28.06.2004

ABENTEUREREskapaden eines Fans

Mit dem Flug des „Space Ship One“ erfüllte sich Paul Allen einen Kindheitstraum. Der Milliardär sponsert Raumfahrt und Hirnforschung und sammelt Flugzeuge sowie Science-Fiction-Requisiten.
Es war ein wilder Ritt. Abgeworfen vom Mutterschiff "White Knight" in 16 Kilometer Höhe zündete Mike Melvill am Montagmorgen voriger Woche das Triebwerk seines Raumschiffs "Space Ship One". 80 Sekunden lang jagte er mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit in den blauen Himmel über Kalifornien.
Melvill, 63, sah das Blau schwarz werden, die Sterne traten hervor. Und als er ganz oben war, öffnete er seine Hand. Schokostückchen waren darin, und die blieben stehen in der Luft. 100 124 Meter Höhe hatte Melvill erreicht, die unterste Etage des Weltraums - und das, obwohl er während des Aufstiegs noch mit einer Fehlfunktion der Steuerung zu kämpfen hatte (siehe Interview).
Festgezurrt in seinem Pilotensitz, erlebte Melvill drei Minuten lang die Schwerelosigkeit. Dann sauste er wieder gen Erde, so zusammengestaucht, dass ihm das Atmen schwer fiel. Nur 17 Minuten später jubelten ihm 11 000 Zuschauer in der Mojave-Wüste zu. Melvill hatte Geschichte gemacht: Erstmals war ein Mensch in den Weltraum geflogen, ohne einen Cent Unterstützung vom Staat.
Flugzeugkonstrukteur Burt Rutan, 61, und Pilot Melvill hatten etwas Besseres als eine Regierung im Rücken: einen Multimilliardär mit dem Spieltrieb eines Kindes. Microsoft-Mitbegründer Paul Allen, 51, hat viele Millionen Dollar für das Raumschiff springen lassen. "Ohne Paul", sagt Rutan, "hätten wir das nicht geschafft."
Für Allen ist es ein Etappensieg. Als Junge hat er seine Eltern mit seiner Science-Fiction-Leidenschaft genervt. Jetzt, in reifem Alter, versucht das Kind im Milliardär, die Science-Fiction-Träume der Kindheit Wirklichkeit werden zu lassen. Der Weltraum ist dabei nur der Anfang.
Technikbesessen, wunderlich und märchenhaft reich, ist Allen zum größten aller Science-Fiction-Fans aufgestiegen und zum einsamen Förderer der unwahrscheinlichsten Technologien. Niemand gibt mehr Geld für die Fahndung nach Außerirdischen aus, und wohl niemand würde so viel Geld investieren in die Entwicklung eines allwissenden Hologramms namens "digitaler Aristoteles".
Mit einer blauen Baseballkappe auf dem Kopf starrte Allen vorige Woche in den Himmel und sah zu, wie sein Raumschiff heil zur Erde schwebte. "Solche Meilensteine sind selten", verkündete der scheue Unternehmer, und damit jedenfalls hatte er Recht: Der fünftreichste Mann der Welt, oft verhöhnt als "Milliardär aus Zufall", hatte endlich erlebt, was ihm in letzter Zeit nicht oft zuteil wurde - Erfolg.
Die vergangenen Jahre verliefen desaströs. Als Investor hat Allen sich seit den Neunzigern den Ruf eingehandelt, sein Geld ebenso großzügig wie planlos unter die Leute zu bringen. An mehr als 100 Firmen aus der Hightech- und Medienbranche war er beteiligt. Ein großer Teil davon hat sich inzwischen in nichts aufgelöst.
Schätzungen zufolge hat Allen seit dem Börsencrash 2000 bis zu 20 Milliarden Dollar, die Hälfte seines Vermögens, verloren. Seine Holding-Firma Vulcan hat jetzt die Zahl ihrer Beteiligungen auf etwa 40 reduziert. Kürzlich ist seine Schwester in die Chefetage eingestiegen, um über das Vermögen ihres Bruders zu wachen. Statt nur in riskantes Hightech investiert Vulcan nun verstärkt in Langweiliges - in Energie, Versicherungen und Immobilien.
Umso wichtiger werden für Allen offenbar die kleinen Zerstreuungen. An Weltraumflüge, so sagt er, habe er gedacht, seit er als Elfjähriger Robert Heinleins "Rocket Ship Galileo" gelesen hat. Es handelt von Freunden, die in der Wüste ihre eigene Rakete zusammenbauen. Mit "Space Ship One" hat Allen diesen Roman nun abgearbeitet. Leisten kann er sich solche Eskapaden, weil er 14-jährig im Computerraum der Lakeside School von Seattle einen Kumpel gefunden hatte, mit dem es Spaß machte, über Computer zu phantasieren. Das war der zwölfjährige William H. Gates.
Science-Fiction und Bill Gates - die beiden wichtigsten Begegnungen seines Leben hatte Allen bereits gemacht, als er der Kindheit kaum entwachsen war. Mit seinem Schulfreund Bill entdeckte er das Programmieren. Er überredete ihn, Software für den Mini-Computer "Altair" zu schreiben. Im April 1975 gründeten die beiden Microsoft. 65 Prozent der Anteile landeten bei Gates, 35 bei Allen.
Allen blieb nur acht Jahre bei seiner Firma. 1982 erkrankte er an Morbus Hodgkin, einem Krebs der Lymphdrüsen. Nach Bestrahlungen überwand er ihn, aber auf Microsoft hatte er nun keine Lust mehr. So verließ er das Unternehmen, lange bevor es 1986 an die Börse ging. Am Aufstieg von Microsoft zum
weltbeherrschenden Superkonzern hatte Allen keinen Anteil mehr. Der Wert seiner Aktien stieg gleichwohl fast so steil wie "Space Ship One".
Jetzt besitzt Allen eine private Boeing 757, ein Basketball- und ein Football-Team, eine Ranch im Staat Washington, eine 16-Zimmer-Wohnung in Manhattan, eine Villa in Beverly Hills, ein Haus in London und eine Villa in Cannes. Zu seiner Yachten-Kollektion zählt die größte der Welt. "Octopus", 2003 gebaut von HDW in Kiel, ist rund 130 Meter lang, braucht 60 Mann Besatzung und beherbergt Hubschrauberlandeplatz und ein Mini-U-Boot.
Ob das alles glücklich macht, ist ungewiss. Allen ist Gitarrist der Band Grown Men, die erfolglose Songs veröffentlichte mit Titeln wie "Outer Space", "Kingdom of the Lonely" und "No Choice". Er ist ledig, hatte ein Verhältnis mit der Tennisspielerin Monica Seles und wohnt mit Mutter und Schwester auf seinem Riesenanwesen auf einer Insel bei Seattle.
Was er dort tut? Sammeln.
Als Kind hat er über hundert Modellflugzeuge zusammengesetzt, nun sammelt er echte. Dutzende Flugzeugwracks aus beiden Weltkriegen hat er bergen und in einem Hangar nahe Seattle restaurieren lassen. All seine Maschinen sind flugfähig und entsprechen bis ins Detail ihrem Originalzustand; er selbst allerdings hat nicht einmal einen Flugschein.
Seit Teenie-Zeiten verehrt Allen Jimi Hendrix, und er hat nach und nach alles aufgekauft, was er von ihm finden konnte, unter anderem die weiße Stratocaster-Gitarre, die Hendrix in Woodstock gespielt hatte, seine Rüschenhemden und handgeschriebenen Songtexte. In Seattle hat er für die Hendrix-Exponate eigens ein Museum gebaut, mehr als 200 Millionen Dollar hat es gekostet. Das "Experience
Music Project" (EMP), entworfen von dem Stararchitekten Frank Gehry, sieht aus wie eine bunte Kolonie von Schimmelpilzen, und es leidet seit seiner Eröffnung vor vier Jahren unter akutem Besuchermangel.
Seit vorvergangenem Freitag birgt das EMP eine neue Attraktion: In einem Seitenflügel hat Allen seine vielleicht merkwürdigste Sammlung öffentlich zugänglich gemacht. Das erste Science-Fiction-Museum der Welt umfasst Memorabilien, für die "Star Trek"-Fans töten würden: Captain Kirks Kommandosessel, Spocks Uniform, "Phaser"-Waffen, den Helm von "Darth Vader", das Bein eines Androiden aus Steven Spielbergs "A.I.", Kostüme aus "Planet der Affen", "Blade Runner", "Kampfstern Galactica" und "Robocop", dazwischen signierte Erstausgaben von Büchern wie "Schöne Neue Welt" und Science-Fiction-Comics mit Namen wie "Amazing Stories" oder "Weird Science".
Immer bemüht, die ersonnenen Wunderwelten in echte Wissenschaft zu überführen, investiert Allen 25 Millionen Dollar in das "Allen-Teleskop-Feld" - es besteht aus 350 Radarschüsseln, die zu einem Riesenteleskop zusammengeschaltet eine Million Sterne nach Hinweisen auf ferne Zivilisationen absuchen sollen.
Auch für das Hirn, das wohl komplexeste Gebilde des Universums, hegt Allen ein tiefes Interesse. 100 Millionen Dollar hat der Microsoft-Mitbegründer bereitgestellt, damit Forscher am "Allen Institute of Brain Science" den "Allen Brain Atlas" entwerfen - eine Karte, die erstmals im Detail angeben soll, in welchen Hirnzellen welche Gene aktiv sind.
"Es ist doch unglaublich faszinierend", meint Allen, "dass ganze 30 000 Gene ein Netzwerk aus Milliarden Nervenzellen entstehen lassen können." Die Ergebnisse des Projekts sollen für andere Forscher kostenlos nutzbar sein.
Was "Space Ship One" angeht, so kann Allen diesmal wenigstens auf ein gewisses "Return of Investment" hoffen. Das weiße Raumschiff gilt nicht erst nach seinem erfolgreichen Jungfernflug ins All als Favorit für den "X-Preis" (SPIEGEL 19/2004), einen Wettbewerb, der den Weltraum für privat finanzierten Tourismus öffnen soll.
Ein Preisgeld von zehn Millionen Dollar winkt demjenigen, der es schafft, mit Pilot und zwei Passagieren (oder dem entsprechenden Ballast) innerhalb von zwei Wochen zweimal in 100 Kilometer Höhe vorzustoßen. Sobald Rutan die technischen Probleme mit der Steuerung überwunden hat, will er den Angriff auf den Preis wagen.
Profitabel wäre die Investition für Allen allerdings selbst im Falle eines Sieges nicht. Schon jetzt hat er für das Raketenraumschiff, an das er seit seiner Kindheit geglaubt hat, mehr als das Doppelte des Preisgeldes ausgegeben. MARCO EVERS
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 27/2004
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