28.06.2004

FILMVerliebte Klopse

In der Fortsetzung des Erfolgswerks „Shrek“ überstrahlen witzige Dialoge und clever ausgewählte Popsongs eine eher holprige Story.
Mitten im turbulentesten Spaß zeigt der Monsterkapitalismus seine höhnische Fratze: Nach langer, beschwerlicher und sehr komischer Reise kommen die beiden süßen Frischvermählten mit ihrem Gefährten, dem sabbelnden Esel, endlich in dem Schloss an, in dem böse Mächte ihnen Übles wollen - und auf den Kinozuschauer wirkt das Gemäuer verblüffend vertraut: Ist das nicht das Pseudo-Neuschwanstein-Schloss aus dem Logo des Trickfilmkonzerns Disney?
Der ehemalige Disney-Manager Jeffrey Katzenberg verulkt in "Shrek 2", dem jüngsten Film seines Dreamworks-Studios, mal wieder seinen schlimm kriselnden früheren Arbeitgeber: Diese Rache an Disney ist eitel und derb - aber sie entspricht letztlich ganz konsequent den Stilprinzipien eines Films, dessen Macher stolz darauf sind, dass ihnen gutes Benehmen schnurz ist und noch der schmutzigste Gag ein guter Grund, mindestens die eigene Großmutter zu verkaufen.
"So geschmacklos wie möglich" sollte sein Werk sein, hat der Regisseur Andrew Adamson gesagt, als er vor drei Jahren den Dreamworks-Film "Shrek" vorstellte. Und tatsächlich muss der sensationelle Erfolg des schließlich sogar oscarprämierten Films jeden Menschen empören, der auf Benimm und Eleganz Wert legt: Der Titelheld ist ein unförmiger grüner Klotz mit Trichterohren und Basedow-Augen, der schamlos furzt, rülpst, sich im Schlamm suhlt und im eigenen Ohrenschmalz herumpult - wenn er nicht gerade mit unschuldigen Tieren Schabernack treibt und etwa Frösche und Schlangen aufbläst wie Luftballons.
Gut, "Shrek" war auch deshalb ein Knüller, weil die Katzenberg-Firma Dreamworks (ebenso wie die mit "Findet Nemo" auftrumpfende Animations-Konkurrenz von Pixar) superbunte, fröhlich flutschende Computerbilder zeigt, gegen die Werke aus der braven Disney-Zeichenwerkstatt leider grausam alt aussehen.
Doch dass die Story vom hässlichen Ogermonster und der schönen Prinzessin nicht bloß Kinder, sondern auch Erwachsene Tränen vergießen ließ, lag an der Unverschämtheit der Dialoge und Drehbucheinfälle: Da wurde ruchlos mit rassistischen Klischees Scherz getrieben und kreuz und quer im Märchenschatz der ganzen Welt gewildert, es wurde jeder zweite Hollywood-Kracher persifliert und besonders häufig gegen das Gebot der Tierliebe verstoßen: Unvergesslich jene Szene aus dem ersten "Shrek"-Film, in der die schöne Prinzessin ein Lied anstimmt und ihr schrecklicher Gesang eine werdende Vogelmutter zerbersten lässt - die drei Eier der Zerplatzten bleiben im Nest zurück und werden flugs verspeist.
"Shrek 2" gibt sich nun alle Mühe, da weiterzumachen, wo der erste Film aufgehört hat. Zur Explosion gebracht werden soll diesmal in erster Linie das aufgeblasene Selbstbild der Traumfabrik Hollywood. Deshalb ist der Ort der Handlung ein Land namens Weit Weit Weg (im Original: Far Far Away), das in einem grünen, palmenbekränzten Hügelland liegt und von Menschen bevölkert wird, die einander nur nach der Schönheit des Äußeren beurteilen - ein Königreich zum Fürchten also.
Mit "Shrek"-typischer Grobheit setzt sich der Fortsetzungsfilm über die kleine Schwierigkeit hinweg, dass der Märchenschluss des ersten Teils eigentlich für immer den Vorhang sinken ließ: Der dicke Oger Shrek bekam seine Prinzessin Fiona - und es erleichterte ihr Zusammenkommen nicht unwesentlich, dass die schöne Fiona sich selbst ganz und gar in einen grünen Klops vom Stamm der Oger verwandelte.
In Teil zwei muss diese Verwandlung nebst dem Bräutigam den Eltern Fionas bei- und nahe gebracht werden, dem über das Reich Weit Weit Weg herrschenden Königspaar. Vor allem der Papa reagiert höchst garstig und engagiert einen Killerkater, der den Schwiegersohn abmurksen soll - aber der König ist nur so schurkisch, weil er von einer fetten bösen Fee und ihrem geschniegelten Sohn terrorisiert wird.
Die Story klappert und ächzt durchaus an sämtlichen Lötstellen und Verschraubungen, doch Dialogwitz und Anspielungsbegeisterung machen das weitgehend wett: Da wird die Kamerajagd auf O. J. Simpson durch die Straßen von Los Angeles nachgestellt, da klimpert eine Tom-Waits-Figur mit einem Piratenkapitäns-Armhaken auf dem Klavier herum, und die Helden werden zu den Klängen der "Mission Impossible"-Musik aus ihrem Kerkerverlies befreit.
Überhaupt ist "Shrek 2" ein manchmal kindisches, immer aber überschwängliches Freudenfest der Popkultur-Verweise. Die Songs des Films, die natürlich parallel zum Filmstart als CD (bei Universal) auf den Markt kommen, bestehen teils aus neu aufgenommenen Gassenhauern wie David Bowies "Changes" und dem Disco-Hit "Holding Out for a Hero", teils durften coole Helden wie Pete Yorn, die Eels und der ewige Jammerrocker Nick Cave melancholische Nummern zuliefern.
Bleibt die erbsenzählerische Frage, wie sich eigentlich die Moral des Films - Pfeift auf alle vordergründigen Reize, schert euch nur um innere Werte! - mit der Tatsache verträgt, dass die Stimmen der Helden von "Shrek 2" jeweils von strahlenden Stars gesprochen werden: in Deutschland unter anderem von Esther Schweins und Sascha Hehn, im amerikanischen Original von Cameron Diaz, Eddie Murphy und Antonio Banderas. Die Monster, die sich endlich für ihre Hässlichkeit nicht mehr schämen, sprechen mit den Stimmen der Berühmten und Schönen. WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 27/2004
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