28.06.2004

RADRENNENUngeliebter Heros

Lance Armstrong will als erster Radprofi die Tour de France zum sechsten Mal gewinnen - die Franzosen fürchten die Entweihung eines nationalen Mythos.
Gebeugt sitzt er am Tisch, das blaue Hemd ist weit aufgeknöpft, vor der Brust baumelt eine Silberkette, an der ein Kruzifix und der Umriss seiner Heimat Texas als Schmuck hängen. Lance Armstrong hat einen harten Tag hinter sich, bei sengender Nachmittagshitze ist er beim Einzelzeitfahren in einer Stunde den Mont Ventoux hochgehastet, einen gefürchteten Berg, auf dessen Gipfel keine Pflanze mehr aus dem Geröll sprießt.
Oben war er nur als Fünftschnellster angekommen, ein kalkulierter Bluff, um sich nicht zu verausgaben. Das Critérium du Dauphiné Libéré, eine achttägige Etappenfahrt durch die Alpen und deren Vorland, ist für den Amerikaner das letzte und wichtigste Testrennen vor der Tour de France.
Obwohl offenkundig alles nach Plan läuft, wirkt Armstrong abends angespannt. "Ein Champion, der sich nicht fürchtet, verliert", sagt er mit gepresster Stimme, "es ist ein permanenter Kampf." Die Gesichtshaut schimmert wie Wachs, darunter stechen die Wangenknochen hervor. Er sieht perfekt trainiert aus, aber älter als 32, seine Lippen sind blass, zwei Furchen verlaufen von den Nasenflügeln herab zu den Mundwinkeln.
In jedem der vergangenen fünf Jahre hat er die Tour gewonnen, ebenso häufig wie vor ihm Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault, Miguel Induráin. Die Zahl sechs jedoch ist bislang eine unüberwindliche Barriere für alle gewesen: Noch nie hat es ein Rennfahrer so oft geschafft. Für Armstrong heißt das: Entweder erlebt er in diesem Juli in Paris den größten Triumph eines Radprofis überhaupt oder seine bitterste Niederlage - dazwischen liegt nichts.
Bei der Dauphiné-Rundfahrt, nur drei Wochen vor dem Tour-Start am kommenden Samstag im belgischen Lüttich, wählte Armstrong seine Worte sorgsam, zwischen den Sätzen schwieg er nachdenklich, während seine Hände die Oberarmmuskeln massierten. Die Journalisten vor sich taxierte er mit einem durchdringenden, wimpernlosen Blick.
Die ersten Fragen waren harmlos. Wie lief''s heute? Wie stark schätzt er die Konkurrenz ein? Armstrong lauerte auf das Ende der Nettigkeiten.
Plötzlich war es so weit, die erwartete Provokation: Er, Armstrong, habe in den Vorjahren doch stets Probleme gehabt mit der französischen Öffentlichkeit, merkte ein Reporter an - wolle er sich diesmal den Leuten endlich nähern, oder sei ihm das Verhältnis egal?
Der Texaner fixierte den französischen Fragesteller mit seinen Augen. "Über welches problematische Verhältnis reden wir hier? Dem zu Journalisten? Sie sprechen von weniger als einem Prozent der Bevölkerung. Wie viele Leute haben heute den Mont Ventoux hoch am Straßenrand gestanden? Hunderttausend? Wie oft habe ich etwas Negatives gehört? Dreimal? Haben Sie einen Taschenrechner?"
Armstrong und die Franzosen - es ist eine eigenartige Beziehung. Sie sehen ihn als respektablen Athleten, aber sie mögen ihn nicht. Zu kühl plant er seine Fitness und die Renntaktik, zu distanziert wirkt sein bisweilen arrogantes Auftreten, zu gebieterisch herrscht er über seine ihm ergebene US-Postal-Equipe, den "blauen Zug", wie Armstrong die Formation seiner acht Erfüllungsgehilfen auf dem Rad nennt.
Der so penetrant auf Erfolg fixierte Stratege schickt sich an, größer zu werden als die Tour de France - das hält die Grande Nation für die Entweihung eines Mythos. Denn sie begreift die "Große Schleife" als ihr allsommerliches Gefühlskino, als ein Drama, das von Hoffnung und Demut handelt, von Unvorhersehbarem und mensch-
licher Schwäche.
Die Gefallenen werden von den Franzosen eher ins Herz geschlossen als die Gewinner. Der Baske Induráin wurde erst populär, als er beim Versuch, ein sechstes Mal zu siegen, scheiterte.
Raymond Poulidor genießt einen Idolstatus, obwohl er immer im entscheidenden Moment verlor, damals in den Sechzigern und Siebzigern. Heute begleitet der Altstar, ein grauhaariger, gütig lächelnder Herr mit Knollennase, den Tross als eine Art Maskottchen. Von jeher wird er "Poupou" gerufen, wie ein Schoßhündchen.
Poulidors Beliebtheit zeigt, wie unterschiedlich Nationen ticken, wenn es um ihre Identifikationsfiguren geht. Armstrongs Lebensgeschichte könnte amerikanischer kaum sein: Vom Athleten, der mit 21 schon Weltmeister war, zum Hodenkrebsopfer, das sich in der Chemotherapie die Seele aus dem Leib kotzt und als halb Toter seinen Körper wieder zu einer Leistungsmaschine hochtrimmt, besser als zuvor. Seine erste Autobiografie über Krankheit, Reha-Qualen und das Comeback mit dem ersten Tour-Sieg 1999 war vor allem in den USA ein Bestseller, weit mehr als eine halbe Million kauften die Michkriegt-keiner-klein-Story. US-Präsidenten suchten Armstrongs Nähe, Talkmaster wie Leno und Letterman stellten ihn dem ganzen Land vor. Er traf den Grundton einer Nation, die ins Heldentum vernarrt ist.
Armstrong polarisiert wie kein Zweiter im Fahrerfeld. Als er bei der vierten Etappe der Dauphiné den Teambus betreten wollte, um sich für das Rennen umzuziehen, schob ein junges Elternpaar seine kleine Tochter an Armstrongs Seite; ein Mädchen, das von der Chemotherapie gezeichnet war und nur noch ein paar Fransen blonder Haare auf dem Kopf hatte. Armstrong hielt für einen Moment inne, lächelte sanft für ein Foto, und vermutlich vermittelte diese kurze Geste den Eltern mehr Hoffnung als das Zureden eines Facharztes.
Und da ist andererseits jener Radprofi Armstrong, dessen wundersame Karriere argwöhnisch verfolgt wird. Als er vor fünf Jahren praktisch aus dem Krankenlager auf das Siegerpodium in Paris stieg, stand die Tour noch zu sehr unter dem Schock des Dopingskandals von 1998, als dass sein Erfolg nicht Fragen aufgeworfen hätte - zumal Armstrong positiv auf ein Kortikoid getestet, allerdings freigesprochen worden war. Zwei Jahre lang ermittelten französische Behörden gegen ihn - und fanden nichts.
2001 wurde dann bekannt, dass er mit dem Mediziner Michele Ferrari zusammenarbeitete. Der Italiener hatte die Wirkung des Standardmittels der Betrüger, Epo, das bei übertriebener Dosierung tödlich wirken kann, als nicht schädlicher "als fünf Liter Orangensaft" verharmlost. Vehement verteidigt Armstrong bis heute seinen Trainingsratgeber als anerkannten Fachmann. "Soll man an Armstrong glauben?", titelte die Sporttageszeitung "L''Equipe" skeptisch.
Zornig verlegte Armstrong seinen Europa-Wohnsitz von Nizza ins spanische Girona. Jemand schenkte ihm ein T-Shirt mit der Parole "Texas: größer als Frankreich" groß draufgedruckt. Armstrong mag das Land seiner großen Triumphe ungefähr so, wie Donald Rumsfeld es tut.
Bislang waren es immer bloß Indizien, mit denen der Seriensieger konfrontiert wurde, doch vorvergangene Woche hat eine Kronzeugin einen Verdacht von neuer Qualität erhoben: Die Irin Emma O''Reilly arbeitete dreieinhalb Jahre lang als Physiotherapeutin im US-Postal-Team und schildert in dem jüngst von einem französischen und einem britischen Journalisten veröffentlichten Buch "L. A. Confidentiel, les secrets de Lance Armstrong", wie sie
Spritzen entsorgte und Tabletten weiterreichte.
Vor allem aber berichtet sie, wie der Kortikoid-Befund von 1999 mit einem rückdatierten Rezept für eine Gesäßsalbe entschärft worden sei.
Armstrong bestreitet die Vorwürfe, mit dem Versuch jedoch, den Verkauf des Werks zu verhindern oder wenigstens sein Dementi einfügen zu lassen, ist er vor einem Pariser Gericht gescheitert - und muss sich sogar noch "Prozessmissbrauch" vorhalten lassen. Für O''Reillys Glaubwürdigkeit spricht, dass sie nahe dran war an Armstrong und ihn differenziert als großzügigen, charismatischen Menschen beschreibt - und sich offenbar in ihrem Idealismus getäuscht sieht. Einen Beweis indes bleibt auch sie schuldig.
Aus Armstrongs Sicht stehen die Fronten wieder: Ein französischer Richter hält zu einem französischen Verlag, dessen Buch und seinem französischen Mitautor. Und er, der Einzelkämpfer, muss gegen alle Widerstände antreten. Daraus saugt er seine Energie.
So ist es bei ihm, so wird es wohl bleiben - so war es seit seiner Geburt.
Als Lance Mooneyham 1971 auf die Welt kommt, ist seine Mutter erst 17 und geht noch zur Schule. Der Vater, zwischenzeitlich Auslieferungsfahrer der "Dallas Morning News", hat sich aus dem Staub gemacht. Linda Mooneyham zieht ihr Baby in einem Ein-Zimmer-Apartment in Oak Cliff auf, einem tristen Vorort von Dallas, Texas. Sie nimmt halbtags bei einem Schnellimbiss die Bestellungen an, kassiert in einem Lebensmittelladen, sortiert im Postamt Briefe. Zäh arbeitet sie sich zur Sekretärin hoch, die Wohnungen werden et-
was größer und die Vororte ein bisschen feiner.
Sie heiratet den Handelsvertreter Terry Armstrong, einen frömmelnden Christen und Versager, der seinen Adoptivsohn Lance regelmäßig mit einem Holzpaddel züchtigt. Der 14-Jährige bekommt mit, wie der Stiefvater schmachtende Briefe an eine Geliebte schreibt, während der Mom im Krankenhaus die Gebärmutter herausoperiert wird. Bald reicht Linda die Scheidung ein. "Mach mir keine zusätzlichen Probleme", bittet sie ihren Sohn. Der verspricht es.
Lance Armstrong lernt früh, dass nur wenige Menschen Vertrauen wert sind und Selbstdisziplin keine schlechte Methode ist, um durchzukommen. Erst recht als Außenseiter. Er taugt nicht zum Footballer, "und wenn man in Plano, Texas, kein Footballspieler war", erinnert sich Armstrong, "existierte man überhaupt nicht". Er hat erste Erfolgserlebnisse beim Laufen, beginnt zu schwimmen, Rad zu fahren und wird Triathlet - der beste Junior von ganz Texas. Freunde bringt ihm das kaum ein. Er bleibt "der Typ, der diesen komischen Sport machte und nicht die richtigen Klamotten anhatte" (Armstrong). Er wird vom US-Radsportverband entdeckt und Profi.
Seine Rennen fährt Armstrong freilich wild drauflos wie ein Rodeoreiter, ohne Taktik und damals übergewichtig, weil er seine Vorliebe für Tortillachips und Margaritas auskostet. Dann, im Oktober 1996, wird der Krebs diagnostiziert. Nach eineinhalb Jahren kehrt ein anderer Lance Armstrong ins Peloton zurück, genesen, geläutert, ein Kontrollfreak, versessen auf Leistungsdaten wie ein Formel-1-Ingenieur. Wenn sein Betreuer es einmal unterlässt, das Trainingsprogramm per E-Mail zu schicken, klingelt Armstrong ihn nachts aus dem Bett und jagt den halb Schlafenden an den Computer: "Was soll das heißen, vergessen? Hör zu: Letztes Jahr lag meine Trittfrequenz bei 93, dieses Jahr bin ich bei 90, aber bei der gleichen Wattzahl. Was ist da los? Wir müssen das klären."
Scheitern ist für ihn wie Sterben, und zu scheitern, weil er etwas übersehen oder missachtet hat, wäre ein Verrat an sich selbst, fahrlässig und inakzeptabel. Er sagt: "Ich bin immer unsicher. Die erfolgreichsten Leute der Welt sind nervöse, unsichere Leute. Ich glaube immer, dass ich nicht genug tue. Ich glaube immer, dass jemand anderes mehr tut, und ich glaube immer, dass jemand anderes besser sein wird." Es ist eine aus Selbstzweifeln gespeiste Eigenmotivation. "Ich könnte über Nacht alles verlieren. Und genau das treibt mich jeden Tag an."
Der Preis dafür ist das zerbrochene Familienleben. Die Ehe mit der ehemaligen Langstreckenläuferin Kristin scheiterte im vergangenen Jahr nach der Last von Chemobehandlung, wochenlangem Getrenntsein, vier Umzügen in Europa und den USA sowie zahllosen Nächten im Sauerstoffzelt. Der hart erkämpfte Tour-Sieg über Jan Ullrich rettete Armstrong über die aufwühlende Zeit.
Kaum war die Trennung von Kristin offiziell, wurde dem Radheros ein Verhältnis zur Hollywood-Schauspielerin Sandra Bullock nachgesagt. Im Dezember begleitete er die Sängerin Sheryl Crow auf deren Tournee, sie turtelten durch Paris und zeigten sich im Januar bei einer Filmpremiere in Los Angeles erstmals öffentlich.
Sheryl Crow, 42, ist fast zehn Jahre älter als Lance Armstrong, eine selbständige Frau aus Missouri, die es von der Backgroundsängerin zum internationalen Rockstar geschafft hat. Sie surft, wandert, macht Yoga, und neuerdings fährt sie auch Rennrad. Sie spielt in der gleichen Liga wie er.
Neulich traf Armstrong den fünfmaligen Tour-Sieger Merckx bei einem Abendessen. Der Belgier, wegen seines Erfolgshungers einst "der Kannibale" genannt, wurde seinerzeit von den Franzosen ähnlich angefeindet wie heute Armstrong. Merckx erzählte, wie er beim sechsten Versuch gescheitert war: Ein Zuschauer am Straßenrand hatte ihm 1975 einen Hieb auf die Leber verpasst, von dem Schlag habe er sich nicht mehr erholt und Paris nur als Zweiter erreicht. Er habe den Mann in der Menge zwar wiedererkannt und ihn festnehmen lassen, aber der historische Gesamtsieg sei leider futsch gewesen.
"Okay, das reicht!", stoppte Armstrong seinen Tischnachbarn. Geschichten von Irren, die seine Pläne durchkreuzen könnten, will der Mann aus Texas dieser Tage nicht hören. DETLEF HACKE
* Beim Einzelzeitfahren des Critérium du Dauphiné Libéré am 6. Juni in Megève. * Auf der 15. Etappe der Tour de France am 21. Juli 2003; rechts weicht Jan Ullrich aus.
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 27/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RADRENNEN:
Ungeliebter Heros

  • Senioren in der JVA Waldheim: Gebrechliche Gangster
  • Real präsentiert Mendy aus Lyon: Franzose sorgt für Lacher bei der Vorstellung
  • Vom Winde verweht: Sturm deckt Haus ab
  • Trump über Drohnen-Abschuss: "Ein großer Fehler"