonesien Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen

  • Video "Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung" Video 00:00
    Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung
  • Video "Rituale im britischen Unterhaus: Lady Usher of the Black Rod" Video 01:41
    Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Video "Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: Wir haben ein Statement abgeliefert" Video 03:19
    Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: "Wir haben ein Statement abgeliefert"
  • Video "Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend" Video 01:42
    Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Video "Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth" Video 00:50
    Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth
  • Video "Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad" Video 04:33
    Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad
  • Video "Proteste gegen Separatisten-Urteil: 50 Verletzte in Barcelona" Video 01:26
    Proteste gegen Separatisten-Urteil: 50 Verletzte in Barcelona
  • Video "Ex-Fußball-Torhüter: Petr Cech wird zum Eishockey-Helden" Video 01:31
    Ex-Fußball-Torhüter: Petr Cech wird zum Eishockey-Helden
  • Video "Wiedereröffnung des britischen Parlaments: Die Queen musste ein Tory-Wahlprogramm vorstellen" Video 03:41
    Wiedereröffnung des britischen Parlaments: "Die Queen musste ein Tory-Wahlprogramm vorstellen"
  • Video "Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne" Video 01:39
    Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Video "Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch" Video 05:57
    Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch
  • Video "Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören" Video 01:23
    Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören
  • Video "Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt" Video 04:00
    Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt
  • Video "Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen" Video 07:46
    Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen
  • Video "Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen" Video 01:48
    Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen