28.06.2004

„Langsam, statisch, verzweifelt“

Frankreichs Technischer Direktor Aimé Jacquet, 62, Trainer der Weltmeister-Elf von 1998, über das Ausscheiden der Franzosen, Italiener und Deutschen
SPIEGEL: Monsieur Jacquet, das Ausscheiden der französischen Equipe im Viertelfinale gegen Griechenland ist die bislang größte Sensation dieser EM. Haben Sie eine Erklärung für das Versagen des Titelverteidigers?
Jacquet: Ich kann es mir nicht erklären. Das Schlimmste ist: Wir haben verdient verloren. Wir haben - vor allem in der miserablen ersten Halbzeit - gespielt wie die Deutschen, als die gegen Tschechien ausgeschieden sind: zu langsam, zu statisch, irgendwie verzweifelt. Die Enttäuschung ist für mich noch größer als das WM-Aus vor zwei Jahren.
SPIEGEL: Die Spieler wirkten, als hätten sie Versagensängste, als sei das Trauma der Blamage bei der WM 2002 nie wirklich verarbeitet worden.
Jacquet: Ich war mir nach der Viertelfinalqualifikation sicher, dass die Mannschaft sich ins Turnier gespielt hatte. Dass sie mit dem Druck der Wiedergutmachung umgehen konnte.
SPIEGEL: Was hat sich verändert seit dem WM-Triumph von 1998?
Jacquet: Spiele wie gegen Griechenland zeigen: Jeder will Frankreich besiegen, für dieses eine große Spiel werden zusätzliche Kräfte mobilisiert. Aber es gibt auch ein mentales Problem. Die besten Franzosen spielen bei den besten europäischen Clubs. Die hatten hohe Ziele und waren bei Turnierbeginn psychisch erschöpft.
SPIEGEL: Dabei hatten Ihre Spieler doch im Vergleich zur letzten WM zwei Wochen mehr Vorbereitungszeit.
Jacquet: Ja, schon. Aber es ist einfach schwer, einen Wettbewerb zu beenden und dann den nächsten zu beginnen. Eigentlich braucht man dazwischen Urlaub. Das gleiche Problem hatten die Italiener. Als sie sich gesteigert hatten, war es zu spät und sie waren ausgeschieden.
SPIEGEL: Haben wir vorigen Freitag das Ende der Ära Zinedine Zidane erlebt?
Jacquet: Das glaube ich nicht. Zidane und die tragenden Säulen der Mannschaft wollen bis zur WM 2006 in Deutschland weiter für die Equipe de France spielen. Das ist das, was ich weiß.
SPIEGEL: Während arrivierte Topstürmer wie Ihr Thierry Henry oder Spaniens Raúl enttäuschten, rückten bei der EM neue Gesichter ins Blickfeld - junge Offensivkräfte wie der Engländer Wayne Rooney, der Tscheche Milan Baros, der Schwede Zlatan Ibrahimovic, der Portugiese Cristiano Ronaldo. Sind das die kommenden Weltstars?
Jacquet: Man wird sehen, ob sie den letzten Schritt schaffen. Die Genannten befinden sie sich gerade im Aufzug nach oben. Das ist ja auch das Schöne am Fußball: Während die einen ihren Ruf verteidigen müssen, profitieren die anderen davon, dass man sie noch nicht kennt. Und alle katapultieren sich gegenseitig wie auf einem Trampolin in die Höhe.
SPIEGEL: Haben es junge, freche Spieler heute leichter, sich zu profilieren, weil unbekümmertes Offensivspiel gefördert wird?
Jacquet: Diese Jungen werden heute viel schneller von der Gruppe akzeptiert. Es gibt nicht mehr diese Kluft zwischen den Routinierten und den Talenten. Ein Junge wie Rooney ist wagemutig, und er denkt nicht über seine Verantwortung nach. Und er hat das Recht dazu. Wir erleben hier gerade eine neue Generation, die alles schon aus dem Fernsehen kennt und der nichts verborgen bleibt. Daher sind diese Spieler früher reif. Sie sind offen.
Sie sind lässig. Sie explodieren förmlich. Schauen Sie nach Schweden, nach Dänemark, nach Spanien, Sie finden diese Jungen überall.
SPIEGEL: Und in Deutschland?
Jacquet: Das Ausscheiden der Deutschen spiegelt den Zustand ihres Fußballs wider. Es mangelt an solchen jungen Typen mit ihrer Verrücktheit.
SPIEGEL: Die meisten anderen Teams warten mit geradlinigen Spielzügen auf, mit denen sie dribbelstarke Angreifer erreichen - der Fußball der Zukunft?
Jacquet: Der Trend geht zum immer einfacheren und schnelleren Spiel. Wer da den Ball nicht beherrscht, kann nicht mithalten. Die Anforderungen sind so gestiegen, dass die Spieler auch auf begrenztem Raum außergewöhnliche Aktionen zeigen müssen. Wir sehen heute den Fortschritt des Fußballs.
SPIEGEL: Ist beim Spieltempo jetzt die Grenze erreicht oder werden künftige Turniere noch eine Steigerung bieten?
Jacquet: Heute werden die Pässe bei höchster Geschwindigkeit direkt mit dem Außenrist weitergeleitet, das können fast alle. Wir haben früher gestoppt, dann einen Pass gespielt. Heute ist alles in Bewegung. Was die Grenzen betrifft: Ich finde, die setzt unser Körper. Beispielsweise kann man den Kopf nicht um 180 Grad nach hinten drehen.
INTERVIEW: JÖRG KRAMER,
MICHAEL WULZINGER
* Nach dem 1:0-Sieg Griechenlands im Viertelfinale gegen Frankreich am vorigen Freitag in Lissabon.
Von Jörg Kramer und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 27/2004
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