28.06.2004

PSYCHOLOGIE„Singen ja, sprechen nein“

Mit 1000 Fotos, 70 Stunden Videoaufnahmen und jahrelang geführten Tagebüchern hat ein Braunschweiger Psychologe das Leben der 19-jährigen Autistin Samantha dokumentiert. Sie spricht kein einziges Wort - und hat sich doch die Welt der Melodien, Harmonien und Lieder erschlossen.
Hole sie gegen neun Uhr nach ruhiger Nacht. Liegt friedlich da und ist offenbar gut gelaunt. Gesichtwaschen muss ich fast allein übernehmen. Dreht sich vorm Frühstück wieder zur Musik."
Markus Wenglorz brauchte viel Geduld. Lange war er Samantha egal. Nie suchte sie seinen Blick, nie antwortete sie auf sein Lächeln. Nicht einmal Ärger hatte sie für ihn übrig.
Er beäugte und beobachtete sie, legte Tagebücher an, beschrieb jedes Zusammentreffen; knapp 70 Stunden ihres Lebens bannte er auf Videokassetten. Er fotografierte. Inzwischen, nach 14 Jahren, besitzt Wenglorz über tausend Fotos.
"Sie hat mich fasziniert in ihrer Unerklärlichkeit", sagt der schmal gewachsene Mann. An manchen Tagen ließ das Mädchen Stunde um Stunde Sand durch die Finger rieseln. Sie starrte auf durch die Luft flatternde Bänder, sie sang - und redete kein Wort. "Ich fühlte mich von ihr angezogen." Wenglorz räuspert sich. "An Wissenschaft dachte ich damals nicht."
Es kam anders nach seinem Zivildienst in Samanthas Kindergarten. Psychologiestudium, Diplomarbeit, Promotion, ein begeisterter Mentor. "Wenglorz hat eine einzigartige Sammlung mitgebracht", sagt Werner Deutsch, Leiter der Entwicklungspsychologie an der TU Braunschweig. Er hat Bilder, Filme und Tagebücher zum Forschungsprojekt erhoben. "Der Fall Samantha ist ein seltenes Experiment der Menschheitsgeschichte", sagt der Professor. "Ihre Störung hilft auf dem Weg zur Erkenntnis."
Kaum eine halbe Stunde dauert die Fahrt zu Samanthas Familie, und alle Gelehrtheit gehört einer anderen Welt an. Vor dem Fernseher dreht sich eine junge Frau. In Schlieren flimmern die Videobilder zu den Hits der Siebziger, Achtziger und Neunziger.
Samantha kennt sie alle, doch im Moment interessiert sie nur eines: Immer wieder spult sie die Kassette zum Einsatz von Cowboy Joe und seinen Schlümpfen - während sie hört, kreist die 19-Jährige, dreht sich um den Couchtisch mit den eingelassenen Kacheln, streift Ecksofa und Schrankwand, hat keine Augen für die Aschenbecher, für das verblichene Kinderporträt an der Wand: ein Mädchen mit blonden Locken, zart, in jedem Krippenspiel müsste sie den Engel spielen - Samantha.
Der erwachsene Körper ist schwer und unförmig, die junge Frau dreht und dreht sich, ohne Schwindel, schüttelt Kopf und Schultern, die Schlümpfe sind verklungen, sie spult zurück, dreht sich, hält die Hände auf die Ohren, schluchzt, strahlt, dreht sich, schaltet den Fernseher aus. "Oh, du lie-ber Au-u-in, Au-u-in, Au-u-in", singt sie leise.
Samantha, autistisch gestört und geistig behindert, hat nie gelernt zu sprechen. Sie hängt an den Tönen, ist von ihnen abhängig. Wer sie peinigen wollte, müsste die Hits der Siebziger, Achtziger und Neunziger für immer verschließen. Erklingen Radiosender, CDs und Videokassetten, wirkt sie ausgelassen oder verzweifelt, wehmütig oder begeistert - die Menschen um sie herum, denen sie sich mit krankhafter Selbstbezogenheit entzieht, glauben Gemütszustände zu erkennen, die ihnen vertraut sind. Nur wenn Samantha singt, vermag sie Silben zu formen - und die anderen suchen nach einer Botschaft.
"Singen ja, sprechen nein", heißt das Projekt der Forscher. Auf Wenglorz'' Videokassetten haben sie 369 "Spontangesänge" identifiziert: Samantha beim Ballspielen, im Sandkasten, am Meer, vor dem Schlafengehen. Ein Komponist und eine Musikpädagogin entschlüsselten Töne und Melodien, eine Linguistin bestimmte Laute und Silben.
So gierig sie Schlager und Popsongs hört, Samanthas eigenes Repertoire ist klein: 28 Lieder, "Häschen in der Grube", "Pferdchen lauf Galopp", "Viel Glück und viel Segen". Oft klingt ihr Gesang vernuschelt, meist betont sie die Vokale. A, e, i, o und u tragen den Ton weiter als p, b oder t. Samantha ordnet die Wörter dem Klang der Musik unter - und geht mit ihr so eigenwillig um, dass es die Braunschweiger nun schon seit vier Jahren beschäftigt.
Notenblatt um Notenblatt zieht Ingo Laufs hervor. "Faszinierend", sagt der Komponist. "Sie improvisiert, wie Jazz-Musiker das manchmal tun. Sie passt die Harmonien an, sie unterscheidet zwischen Dur und Moll. Hier singt sie Dreiklänge vor- und rückwärts; da endet sie auf der Dominante." Er pfeift die notierten Takte: "Ein Krebskanon." Noch immer klingt er erstaunt. "Sie befolgt die Regeln der westlichen Harmonielehre, als komponierte sie - und das schon als Vierjährige."
Musik, sagt Wenglorz, sei Samanthas Sprache. "Natürlich vermitteln Töne keine Begriffe wie Bruttoinlandsprodukt oder Mikrowelle. Aber sie treffen Zentren im Gehirn, die den Menschen Gefühle erleben lassen. Die Musik verschafft Samantha Zugang zur Welt."
Die Töne halfen auch ihm. Im Kindergarten sang er für sie zur Gitarre; irgendwann fixierte ihn das Kind mit den Augen, bewegte stumm die Lippen mit, "Oh, du lie-ber Au-u-in", irgendwann fasste es seine Hand und führte sie an das Instrument, irgendwann sang es ihn an, "Oh, du lie-ber Au-u-in". "Es fuhr durch Mark und Bein", sagt Wenglorz. Die "Bitten eines autistischen Kindes", so lautete später das Thema seiner Diplomarbeit.
Der Zivi warb hartnäckig. Er hielt aus, wenn das Mädchen in seiner Nähe schrie bis zum Erbrechen, erlebte "Wechselbäder der Gefühle" - ganz im Bann der anziehend abweisenden Ausstrahlung eines Menschen, der jenseits aller Regeln lebt.
Er blieb ihr Betreuer, wurde ihr Therapeut, sieht sie noch heute. "Samantha ist original", sagt er. "Keine manipulierte Kopie wie so viele andere." Immer öfter wollte sie ein Lied hören - und Wenglorz nutzte ihr Verlangen als "erzieherischen Verstärker": Ließ sich Samantha willig die Zähne putzen, hing sie die Jacke an den Haken, dann sang er für sie.
Die Mutter hat ihr großes Kind aufs Sofa gezogen und Fotoalben aus einer Kiste geholt. "Viele Bilder stammen von Markus Wenglorz", sagt sie, Samantha drückt derweil das Gesicht in die Sofalehne, die Mutter blättert. Abgegriffen ist das Album, einige Fotos sind mit Tesa-Streifen geklebt, Samantha hat sie zerrissen, "Manchmal überkommt sie so ein Unbehagen", sagt die Mutter und zeigt Stationen aus dem Leben ihres Kindes.
21. August 1984, eine Ultraschall-Aufnahme, "Es ist halt das erste Bild". Samantha im Brutkasten, als Einjährige mit einer Spieluhr, eine Sonne, die heute noch "Schlaf, Kindlein, schlaf" bimmelt. Samantha auf Papas Bauch, Samantha mit Negerküssen, "Essen und singen war immer ihr Ding", Samantha auf der Rutsche im Heidepark Soltau, mit zerzausten Locken im Wald, im Schlafanzug, die Spieluhr an sich gedrückt. "Sie war früher sehr fotogen", sagt die Mutter; "Au-u-in", singt Samantha und rutscht näher.
Dass Samantha nur Laute fand, wenn sie sang, fiel zunächst keinem auf. Sie lief mit eineinhalb, summte viel, "Hänschen klein", die üblichen Lieder. "Sie stimmte einen Ton an, und wir fielen ein, dann
schwieg sie, setzte erst wieder an, wenn die anderen verstummten" - so hält sie es noch immer. Die Kleine griff kaum nach Bällen, Puppen und Klötzen, sie summte, aß genug, die Eltern regten sich nicht auf, "Wir hatten keinen Vergleich".
Als Samantha in den Kindergarten kam, hörte die Mutter das Wort Autismus zum ersten Mal. Der Zivildienstleistende Wenglorz hatte viel gelesen: 4 bis 5 von 10 000 Kindern in Deutschland leiden an einer frühkindlichen autistischen Störung; Jungen trifft es viermal so oft wie Mädchen. Viele sind Inselbegabte, Spezialisten in sonderbaren Disziplinen. Sie merken sich Gedichte, Namen, Fahrpläne oder treffen schon als Kleinkind Töne und Melodien. Beinahe die Hälfte erwirbt nie die gesprochene Sprache. Rund 70 Prozent sind wie Samantha geistig behindert; die Grenze zwischen autistischer Störung und Behinderung ist allerdings oft fließend.
"Den typischen Autisten gibt es nicht", sagt Wenglorz heute, "jede Störung offenbart sich im Alltag anders." Warum es den einen trifft und den anderen nicht? Erbanlage, fehlgeleitete bio- und neurochemische Prozesse, Hirnschädigung - bislang kann kein Modell alle autistischen Symptome in befriedigender Weise erklären.
"Elfenkinder", "Muschelkinder", "Kinder hinter der gläsernen Wand" werden die rätselhaften Menschen genannt; Filme wie "Rain Man" zeichnen ein nahezu mystisches Bild von ihnen. Doch ihr Leben gleicht selten dem ätherischer Märchenwesen oder versponnener Helden - und den wenigsten hilft ihr eigenwilliges Talent im Alltag.
Die meisten empfinden ihre Mitmenschen als bedrohlich. Mit sozialen Regeln vermögen sie kaum etwas anzufangen, "Samantha kann sich nicht vorstellen, wie es mir geht", sagt Wenglorz, "sie unterscheidet nicht zwischen Personen und Gegenständen."
Mutter, Vater, ihr Begleiter Wenglorz: Für Samantha sind sie mechanische Hilfen, um an ein Eis oder eine Kassette zu kommen - nur sind sie weniger zuverlässig als Kühlschrank oder Fernbedienung. Als Menschen handeln sie überraschend. Und das schafft Unsicherheit.
Allein verlässliche Wiederholung scheint den Kranken die Sicherheit zu geben, die ihnen ihre Mitmenschen verweigern. Immer wieder führen sie die gleichen Bewegungen aus, befühlen, beriechen die immer gleiche Oberfläche. Alles Fremde, und sei es bloß ein frisches T-Shirt oder ein ausgetauschtes Kissen auf der Eckbank, stört ihr Vertrauen in die Welt.
"Da kann es schon sein, dass man sich plötzlich am falschen Fleck aufhält", sagt die Mutter. Am Tag zuvor stand sie der Tochter im Weg, die Kratzer sind noch zu sehen. "Angst", sagt die zierliche Frau und blickt auf ihre schwere Tochter, "habe ich eigentlich nie gehabt." Samantha dreht die Schlümpfe laut; "Na, dann gucken wir halt wieder Video", sagt die Mutter. "Wenn sie das mag."
Wenn die Tochter es mag, kauft die Mutter auch Illustrierte am Kiosk, weil Samantha Jack Nicholson auf dem Titelbild ansingt. In der Fleischerei bestellt sie Hack und weiß doch genau, dass noch Pfunde des Leibgerichts im Tiefkühlfach lagern. Sie brennt CDs von Tina Turner oder Eros Ramazotti, immer wieder, "Die gehen halt kaputt bei dem Dauergebrauch, und wenn das Richtige dann nicht mehr da ist ..."
Die Mutter spricht viele Sätze nicht zu Ende. "Man ist da reingewachsen", sagt sie. "Ich habe mir immer Mühe gegeben, mit Adventskränzen und Geburtstagskuchen, aber vielleicht war das umsonst. Ich weiß ja gar nicht, was sie so im Kopf hat. Nur eben die Musik."
Verschlossen in ihre Welt, muss Samantha sich Töne und Melodien erschlossen haben wie andere Kinder die Muttersprache. "Sie hat sich offenbar durch eigene musikalische Praxis ein System beigebracht, ohne zu wissen, was das für ein System ist", sagt Wenglorz. Wie Sprache folgt Musik komplexen Regeln - und das Gehirn muss in Sekundenbruchteilen falsche von richtigen Tönen unterscheiden, Strukturen erkennen, akustische Daten zu einem Eindruck verarbeiten.
In den ersten Monaten entwickeln sich sprachliches und musikalisches Vermögen parallel: Nach acht Wochen gurrt ein Säugling und spielt mit seiner Stimme, hält vor dem Einschlafen lange Lall-Monologe. Später lernt er, den Lautstrom in Silben zu unterteilen, er probiert Melodien und Rhythmen. Meist kurz vor dem ersten Geburtstag dann reden Kinder die ersten Laute der Sprache, die sie umgibt - sprachliche und musikalische Entwicklung laufen auseinander.
Jeder normal entwickelte Zweijährige entdeckt nach und nach, dass jedes Ding seinen Namen hat und die Welt sich in Worte packen lässt. Samantha hat diese Fähigkeit nie erlangt. Singt sie vom lieben Augustin, stellt sie sich keinen Hampelmann vor. "Sie hat die symbolische Funktion von Wörtern nicht kennen gelernt", sagt Deutsch.
Der Professor wüsste zu gern, wie es in Samanthas Kopf aussieht. "Wir könnten so viel lernen über das Verhältnis von Sprache und Musik", sagt er. Ihn beeindrucken Berichte über Schlaganfall-Patienten, die sich nicht mehr unterhalten, doch singen können; ihn begeistert der russische Musiker Shebalin, der trotz schwer geschädigter linker Hirnhälfte komponierte; er weiß viel über Untersuchungen, bei denen Ärzte eine Hirnhälfte vorübergehend einschläferten und die linkssei-
tig Betäubten kaum mehr sprechen, die rechtsseitig Betäubten dagegen nicht mehr singen konnten. "Musik scheint weit verzweigte Netzwerke zu beschäftigen", referiert Deutsch. "Und die rechte Hirnhälfte ist wohl eher für Melodie und Metrik zuständig."
Doch Bilder von Samanthas Gehirn gibt es nicht. Dazu müssten die Forscher sie verkabeln oder in einen röhrenförmigen Kernspintomografen schieben. Und das können sie ihr nicht begreiflich machen. Schon ein Arztbesuch ist für Samantha so unverständlich, dass ihr der Zahnstein unter Vollnarkose entfernt wird.
Womöglich müssen sich die Wissenschaftler bescheiden. Die Inselbegabung kann Deutsch auch ohne Aufnahmen von feuernden Neuronen erklären: "Kreative Pathologie", sagt er. "Samantha singt ohne Furcht vor Fehlern. Sie versteht den Sinn der Liedtexte nicht. Das macht sie frei", er stockt, "zumindest im Umgang mit den Tönen."
Eines hat Samantha den Professor gelehrt. "Kinder müssen mit Musik experimentieren dürfen", sagt er. "Ohne Scham. Dann lernen sie eine Sprache für all das, was sich mit Worten oft so schlecht ausdrücken lässt: Gefühle."
Ohne Scham. Samantha hat sich in die Küche verdrückt, die Mutter hat vergessen abzuschließen, eine Bockwurst nach der anderen stopft sich die Tochter in den Mund. "Du garstiges Kind", schreit die Mutter, hält erschrocken inne, "andere Mütter schimpfen doch auch mit ihren Kindern", sagt sie dann.
Manchmal überkommen auch den Professor Skrupel. "Die Familie soll nicht denken, dass wir uns nur für Samantha interessieren, weil sie wertvoll für die Wissenschaft ist", sagt er. "Die Alltagsprobleme mit einem autistischen Kind werden oft unterschätzt."
Vielen Geschichten über die weltverlorenen Wesen fehlt die unappetitliche Wirklichkeit. Die Wand im Flur, auf der Blumenstickbilder notdürftig verdecken, was Samantha hingeschmiert hat. Die offene Toilettentür; die Neugier, mit der Samantha alles anfasst und beriecht, sich selbst und die Fremden im Supermarkt. "Um drei Uhr nachts haben wir das Schlumpflied gehört", sagt die Mutter, "das ist grausam, Samantha." Sie streichelt der Tochter über die Wange.
"Sollen wir uns anziehen, Zwerg?" Die Mutter hilft ihrem Kind in die Schuhe, Samantha mag den Wind, die Mutter führt sie um den Block, vorbei an einem Autohaus und der Fabrik für Landtechnik. Samantha bückt sich, riecht und schmeckt, die Mutter entreißt ihr das Laub, "Man weiß ja nie, was drin ist". Samantha locken Steine und Hundedreck, die Mutter zieht sie zurück, Samantha beugt sich vor: "Oh, du lie-ber Au-u-in", singt sie der Mutter ins Ohr und will nach den Blättern greifen. "Nein, Samantha, nein", dann singt auch die Mutter: "Oh, du lie-ber Au-gus-tin, alles ist weg; jetzt gehen wir weiter, nicht wahr, Zwerg?"
Vor einem Jahr erreichte die Mutter ihre Tochter nicht einmal mehr mit Singen. Seither lebt Samantha in der evangelischen "Lobetalarbeit Celle", in einem der vielen Häuser für rund 800 Behinderte und 100 Alte. Ein Richter verfügt alle zwei Jahre, ob sie in der geschlossenen Wohngruppe bleibt, wo Heilpädagogen, Therapeuten und Lehrer sie betreuen - und die Mutter muss an ein Leben anknüpfen, dass sie fast vergessen hat: Tage voller Stunden, die sie nicht der Tochter widmet. Ihrem Kind helfen nun Fremde.
Bringen die Eltern Samantha nach einem Familienwochenende zurück, schiebt die Tochter Vater und Mutter aus dem Zimmer, legt eine CD auf, und dann singt Wolfgang Petry, und die Eltern müssen gehen. Samantha hockt auf ihrem Hüpfball, auf einem zweiten sitzt Angela, die ebenfalls in diesem Raum wohnt, und aus ihrem Recorder plärrt auch Musik.
"Komm, sag es allen weiter", tönen Pfarrer und Betreuer beim Wochengottesdienst in der Kirche "Zum guten Hirten". Wie immer, wenn alle um sie herum singen, wird Samantha still. Sie zupft am Anorakreißverschluss, der Pfarrer redet über die Zehn Gebote, eine Heilpädagogin faltet Samanthas Hände, die Gottesdienstbesucher klatschen zum Refrain; der Pastor bricht das Brot, Samantha hält sich die Ohren zu, "Solches tut zu meinem Gedächtnis", spricht der Geistliche, Samantha gähnt, der Pfarrer tunkt Brot in den Weinkelch. "Gott kommt zu dir in diesem eingetauchten Brot, trink und iss", sagt er, nun steht Samantha neben der Heilpädagogin am Altar, die anderen schweigen, und sie summt.
"Der Himmel geht über allem auf" stimmen die anderen das Schlusslied an und ziehen mit den Armen Kreise in die Luft, Samantha schweigt, und die Heilpädagogin nimmt ihren Arm und führt auch ihn in einem Kreis durch die Luft.
Zweimal hat Samantha zu Brot und Traubensaft gegriffen. "Es ist das Essen, das zieht", sagt die Betreuerin. "Man kann Autisten nicht gruppenfähig machen."
Abends nimmt sie Samantha mit zum Bewohnertreff bei Saft und Chips. Die junge Frau mag nicht sitzen, schlendert durch die "Klause", zieht Salzstangen aus den Tüten der anderen, unerreicht von allen erbosten Kommentaren.
"Wo ist sie denn?", fragt die Heilpädagogin. Samantha tanzt im Billardraum, "Oh, du lie-ber Au-u-in, Au-u-in, Au-u-in", singt sie und springt in die nächste Oktave und hüpft mit ihrer Stimme einen Dreiklang rauf und runter und dreht sich, dreht sich und dreht sich. KATJA THIMM
* Links: mit einem anderen Bewohner des Behindertenheims Lobetal in Celle; oben: Szene aus "Rain Man" mit Tom Cruise und Dustin Hoffman. * Psychologe Markus Wenglorz, Linguistin Christliebe El Mogharbel, Projektleiter Werner Deutsch, Musikpädagogin Grit Sommer, Komponist Ingo Laufs.
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 27/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Beeindruckende Unterwasseraufnahmen: Unterwegs mit tausend Teufelsrochen
  • Eklat in Großbritannien: US-Diplomatenfrau reist nach tödlichem Unfall aus
  • Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen